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Spiritualität und Politik
Oder besser:Warum sollen die Linken fromm sein?
Fulbert Steffensky
Vorspiel im Himmel
Ich kenne kaum ein Wort, das so viel Schabernack mit uns treibt wie
das Wort Spiritualität. In den letzten Tagen habe ich mir einige
Verbindungen mit dem Wort Spiritualität aufgeschrieben, auf die ich
gestoßen bin: Spiritualität im Klassenzimmer, Spiritualität
und Gesundheit, die Spiritualität des Geldes, Spiritualität
und Bewusstseinserweiterung, Spiritualität und Wellness, Forschungsspiritualität;
Spiritualität des Radios, der Wirtschaft, der Musik. Jetzt also geistert
die Spiritualität auch in der Jungen Kirche. Ich sehe die Gründungsväter
(es waren nur Männer) Kloppenburg, Casalis, Iwand, Niemöller
und Gollwitzer im Himmel (wo sollten sie sonst sein?) die Stirn runzeln
und sich fragen, wer ihnen diesen Illegitimus ins Jungekirchennest gelegt
hat. Ich will das Thema so formulieren, dass es in die Junge Kirche passt:
Warum sollen die Linken fromm sein? Denn ich weiß nicht, was Spiritualität
anders bedeuten könnte als Frömmigkeit. Nun entkomme ich der
Schwierigkeit nicht völlig, die ich mit dem Wort Spiritualität
hatte. Auch das Wort Frömmigkeit hat seine Korruption, und zumindest
Casalis und Iwand werden auch bei diesem Wort die Stirn runzeln. Also
zur Beruhigung unserer himmlischen Väter einige Sätze darüber,
was ich unter Frömmigkeit verstehe - die himmlischen Mütter
der Jungen Kirche wie Dorothee Sölle und Marie Veit haben mit dem
Wort Frömmigkeit keine großen Probleme!
Die Haltung der Frömmigkeit
Also wer ist fromm und was bedeutet Frömmigkeit? Frömmigkeit
ist zunächst eine Grundhaltung des Menschen seinem Gott gegenüber.
Vielleicht sagt das Wort Gottesfurcht am ehesten, was damit gemeint ist.
Der Fromme weiß, dass er nicht Herr seiner selber ist. Er verdankt
sich dem Gott, der ihn ins Leben gerufen hat. Dies ist ein Moment menschlicher
Freiheit. Man muss sich nicht selbst gebären, man muss nicht sein
eigener Souverän sein. Der Mensch ist ein bedürftiges Wesen,
er hat sich nicht selbst das Leben eingehaucht; er ist, weil er ins Leben
gerufen ist, nicht weil er Meister seiner selbst ist. Dorothee Sölle
hat es so formuliert: "Wir fangen unsere Suche nach Gott nicht als
Suchende an, sondern als schon Gefundene." Die Gottesfurcht ist also
nicht die Angst eines niederen Wesens vor der Macht eines nicht begreifbaren
Gottes. Diese Gottesfurcht "macht das Herz fröhlich" (Jesus
Sirach 1,12); sie ist "der Anfang der Weisheit" (Psalm 111,10),
sie ist die "Krone der Weisheit"(Jesus Sirach 1,22).
Frömmigkeit ist aber auch eine Tätigkeit: sie ist Gerechtigkeit.
Die Frommen wandeln auf dem Weg des Herrn, und sie wissen, dass es keine
Gotteserkenntnis ohne Barmherzigkeit gibt. "Wer in Gott eintaucht,
taucht neben den Armen wieder auf", sagt der französische Bischof
Jacques Gaillot. So sagt es das wundervolle 58. Kapitel aus Jesaja: Dem
Hungrigen das Brot brechen, den Nackten bekleiden, die Elenden aufnehmen
- das sind Formen der Frömmigkeit, ohne die alles Beten, Fasten und
jeder Gottesdienst Geplärr sind. Nur dessen Heilung wird voranschreiten,
nur dessen Gebete und Schreie werden gehört, der die Schreie der
Armen nicht überhört. Die prophetische Kritik an der "puren
Frömmigkeit", an der Gottesverehrung an der geschundenen Welt
vorbei zieht sich durch die ganze Tradition. Die Frömmigkeit der
Frommen wie auch die Spiritualität stehen unter Verdacht: Finden
sie Gott in den Gesichtern der Gequälten, oder erschöpfen sie
sich in äußeren religiösen Werken? Der Ökumenische
Rat der Kirchen hat es in Nairobi (1975) so formuliert: Das Wachsen am
inneren Menschen geht einher mit dem Kampf um Befreiung und Menschlichkeit.
Es gibt einen zweiten Verdacht gegen die Frömmigkeit wie gegen jede
Form der Spiritualität, den wir in den Evangelien und vor allem in
der protestantischen Tradition finden; der Verdacht, dass der Mensch in
seinen äußeren Werken Retter, Rechtfertiger und Garant seiner
selbst sein will und darüber vergisst, dass er seine Ganzheit dem
Gott der Güte verdankt. Jesus beschreibt diese Gefahr am Beter im
Tempel, der sagt: "Ich danke dir, dass ich nicht bin wie die anderen
Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher. Ich faste zweimal in der
Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme." (Lukas 18,9-14)
Der andere Beter hat nichts aufzuzählen, er beruft sich nicht auf
sich selber, er ergibt sich und sagt: "Gott, sei mir Sünder
gnädig." Die Aufgabe eines jeden Selbststandes vor den Augen
der Güte ist die eigentliche Frömmigkeit. Gegen katholische
Werkgerechtigkeit jener Zeit sagt Luther in einer Predigt: "Darum
ist menschliche Frömmigkeit eitel Gotteslästerung, und die allergrößte
Sünd, die ein Mensch tut." Frömmigkeit steht im Protestantismus
unter Verdacht, und sie wird den Geruch der Selbsteroberung und der Selbsterlösung
nicht los. Es gibt allerdings auch eine törichte Werk- und Frömmigkeitskritik.
Gelegentlich konnte der Verdacht gegen die Selbstrechtfertigung so weit
gehen, dass alle Werke des Menschen davon betroffen wurden. Der Mensch
war dann nicht mehr als ein nacktes Spatzenjunges, das nur auf die göttliche
Fütterung zu warten hatte. Man kann auch mit dem Gedanken der Rechtfertigung
bequem auf Christi Kreide zechen.
Die Form der Frömmigkeit
Nun ist Frömmigkeit nicht nur die Haltung des Menschen vor Gott,
sie ist nicht nur die Praxis der Gerechtigkeit, wenn sie dies auch vorrangig
ist. Sie ist die Form, in der Menschen ihren Glauben und ihre Hoffnung
aufführen. Der Geist kommt nicht ohne Figur aus, die Innerlichkeit
kommt nicht ohne die Äußerung auf. Solche Äußerungen
des Geistes sind das regelmäßige Gebet, der Gottesdienst als
die Vergewisserung der Hoffnung durch die Gemeinde, die Losungen, das
Lesen in der Bibel, es kann das Fasten oder die Wallfahrt sein. Zur ihr
gehören die Regeln, Rhythmen und Methoden, mit denen das geistliche
Leben zu gestalten ist und die einen von der Zufälligkeit der eigenen
blinden Wünsche befreien. Der Mensch ist nicht nur Geist, er ist
auch Leib, und jeder Geist, der nicht Figur und Leib wird, ist wie eine
Partitur, die nicht Musik wird. Protestanten machen es sich zu leicht,
wenn sie dies alles als "katholisch" abtun und damit als unerhebliche
Äußerlichkeit. Die Figur ist keine unerhebliche Äußerlichkeit,
sie ist der Leib des Geistes. Der Protestantismus leidet daran, dass er
viel von der Innerlichkeit und wenig von der Äußerung des Glaubens
versteht. Es war einmal seine charismatische Kraft, dass er die Innerlichkeit
des Glaubens verlangte gegen hohle Äußerlichkeiten. Es ist
seine Schwäche und seine Komik, wenn er die Äußerung immer
unter den Verdacht der Äußerlichkeit stellt.
Frömmigkeit oder Spiritualität?
Ich weiß nicht, was die beiden unterscheidet. Für viele ist
Spiritualität ein unverfänglicheres Wort, mit dem sie ihren
Glauben und seine Gestalt bedenken. Es kann sein, dass Wörter abgestanden
und verbraucht sind. Dann könnte das neue Wort Spiritualität
ein Weg zur alten Sache sein, warum nicht? Es stören mich eigentlich
nur die Heilshoffnungen, die auf dieses neue Wort gesetzt werden, so als
hätten wir damit etwas entdeckt, was wir noch nie hatten. Unsere
Väter und Mütter haben schon gewusst, was Spiritualität
ist, wenn sie am Morgen und am Abend gebetet haben, wenn sie die Losungen
gelesen haben, wenn sie sonntags in den Gottesdienst gingen, wenn sie
ihre Kinder tauften und ihre Toten beerdigten. Ja, sie haben es gewusst.
Uns aber ist vieles von ihrem Wissen verloren gegangen, und wir müssen
das einfache Alphabet der Frömmigkeit neu lernen. Wenn wir es unter
dem Namen Spiritualität tun, ist auch das gut.
Der Weg der Frömmigkeit
Noch einmal zur notwendigen Spiritualität oder Frömmigkeit der
Linken: Wie finden Menschen die richtige Lesart des Evangeliums? Wie lernen
sie, dass die Armen seine ersten Adressaten sind? Es gibt in der Theologie
so viel Rhetorik ohne Erkenntnis, und es ist nicht selbstverständlich,
die Augen Christi in den Augen der hungernden Kinder, der vergewaltigten
Frauen und der gefolterten Männer zu lesen. Man muss ein gebildetes
Herz haben, um Gott in den Gestalten des Elends zu erkennen. Das ist nicht
nur eine Frage der Moral. Eine Moral, die sich auf nichts anderes berufen
kann als auf sich selber, bleibt kurzatmig. Wie lerne ich Empörung
und Zorn? Wie lerne ich, das Augenlicht der Blinden und den aufrechten
Gang der Lahmen zu vermissen? Das ist eine Frage der Spiritualität
und der Frömmigkeit.
Die zweite Frage: Wie mache ich mich langfristig in der Leidenschaft
für das Recht? Man konnte in den letzten Jahrzehnten so viele Linke
ermatten sehen. Man konnte sehen, wie sie sich in der psychologischen
Selbstpflege erschöpften. Wie esse ich die Texte und mit ihnen den
Geist unserer Tradition; wie atme ich im Gebet den Geist Christi, dass
Gotteserkenntnis und Barmherzigkeit nicht mehr feindliche Geschwister
bleiben. Wie arbeiten wir, ohne die Hoffnung zu verlieren. Das ist eine
Frage der Spiritualität und der Frömmigkeit.
Die dritte Frage: wie behalten wir über unserer Arbeit den Humor
mit unserer eigenen Endlichkeit? Wer an der Gerechtigkeit arbeitet, hat
eine fast unendliche Idee: dass das Recht wie Wasser fließen soll;
dass niemand Beute eines anderen werde. Aber er ist ein endlicher Mensch.
Wie können diese Menschen in kleinen Schritten gehen und den großen
Gedanken nicht verlieren oder nicht zugunsten des großen Gedankens
in Gewalt gegen sich selber oder gegen andere verfallen? Wie behalten
sie die Distanz zu sich selber und lernen den Satz zu sprechen: Geschlagen
ziehen wir nachhaus, unsere Enkel fechten's besser aus! Nur wenn man eine
Herkunft hat, kann man eine Zukunft denken, die nicht nur aus uns selbst
besteht, sondern aus der Kraft von allen; aus der Kraft unserer Toten
und der Kraft unserer Enkel. Wir bauen an der Zukunft, aber die Zukunft
besteht nicht nur aus uns und unseren Kräften. Ich erinnere mich
an eine wundervolle Begebenheit mit Daniel Berrigan, dem Friedensaktivisten,
der wegen seiner Friedensarbeit in den USA lange im Gefängnis war.
Einmal hat er uns besucht nach einer solchen Gefängniszeit. Er war
müde und abgespannt und wollte bei uns lesen, Musik hören, beten
und mit uns ins Theater gehen. Es kam ein Anruf aus einem Friedenscamp,
wo viele junge Leute zusammen waren. "Daniel muss sofort kommen!",
sagte der Leiter des Camps. "Hier hat er sein Publikum, und hier
ist er unentbehrlich!" Berrigan verweigerte sich und sagte: "Jetzt
will ich Wein trinken und beten." Mir hat die Ruhe dieses unruhigen
Herzens imponiert. Er konnte ohne Verzweiflung arbeiten, und er kannte
seine eigene Endlichkeit. Wenn das nicht Frömmigkeit ist und eine
Spiritualität, wie wir sie brauchen!
Sunder warumbe
Warum sollen die Linken fromm sein? Jetzt eine Antwort, die überhaupt
nicht auf die Effizienz und die Verzweckung von Frömmigkeit schielt:
Es ist schön zu loben, zu beten und zu singen; die Lieder der Toten
und der lebenden Geschwister zu singen und sich in ihre Lebensvisionen
zu vertiefen. Es ist schön! Als die Christen für den Sozialismus
sich vor vielen Jahren einmal zu einer Wochenendtagung in Berlin trafen,
machten einige der Teilnehmenden den Vorschlag, am Sonntag einen Gottesdienst
zu feiern. Über diesen Vorschlag wurde gestritten, und einige fragten
skeptisch nach der Funktion dieses Gottesdienstes im Progress der Befreiung.
Der alte Gollwitzer hörte sich diese Diskussion bekümmert an
und sagte dann: Ich will den Gottesdienst, weil es schön ist, mit
euch zu beten und zu singen. Diesem entwaffnenden Argument, das eigentlich
kein Argument war, konnte sich niemand entziehen. Und dieses "sunder
warumbe" (ohne Warum - Meister Eckhart) ist das Herz der Frömmigkeit.
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Fulbert Steffensky
Bis 1998 Professor für Religionspädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaften
der Universität Hamburg
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