Predigt nach dem Tod eines Freundes
Gerard Minnaard

5. Mose 30,19 f. Zu Zeugen habe ich heute gegen euch den Himmel und die Erde genommen; das Leben und den Tod habe ich dir vorgelegt, den Segen und die Verwünschung, wähle das Leben, damit du lebst, du und deine Samen, indem du den Ewigen, deinen Gott, liebst, indem du auf seine Stimme hörst und an ihm haftest.

Liebe Gemeinde,

"wähle das Leben" - mit diesen Worten haben wir vor einer Woche in Holland Abschied genommen von einem Freund, Berthil, der schon länger krank war und im Alter von 40 Jahren gestorben ist. Berthil hat viele Jahre an den Bibeltagungen, die wir in Knesebeck organisieren, teilgenommen, auch noch, als er krank war und sich kaum mehr bewegen konnte. Er hat vor sechs Jahren ALS bekommen. ALS ist eine Muskelkrankheit, die zum Tod führt. Die Menschen, die diese Krankheit haben, leben durchschnittlich noch drei bis vier Jahre. Am Ende werden oft alle körperlichen Bewegungen künstlich ausgeführt - auch die Atmung. Berthil hat sechs Jahre lang mit dieser Krankheit gerungen. Klara und ich haben in den letzen Jahren ab und zu in unseren Predigten von Berthil erzählt, weil er alle, die ihn kannten, sehr beeindruckt hat. Heute möchte ich noch einmal von ihm erzählen. Vielleicht kann seine Art, mit seiner Krankheit zu leben, uns Mut machen.

"Wähle das Leben." Diese Worte lassen sich gut mit dem Leben von Berthil verbinden. Auf jeden Fall mit seinem Leben vor seiner Krankheit. Berthil war eine sehr lebendige Person. Er war sehr sportlich und er war ein begeisteter Musiker. Er hat überhaupt gerne gespielt. Irgendwie war das ganze Leben für ihn ein Spiel, das er leidenschaftlich gerne mit anderen gemeinsam spielen wollte. Er wollte auch immer gewinnen. Ich kenne das, denn ich finde persönlich auch, dass ein Spiel erst dann wirklich schön ist, wenn alle, die mitmachen, es ernst spielen und auch wirklich gewinnen wollen. Berthil wollte gewinnen, aber es war für ihn vor allem ein gemeinsames Spiel. Auf diese Weise hat er für seine Umgebung Gemeinschaft gestiftet. Und so war er für viele Menschen im wahrsten Sinne des Wortes Pastor, Hirte. "Wähle das Leben." Diese Worte gelten aber auch während seiner Krankheit. Berthil reagierte überraschend gelassen auf seine Krankheit. Er versuchte es am Anfang kurz mit alternativen Heilmethoden, entschied aber relativ schnell, dass er seine Kraft damit nicht verbrauchen wollte. Er akzeptierte seine Krankheit und überlegte, wie er mit dieser Krankheit einen Weg finden konnte.

Anfang 1998 schreibt er:

"Bis jetzt ist meine Muskelkraft in Beinen, Armen, Händen und Bauch in den vergangenen Monaten ständig geringer geworden, sodass ich mit vielerlei Beschränkungen konfrontiert worden bin, wie mühsames Gehen und Probleme beim Schreiben. Ich kann nicht mehr Sport treiben und auch keine Geige mehr spielen. Veränderungen, über die ich momentan nicht verbittert bin. Ich halte mich an dem positiven Gedanken fest, dass diese Beschränkungen eine erhöhte Konzentration bei anderen Aktivitäten zur Folge haben können, wie z. B. in meiner Beziehung und in der Theologie, eine Konzentration, die ich früher wegen der vielen Arbeit nicht aufbringen konnte. Ein Freund erzählte mir neuerdings, dass er den Eindruck hatte, dass mein Leben mehr Richtung bekommen hat. (…)

Zum Glück bin ich seit der Diagnose nicht in Panik geraten oder übermäßig ängstlich geworden. Auf meine Art finde ich bis jetzt genug Möglichkeiten, um im Rahmen der gegebenen Beschränkungen kreativ mit meiner Situation umzugehen. Abgesehen von diesen Beschränkungen, zu denen ich gezwungen werde, sehe ich nicht, wie das Wissen, kürzer zu leben, mein Leben eingreifend ändern wird. (…)

Die Diagnose hat mich traurig gemacht. Ich habe in den letzten Monaten aber nicht in Bedrängnis gelebt. Ich halte mich fest an der Freude, die in den Chancen liegt, mit meinem Leben Zeugnis von der Suche nach neuen Wegen ablegen zu können."

Nach zweieinhalb Jahren ist die Muskellähmung so weit fortgeschritten, dass Berthil im Rollstuhl sitzen muss und in allen Verrichtungen des Lebens (Waschen, Ankleiden, Toilettenbesuch, Essen und Trinken) von anderen abhängig ist. In dieser Zeit wird die Krankheit für ihn und seine Freunde und Freundinnen immer mehr zu einem Projekt, an dem sich sehr viele Menschen beteiligen. Dreißig bis vierzig Freunde und Freundinnen nehmen es auf sich, ihm täglich zu helfen. Sein Bruder macht einen Dienstplan mit Tages- und Nachdiensten. Immer ist jemand da, um mit ihm gemeinsam sein Leben zu leben. Sein Leben wird zu einem Zeugnis von Solidarität.

Im Herbst 2000 schreibt Berthil, dass die Tatsache, dass er so viele Menschen um Hilfe bitten muss, ihn nicht bedrückt. Er schreibt, dass er in sich eine Stimme hört, die sagt, dass die Hilfe nicht nur ihm zugute kommt. Er ist krank, er hat Pech, aber es hätte auch anders kommen können. "Mir geht es darum, dass wir miteinander in ein Abenteuer verwickelt sind, in dem wir die Möglichkeiten der Solidarität erkunden." Sehen Sie, da ist sie wieder, die Dimension des Spieles: Die Krankheit als ein gemeinsames Abenteuer der Solidarität.

Es gibt aber auch eine andere Seite. Es gibt Gefühle von Trauer. Im Herbst 2000 schreibt Berthil über die Heilungsgeschichten in der Bibel:

"Warum greifen mich die biblischen Heilungsgeschichten so an? Seit ich krank bin, muss ich beim Hören dieser Geschichten innerlich weinen. Das sind keine Freudentränen. In der Bibel lese ich: Lahme werden laufen, Blinde werden sehen und Krüppel aufrecht gehen. Diese Texte betreffen mich direkt. Doch diese Botschaft der Hoffnung macht mich traurig. Denn ich frage mich, wie kann ich Anteil an dem Guten dieser Botschaft bekommen, ohne eine starke Sehnsucht nach Heilung zu bekommen? Denn die Sehnsucht nach Heilung musste ich mir aus dem Kopf schlagen - auch wenn ich sie manchmal noch habe. Die Sehnsucht zu singen kommt regelmäßig hoch. Oder die Sehnsucht, morgens die Tür hinter mir zu schließen und zur Arbeit zu gehen. Aber ich habe mich und musste mich ziemlich schnell mit der Botschaft der Ärzte abfinden, dass ALS eine unheilbare Krankheit ist. Nach kurzem Erkunden der alternativen Heilkunde habe ich meine Ohren vor dem ständig lockenden Ruf der Therapeuten geschlossen, und ich bin davon überzeugt, dass ich mir die Hoffnung auf Heilung zu meinem eigenen Besten mehr oder weniger aus dem Kopf geschlagen habe. Ich entschied mich dafür, nicht blind auf meinen Verlust zu starren, sondern zu versuchen, mit der Beschränkung zu leben. Bibeltexte, die das Geheimnis der Versöhnung beschreiben, ermutigen mich dabei. Das Vertrauen in Gottes Versöhnung verlangt Durchhaltevermögen in der Bedrängnis, verlangt eine kreative Suche nach kleinen Zeichen neuen Beginnens. Darauf konzentriere ich meine Kraft. Und ich will diese meine Anstrengung, in jeder Phase meiner Krankheit immer wieder einen neuen Anfang zu machen, sehr wohl verstehen als ein Festhalten der Hoffnung auf das Reich Gottes, auf das Jesus mit der Heilung von Lahmen, Blindgeborenen oder Verkrüppelten hinweist. Doch wenn ich von diesen Heilungsgeschichten höre, tun sie mir weh."

Ein Jahr später, im August 2001, schreibt Berthil, dass er ängstlicher geworden ist. Er kann kaum noch sprechen, und es gelingt ihm ab und zu nicht, deutlich zu machen, was er will. Die Tatsache, dass er ein Wort vier bis fünf Mal wiederholt und dass es trotzdem nicht verstanden wird, frus- triert ihn sehr. Die Möglichkeiten der Freunde und Freundinnen, die ihn begleiten, scheinen eine Grenze zu haben. In dieser Zeit fängt Berthil an, über Euthanasie nachzudenken.

Dass Berthil noch schreiben kann, ist übrigens der Technik zu verdanken. An seinem Kopf ist ein Gerät befestigt, mit dem er einen Laser auf einen großen Schirm mit Buchstaben richten kann. Ruht der Laser auf einem Buchstaben, erscheint der Buchstabe auf dem Computerschirm. So kann er ganz langsam schreiben und weiter mit seiner Umgebung kommunizieren. Er lernt inzwischen mit seinen Begleitern und Begleiterinnen aber auch ein System, wie er sich mit seinen Augen einigermaßen verständigen kann.

Im Laufe der Zeit wird die Situation schwieriger. Berthil merkt, dass er geistig abstumpft. Es wird schwerer, mit Rückschlägen und komplizierten Situationen umzugehen. Es frustriert ihn, dass er nicht mehr reden kann, und er spürt erste Anzeichen einer gewissen Bitterkeit. Er schreibt:

"Der Zweifel, wie lange ich durchhalten kann, nimmt zu. Aber es vergeht auch kein Tag ohne Momente, in denen alle Zweifel wieder verschwinden. Ich hoffe, dass diese Leichtigkeit bleibt, denn ich muss nicht daran denken, dass Bitterkeit mich zur Euthanasie treibt."

Die Texte aus dieser Zeit machen deutlich, dass es neben der von Berthil selbst erwähnten Leichtigkeit auch immer wieder das Ringen um Würde und Kontakt gibt. Er bespricht mit einigen Freunden die Herausgabe einiger seiner theologischen Texte, er plant eine neue Studiengruppe an seinem Bett, er geht zur Kirche. Er macht Urlaub im Ausland. Er kämpft mit seinem Bruder weiter um Geld der Krankenkassen und anderer Hilfsorganisationen. "Wähle das Leben." Diese Worte behalten ihre Gültigkeit - auch wenn Angst und Müdigkeit zunehmen.

Im Oktober 2002 spricht Berthil mit seinem Hausarzt über Euthanasie. Diese Möglichkeit gibt es in Holland, wenn jemand unheilbar krank ist und unerträglich leidet. Berthil schreibt seinen Freunden und Freundinnen u. a.:

"Ich denke ernsthaft über Euthanasie nach. Ich kann nicht mehr.

Mein nicht reden können isoliert mich. Ich habe kaum noch Vertrauen in das was kommt.

Meine Würde ist bedroht. Ich habe Angst, dass ich mich nicht mehr persönlich verabschieden kann. Das heißt nicht, dass ich nicht mehr genieße oder depressiv bin."

Dann, am Anfang dieses Jahres, hat Berthil sich erkältet. In seiner Situation ist das die Hölle, denn er kann nicht husten, nicht niesen. Also entschied er sich dafür zu sterben. Er hatte nach sechs Jahren keine Kraft mehr. Er hatte keine Angst vor dem Tod. Er war nicht verbittert. Aber er hatte Angst, völlig isoliert zu werden und sich nicht verabschieden zu können. Eine Gruppe von Freunden und Freundinnen und Verwandten werden zu ihm gerufen, und dann hat er sich persönlich von jedem und jeder verabschiedet und ist - wie die Anwesenden später erzählen - in Frieden gestorben.

"Wähle das Leben." Es klingt vielleicht merkwürdig, Euthanasie mit diesen Worten zu verbinden, aber die Verbindung stimmt. Das aktive Sterben war Berthils letzte Lebenstat. Er ist bis zum Ende Subjekt geblieben und hat die tödliche Krankheit, die ihn zu einem Objekt machte, besiegt. In Berthils Leben, in seiner Krankheit und in seinem Sterben hat das von Gott gewollte Leben die Macht des Todes überwunden.

Das gibt es. Menschen, die ihre Würde bewahren - auch in schwierigen Situationen, Menschen, die Solidarität annehmen, Menschen, die Solidarität anbieten, Menschen, die sagen, dass sie Angst haben, aber sich von dieser Angst nicht besiegen lassen, Menschen, die ohne viel Pathos das von Gott gewollte Leben bezeugen. Berthil war einer dieser Menschen. Sein Gedächtnis sei uns zum Segen.

Amen.

Gerard Minnaard, Pastor

Berthil Oosting