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Predigt beim Requiem für Herbert Froehlich Herbert Froehlich, der ehemalige Vorsitzende von pax christi und Vorsitzender des Vereins Oekumenischer Dienst im Konziliaren Prozess, ist am 30. März 2005 gestorben. Froehlich kam zu pax christi, als er in den 70er Jahren als Beauftragter der deutschen Bischofskonferenz Verantwortung für die Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistenden trug. Aus den Erfahrungen des Kriegs lernen und Frieden stiften im Kleinen als Grundlage für einen andauernden Frieden, das war Herbert Froehlichs Programm. Umso mehr schmerzte es ihn, als er am Vorabend des Balkankrieges ohnmächtig mit ansehen musste, wie Hass und Feindschaft wieder zum Krieg in Europa führten. Auf den Hilfeschrei seiner kroatischen Freunde, die ein Zeichen des Widerstandes gegen den drohenden Krieg erflehten, wusste er zusammen mit den friedliebenden Menschen in Europa keine heilende Antwort zu geben. Diese Grenzerfahrung prägte ihn nachhaltig. Er begab sich in das Kriegsgebiet und sprach mit den Menschen dort. Er machte Orte der Friedensarbeit ausfindig und gewann in Deutschland und Europa Menschen, die bereit waren, dort einen Beitrag zum Frieden zu leisten. Jesaja 38,10-20 Aus dem Lied, das König Hiskija von Juda verfasst hat, als er nach seiner Krankheit wieder genesen war. Ich sagte: In der Mitte meiner Tage muss ich hinab zu den Pforten der Unterwelt, man raubt mir den Rest meiner Jahre. Ich sagte: Ich darf den Herrn nicht mehr schauen im Land der Lebenden, keinen Menschen mehr sehen bei den Bewohnern der Erde. Meine Hütte bricht man über mir ab, man schafft sie weg wie das Zelt eines Hirten. Wie ein Weber hast du mein Leben zu Ende gewoben, du schneidest mich ab wie ein fertig gewobenes Tuch. Vom Anbruch des Tages bis in die Nacht gibst du mich völlig preis; bis zum Morgen schreie ich um Hilfe. Wie ein Löwe zermalmt er all meine Knochen. Ich zwitschere wie eine Schwalbe, ich gurre wie eine Taube. Meine Augen blicken ermattet nach oben: Ich bin in Not, Herr. Steh mir bei! Was kann ich ihm sagen, was soll ich reden, da er es selber getan hat? Herr, ich vertraue auf dich; du hast mich geprüft. Du hast mich aus meiner bitteren Not gerettet, du hast mich vor dem tödlichen Abgrund bewahrt; denn all meine Sünden warfst du hinter deinen Rücken. Der Herr war bereit, mir zu helfen; wir wollen singen und spielen im Haus des Herrn, solange wir leben.
"In der Mitte seiner Tage muss er hinab man raubt ihm den Rest seiner Jahre Seine Hütte hat man über ihm abgebrochen, man hat sie weggeschafft wie das Zelt eines Hirten Du, Gott, hast ihn abgeschnitten wie ein fertig gewobenes Tuch." So empfinden wir. So - mit den Worten des Liedes des Hiskija - ist unser Schmerz um Herbert Froehlich, der Schmerz, der uns hier versammelt. So geht es uns. Ihm aber hat sich das Wort gewandelt, so dass er es für seine Todesanzeige bestimmt hat: Du hast mich abgeschnitten wie ein fertig gewobenes Tuch. Da ist die Klage aufgehoben im doppelten Sinn: aufbewahrt und gewendet in ein anderes, ein neues Lied: Warum sollte der Meister das Tuch nicht abschneiden? Für ihn ist es fertig. Möge er es freundlich betrachten Ein irritierend anderer Blick. Wie denn? Fertig gewoben? Ist denn nicht alles Leben Stückwerk, Fragment? Ja, ja, würde er antworten, hat er geantwortet und aufgeschrieben: "Stückwerk, das heißt Scherben." Ein Scherbenhaufen. "Scheitern, unauflösbare Widersprüche" in mir und in der Welt, "schmerzvoll erlebte Ohnmacht. Mehr noch: Fremdes, Befremdliches": "Krieg", "Tötung" der Seelen, "Friedhöfe, zerstörte Würde des Menschen bis hin zur Vergewaltigung von Frauen", Verachtung anderer, weil sie anders sind. Und: " Was habe ich schon getan, was alles wartet noch darauf, getan zu werden? Und warum frisst mich ein Tumor auf, von einem Jahr auf das andere?" Aber in all den Fragen hat ihn ein anderer Blick getroffen. Wie eine Erleuchtung. Ein anderer Blick auf sein Leben. Der Blick des Meisters, für den es fertig ist und ganz. Und er hat sich diesen Blick gefallen lassen. Er hat sich Gott gefallen lassen. Er hat Gott für sich sorgen lassen, so wie wir es eben im Evangelium gehört haben. Das hat ihn frei gemacht für den letzten Gang. Du hast mich abgeschnitten wie ein fertig gewobenes Tuch. Nicht mehr die Klage über das Abschneiden des Lebensfadens, sondern das Staunen über das fertig gewobene Tuch. Klage in Vertrauen gewandelt. Er hat zu mir, als wir über die Wahl seines Wortes sprachen, gesagt: "Ich habe nichts an dem Text geändert, kein Wort. Ich habe ihn nur emotional umgedreht, umgekehrt." Nur! War das nicht etwas Typisches für ihn, für seinen Weg zum Frieden? Diese Art Umkehrung: Zerstörerische und selbstzerstörerische Erfahrungen umdrehen, kippen, verwandeln! Gewaltgeschichten so lange weiter erzählen, bis sie sich in Erfahrungen von Begegnung und Frieden verwandeln. Sind das nicht die leisen Revolutionen des Herbert Froehlich? Frieden war sein Lebensthema. Das aber war ihm nicht in die Wiege gelegt. Oder doch? Gerade weil er, 1944 - noch im Krieg - geboren, schon drei Stunden nach der Geburt mit der Mutter in den Bombenkeller musste. Ein schwächliches Kind. "Ach, wenn das arme Wurm doch sterben könnte", hörte man sagen. Das aber rechnete nicht mit der Kraft, der psychischen, die in ihm war, und nicht mit dem Meister, der ihn brauchte. Trotzdem nicht leicht als siebtes im Kreis von neun Geschwistern! Nicht leicht, die Rolle zu finden, den Platz, den er zum Leben brauchte. Er fand ihn im Priesterberuf. "Euch aber muss es zuerst um sein Reich und seine Gerechtigkeit gehen" oder - mit Luther - "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit", heißt es im Evangelium. Er hat es zum Beruf gemacht. Zu seiner Mitte. Priesterlicher Dienst, das hieß dann für ihn: Dienst am Frieden Christi, der sich niemals damit begnügen kann, nur Frieden für die Seelen zu sein, wenn er sich nicht auch als Frieden inmitten der Gewaltherausforderungen begreift, als Frieden, der die Kirche erneuert und verwandelt. Ich habe bei Herbert gelernt, dass in der Mitte des Christentums eine Geschichte steht, die wir als Leidensgeschichte Jesu gewohnt sind zu lesen, die aber ja auch eine Gewaltgeschichte ist. Aber eine, die gerade nicht in den verhängnisvollen Strudel von Gewalt und Gegengewalt mündet, sondern darin, dass der Auferstandene in den Kreis der Jünger tritt, sie ansieht und mit seinem "Friede sei mit euch" die tödliche Dynamik von Angst, Hass und Gewalt unterbricht. Von dem großen jüdischen Gelehrten Gershom Scholem stammt ein Spruch über das Kommen des Messias, "dass er nicht mit Gewalt die Welt verändern wolle, sondern nur um ein Geringes sie zurechtrücken werde". Diese Nicht- Gewalt: das geringe Zurechtrücken, das das Ganze verändert! Dieses Ansehen, Erkennen und Erkanntwerden. Das ist das Herzstück des Friedens, das Herbert Froehlich als Begegnung erkannt, bekannt und gelebt hat. Begegnung mit dem Anderen, dem Fremden, dem in tödlichen Kreisläufen Gefangenen, dem Unbelehrbaren, den Frommen und Unfrommen, den Selbstgenügsamen, denen, die sich abgefunden oder eingerichtet haben in der Welt und darin keinen Platz lassen für das "Reich und seine Gerechtigkeit". Begegnung mit Menschen und mit in sich geschlossenen Welten. Das war sein Charisma: Zuhören, hinsehen, Acht haben, respektieren. Die Würde des Anderen wahren und aufrichten. Darin und darum war er auch verletzlich. Seine Freiheit, sich ungeschützt dem Anderen auszusetzen, hatte ihren Preis. Sein Weg der Begegnung hat ihm vielfältige Verletzungen und Demütigungen zugefügt, Schmerzen, Niederlagen und Scheitern. Wer ihm nahe war, hat das gewusst und auch miterlebt, wie schwer das auf ihn gefallen ist. Den Weg dennoch in Freiheit immer wieder gehen: Wie kann man es? Wie hätte er es können ohne alle die, die mit ihm nicht nur jene erste Meile, jene ersten Schritte der Erneuerung gegangen sind, die uns die Situation aufzwingt, sondern auch jene zweite Meile, zu der uns Jesus ruft, sie freiwillig zu gehen. Was ist der Weg des Friedens ohne die Begegnung mit denen, die mitgehen, jeder auf seine Weise und doch irgendwie auf dem gleichen Weg, eine Weg- und Tragegemeinschaft bis zuletzt, für die er gelebt und gearbeitet hat und von der er gelebt hat: Freundinnen und Freunde um ihn, Gesichter, Leben, Menschen mit Namen und Geschichte, wie auch immer sie heißen mögen. Alle aber, die ihm in der letzten Zeit noch begegnet sind, haben an ihm selbst etwas erfahren: dass das, wofür er gelebt hat, von ihm selbst ausging in einer bestürzend berührenden Weise: Frieden. Ich kehre zum Lied des Hiskija zurück, der sein Klagelied als Danklied ausklingen lässt: Der Herr war bereit, mir zu helfen; wir wollen singen und spielen im Hause des Herrn solange wir leben. Ich zwitschere wie eine Schwalbe, ich gurre wie eine Taube. Man weiß nicht: Ist es Klage, ist es Lob? Nach dem schönen Wort eines holländischen Biologen singen die Vögel "mehr als nach Darwin erlaubt ist". Anders und doch von allen Instrumenten den Vögeln am nächsten ist die Flöte, mit der Herbert Froehlich klagen und stöhnen, röcheln und schreien konnte, aber eben auch betrachten und jubilieren und aufwecken konnte. Komm aus den Federn, Liebste steht bei ihm in einem Text, in dem er das Volk Gottes zum Aufbruch für Gerechtigkeit und Frieden in Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung aufweckt. Komm aus den Federn, Volk Gottes! Oder mit dem uralten Osterweckruf gesagt. Für ihn. Für uns. Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. (Epheser 5,14) Amen. 1 Herbert Froehlich, Anhaltspunkte für den konziliaren Prozeß,
in: "Auf dem Weg zu einem Konzil des Friedens. Texte und Dokumente",
Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste, Berlin, 1986, 101. |
Herbert Froehlich Todesanzeige Du hast mich abgeschnitten wie ein fertig gewobenes Tuch. Warum sollte der Meister das Tuch nicht abschneiden? Für ihn ist es fertig. Möge er es freundlich betrachten. Mag er die Muster deuten, die Leuchtkraft der Farben erkennen, und zart berühren auch die dunklen Stellen. |