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Unsere Vorfahren haben gesündigt, wir aber tragen ihre Schuld Denn für und in der Welt hat nur das Bestand, was mitteilbar
ist. Schuldig geboren? Sally Perels, dessen Buch "Ich war Hitlerjunge Salomon" durch die Verfilmung in Deutschland bekannt geworden ist, las in der Schule in Hankensbüttel aus seinen Lebenserinnerungen. Nach der abendlichen Lesung übernachtete er im Hause meiner Schwester, der Enkelin eines Mannes - unseres Großvaters -, der als Polizeipräsident von Lodz dafür verantwortlich war, dass im Februar 1940 alle in Lodz lebenden Juden und Jüdinnen in ein Ghetto umgesiedelt wurden. Sally Perels' Eltern gehörten zu diesen Menschen. Sie sind im Ghetto von Lodz zu Tode gekommen. Die Beklemmung meiner Schwester in Erwartung dieser Begegnung kann sich jede/jeder vorstellen. Wer Israel besucht oder Länder bereist hat, die in den Jahren 1939 bis 1945 von Deutschland überfallen wurden, kennt das Unbehagen, das sich mit der eigenen Herkunft verbindet. In solchen Situationen verknüpfen sich mit dem Deutschsein unangenehme Gefühle und die Versuchung ist groß, mit der eigenen Beklemmung auch die Erinnerung anderer abzuschütteln oder mit dem eigenen Unbehagen einer Begegnung mit ihnen auszuweichen. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Gefühle zu sichten und zu ordnen. Ein Satz aus den Klageliedern, in dem sich die Lebenserfahrung einer Generation angesichts von schuldbeladener und gescheiterter Geschichte verdichtet, kann vielleicht dabei helfen: "Unsere Vorfahren haben gesündigt, sie sind nicht mehr, wir aber, wir tragen ihre Schuld." (Klagelieder 5,7) Die Nachgeborenen klagen, weil sie unschuldig die Konsequenzen der Fehler der vorangegangenen Generation tragen müssen. Diese Klage benennt einen für unsere Situation wichtigen Sachverhalt: Nicht wir, unsere Vorväter und -mütter haben gesündigt. Zunächst ist es nicht meine Schuld! Als eine, die nach 1945 geboren wurde, war ich an den Verbrechen, die Deutsche in der Zeit des Nationalsozialismus begangen haben, nicht beteiligt, habe an ihnen also keine Schuld. Dies festzustellen und anzuerkennen ist mir wichtig geworden, um dem Gefühl entgegenzuwirken, als Deutsche in einem generationsübergreifenden Verhängnis gefangen zu sein. Dieser befreiende Schritt hat allerdings seinen Preis, nämlich das Bekenntnis: "Unsere Vorfahren haben gesündigt" und den Abschied von Strategien, diesem Bekenntnis auszuweichen. Bekannteste dieser Strategien ist der Verweis auf andere: "Nicht nur unsere Väter haben gesündigt, auch die englischen, französischen, amerikanischen, russi- schen oder auch türkischen." Doch auch das beklemmende Gefühl, dass wir Deutsche qua Geburt zu einer schuldigen Gemeinschaft gehören, kann eine solche Vermeidungsstrategie sein. Eine solche Strategie schützt aber diejenigen, die die Schuld verursacht haben. Wenn Nachgeborene die Verbrechen der Vergangenheit als eigene Schuld empfinden, wird von den Vorfahren abgelenkt, die die Verbrechen verantworten müssen. Auf diese Weise kann gerade das diffuse Gefühl, Deutschsein sei mit Schuld verbunden, vor dem konkreten Bekenntnis "unsere Vorfahren haben gesündigt" bewahren. So ist mir erst, nachdem meine Mutter die Geschichte ihrer Eltern in der Zeit des Nationalsozialismus aufgeschrieben hat, aufgegangen, dass ich mich in der Auseinandersetzung mit meinen Großeltern, die beide Mitglied der NSDAP gewesen sind, mit bestimmten Antworten zufrieden gegeben hatte. Mir war wichtig, dass Großvater, der den Krieg als General der SS begann, degradiert wurde, weil er den Mund nicht halten konnte, und schließlich als Soldat an die Ostfront geschickt wurde. Zu Großmutter gehörte die Erzählung, dass sie ein offenes Haus hatte und jeden, der an ihre Tür kam, beköstigte. Unendlich kostbar waren mir die Kommentare der Großeltern zu aktuellen politischen Geschehnissen, die sie mit ihrer eigenen Geschichte verknüpften. So engagierte sich Großvater in den 70er Jahren bei den Grünen in der Überzeugung, unsere Generation dürfe nicht wieder die Augen verschließen, wie sie es getan hatten. Oder Großmutter, die sich gewöhnlich nicht zu politischen Fragen äußerte, warnte vor der Wahl von Franz Josef Strauß zum Bundeskanzler mit der Bemerkung: "Gebranntes Kind scheut Feuer". Dann gab es aber auch Situationen, in denen deutlich wurde, dass beide ihre antisemitische Überzeugung auch nach 1945 beibehalten hatten: Wenn Großmutter über einen Mann abfällig sagte: "Er hat eine Nase wie ein Jude und verhält sich wie ein Jude"; oder Großvater, als ich im Laufe meines Studiums anfing, nach dem Judesein Jesu zu fragen, mit Ablehnung reagierte: "Wir brauchen keinen Juden als Erlöser". Ich habe in diesen Situationen mit Scham reagiert und mit Schweigen geantwortet. Die Scham, dass diese Menschen, die ich schätzte, NS-Ideologie in sich tragen, führte zur Flucht in schützende Unwissenheit. Ich wollte es lieber nicht so genau wissen, was die Großeltern dachten, auch nicht, was sie während des Krieges getan hatten. Ich glaube, dass mit dieser Flucht zwangsläufig das diffuse Gefühl einhergeht, als Nachkomme dieser Großeltern mit schuldig zu sein. Die Schuld wird zum Schutz der Großeltern von den konkreten Taten, die sie verursacht haben, gelöst und so zum Verhängnis. So blieben wichtige Fragen unbeantwortet: Wie haben die Großeltern ihre nationalsozialistische Überzeugung und die Verbrechen der Nazi-Zeit zusammengebracht mit dem menschlichen Anstand, den sie uns vermittelt haben? Welche Strategien haben es ihnen möglich gemacht, ihr persönliches Verantwortungsgefühl mit einer verbrecherischen Ideologie zu vereinbaren? Wo und wie sind sie konkret schuldig geworden? Fragen, die vielleicht verhindern können, dass wir, die Nachgeborenen, tatsächlich wieder schuldig werden, weil wir - wahrscheinlich ähnlichen Strategien wie die Großeltern folgend - etwas lieber nicht so genau wissen wollen. Keine Erbsünde, sondern geerbte Schuld Wenn die Klagelieder das Beziehungsgefüge der Generationen beschreiben, unterscheiden sie zwischen Sünde und Schuld: "Unsere Väter haben gesündigt, sie sind nicht mehr, wir aber, wir tragen ihre Schuld." Die beiden Worte "Sünde" und "Schuld" werden häufig nebeneinander gebraucht. Beide sagen aus, dass Humanität außer Kraft gesetzt wurde. Doch gibt es eine Bedeutungsdifferenz beider Worte, die beispielhaft in der Geschichte Davids zutage tritt. Der König David lässt Bathseba, die Frau eines seiner Soldaten, zu sich holen, schläft mit ihr und lässt ihren Mann Uria ermorden. Als Gott David mit diesem Unrecht konfrontiert, bekennt David, dass er gegen Gott gesündigt hat, und diese Sünde wird ihm von Gott vergeben (2. Samuel 12,13). Trotz der Vergebung seiner Sünde bleibt jedoch Davids Schuld. Seine Taten haben Konsequenzen, die ihm von Gott angekündigt werden. "Den Hethiter Uria hast du mit dem Schwert erschlagen ... nun wird das Schwert von deinem Haus nicht mehr weichen." "Die Frau des Hethiters Uria hast du dir genommen ... siehe, ich werde in deinem Haus Unheil wider dich anstiften und werde deine Frauen vor deinen Augen wegnehmen" (2. Samuel 12,9-11). Eine Spirale der Gewalt hat David in Gang gesetzt, die mit dem Auf- stand seines Sohnes Absalom über ihn selbst hereinbricht. Diese Zerstörung von Gemeinschaft, die er selbst angerichtet hat, nennt David "seine Schuld" (2. Samuel 16,12). Sünde bezeichnet in dieser Erzählung die Verfehlung der Menschlichkeit, während Schuld das Unheil benennt, das durch Inhumanität in die Welt gesetzt wird. Wenn David seine Sünden vergeben werden, tilgt das nicht seine Schuld. Die Vergebung der Sünden löst ihn aus der zwanghaften Verstrickung in seine Untaten. David wird handlungsfähig und kann auch erneut auf Gottes Unterstützung hoffen. Neues Leben wird möglich. Ich hoffe, dass Frauen und Männer für die Verfehlung ihrer Menschlichkeit während der Zeit des Nationalsozialismus in diesem Sinne bei Gott Vergebung gesucht und gefunden haben. Doch die Schuld ist damit nicht beseitigt. Die Schuld, die durch die Verbrechen der NS-Zeit entstanden ist, wird durch die Vergebung der Sünden, die einzelne erbitten, nicht aus der Welt geschafft. Die Vergebung, die Gott gewährt, tilgt nicht die Verletzungen, die anderen Menschen zugefügt wurden. Im Gegenteil. Wenn Gott einem Menschen seine Sünde vergibt, befähigt er ihn dazu, mit der Zerstörung von Gemeinschaft, die seine Untaten bewirkt haben, als seiner Schuld verantwortlich umzugehen. Die unterschiedliche Bedeutung der beiden Begriffe Sünde und Schuld erhellt die Klage: "Unsere Vorfahren haben gesündigt, wir aber tragen ihre Schuld." Die Klagelieder beschreiben kein Verhängnis. Die Kinder haben nicht qua Geburt Anteil an den Verfehlungen ihrer Eltern. Wir sind als Deutsche dann auch nicht zwangsläufig schlechter als Menschen anderer Nationen. Wir erben keine Sünde, aber wir erben Schuld. D. h. wir erben die Tatfolgen der Sünden unserer Vorfahren - dazu gehören die Verletzungen, die die Verbrechen der NS-Zeit in den Seelen vieler Menschen hinterlassen haben. Wir sind dafür verantwortlich, dass diese Verletzungen nicht verdrängt und nicht beschönigt werden, sondern alles Menschenmögliche getan wird, dass Unrecht wieder gutgemacht wird und die Wunden der Überlebenden und ihrer Nachkommen heilen können. Wir sind dafür verantwortlich, dass die Gedankengänge und Gewohnheiten, die die Großeltern an ihren Mitmenschen schuldig werden ließen, nicht in der Gegenwart weiterwirken. Eine Erfahrung von Gottes Gericht Für die Frauen und Männer Israels, die in den Klageliedern Schuld als einen Teil ihres Erbes benennen, ist die Auseinandersetzung mit dieser Hinterlassenschaft ihrer Vorfahren keine freiwillige Entscheidung. Sie beklagen diese Erbschaft. Sie beschreiben sie als Gericht Gottes. Sie haben erfahren, dass Gott Unrecht nicht hinnimmt, sondern seinen Spuren nachgeht und von den Nachkommen einfordert, seine Konsequenzen zu tragen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung erscheint das immer wieder geäußerte Bedürfnis, einen Schlussstrich unter unsere Vergangenheit zu ziehen, als ein hilfloses Bemühen, das uns von dieser Vergangenheit nicht frei machen wird. Gottes Erinnerung bleibt. Israels Gott vergisst die Menschen nicht, die in Unrecht zugrunde gingen. "Er sucht Bluttat heim, gedenkt der Erniedrigten und vergisst den Schrei der Elenden nicht" (Psalm 9,13). Auch die Erinnerung des jüdischen Volkes an die Verbrechen bleibt. Es bleibt der Schrei nach Erlösung von Trauer und ohnmächtigem Zorn und auch der Schrei nach Vergeltung und Gottes Gericht, den ich beispielhaft in Soma Morgensterns Buch "Die Blutsäule" gehört habe: "Die Schänder der Schöpfung, die Mordbrenner, ausgelöscht ihr Name im Buch des Lebens und im Buch des Todes. Brennend Feuer und verderbender Strahl fresse und tilge vom Angesicht der Menschheit Zug um Zug jeglichen Zug, der an diese Deutschen im Fleische oder im Geiste je gemahnen sollte. Das Blut, das sie vergossen haben, es wird gegen sie aufstehen (...) und sie vertilgen vom Angesicht der Erde. Die Kindermörder und die Kinderbrenner, die Täter und die Anstifter, die Räuber und die Hehler, die Angeber und die Helfershelfer in Mord und Pein, ausgelöscht ihr Name im Buch des Lebens und im Buch des Todes - sie werden dem Fluch nicht entrinnen." Diese Erwartung von Gottes Gericht lässt sich nicht als eine Krankheit der Opfer abtun. Sie lässt sich auch nicht als ein typisches Phänomen des jüdischen Glaubens beiseite schieben und in ihrer Bedeutung für Christen und Christinnen verleugnen. Der Schrei nach der Vergeltung des Himmels begegnet uns in den Psalmen der hebräischen Bibel genauso wie in der Johannesapokalypse des Neuen Testamentes. Er gehört unaufgebbar zu der Zukunftshoffnung, die Juden und Jüdinnen und Christinnen und Christen gemeinsam haben. "Das Diesseits wird frei werden von allem Übel", so formuliert Soma Morgenstern diese Hoffnung. "Kommen wird die Zeit, da es auf dieser Erde keine Starken geben wird und keine Schwachen, keine Jäger und nichts Gejagtes, keine Bedrücker und keine Bedrückten, keine Schläger und keine Geschlagenen, keine Herren und keine Diener, und vor allem: keine Reichen und keine Armen" (149f.). Auf diese Hoffnung schreibt Morgenstern hin, wenn er die Verbrechen an den jüdischen Einwohner/innen einer Stadt im einstigen Ostgalizien vor Gericht kommen lässt. Diese Hoffnung zu teilen, bedeutet für die Erb/innen deutscher Untaten, dass wir lernen, die unangenehme Konfrontation mit unserer Geschichte als eine Erfahrung von Gottes Gericht über die Untaten der Deutschen jener Jahre zu verstehen. Ein erzählender Richter Der Fluch, dass Feuer und Strahl vom Angesicht der Menschheit vertilge, was an "diese Deutschen im Fleische oder im Geiste je gemahnen sollte", trifft mich. Ich merke, dass beim Lesen dieses Fluches Gericht geschieht, und diese Erfahrung stimmt mit Morgensterns Überlegungen zum Gericht Gottes überein. Sein Buch erzählt die Geschichte der Juden und Jüdinnen einer Stadt in Ostgalizien und diese Erzählung ist Teil eines Gerichtsverfahrens, auf das im Himmel und auf Erden gewartet wird. In diesem Gerichtsverfahren tritt ein "erzählender Richter" auf. Ihm obliegt die Aufgabe, das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft jener Stadt zu Gehör zu bringen. Seine Erzählung ist "das erste Hauptstück des Verfahrens" und zugleich - so geht aus seinem Namen hervor - Teil des Gerichts. Mit dieser Figur, die in einigen Kapiteln die Rolle des Romanerzählers übernimmt, reflektiert Soma Morgenstern seine Tätigkeit als Schriftsteller und Erzähler. Er findet angesichts von Millionen Toten seines Volkes einen Ausweg aus dem Verstummen. Er erzählt und seine Erzählung versteht er als Gerichtsverfahren. In diesem Verfahren wird das bereits zitierte Urteil gefällt, "die Schänder der Schöpfung, die Mordbrenner, ausgelöscht ihr Name im Buch des Lebens und im Buch des Todes", dessen Vollzug die öffentliche Aussprache ist. Dem Weiterwirken der Lebensverhältnisse, die die Verbrechen möglich gemacht haben, wird ein Fluch entgegengesetzt - und so geschieht das Gericht. Mir ist bei der Lektüre dieses Buches die richtende Dimension der Erzählung klar geworden. Wenn vom Leid des jüdischen Volkes erzählt wird, wenn die Verbrechen an diesem Volk angeklagt werden, geschieht Gericht. Denn die Erzählung arbeitet der Stumpfheit entgegen, die die Verbrechen möglich gemacht haben. Durch die Erzählung, beim Erzählen lernen wir fremdes Leid spüren. Wir erschrecken über das Verhalten derjenigen Menschen, von denen Hilfe hätte erwartet werden können. Und wir werden mit der Frage konfrontiert, ob es an uns Züge gibt, die die Entwicklung vieler Deutscher zu Mördern und Helfershelferinnen, zu Räubern und Hehlerinnen begünstigt haben? Wir spüren die Verurteilung der Unmenschlichkeit unserer Vorfahren am eigenen Leib als Krise unseres Selbstverständnisses und unserer Selbstzufriedenheit. In dieser Krise liegt eine Lebensperspektive, wenn wir sie als Teil von Gottes Gericht begreifen, wenn wir begreifen, dass Gott mit der Erzählung der Vergangenheit an uns arbeitet, damit in seiner Welt die Täter und Täterinnen, Anstifter und Helfershelferinnen von Mord und Pein verschwinden. Uns wird ein Prozess - im doppelten Sinne dieses Wortes - eröffnet, der auch von unseren Vorfahren erwartet wird. Ich stelle mir vor, dass deren Scham über die eigene Unmenschlichkeit, die sie im Angesicht Gottes beherrscht, durchbrochen wird, wenn sie die Nachkommen sehen, die sich die vergangenen Verfehlungen zur Umkehr dienen lassen. |
Klara Butting, Studienleiterin von Erev-Rav, Studierendenpastorin
in Lüneburg und Privatdozentin an der Universität Lüneburg
Überarbeitete Fassung von K. Butting, Der erzählende Richter
in: Ein Kiste im Keller. Das Schicksal eines "guten" deutschen
Soldaten im Zweiten Weltkrieg (Hrsg. Gerard Minnaard, Werner Steinbrecher),
Wittingen 2002. |