Die Wahrheit und das Hässliche -
von Gott sprechen lernen - auch in der Nacht*
Klara Butting

Die Wahrheit gibt es nicht ohne uns Frauen

Das Amen, das wir im Gottesdienst am Ende von Gebeten oder am Schluss der Predigt sprechen, heißt übersetzt "es werde wahr". Aus dem hebräischen Wortstamm aman, der hier zugrunde liegt, werden die Worte "Treue", "vertrauen", "treu", "fest", "dauerhaft" gebildet. So steht z. B. an der Stelle in 2. Mose 34, an der Gott seinen Namen vorstellt: "Der Ewige, Gott, barmherzig und gnädig, langsam im Zorn und reich an Gnade und Treue" und zu Treue gibt es in der Elberfelder Bibelübersetzung die Anmerkung "oder Wahrheit". Entsprechend wird im Neuen Testament auf diese Offenbarung Gottes Bezug genommen mit den Worten: Wir sahen seine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit (Johannes 1,14). Der biblische Wahrheitsbegriff ist ein Beziehungsbegriff. Wahr ist, worauf ich mich verlassen kann, was sich als treu und zuverlässig erweist. Gott ist Wahrheit, weil er treu ist.

An dieser Stelle setzt die Anfrage feministischer Theologie ein: Können wir diese Wahrheit aus der biblischen Überlieferung erfahren, wenn dort die Lebenswelt von Frauen entstellt oder verschwiegen wird? Feministische Forschung hat die Bibel unter den grundsätzlichen Verdacht gestellt, dass sie in allen ihren Texten patriarchale Machtverhältnisse bezeugt und weitergibt. Unter dieser Voraussetzung haben feministische Forscherinnen, sofern sie sich nicht von der Bibel abwandten, das Verstummen von Frauen in den Texten öffentlich gemacht und ihre verdrängte Lebenswirklichkeit rekonstruiert. Dabei ist allerdings auch deutlich geworden, dass biblische Texte kein totalitäres Gefüge sind, sondern dass sie von Gesprächen und Konflikten geprägt sind, in denen auch Frauen mitgemischt haben. Feministische Forscherinnen haben die Stimme von Frauen innerhalb der Bibel aufgespürt und entdeckt, dass die kritische Auseinandersetzung von Frauen mit dem patriarchalen Gesellschaftsgefüge bereits in der Bibel zu finden ist. Das zeigt sich in einer Vielfalt von Neuerzählungen, Widersprüchen, Spannungen und Doppelungen, mit denen sich die biblische Überlieferung als ein Gesprächzusammenhang vorstellt, der schult, die alten Geschichten nicht nachzubeten, sondern in Auseinandersetzung mit ihnen im eigenen Kontext von Gott sprechen zu lernen, auch wenn die eigenen Erfahrungen aus dem Rahmen der bisher überlieferten biblischen Vorstellungswelt herausfallen. An diesen innerbiblischen Spannungen wird deutlich, dass die Bibel keine Wahrheiten erzählen will, sondern zu einem Gespräch mit der Tradition herausfordert, in dem wir Worte finden können, die sich in unserer Situation heute bewahrheiten. Denn aufgrund der innerbiblischen Auseinandersetzungen gerät jeder, jede, die Bibel liest, automatisch in eine kritische Auseinandersetzung mit biblischen Texten und wird herausgefordert, über das Gehörte nachzudenken.

Als eine solche Gesprächsschule bezeugt die Bibel die Wahrheit jener Gottheit, die nicht ohne Menschen, Frauen und Männer, Gott sein will. Biblische Sätze zu zitieren, bedeutet noch nicht, die Wahrheit zu sagen. Im Gegenteil! Je mehr Men- schen mit ihren Fragezeichen hinter biblischen Texten, mit ihren Fragen an Gott und ihren Lebenserfahrungen durch Buchstabengläubigkeit zum Schweigen gebracht werden und verstummen, desto mehr Aspekte von Gottes Wort und Gottes Geschichte gehen unter uns verloren. Nur indem wir von unseren Erfahrungen sprechen lernen, gewinnt Gott unter uns seine Fülle. D. h. es ist nicht nur für uns Menschen, es ist auch für Gott selbst von größter Wichtigkeit, dass Frauen sich in die Bibel hineinlesen und ihre Sprachlosigkeit verlieren. Denn das ist der Auftrag unserer Generation - so wie es jeder Generation gegeben ist, dass sie einen Aspekt der Wahrheit Gottes neu ans Licht bringt. Diese Gewissheit ist das Ergebnis der Arbeit vieler Frauen in den letzten 30 Jahren. Wir kommen nicht mehr von außen. Wir haben entdeckt, dass das Sprechen über die Lebenswirklichkeit von Frauen ins Zentrum der biblischen Überlieferung gehört. Die "Bibel in gerechter Sprache", diese Bibelübersetzung, die zum Reformationstag dieses Jahr erscheinen wird, die die Präsenz von Frauen in den biblischen Texten sichtbar macht, ist ein Indiz für diesen Stand feministischer Theologie. Diese neue Bibelübersetzung macht sichtbar und hörbar, dass Gott schon immer mit Frauen Geschichte gemacht hat. Und so wird ganz selbstverständlich das Ziel der Bibel hörbar, nämlich dass Männer und Frauen heute ihren unverwechselbaren Platz in Gottes Geschichte entdecken und davon erzählen lernen.

Zum biblischen Wahrheitszeugnis gehört die Rede vom Hässlichen

Die Fragestellung dieses Forums Feministische Theologie "Zu schön, um wahr zu sein?" verstehe ich als eine Aufforderung innezuhalten, das bisher Erreichte zu überdenken und zu reflektieren, was mit uns unterwegs geschehen ist. Haben wir uns in dem Streit um Präsenz und Mitsprache in männerdominierten Texten und kirchlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen stärker und schöner gemacht, als wir sind? Was ist mit unseren hässlichen Seiten? Dabei muss ich gestehen, dass das Wort "hässlich" nicht zu meinem geläufigen Wortschatz gehört. Der Titel "die Wahrheit und das Hässliche" ist in Auseinandersetzung mit der Themenstellung dieses Tages erwachsen. Ich benutze hier das Wort "hässlich" für Erfahrungen, die wir mit "Mittäterinschaft" oder auch mit "Sünde" benannt haben.

Gestatten Sie mir, dass ich zunächst von meiner eigenen Situation ausgehe. Ich bin vor einigen Jahren krank geworden, eine Erschöpfungsdepression, und meine Leistungsfähigkeit ist seitdem nachhaltig beeinträchtigt. Es gab viele Faktoren, die dazu geführt haben: die kirchliche Ausbeutung ihrer Mitarbeiter/innen; ich hatte eine Stelle nicht bekommen, die ich unbedingt haben wollte; persönliche Faktoren; und sicher auch eine Verstrickung in Karrierevorstellungen und Leistungsgesetze unserer Gesellschaft. Bei dem Versuch, mit dieser Situation zurechtzukommen, sind mir in den letzten drei Jahren zwei Texte wichtig geworden, die ich Euch vorstellen möchte, zwei Texte, in denen es um etwas geht, was von den Mystiker/ innen Nachterfahrungen genannt wird.

Die Opferung Isaaks

Der erste ist die Geschichte von der Opferung Isaaks, oder besser gesagt: der Bindung Isaaks, wie die Erzählung in der jüdischen Tradition genannt wird. Es ist die Geschichte einer Versuchung. Gott versuchte Abraham (1. Mose 22,1), so fängt es an. Eine Versuchung ist eine unklare Situation, in der alles durcheinander gerät. Alle Worte, die früher einmal wichtig waren, auch die Worte, die von Befreiung und Aufbruch erzählen, werden fragwürdig und müssen sich neu bewähren. So geht es Abraham. Die alten Worte des Aufbruchs werden zur Fratze. Er hört: Geh vor dich hin, lech lecha. Mit diesen Worten hatte der Weg von Abraham und Sara ins verheißene Land angefangen:

Geh vor dich hin
aus deinem Land,
a us deiner Verwandtschaft,
aus dem Land deines Vaters,
in das Land, das ich dich sehen lassen werde
(1. Mose 12,1).

Mit diesen Worten ist Abraham von Gott gerufen worden, auszubrechen aus der Welt seiner Väter, in der es darauf ankommt, hoch zu kommen und sich einen Namen zu machen. Und nun hört er viel später in seinem Leben die vertrauten Worte zum zweiten Mal: lech lecha. Geh vor dich hin. Diese hebräische Formulierung lech lecha kommt in der Hebräischen Bibel nur an diesen beiden Stellen vor und verbindet auf diese Weise die Geschichte von Abraham und Isaak mit dem Aufbruch von Abraham und Sara. Abraham hört zum zweiten Mal die Worte, die ihn ins Leben gerufen haben. Er hört diesen Ruf, aber jetzt ist dieser Ruf ein Hohn! Mit ihm ist Tod und Zukunftslosigkeit verbunden.

Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen,
den du liebst, Isaak,
und geh vor dich hin in das Land von Moria,
und opfere ihn dort auf einem der Berge …
(1. Mose 22,2)

Kinder sind in der Hebräischen Bibel ein Symbol für die Lebensperspektive des Volkes, für die Zukunft. Diese Perspektive steht plötzlich in Frage. Ist Gott wirklich einer, der die Menschen, die mit ihm aufbrechen, schützt, sie leben lässt und ihnen Zukunft gibt? Oder zerstört Gott die Menschen, die ihm vertrauen?

Dieser anstößige Text eröffnete mir ein Verständnis meiner Situation. Gottes Ruf heraus aus der Welt der Väter spielt eine große Rolle für mein Selbstverständnis und meinen Weg als Feministin und Theologin. Zu diesem Weg gehört in meiner Biographie die Gründung des Vereins Erev-Rav. Einen Lernort zwischen Universität und Gemeinde wollten wir schaffen; ein Netzwerk, das sich zum Ziel setzt, im Kontext Europas in Tagungen und Veröffentlichungen Befreiungstheologie für die Gemeinde zu entwickeln. In dieses Projekt habe ich seit meiner Studienzeit den Hauptteil meiner Energie gesteckt. Deshalb war ich z. B. immer nur mit einer halben Stelle berufstätig. Und plötzlich entsteht eine Konstellation, in der sich die Frage stellt, ob der ganze Aufbruch nicht für mich zerstörerisch ist. Hätte ich nicht mehr Energie in meine berufliche Karriere stecken sollen? Habe ich mich mit diesem Ort zwischen Universität und Gemeinde nicht tatsächlich zwischen alle Stühle gesetzt? Ist das ständige Nebeneinander von Projekt, berufstätiger Arbeit und biblisch theologischer Forschung nicht eine Überforderung, die mich krank gemacht hat? Es ist eine Konstellation entstanden, in der der Ruf zum Aufbruch zu etwas Negativem geworden ist: "Geh vor dich hin und opfere deine Zukunft."

Um die Rolle Gottes in dieser Situation zu beschreiben, finde ich eine Formulierung aus dem Matthäusevangelium hilfreich: "Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, um von dem Teufel versucht zu werden" (Matthäus 4,1). In diesem Sinne verstehe ich den Satz: Gott versuchte Abraham. Gott führt Abraham in die Versuchung, aber Gott macht nicht die Versuchung. Gott hat Abraham herausgerufen aus einer Normalität, in der selbstverständlich andere den eigenen Zielen geopfert werden. Doch trotz seines Aufbruchs bleibt Abraham in das alte Machtsystem verstrickt und handelt nach dessen Normen - z. B. wenn er zwei Mal seine Frau Sara in einer Gefahrensituation preisgibt. Abraham lebt mit einem latenten Konflikt zwischen der verheißenen Zukunft Gottes und dem Glauben, dass Zukunft durch Macht über andere zu gewinnen ist. Diese Macht, die die gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Hierarchien weiterhin über ihn haben, ist nicht von Gott gemacht. Insofern ist die Versuchung, die diese Wertvorstellungen verursachen, nicht von Gott gemacht. Gott führt jedoch Abraham in eine Konstellation, in der der latente Konflikt, mit dem Abraham lebt, zu einem offenen Konflikt wird, eine Konstellation, in der Abraham den Ruf Gottes "Geh vor dich hin, gib mir deine Zukunft" als Forderung hört, das ihm Liebste zu opfern. Gottes Ziel dabei ist, dass Abraham sich löst aus seiner Verstrickung und sich endgültig trennt von der Welt, die Zukunft auf Kosten anderer sucht. Deshalb ist eine Situation der Versuchung keine Falle, sondern eine Konfliktsituation, in der um einen Ausweg gerungen wird.

Manchmal versuche ich, so über meine Krankheit nachzudenken: Nie könnte ich sagen, dass Krankheiten von Gott sind, dass Gott Lebenszerstörendes schafft oder schickt. Aber es ist mir doch wichtig, zu sagen, dass Gott mich in die Auseinandersetzung mit den lebenszerstörerischen Kräften hineinruft, damit ich meine Prioritäten neu ordne.

Wahrscheinlich lässt sich eine so schwierige Situation nicht anders lösen, als dass wir weitergehen, so wie Abraham es getan hat. Abraham geht los - und dieser erneute Aufbruch ist kein blinder Gehorsam, wie es oft dargestellt wird. Abraham ist nicht blind. Abraham hat gesehen, dass Gott sich als treu erwiesen hat, und er geht, weil er darauf vertraut, dass Gott sich wiederum als treu erweisen wird. Es geht in der Geschichte also nicht um blinden Glauben, der mit Gott geht, auch wenn Gott verlangt, ein Kind zu töten und unsere Zukunft zu zerstören. Nein, es geht um informierten Glauben, der weiß: Gott will, dass dieses Kind lebt, dass wir Zukunft gewinnen!

In der Erzählung wird ausgesprochen, dass dieser informierte Glaube Abraham und Isaak auf ihrem schwierigen Weg begleitet. Abraham lässt nach einer gewissen Wegstrecke seine Knechte zurück und sagt zu ihnen: Ich und der Knabe, wir werden zurückkehren (5). Gottes Ruf führt nicht in den Tod. Wir kommen zurück. Darauf setzt Abraham sein Vertrauen. Und wenig später, wenn Abraham und Isaak weitergehen und Isaak fragt, wo denn das Lamm für die Opferung ist, antwortet Abraham: Gott ersieht sich das Lamm zur Opferung, mein Sohn (8). Hoffend und betend spricht Abraham aus, was die Ewige tun wird. Und Abrahams Vertrauen wird gerechtfertigt. Was er erwartet hat, geschieht. Auf dem Berg Moria offenbart die ewige Gottheit sich als eine, die kein Menschenopfer will. Und Abraham nennt den Ort "Die Ewige sieht". Der Gott, den Israel auf dem Berg Moria, das ist der Tempelberg, anbetet, sieht das Leiden der Menschen, und er ersieht einen Ausweg zum Leben.

Nachdem die Opferung radikal zurückgewiesen wurde, wird Gottes Anspruch auf die Zukunft bekräftigt. Gott will, Gott wollte, dass Abraham seinen Sohn Gott gibt. Zweimal wird Abrahams Treue mit dem Satz hervorgehoben: "weil du mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten hast" (1. Mose 22,12.16). Nachdem Gott den Verdacht zurückgewiesen hat, dass er unsere Lebensperspektiven zerstören würde, wird der Anspruch: "Geh - gib mir deine Zukunft" aufrechterhalten. Nicht nur: Geh - ich gebe dir Zukunft, sondern auch: Geh - gib mir deine Zukunft.

Ist eine solche Auseinandersetzung mit Abrahams Nachterfahrung feministische Theologie? Wäre es nicht die Aufgabe einer feministischen Auslegung, auf Saras Schweigen hinzuweisen und Saras Widerstand gegen die Hirngespinste Abrahams in die Geschichte hineinzulesen? Ohne dies zu verneinen, bin ich davon überzeugt, dass die feministische Perspektive auch einen neuen Zugang zu Abrahams Erfahrungen möglich gemacht hat. Wir haben, indem wir Saras Schweigen beanstandet und ihren Widerstand unterstellt haben, Distanz zu der Erzählung gewonnen. Der Gott, der Opfer und blinde Unterwerfung fordert, wurde entmachtet. Wir konnten und können uns von diesem Gott befreien. Diese Stärke, die wir durch die feministische Forschung gewonnen haben, eröffnet die Möglichkeit, sich der Krise, die in dieser Erzählung verarbeitet wird, als einer typischen Krise der zweiten Lebenshälfte neu anzunähern und den Gotteserfahrungen nachzuspüren, von denen erzählt wird. Durch die Arbeit vieler Frauen ist der Raum entstanden, dass wir uns nicht nur mit der ausgegrenzten Sara identifizieren, sondern die Geschichte aus der Perspektive des Täters lesen können. Es wird möglich, auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Verstrickung zu beginnen. Die Erkenntnis, dass Gottes Fülle sich ohne uns Frauen nicht entfaltet, wird zur Herausforderung, dass wir von Gott sprechen lernen - auch in der Nacht.

Feministische Theologie steht damit vor der Frage, die unter dem Stichwort Spiritualität gegenwärtig an vielen Orten begegnet. Unter diesem Stichwort wird das Bedürfnis nach einer Praxis zur Sprache gebracht, die früher Frömmigkeit genannt wurde, aber die doch anders sein will. Gesucht wird kein Zurück zu dem alten Glauben an einen allmächtigen, irgendwie unbegreiflichen Gott, der Unterwerfung fordert, aber doch Formen und Sprache, um auch in der Dunkelheit von Gott sprechen zu können. Sich dieser Not zu stellen, bedeutet einen erneuten Durchgang durch die biblischen Texte. Und vielleicht kann es gerade aufgrund des kreativen und kritischen Umgangs mit den Texten, den wir uns im Laufe der Jahre im Kontext feministischer Zusammenhänge erarbeitet haben, gelingen, dass wir uns auch von zunächst anstößigen Gotteserfahrungen berühren lassen.

König Saul

Ich möchte Euch noch die zweite Figur vorstellen, die in den letzten drei Jahren mein Nachdenken begleitet hat, nämlich Saul. Saul hat sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere von eigenen Interessen an Macht und Besitztümern korrumpieren lassen. Deshalb entzieht Gott ihm seine Unterstützung, und Saul verfällt in Depressionen. Was mit Saul geschieht, geht mir sehr nahe. Er wird von Gott gestoppt. Er spürt seine alte Begeisterung nicht mehr. "Die Geistkraft der Ewigen Gottheit wich von Saul hinweg" (1. Samuel 16,14; vgl. 1. Samuel 10,6.9 und 1. Samuel 11,6). Seine Vitalität und Energie sind verbraucht. Leere und Gottverlassenheit umgrausen ihn.

Gleichzeitig geht der Regierungsbetrieb weiter. Sauls Beraterkreise suchen Therapiemöglichkeiten für die Depressionen des Königs, und einer schlägt vor, einen Musiker zu suchen. So kommt David an den Hof Sauls. In der Begegnung und Beziehung zu David wird für Saul ein Weg sichtbar, mit seinen Depressionen zu leben. Saul gewinnt David lieb. Er freut sich an diesem jungen Mann, der alles hat, was Saul fehlt. David ist von unermüdlicher Energie, alles was er anfasst, gelingt. "Gott ist bei ihm" heißt es in der Erzählung (1. Samuel 16,18; vgl. 18,12.14). Und besonders wenn David Musik macht, fließen seine Energie und sein Lebensmut Saul zu. Wenn "David die Leier nahm und mit seiner Hand spielt, dann erwachte Sauls Lebensgeist, und der böse Geist wich von ihm hinweg" (16,23). Durch Passivität, durch Musik hören und sich beschenken lassen, findet Saul eine Lebensperspektive in seiner Krankheit. Aber das ist, wie sich herausstellt, nur die eine Seite. Die andere Seite ist der Neid. Einmal passiert es, dass sie von einem Kriegszug heimkehren und die Sieger von tanzenden Frauen gefeiert werden, die singen: "Saul hat seine Tausend erschlagen, David seine Zehntausend" (18,7). Saul ärgert sich darüber. Konfrontiert mit der Öffentlichkeit, kann er seine Position als Zweiter nicht akzeptieren. Er verbohrt sich in böse Gedanken, bis sie von ihm Besitz ergreifen (18,8). Gottes Nähe zu David ist für Saul jetzt nicht Quelle seiner Lebensfreude, Energie und Heilung (16,18), son- dern Anlass zu Furcht (18,12). Und schließlich eskaliert sein Selbstverlust in einem bösartigen Anfall, und er versucht, David, während er spielt, zu ermorden (18,10 f.). Diese beiden verschiedenen Reaktionen Sauls auf David stellen die Erzähler/ innen als zwei Wege nebeneinander und berichten, dass Saul schließlich den zweiten Weg geht. Die mörderischen Anfälle wiederholen sich (19,9 f.; 20,33). Saul wird mehr und mehr von Bitterkeit und Bösartigkeit beherrscht und geht auf diesem Weg zugrunde.

Das Ganze ist wieder eine Männergeschichte, und wahrscheinlich sogar eine typische Männergeschichte von der Unfähigkeit, Macht loszulassen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass jede/r vor uns durch diese Geschichte durchgehen muss. Denn es werden Erfahrungen erzählt, die in jedem Leben irgendwann eine Rolle spielen. Sie gewinnen Bedeutung in Situationen von Krankheit; im Alter, besonders wenn eine/r von ihrer Position nicht zurücktreten kann; in Konkurrenzsituation, wenn zwei Freundinnen, die einander gut tun, gerade weil die eine hat, was der anderen fehlt, sich um die gleiche Stelle bewerben und nun dritte ihre Unterschiedlichkeit bewerten - eine Situation, die unter feministischen Theologinnen nicht selten ist, weil die Stellenausschreibungen, bei denen Frauen eine gute Chance haben, knapp sind. Die Bibel erzählt hier von Gefühlen und Erfahrungen, die wir uns selbst schwer eingestehen können, über die miteinander zu reden noch schwerer ist.

In der Geschichte gibt es einen Punkt, der mich in besonderer Weise irritiert, aber auch nicht loslässt. Sauls Depressionen werden nämlich mit Gott in Verbindung gebracht. Die Geschichte setzt ein mit der Feststellung: "Die Geistkraft der Ewigen war von Saul gewichen, und ein böser Geist von der Ewigen her begann ihn zu umgrausen" (16,14). Da es religiöse Traditionen gibt, die behaupten, dass Unglück von Gott als Strafe geschickt wird, ist hier Vorsicht geboten. Doch ich bin davon überzeugt, dass es den Erzähler/innen nicht um eine billige Herleitung weder von Sauls Krankheit, noch von Sauls Bosheit geht. Sie zeichnen sehr genau nach, wie es dazu kommt, dass Saul von bösen Gedanken besessen wird. Der Vergleich, der Neid, die Weigerung, die eigene Zurücksetzung zu akzeptieren, treiben ihn in die Besessenheit zerstörerischer Überlegungen (18,8). Diesen Versuch der zweiten Geschichte, Sauls Bosheit aus nicht akzeptierten Verlusterfahrungen herzuleiten (18.6-9), höre ich als Hintergrund bereits, wenn am Anfang das Thema mit den Worten skizziert wird: "Die Geistkraft der Ewigen war von Saul gewichen und ein böser Geist von der Ewigen her begann ihn zu umgrausen" (16,14).

Die Erklärung, die die zweite Geschichte gibt, steht in der ersten zwischen den Zeilen. Wenn also eine psychologische Herleitung von Sauls Aggressionsausbrüchen gegeben wird, warum dann die Rede von einem Geist Gottes, die auch vor dem Mordanschlag, den Saul auf David verübt, wiederholt wird: "Ein böser Geist Gottes geriet über Saul" (18,10). Und dann wird sogar seine bösartige Raserei als prophetische Rede bezeichnet (18,10 f.):

Ein böser Geist Gottes geriet über Saul,
mitten im Haus redete er prophetisch ….
Saul warf den Speer, er sprach zu sich:
Ich will David an die Wand spießen!

Ich verstehe diese Formulierungen so, dass Saul in seiner Unfähigkeit, von seinem Selbstbild als erfolggekrönter Mann Abschied zu nehmen, zu einem öffentlichen Zeichen wird. Es gibt wie so häufig in biblischen Erzählungen eine soziologische und eine theologische Reflexionsebene. Sauls Neid ist die Ursache seiner Besessenheit, Gott aber sorgt dafür, dass dieser Zusammenhang öffentlich wird und besprechbar ist. Wenn einer nicht verlieren will, geht er sich selbst verloren! Wenn einer wie Saul seine Grenzen nicht akzeptiert, verliert er seine Grenzen völlig aus den Augen. Und auch: Wo es keinen gesellschaftlichen Raum gibt, Verlusterfahrungen zu betrauern, wird es immer Menschen geben, die der Traurigkeit verfallen und in Depressionen geraten. Gott steht dafür ein - so die Erzählung -, dass diese Konsequenz in Sauls Leben sichtbar wird. Deshalb bekommt die Geschichte von seinem Untergang auch so erstaunlich viel Raum in der biblischen Erzählung. Deshalb wird er auch in diesen Kapiteln, die von seinem Untergang erzählen, immer wieder als "GOTTES Messias" bezeichnet. D. h. Saul bleibt auch in seinem Untergang der Mensch, dessen Geschichte erzählt werden muss, wenn wir darüber nachdenken, wie menschliches Leben im Angesicht Gottes zu seiner Bestimmung findet.

Die Schattenseiten des Lebens werden in Sauls Geschichte Thema und die Gefahr, die dahinter lauert. Zum menschlichen Leben gehört die Erfahrung Sauls dazu: in die zweite Reihe treten müssen, die Trauer darüber, das Schwinden der eigenen Kräfte zu erleben. Diese Erfahrungen stehen unter der Verheißung, dass Mangel nicht hässlich ist, Traurigkeit nicht in Verzweiflung führt und wir in der Nacht nicht der Finsternis überlassen sind. Um dieser Verheißung willen wird am Anfang von Sauls Liebe zu David erzählt, die ihn aus seiner Besessenheit befreit. Dieser Anfang ihrer Beziehung widerspricht jedem Versuch, Zwangsläufigkeit und Tragik in Sauls Untergang hineinzulesen. Auch für Saul gibt es einen Ausweg. Warum plötzlich der Neid mächtiger ist als die Liebe, diese Frage beantwortet die Erzählung nicht. Eigentlich sollte dieses Scheitern der Liebe unmöglich sein. Dass es trotzdem passiert, zeigt die Macht des Bösen, mit der wir leben, über deren Herkunft die Bibel jedoch schweigt. Sie setzt dieser Macht ihre Erzählung von Sauls Untergang entgegen, in der uns zu unserer Orientierung ein Spiegel vorgehalten wird.

Insofern gehört zum biblischen Wahrheitszeugnis die Rede vom Hässlichen. Sauls Verbitterung wird nicht verdrängt, sein selbstzerstörerischer Neid nicht beschönigt. In schonungsloser Offenheit wird dargestellt, dass Saul, konfrontiert mit Zurücksetzung, Krankheit und Verlust, der Bösartigkeit anheim fällt. Gerade durch diese offene Auseinandersetzung werden die destruktiven Kräfte, die Saul zerstören, begrenzt. Die Erzähler/ innen schaffen mit ihren Texten einen Raum, in dem die Lesenden sich mit sich selbst auseinandersetzen und - mehr noch - um Saul trauern können. So kommen sie denen zu Hilfe, die in vergleichbarer Anfechtung um ihre menschliche Würde ringen. Wo wir trauern, hören wir auf, die Gefühle, mit denen Saul zu kämpfen hat, aufgrund von Scham abzuwehren oder uns ihnen in Melancholie zu ergeben. Gerade mit ihrer Rede vom Hässlichen beginnt die biblische Erzählung seine Verarbeitung und eröffnet einen Ausweg aus Verstrickung.

Klara Butting Studienleiterin von Erev-Rav, Studierendenpastorin in Lüneburg und Privatdozentin an der Universität Lüneburg

* Gekürzte Fassung eines Vortrags während des 8. Norddeutschen Forums Feministische Theologie zum Thema "Zu schön, um wahr zu sein?" am 25. 2. 2006 in Hamburg.