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Porto Alegre Der Ökumenische Rat der Kirchen, kurz Weltkirchenrat (oder ÖRK), vereinigt 347 Kirchen in über hundert Ländern der ganzen Welt und repräsentiert damit etwa 550 Millionen evangelische, anglikanische und orthodoxe Christen und Christinnen. Die Zentrale ist in Genf. Alle sieben Jahre kommt die Vollversammlung zusammen, die auch den Zentralausschuss wählt. Er umfasst 150 Delegierte und leitet den Weltkirchenrat zwischen den Vollversammlungen. Vom 14. bis 23. Februar fand in Porto Alegre (Brasilien) - unter dem Motto "in deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt" - die 9.Vollversammlung des ÖRK statt. Wir sind nicht Papst - wollen wir es sein? "I don't want WCC to be the bosses" (ich will nicht, dass der Ökumenische Rat der Kirchen der Chef ist), erklärte der Generalsekretär Sam Kobia bei einer Befragung zur Erneuerung der ökumenischen Bewegung. Er sehe die Aufgabe des ÖRK vielmehr im Multiplizieren einer neuen Haltung, mit der man sich den Anliegen der ganzen ökumenischen Familie ernsthaft annehmen könne. Mehr als ein unterstützendes und vernetzendes Forum für Kirchen und kirchliche Dienste solle der ÖRK in Zukunft wirken und mehr repräsentative und symbolische Funktionen wahrnehmen, als selber programmatisch aktiv zu sein. Nach meinen Erfahrungen in Porto Alegre, aufgrund von Reaktionen aus ökumenischen Gremien und der Beobachtung der medialen Berichterstattung drängt sich mir zuerst die Frage auf: Wissen wir selber eigentlich, was wir sein wollen - wir als ÖRK? Wir Kirchenmitglieder in Deutschland - sind wir uns klar darüber, worin unser eigenes religiöses Bedürfnis besteht, Mitglied einer weltweiten christlichen Gemeinschaft zu sein? Brauchen wir den ÖRK, weil es uns als ökumenisch lebende Christen innerlich in diese Gemeinschaft drängt - oder haben wir ganz andere Motive? Die deutlichste Erwartung, die mir hier in Deutschland entgegenschlägt, ist die nach dem Impulsgeber ÖRK. In den Tagen des Antirassismusprogramms, des Konziliaren Prozesses, ja auch noch mit der Dekade zur Überwindung von Gewalt konnten die Delegierten als Boten und Botinnen mit einem konkreten Auftrag in ihre Kirchen zurückkehren. An kontroversen Themen und herausfordernden Beschlüssen lässt sich gut weiterarbei ten. Man kann Positionen entwickeln und Methoden, diese dann möglichst einflussreich in der Gemeinschaft zu Gehör zu bringen - der ÖRK als politisch parlamentarische Plattform. Angesichts der Herausforderungen, die die Globalisierungsprozesse an uns stellen, haben sich die deutschen Delegierten wohl eine solche Plattform gewünscht - einen Diskussionsplatz, auf dem sie vor allem Stellung beziehen können zu den Vorwürfen aus dem Süden, die wirtschaftliche Ungerechtigkeit als Anfrage an das Christsein nicht ernst genug zu nehmen. Je höher und ausschließlicher die Erwartungen - umso größer ist jedoch die Enttäuschung, wenn die Welt nicht mitspielt. Die vorher verkündeten Erwartungen waren hoch gesetzt: Schafft der ÖRK es nicht, eine starke Stimme auf Weltebene darzustellen, droht ihm die Belanglosigkeit (so Landesbischöfin Margot Käßmann in einem Interview, Februar 2006). Überfliegt man die wenigen Pressetitel, so war diese Haltung wohl allgemein prägend für die Auswertung, und auch die mediale Nichtauswertung: "Nicht laut genug protestiert", "Lohnt sich der Aufwand noch?" (UK), "Untergang auf Raten?" (Publik-Forum), "Ohne Profil vor neuen Aufgaben" (Zeitzeichen) - im Allgemeinen aber vor allem Schweigen, die deutlichste Zuschreibung von Belanglosigkeit. Wird dieses Vorgehen dem ÖRK gerecht? Ist es angemessen gegenüber seinem Selbstverständnis und den ersten vorsichtigen Positionierungen, die überhaupt im Prozess der Neuaufstellung der ökumenischen Bewegung in einem globalen Kontext gemacht wurden? Ja wurden die Erwartungen überhaupt in der Hoffnung geäußert, eventuell auch erfüllt werden zu können? Angesichts der Tatsache, dass die Methoden der Konsensfindung und der Inszenierung der Plenarsitzungen, als die am häufigsten kritisierten Ursachen für die nicht stattgefundenen Diskussionen, zumindest den Delegierten schon vorher bekannt waren, erscheint mir dies zweifelhaft. Konstruktiver wäre es wohl für die Teilnehmer mit langjähriger Erfahrung gewesen, die eigene Rolle vorher den neuen Strukturen und Funktionsweisen anzupassen und dann mit engagierter Offenheit die vielfältig gegebenen Gestaltungsmöglichkeiten flexibel zu nutzen. Vielerorts ist dies in Porto Alegre geschehen, nur leider mit dem größten Makel unserer Zeit - nicht medienwirksam genug zu sein. Wenn die Vollversammlung, vor allem im Kontrast zur ausufernden Papstberichterstattung, von den säkularen Medien ignoriert wird, sollten sich die Verantwortlichen Sorgen machen, schreibt Stephan Cezanne im Publik- Forum. Entschuldigung - aber wir sind nicht Papst! Wollen wir es sein? In mindestens drei wesentlichen Punkten hat der ÖRK - nicht als Weltkirche, sondern als weltweite Gemeinschaft von vielen Kirchen - seine Rolle nach schwierigen finanziellen und strukturellen Umgestaltungsprozessen in Porto Alegre sehr gut wahrgenommen. 1. Es ist meiner Meinung nach eine verantwortungsvolle und keine ängstliche Haltung, wenn angesichts des sorgfältigen Konsultationsprozesses zu den Möglichkeiten einer gerechteren Gestaltung der Globalisierung die kontroversen und teilweise gegensätzlichen Meinungen aus Nord und Süd nicht aufeinander losgelassen, sondern behutsam in die Fortführung des Diskurses übergeleitet werden. Das ist eine Haltung, die von der ganzen ökumenischen Familie ernst genommen werden kann und sollte, so wie Sam Kobia es ausgedrückt hat. Mit einer kurzen, kontroversen und vielleicht spaltenden Diskussion wäre der ökumenischen Gemeinschaft weit weniger gedient gewesen. 2. Nach den großen Zerwürfnissen zwischen Protestanten und Orthodoxen in Harare ist es dem ÖRK gelungen, den Zusammenhalt der Kirchen nachhaltig zu stärken. Ist Harmonie denn wirklich etwas Langweiliges? In den ökumenischen Morgenandachten und konfessionellen Abendgebeten war genau die geistliche Gemeinschaft zu spüren, um die es uns als ÖRK letztlich gehen sollte. Wie das Ganze dann zunächst genannt wird, ob Andacht oder Gottesdienst, ist dabei zweitrangig. Wichtig ist, dass alle mit gutem Gewissen teilnehmen können und dass wir die Offenheit und Bereitschaft entwickeln, ein jegliches, gemeinsames konfessionelles Feiern nicht mehr als Mangel, sondern als christliche Heimat zu empfinden. Das ist für mich profilierte Ökumene. 3. Vielleicht das wichtigste Ergebnis von Porto Alegre ist die erfolgreiche Umsetzung neuer Arbeitsweisen. Die Einführung des Konsensprinzips war allein wegen seiner Komplexität ein hohes Risiko - doch es funktioniert! Auch die Einführung von thematischen Gesprächen in gleich besetzten Gruppen an drei Tagen war angesichts der vielen brennenden Fragen, mit denen wir weltweit konfrontiert sind und für die wir gegenseitig Bewusstseinsbildung leisten müssen, wirksam und sinnvoll. Hier wurden gerade die kontroversen Themen leidenschaftlich diskutiert, deren Nichterwähnung in den Plenarsitzungen oft bemängelt wird: Die Stellung der Frau in der Kirche, der Umgang mit Sexualität, Glauben angesichts neuer Technologien, Bioethik, die Bestimmung menschlicher gegenüber nationaler Sicherheit, die Fragen weltwei- ter Migration sowie neue Formen der Zusammenarbeit von Kirchen und kirchlichen Hilfswerken. Die Ergebnisse wurden strukturiert festgehalten und werden direkt in die Weiterarbeit des Zentralausschusses einfließen können. Es ist Existenzprinzip des ÖRK, immer wieder vor neuen Herausforderungen zu stehen, und sein Qualitätsmerkmal, sich dementsprechend ständig neu zu gestalten. Doch dazu muss er von uns Kirchen auch die notwendige Freiheit und Unterstützung bekommen: Wir sind ÖRK! In die Untergangsrufe kann und möchte ich deshalb nicht einstimmen. |
Christina Biere studiert in Heidelberg Evangelische Theologie. Sie war als Jugenddelegierte in Porto Alegre und wurde dort in den Zentralausschuss gewählt. |