Eine schrecklich linke Zeitschrift

Als Professor Balaban gefragt wurde, den biblischen Einstieg für diese Nummer zu schreiben, hat er geantwortet, dass die Junge Kirche in seinen Augen "scharf links orientiert" sei und dass dies für ihn "ein schreckliches Phänomen" ist. Am Rande einer Tagung von Erev-Rav führte Gerard Minnaard mit Hanka Pfannova und Mirek Pfann, ein Gespräch über diese Einschätzung von Milan Balaban. Hanka und Mirek sind Pfarrer/in in der Nähe von Prag. Milan Balaban ist außerdem Mireks Onkel.

Ihr habt die Sätze von Milan Balaban über die Junge Kirche gehört. Wie ist der Begriff "links" für Euch gefüllt?

Der Begriff ist für uns sehr beladen. Wir haben zum Beispiel ein anderes Verhältnis zum Staat. Wir erwarten nicht, dass ein Staat ein Programm des Teilens umsetzen kann. Das wurde bei uns im 20. Jahrhundert versucht mit dem Ergebnis, dass viele Menschen gelitten haben und ungerecht behandelt wurden. Außerdem gab es am Ende nur noch Schulden. Die Frage war - und ist - für uns nicht Kapitalismus oder Sozialismus, sondern Freiheit und demokratische Kultur. Wir brauchen eine politische Kultur, die nicht nur die Macht der Mehrheit durchsetzt, sondern auch Minderheiten respektiert. Hier gibt es bei uns noch viel Arbeit. Eine gute politische Kultur braucht ein funktionierendes Recht und eine funktionierende Presse. Unser Problem ist zum Beispiel nicht, ob jemand zuviel verdient, sondern die Korruption. Die Linken im Westen haben immer Angst vor Amerika. Das ist bei uns anders, obwohl das Verhältnis zu den USA inzwischen auch bei uns komplizierter geworden ist. Trotzdem haben wir viel mehr Angst vor der Entwicklung in Russland. Putin ist kein demokratischer Politiker. Die Menschen im Westen sind sehr naiv, wenn es um Putin geht. Sie sehen seine totalitären Ansprüche nicht. Das Wegdrücken von politischen Gegnern und Andersdenkenden hat in Russland eine lange Tradition. Wir kennen diese Gefahr. Unsere Blickrichtung nach Osten hängt mit unserer Geschichte zusammen. Wir haben ein größeres Interesse für die Länder, die früher sozialistisch waren, als viele im Westen. Wir sind nur selten in Afrika oder Lateinamerika engagiert. Unser Interesse gilt vielmehr Tschetschenien, Afghanistan, der Ukraine, Weißrussland.

Hat sich an dem Begriff "links" mit der Wende, oder besser, um es mit Euren Worten zu sagen, mit der Revolution 1989, etwas geändert?

Es hat sich bei den Linken im Westen einiges geändert. Früher gab es eine Sympathie für den Sozialismus. Es wurde zwar unterschieden zwischen der Idee des Sozialismus und dem real existierenden System, aber es wurde mit den real existierenden sozialistischen Regimen sympathisiert. Das war für uns - mit den Worten von Balaban - "ein schreckliches Phänomen". Wir konnten das auf Grund unserer Erfahrungen nicht verstehen. Jetzt haben wir den Eindruck, dass "die Linken" nicht mehr mit dem Sozialismus beschäftigt sind, sondern sich einfach um die Menschen am Rande der Gesellschaft kümmern wollen. Das können wir besser verstehen. Wir denken nicht, dass es eine der Hauptaufgaben der Kirche ist, allgemeine politische Aussagen zu machen. Es gibt aber wichtige konkrete Punkte, zu denen sie etwas sagen soll. Zum Beispiel hat die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB), zu der wir gehören, sich für die Homosexuellen engagiert. Der Pfarrerverband der EKBB hat sich in diesem Jahr für die registrierte Partnerschaft gleichgeschlechtlich lebender Menschen ausgesprochen. Sie ist die einzige Kirche in unserem Land, die das getan hat. Wenn wir über die konkreten Interessen der Menschen in der Gesellschaft reden, zum Beispiel über die homosexuellen Menschen, über die Arbeitslosen, dann gibt es zwischen uns viele Gemeinsamkeiten. Dann können wir - jenseits der Begriffe "rechts" oder "links" - eine gemeinsame Sprache finden und einen gemeinsamen Weg gehen.

Mirek Pfann und
Hanka Pfannova