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Porto Alegre Der Ökumenische Rat der Kirchen, kurz Weltkirchenrat (oder ÖRK), vereinigt 347 Kirchen in über hundert Ländern der ganzen Welt und repräsentiert damit etwa 550 Millionen evangelische, anglikanische und orthodoxe Christen und Christinnen. Die Zentrale ist in Genf. Alle sieben Jahre kommt die Vollversammlung zusammen, die auch den Zentralausschuss wählt. Er umfasst 150 Delegierte und leitet den Weltkirchenrat zwischen den Vollversammlungen. Vom 14. bis 23. Februar fand in Porto Alegre (Brasilien) - unter dem Motto "in deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt" - die 9.Vollversammlung des ÖRK statt. "United is no optional extra!" Ökumene als Lernort
von Kirchesein in einer globalen Welt Vereint zu sein ist kein von uns zu wählendes Extra, sondern Kern unseres Kircheseins, so drückte Desmond Tutu, ehemaliger Erzbischof von Kapstadt und Friedensnobelpreisträger, Sinn und Zweck des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) aus. "United is no optional extra!" oder etwas salopper von ihm formuliert: "The clou is that we meet eachother." Verwandlung durch Begegnung Die 9. Vollversammlung war die allererste seit der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948, die in Lateinamerika stattfand. Die Kirchen Lateinamerikas waren stolz auf ihre Rolle als Gastgeberinnen dieser Weltversammlung. Für sie war dies eine wichtige Anerkennung ihrer Arbeit und Zeichen der in den letzten 50 Jahren gewachsenen Zusammenarbeit der protestantischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen Lateinamerikas mit dem ÖRK. Galt bisher Lateinamerika mit 73 Prozent katholischer Bevölkerung als der katholische Kontinent, machte sich bei dieser Vollversammlung bemerkbar, dass die wachsende Zahl von pfingstlerischen Kirchen in Lateinamerika die kirchliche Landschaft mehr und mehr verändert. Nach Schätzungen gibt es in Brasilien 25-30 Mio. Pfingstler/innen von insgesamt 172 Mio. Einwohner/ innen. Die Lutheraner liegen bei einer Million. Der Anteil an Pfingstkirchen ist stetig am Wachsen. Entwicklungen, wie sie auch in anderen Regionen der Erde zu beobachten sind. Der Dialog mit Pfingstkirchen und Evangelikalen war ein großes Thema auf der Vollversammlung. Was vor zehn Jahren noch ein Dialog über andere war, ist längst zu einem Dialog mit anderen geworden. Einige Pfingstkirchen Lateinamerikas gehören bereits zu den 347 Mitgliedskirchen des Weltkirchenrates. Sie fordern ein, sich stärker vom Geist der Versöhnung leiten zu lassen und nicht theologische Unterschiede in den Vordergrund zu stellen. "Warum nicht auf Christen hören, die kein Verständnis für unsere Trennungen haben?", so Norberto Saraco, Vertreter der Pfingstkirchen in seiner Rede vor der Vollversammlung. Die Vollversammlung stand unter dem Thema "Gott, in deiner Gnade, verwandle die Welt", ein Gebetsruf, eine Bitte um Verwandlung. "Transformation" in all seinen Facetten, das passierte in Porto Alegre überall. Vertreter aus Afrika, die erleben, wie offen andere Kirchen mit der Aidsproblematik umgehen, während ihre eigene Kirche sich weigert, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Eine Frau vom internationalen Netzwerk EDAN mit starker Sprachbehinderung, die im Gottesdienst das Evangelium liest, stammelnd, konzentriert, würdevoll, und die hunderte von Menschen in diesem Augenblick verwandelt mit ihren kaum erkennbaren und kaum hörbaren Worten. Ein junger Orthodoxer, der bei einem Treffen mit älteren Orthodoxen fragt, warum die Orthodoxen im ÖRK seien, und zur Antwort erhält: "Wenn du einmal den anderen als Person kennen gelernt hast, dann ist es schwer, aggressiv gegeneinander zu sein." Bob Edgar, Generalsekretär des Nationalen Kirchenrates der USA, der gefragt wird, was Christen eint und was sie trennt: "Es eint sie die Leidenschaft für Frieden, Gerechtigkeit, der Kampf gegen die Armut. Es trennen sie die Dinge, die Jesus nicht so wichtig waren, wie z. B. die Frage der Homosexualität und der Abtreibung." Der Reichtum der Begegnungen auf dieser Vollversammlung lässt die Ökumene zum Lernort par excellence werden für unser Kirchesein in einer globalen Welt. Selbst kritische Stimmen aus der deutschen Delegation, die ihre Unzufriedenheit über Konferenzpapiere, Verfahren und Plenardebatten äußerten, waren sich doch einig, dass hier ein großer Reichtum der Konferenz lag. Sacharbeit statt Konfrontation Viele erwarteten, dass in Porto Alegre das Thema Globalisierung von zentraler Bedeutung sei. Bischof Huber als Moderator der Plenarveranstaltung zur Globalisierung formulierte: "Die wachsende Armut in der Welt ist für uns Christen ein Skandal." Die zentrale Frage sei, wie die biblische Option für die Armen mit wirtschaftlichem Sachverstand zusammengebracht werden könne. Dabei müssen unsere beiden Kriterien für wirtschaftliche Entscheidungen immer sein: dienen sie der Menschenwürde und ermöglichen sie kulturelle Vielfalt? "We are a global prayer and not a global player", so Huber. Die Vollversammlung verabschiedete keine eigene Stellungnahme zu diesem Thema, sondern verwies auf das sog. Agape-Dokument, das den Diskussionsprozess zu diesem Thema unter den Mitgliedskirchen zusammenfasst, und vereinbarte die kontinuierliche Weiterarbeit an dieser Fragestellung. Trotz aller Brisanz des Themas und all der Vorarbeiten und Diskussionsprozesse in den Mitgliedskirchen kam es nicht zu einer zugespitzten Globalisierungsdebatte im Plenum. Der für die Medien so wichtige Streit blieb aus. Die eigentliche Fachdiskussion fand in den Workshops statt sowie in den Unterausschüssen der Vollversammlung. Sieben Stellungnahmen wurden von der Vollversammlung verabschiedet, die eine gute Grundlage sind für die nun anstehende Weiterarbeit auf internationaler wie auch auf nationaler Ebene. Erstens eine Erklärung zu Terrorismus, Terrorismusbekämpfung und Menschenrechten. Sie warnt vor der Aushöhlung der Menschenrechte im Kampf gegen den Terror und fordert unter anderem eine Stärkung des Internationalen Gerichtshofes. Zweitens eine Erklärung zur Schutzpflicht gefährdeter Bevölkerungsgruppen in Situationen bewaffneter Konflikte. Diese Erklärung spiegelt die friedensethische Debatte im ÖRK wider nach dem Völkermord in Ruanda und führt die Diskussion um humanitäre Interventionen weiter. Bereits 2001 beschäftigte sich der ÖRK in einer Erklärung mit der Frage der sog. "humanitären Interventionen", eine Erklärung, die viel Beachtung in UN-Kreisen fand. Drittens eine Erklärung zum Recht auf Wasser. Viertens eine Erklärung zu den UN-Reformen und fünftens eine Erklärung zum Karikaturenstreit, in der betont wird, dass es sich beim Karikaturenstreit gerade nicht um einen Streit zwischen Religionen handele, sondern um einen Konflikt zwischen intoleranten säkularen und religiösen Ideologien. Sechstens eine Erklärung zur atomaren Abrüstung, hochaktuell im Blick auf die Situation im Iran, und siebtens eine Erklärung zu Lateinamerika. In den Medien war kaum etwas zu hören von diesen Stellungnahmen. "Mehr Choreographie als Theologie", dieser Ausruf des russischen Delegierten Hilarion brachte für manche den Charakter einiger Plenarsitzungen auf den Punkt. Es wurde im Plenum weniger an Papieren gearbeitet. Vielmehr wurden Themen sehr aufwendig ästhetisch, visuell, künstlerisch aufbereitet. Für manche hatte dies zu viel Kirchentagscharakter. Sie sehnten sich nach wirklichen Debatten und Raum, um gemeinsame Positionen zu diskutieren. Andere berichteten, wie etwa der Bamberger Sozialethiker Heinrich Bedford-Strohm oder die Koordinatorin der Wasserkampagne von Brot für die Welt, Danuta Sacher, dass der fachliche Austausch für sie stärker im Workshopprogramm stattfand, wo sich Kirchenvertreter und Fachreferenten zu den jeweiligen Themen international austauschten. Ein wichtiger Austausch, der zu vielen neuen gemeinsamen Schritten führt, ob zu Themen wie Bioethik, Schöpfungsbewahrung, interreligiöser Dialog, Friedenssicherung, Gewalt in Familien, HIV-Aids oder Globalisierung, um nur einige zu nennen. Ausblick Fachdiskussionen zu einzelnen Themen und ökumenische Begegnungen, das waren sicher die Stärken dieser Vollversammlung. Internationale Ökumene als Lernort von christlicher Existenz heute und Kirchesein in einer globalen Welt, so habe ich diese Vollversammlung erlebt. Dass sich im Gesamtkomplex dieser Vollversammlung kein Thema primär in den Vordergrund schob, zeigte für manche die derzeitige Schwäche des ÖRKs. Schaut man sich zu einzelnen Themen die Ergebnisse dieserVollversammlung genauer an, wie etwa die Beschlüsse zum Thema der Ökumenischen Dekade "Gewalt überwinden", so wird deutlich, dass hier vieles erarbeitet wurde und Richtlinien definiert wurden für die zukünftige programmatische Arbeit des ÖRKs. Da wurde eine internationale friedensethische Denkschrift auf den Weg gebracht, eine Friedenskonvokation zum Abschluss der Dekade 2010 beschlossen, ein Besuchsprogramm zur stärkeren Vernetzung von Aktivitäten vereinbart. Klare Arbeitsaufträge und doch: Für manche Konferenzteilnehmer und -teilnehmerinnen fehlte die Zuspitzung und für die Medien fehlte eindeutig der Streit. Ein Fernsehjournalist sagte mir vor wenigen Tagen, auch ein ÖRK müsse lernen, Debatten stark zu vereinfachen, sich auch vor Verkürzungen und Plattitüden nicht zu scheuen. Nur so funktioniere das Mediengeschäft, nur so könne man Medienpräsenz inszenieren. Wollen wir das? Ist dies unser Weg, um dem ÖRK mehr Aufmerksamkeit zu schenken? "Der ÖRK ist letztlich so stark wie seine Mitgliedskirchen", so Bischof i. R. Eberhardt Renz im März 2006 auf einer Tagung in Bad Boll. Mir scheint, dass wir deutschen Kirchen wie zu kaum einer anderen Zeit seit der Gründung des ÖRKs mit unseren eigenen Veränderungen und Problemen hier in Deutschland beschäftigt sind. Der Blick über den eigenen Kirchturm und die eigene Landeskirche wird für immer mehr Kirchen zur Luxusbeschäftigung. Dabei sind unsere Probleme und aktuellen Herausforderungen, mit denen wir als deutsche Kirchen konfrontiert sind, nur im globalen Kontext zu verstehen und zu begreifen. Der ÖRK ist und bleibt für uns der inklusivste und umfassendste ökumenische Zusammenschluss, den wir auf internationaler Ebene haben. Wenn wir unsere Aufgaben und Probleme vor Ort begreifen wollen, so brauchen wir den ÖRK als Ort der Begegnung, des Austausches und der Debatte. Er ist für uns Lernort von Kirchesein heute in einer globalen Welt, und er ist für uns Sprachrohr gegenüber Regierungen und weltweiten Organisationen. Bischof Tutu hat sicher recht, wenn er anmahnt, dass wir den heutigen Herausforderungen nur gemeinsam begegnen können: "United is no optional extra! It is indispensible for the salvation of the world." |
Heike Bosien Pfarrerin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Mitglied im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen. |