Zentrum und Peripherie - Herrschaft oder Wahrheit?
Milan Timoteus Balaban

Die Begrenzung der Macht

Die wichtigste Herrschaftsform im Altertum war der Staat bzw. der König als Repräsentant der staatlichen Macht (Babylon und Israel) oder der Farao als dessen mythische Verkörperung (Ägypten). Die biblischen Zeugen haben den Staat und seinen Repräsentanten jedoch von Anfang an prinzipiell in Frage gestellt. Der israelitische Staat ist - wie andere Staaten auch - aus real politischen Sicherheitsgründen entstanden. Das 1. Samuelbuch beschreibt diesen Vorgang, dass das Volk sich einen König wählt und sich dabei gegen Adonai* als den wahren König stellt:

Adonai sprach zu Samuel: Höre auf die Stimme des Volkes in allem, was sie dir sagen. Denn nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen, dass ich nicht König über sie sein soll (8,7).

Deshalb malen die biblischen Autoren das Porträt des ersten Königs, Saul, auch in dunklen Farben. Und deshalb hört das hebräische Ohr, wenn es den Namen Saul hört, nicht nur ein Verb, das übersetzt wünschen bedeutet, sondern auch das hebräische Wort für Unterwelt (s?e'ól).

Die alttestamentliche Tradition, die eine verkündigende Tradition ist, ruft aus: unser König ist Adonai, allein Er, kein Anderer! Alle Herrscher, auch die guten, werden damit unter Kritik gestellt. Jede Institution ist in den Augen der biblischen Zeugen gefährlich, da sie, bewusst oder unbewusst, versucht, das wahre, lebendige Gotteswort zu ersetzen. Selbst der König vom Typ David repräsentiert Gott nur fragmentarisch und nie eindeutig positiv. In Davids Lebensgeschichte finden wir viele gute Sachen, aber wir finden auch Gewalt, Mord, Unzucht, Größenwahn und widerrechtliche Macht- und Besitzergreifung. Der reale David musste deshalb theologisch "verarbeitet" werden, damit der Messiasgedanke in Verbindung mit seinem Namen zum Vorschein kommen konnte. Diese Messiasvorstellung ist und bleibt aber eine geschichtlich- religiöse Notlösung.

Das Zentrum als Rand, der Rand als Zentrum

Im Herrschaftsbereich des Staates bzw. der Staaten sollten wir keine Qualität der Macht suchen. Es gibt hier keine Qualität, sondern nur Quantität. Diese Quantität ist notwendig für das zivile Leben. Wir brauchen sie als Damm gegen die Anarchie - so zumindest der tschechische Denker Petr Chelcicky (der geistliche Vater der Brüderunität). Nehmen wir das Geheimnis des Staates - dass seine Existenz provisorisch ist - ernst, dann müssen wir sagen, dass der Staat mit seiner "organisierten Gewalt" nicht zum Zentrum gehört, sondern an der Peripherie des individuellen wie auch des öffentlichen Lebens liegt. Ähnliches gilt für die Metropolen des Staates, die den Herrschern als Stützpunkte ihrer Expansionskraft dienten. Wichtiger als die Hauptstädte waren einige lokale Einheiten, die quantitativ genommen am Rande des Landes "vegetierten". So ist Jerusalem für alle Bewohner des Landes zu einer wichtigen Stadt geworden, die überall und zu jeder Zeit als Magna Mater geliebt wurde und die als Symbol der Einheit von allen Stämmen galt (Psalm 122). Wichtiger und geistlich produktiver waren aber Bethlehem und die davidische Tradition, die in diesem Dorf verankert war:

Und du, Bethlehem-Efrata, du kleinster unter den Gauen Judas, aus dir wird mir hervorgehen, der Herrscher in Israel sein soll ... (Micha 5,1; vgl. Matthäus 2,6).

Ebenso wurde nach der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) das kleine Städtchen Jabne Sitz des jüdischen Gerichtshofes und einer berühmten Akademie mit Rabbi Jochanan ben Zakai an der Spitze. Jabne wurde so zum jüdischen Betlehem.

Nach der konstantinischen Wende im Jahr 313 n. Chr. sind es in der römisch-katholischen wie auch in der östlichen (orthodoxen) Kirche immer mehr die großen Städte (Rom, Byzanz u. a.), die sowohl religiös als auch politisch eine Hauptrolle spielen. Diese geschichtliche Entwicklung ist, so wiederum Chelcicky, eine gottlose Tragödie. Im Jahr 313 wurde die Kirche mit dem Gift der Macht und der Gewalt vergiftet. Die Quantität besiegte die geistliche Qualität. Nach Chelcicky gibt es seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. zwei große Leviathane (im Alten Testament ein tierisch-mythisches Ungeheuer), Kaiser und Papst bzw. Staat und Kirche. Diese Ungeheuer sind miteinander in Wettbewerb getreten, um die Macht an sich zu reißen. Die Gottesengel im Himmel haben aber eine andere Sicht. Sie beobachten, wie in dieser von den zwei Ungeheuern besetzten Welt auch gewisse kleine oder gar winzige Orte entstehen, in denen der lebendige Geist Gottes zu Wort kommt.

Ich nenne einige Beispiele. - Die kleine mittelitalienische Stadt Assisi und ihr spiritueller Lehrer, der heilige Franziskus (1181). Dieser ehrliche kirchliche Mann protestierte gegen das Lechzen nach Geld und Reichtum. - In Böhmen wurde in dem kleinem Dorf Husinec Magister Jan Hus geboren (1371-1415). Der Prager Theologe versuchte zu zeigen, dass selbst der Papst seinen "heiligen Vater" hat, nämlich Jesus Christus. - Unter dem Einfluss von Chelcicky und Bruder Rehor ist in Lhotka bei Rychnov die Brüderunität (Jednota Bratrská) entstanden. - In Kralice (Mähren) wurde die Heilige Schrift ins Tschechische übersetzt (1579-1593). - Auf der Wartburg hat Luther die Heilige Schrift des Neuen Testaments übersetzt. - In Heidelberg sah der Katechismus das Licht. - Viele kleinere Orte sind mit dem Namen Dietrich Bonhoeffer verbunden: Finkenwalde, Schlöwitz, Sigurdshof, aber vor allem Berlin-Tegel, Buchenwald, Flossenbürg.

In unserer Situation nach dem Zweiten Weltkrieg sollten wir meines Erachtens sorgfältig zwischen den quantitativen und qualitativen Wirklichkeiten unterscheiden. Ohne Wartburg, Flossenbürg, Lhotka, Kralice (Kralitz), Heidelberg, Assisi oder Herrnhut hätten Brüssel, Berlin, Paris, London, Amsterdam, Prag und andere politisch und kulturell wichtige Städte kein geistiges Fundament. Ohne Bibel und Koran gäbe es keine Verfassung! Es ist ja nicht nötig, diese heiligen Texte explizit zu zitieren oder gar zu proklamieren, aber den "heiligen Geist", der in diesen heiligen Texten fließt, sollte jeder Bürger und jede Bürgerin fühlen!

Von der Macht befreit

Wir Christen - und vielleicht auch die Moslems - können, nein, müssen wissen, dass jede Institution unter dem Gericht Gottes steht und eines Tages zerfallen wird. Reiche kommen und gehen. Was bleibt sind die Wahrheit, das Recht und die Barmherzigkeit. Damit stellt sich die Frage, wie wir uns als Christen - als Juden und Muslime - der Macht gegenüber verhalten sollten.

1 Wir sollten schweigen. Es ist nicht erforderlich, sich in alle aktuellen politischen Probleme einzumischen. Die Kirche kann und soll warten.

2 Wir sollten uns auf das Wichtigste beschränken: d. h. die Qualität (Wahrheit, Versöhnung) gegen Quantität (Bürokratie, ökonomistische Strategien) verteidigen. Die Kirche ist verpflichtet, um die "Seele" (das spirituelle, das geistliche - nicht notwendigerweise religiöse - Leben) zu ringen.

3 Wir sollten alle öffentlichen Fragen unter die Norm der "hohen Ideen" (Bibel, Talmud, Koran, Philosophie des Sokrates u. a.) stellen.

4 Weil jede Institution für die Christen fraglich ist und der Staat nur eine Notlösung sein kann, sollten unsere Entscheidungen sich an der Schwelle der biblischen Anarchie befinden.

* Adonai ist die hebräische Bezeichnung des unaussprechbaren Gottesnamens (JHWH). Buchstäblich übersetzt heißt Adonai: mein Herr. Luther hat deshalb in seiner Übersetzung den Gottesnamen mit "Herr" übersetzt.

 

Milan Timoteus Balabán hielt als evangelischer Pfarrer in der Zeit der kommunistischen Diktatur sog.Wohnungsseminare; wurde nach der Wende Dozent an der Philosophischen Fakultät und dann Professor an der Evangelischen Theologischen Fakultät in Prag.