Mystische Spiritualität und Politik
von Christoph Quarch

Maria und Martha

Politik und Spiritualität - solange Menschen über sich und ihre Stellung in der Welt nachdenken, bemühen sie sich um eine Verhältnisbestimmung dieser Lebensaspekte. Schon das antike Nachdenken über das Leben kreiste unablässig um die Spannung zwischen vita activa und vita contemplativa. In der christlichen Tradition hat dieses Ringen seine Fortsetzung gefunden. In ungezählten Varianten nahm es seinen biblischen Ausgangspunkt von der bei Lukas überlieferten Geschichte von Maria und Martha (10,38-42) - den Schwestern, in deren Haus Jesus einst zu Gast war: "Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen", heißt es da. Und von eben dieser Martha wird ferner berichtet, dass sie Jesus gebeten habe, ihre Schwester aufzufordern, sie möge ihr bei der Hausarbeit helfen - was Jesus mit den Worten beantwortet, Maria habe das gute Teil erwählt: der Triumph der contemplatio in Gestalt Mariens über die actio in Gestalt der Martha - legitimiert durch den Herrn selbst.

So wurde die Episode in der Christentumsgeschichte zumeist interpretiert: Erst kommt das ora, dann das labora - politisches und caritatives Engagement gründen in gelebter Frömmigkeit, nicht umgekehrt. Die von Erhard Eppler in den achtziger Jahren des 20. Jh. auf den Kirchentag gemünzte Formel politisch, weil fromm - fromm, weil politisch war in dieser doppelten Richtung für das Selbstverständnis der Christenheit lange Zeit kaum zu denken. Dabei klingt in ihr eine Verschränkung des Politischen und des Spirituellen an, von der schon Meister Eckhard wusste, wenn er in seiner Auslegung der Geschichte von Maria und Martha Jesu Bewertung geradewegs umdrehte und Martha den "besseren Teil" zuerkannte.

Die Wiederkehr der Mystik

Tatsächlich ist mit der bloßen Formel politisch, weil fromm - fromm, weil politisch solange nicht viel gewonnen, wie die in ihr behauptete wechselseitige Bezogenheit von politisch und fromm nicht verstanden ist. Und dies ist zumeist der Fall. Denn wo diese Formel von einem politisch engagierten Protestantismus in Anspruch genommen wird und wurde (der Sache nach teilweise auch im Spektrum der Befreiungstheologie), geschieht dies fast durchgängig unter dem Vorzeichen der Moral. Fromm ist in dieser Lesart dasjenige, was den moralischen Imperativen der Verkündigung Jesu - vor allem der Bergpredigt - folgt. Jesu Hochschätzung der kontemplativen Maria muss vor dem Hintergrund einer moralischen Verbindung von politisch und fromm einigermaßen exotisch - um nicht zu sagen: anstößig - anmuten.

Nun ist das moralische Verständnis von Frömmigkeit aber nicht das einzig mögliche. So lässt sich seit etwa zwanzig Jahren die Wiederkehr einer anderen geistlichen Kultur beobachten, mit der sich zunehmend ein mystisches Gepräge von Frömmigkeit eingestellt hat. Mit dieser Veränderung wurde der Begriff der Frömmigkeit durch den der Spiritualität ersetzt. Nun ist für die mystische Spiritualität Jesu Lob der Maria nicht nur gut nachvollziehbar, vielmehr führt sie zu einer Sichtweise, in der umgekehrt nun die moralische Durchdringung von politisch und fromm an Plausibilität verliert.

Dies muss kein Schade sein, denn die Begründung der Verflechtung von Politik und Frömmigkeit aus dem Geiste der Moral erweist sich bei näherem Hinsehen als flach und wenig tragfähig. Die Wiederkehr der Mystik hingegen öffnet den Zugang zu einer tieferen und plausibleren Begründung der Verbindung von Politik und Spiritualität - zu einer Perspektive, für die Maria und Martha nicht als Konkurrentinnen, sondern als Schwestern wahrgenommen werden - einer Perspektive, aus der die Formel politisch, weil fromm - fromm, weil politisch einen neuen, tieferen Sinn erhält. Um diesen Sinn zu verstehen, ist zunächst erforderlich, ein tieferes Verständnis dessen zu gewinnen, was eigentlich das Politische ist.

Mystik als Voraussetzung der Politik

"Was den Menschen zu einem politischen Wesen macht, ist seine Fähigkeit zu handeln", schreibt die große Interpretin des Politischen Hannah Arendt1. Und sie begründet diesen Satz damit, dass die Fähigkeit zu handeln den Menschen befähige, "sich mit seinesgleichen zusammenzutun, gemeinsame Sache mit ihnen zu machen, sich Ziele zu setzen und Unternehmungen zuzuwenden, die ihm nie in den Sinn hätten kommen können, wäre ihm nicht diese Gabe zuteil geworden: etwas Neues zu beginnen." Die Politikfähigkeit des Menschen gründet demnach in seiner Fähigkeit zum Anfangen, und diese wiederum verdankt sich laut Arendt dem grundlegenden Faktum, dass der Mensch ein Wesen ist, das geboren wird: "Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen."2 In der Gebürtlichkeit oder "Natalität" gründet der Möglichkeitsspielraum des Handelns - und mit ihm die Freiheit, ohne die jedes Handeln und jede Politik unmöglich wären. Das Wesen des Politischen, um Arendts Gedanken zu paraphrasieren, ist die Offenheit unserer Handlungsspielräume. Nur weil wir Möglichkeiten haben, neu anfangen können, und nicht auf die jeweilige Wirklichkeit festgelegt sind, können wir handeln Von dieser Ressource lebt alle Politik, die Bismarck mit Grund "die Kunst des Möglichen" genannt hat. Das aber heißt auch: In dem Maße, in dem unser Bewusstsein dafür schwindet, dass wir über Möglichkeiten verfügen, verlieren wir die Fähigkeit zum Handeln und zur Politik. Deswegen sind Politik und Handeln darauf angewiesen, dass uns der Möglichkeitssinn nicht abhanden kommt.

Genau hier tritt die politische Dimension der mystischen Spiritualität auf den Plan. Denn Mystik ist präzis diejenige Form der Spiritualität, die sich zu Gott primär als zu einer verborgenen unendlichen Möglichkeit verhält und nicht als zu einer offenbarten, begrenzten Wirklichkeit - mehr zum deus absconditus denn zum deus revelatus. Und die mystische Erfahrung ist entsprechend diejenige Erfahrung, in der sich der Mensch als eins mit der verborgenen, unendlichen Möglichkeit Gottes erlebt und sich darin dessen bewusst wird, was ihn zu einem politischen Wesen macht: dass er wesentlich Möglichkeitsspielraum ist.

In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn Meister Eckhard in seiner mystischen Theologie den Gedanken der Gottesgeburt in der Seele des Menschen entwickelt: "Der Vater gebiert seinen Sohn ohne Unterlass, und ich sage mehr noch: Er gebiert mich als seinen Sohn und als denselben Sohn. Ich sage noch mehr: Er gebiert mich nicht allein als seinen Sohn; er gebiert mich als sich und sich als mich und mich als sein Sein und als seine Natur."3 Nimmt man diesen Gedanken Eckhards ernst, dann verstehen wir unser eigenes Dasein nur dann richtig, wenn wir uns dessen bewusst sind, dass es nichts anderes ist als ein kontinuierliches Geboren-Werden aus Gott, worin sich Gott in uns mit seiner ganzen Natur und seinem Sein manifestiert bzw. inkarniert. Menschliches Dasein ist zeitloses Geboren-Werden, und zeitloses Geborenwerden bedeutet, Sein und Natur Gottes anzunehmen, nämlich grenzenlos ewige Möglichkeit zu sein. Sich dessen bewusst zu werden, ist Ziel und Inhalt aller mystischen Spiritualität.

Martha und Maria

Vermittelt durch das Motiv der Gebürtlichkeit findet Hannah Arendts Begründung des Politischen bei Meister Eckhard ihre theologische Fundierung: Gebürtlichkeit des Menschen bedeutet nicht nur, zu einem bestimmten Zeitpunkt von einer Mutter geboren zu sein, sondern es bedeutet wesentlich, in jedem Augenblick als Manifestation des unendlichen Gottes geboren zu werden. In der Gebürtlichkeit aus dem unendlichen Gott gründen all unsere Freiheit und all unser Handeln. Und die mystische Spiritualität ist die beste und wirkungsvolle Schule unseres Möglichkeitssinnes. Sofern aber Möglichkeitssinn die Voraussetzung und Wurzel - radix - aller Initiative und Aktivität ist, erweist sich die mystische Spiritualität als radikale politische Frömmigkeit. Der Mystiker ist politisch, weil er fromm ist - aber ist er auch fromm, weil er politisch ist?

Es wurde die These formuliert, dass gegenüber einer flachen Durchdringung von Frömmigkeit und Politik unter dem Vorzeichen der Moral die Formel politisch, weil fromm - fromm, weil politisch unter mystischem Vorzeichen aus einer tieferen Ebene begründbar ist. Die ursprüngliche Verwurzelung politischen Engagements im radikalen mystischen Möglichkeitssinn haben wir erläutert. Damit ist aber nicht viel mehr geleistet, als eine Erhellung des klassischen Primats der contemplatio vor der actio - der erste Platz Mariens vor Martha. Wollten wir es dabei belassen, hätten wir unsere Klärung der Durchdringung von Mystik und Politik auf halber Strecke abgebrochen. Denn die Pointe der mystischen Theologie - jedenfalls, wie schon erwähnt, in ihrer Ausprägung bei Meister Eckhard - liegt gerade darin, dass Martha den Siegespreis erhält: weil das Handeln nicht nur in der mystischen Spiritualität an seine Wurzeln geführt wird, sondern weil es im Bewusstsein mystischer Spiritualität selbst Ausdruck und Manifestation unserer Gebürtlichkeit aus Gott ist. Handeln und Politik sind Manifestationen der in uns inkarnierten Natur Gottes - und sie sind es umso mehr, wenn sie sich ihrer Ursprünglichkeit bewusst und das heißt frei von Konditionierungen, Interessen und Sachzwängen sind.

Weil das so ist, sind Handeln und Politik, die diese Qualitäten erfüllen, Ausdruck der Wirklichkeit Gottes in dieser Welt. Sie sind Manifestationen des unendlichen Gottes, in dem alle Möglichkeiten und jeder Neubeginn angelegt sind. Mystische Spiritualität, die sich nicht mit Maria in der bloßen contemplatio ergehen will, vollendet sich daher in der ihres Möglichkeitsspielraums bewussten actio - der Initiative, dem Handeln. "Als Maria zu Füßen unseres Herrn saß, da lernte sie noch, denn noch erst war sie in die Schule genommen und lernte leben"4 - "Martha aber stand in gereifter, wohlgefestigter Tugend und in einem unbekümmerten Gemüt, ungehindert von allen Dingen."5 Martha ist politisch, weil fromm und fromm, weil politisch.

In der inneren Freiheit Marthas, daran lässt Meister Eckhard keinen Zweifel, vollendet sich der uns Menschen aufgetragene spirituelle Weg zu Gott. Denn in ihr vollzieht sich die Geburt Gottes in uns von keinen Kümmernissen - Interessen, Zwängen, Traditionen etc. - getrübt. Sie vollzieht sich bewusst, und eben diese Bewusstheit zu erreichen, ist Sinn und Zweck der spirituellen Schule, in der wir handeln lernen. Diese Schule führt über die kontemplative Hingabe Mariens hinaus in das tätige Leben einer Martha: hinaus in die politische Aktion. Umgekehrt: Die politische Aktion ist mehr noch als Gottesdienst und Meditation der Ort spiritueller Praxis. Nirgends sonst als im radikalen ursprünglichen Handeln haben wir Menschen so sehr die Chance, unseren Möglichkeitssinn zu entwickeln - nirgends sonst können wir Gott so nahe sein.

Allein: Der Weg dorthin ist steil und steinig. Es ist ein Weg der Abschiede von unseren vermeintlichen Wirklichkeiten, von unseren vermeintlichen Sachzwängen, von unseren lieb gewordenen Urteilen. Der Weg der Bewusstwerdung unserer Gebürtlichkeit aus Gott ist allem voran ein Weg des Loslassens und sich Einlassens in die Freiheit des Neu-beginnen-Könnens. Gelassenheit ist aller Handlung Anfang. Sie ist die Kerntugend der Politik. In ihr manifestiert sich Gott. Schon Platon wusste: Solange nicht die Gelassenen die Regierung übernehmen, ist für die Staaten keine Rettung in Sicht.

1 Hannah Arendt: Macht und Gewalt, München 1970, S. 81.

2 Hannah Arendt: Vita Activa, Neuausgabe München 1981, S. 166.

3 Meister Eckhard: Predigt 7, in: Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate, hg. v. Josef Quint, München 1979, S. 185.

4 Meister Eckhard, Predigt 28, a.a.O., S. 289. 5 ebd. S. 286.

Christoph Quarch ist Studienleiter beim Deutschen Evangelischen Kirchentag