Die Bibel als Literatur
Jonathan Magonet

Eine gute Geschichte

Eine Frau, die keine Kinder haben konnte, wandert durch ein Feld und trifft auf einen Mann, der ihr seltsam vorkommt und sie mit seiner auffälligen Erscheinung beunruhigt. Er erzählt ihr, dass sie einen Jungen zur Welt bringen soll, der ein besonderes Schicksal haben wird, weshalb er unter besonderen Bedingungen erzogen werden müsste. Als die Frau nach Hause zurückkommt und dies ihrem Mann erzählt, ist dieser verständlicherweise recht skeptisch über ihre Geschichte. Glücklicherweise erscheint der geheimnisvolle Mann am nächsten Tag wieder und wartet, bis die Frau ihren Mann herbeibringt, so dass er sich mit ihm treffen kann. Je mehr der Ehemann versucht, etwas über den Fremden herauszufinden, umso ausweichender klingen seine Antworten. Erst als er in einem Feuerblitz vor ihren Augen verschwindet, glaubt der Ehemann, dass er ein göttlicher Bote war. Nun aber ist er darüber erschrocken, dass er Gott begegnet ist und gewiss bald sterben wird. Seine Frau besitzt einen gesunden Menschenverstand; sie legt ihm dar: Hätte Gott die Absicht gehabt, sie zu töten, so würde er doch kaum alle diese Umstände veranlasst haben, um ihnen Instruktionen über die Erziehung ihres künftigen Sohnes zu geben! Zur angekündigten Zeit wird der Sohn geboren.

Diese Geschichte hat alle Elemente einer Volkserzählung, einschließlich des etwas beschränkten Mannes und der klugen Frau. Die Geschichte kann man in einem bestimmten Buch finden. Wenn der illustrierte Einband eine Sammlung von "Volksgeschichten" oder "Volksmärchen" beschreiben würde, hätten wir kein Problem damit, dies als "Literatur" einer bestimmten Gattung zuzuordnen. Die Tatsache aber, dass der Einband dieses Buches, in welchem unsere Geschichte auftaucht, meistens schwarz und ohne Illustrationen ist und den Titel "Heilige Schrift" trägt, wird die Art und Weise, in der wir die Geschichte lesen, interpretieren und bewerten, total verändern. Und trotzdem ist sie nicht mehr und nicht weniger als eine gute Geschichte, was sie auch darüber hinaus noch sein mag.

Der Junge wächst auf und wird zu Samson, dem außergewöhnlichsten aller biblischen Helden. Es gibt gewisse religiöse Kreise, die - mit der Herausgabe einer neuen Bibelausgabe beauftragt - bestimmt die gesamte Samson-Sage streichen würden; zu sehr bringt sie der sexuelle Appetit und die Eskapaden des Helden, die darüber hinaus auch noch ungestraft geschehen, in Verlegenheit. Andere könnten mit allerhand Gründen die Entfernung der Geschichte aus der Bibel fordern, weil sie Gewalt zu verherrlichen scheint und auf ihrem Höhepunkt Samson Selbstmord begehen lässt, wobei er gleichzeitig Tausende von Menschen mit in den Tod reißt, eine bedrückende Vorabbildung der Schrecken, die wir in unserer Zeit erleben.

Heilige Schrift

Die Bibel enthält also Geschichten (ich beziehe mich in diesem Artikel nur auf die Hebräische Bibel: das Alte oder Erste Testament der christlichen Tradition). Aber zwischen ihren Buchdeckeln sind auch Gedichte über Liebe und Krieg zu finden, genaue Instruktionen, wie man die Ansteckungsgefahr einer geheimnisvollen Hautkrankheit untersucht und feststellt, scheinbar endlose Namenslisten, prophetische Äußerungen von großartiger Rhetorik, Gesetze über die angemessene Werterstattung, die deinem Nachbar gezahlt werden muss, wenn ein Stier, der dir gehört, einen Ochsen aus seinem Besitz mit den Hörnern aufspießt, und welchen Unterschied es macht, ob der Ochse schon vorher durch gefährliches Verhalten aufgefallen war oder nicht, göttliche Gebote mit dem Inhalt, ganze Bevölkerungen auszulöschen, die nicht toleriert werden können, Familiendramen, Tragödien und Trostworte, die unsere qualvolle menschliche Realität spiegeln, manchmal aber auch Hoffnung erwecken; die Politik, Diplomatie und Hartherzigkeit von Königen, die große Bestürzung und Hoffnungslosigkeit von Flüchtlingen im Exil; die radikale Skepsis eines älteren Wissenschaftlers über die Unmöglichkeit, die menschliche Natur je verstehen zu können; Trostworte geben die Gewissheit, dass Gott denen nahe ist, die leiden; eine endlose Vielfalt von Bildern des eifersüchtigen, zorni- gen, fürsorglichen und leidenschaftlichen, des unsichtbaren, unbekannten und doch immer gegenwärtigen Gottes der Vergangenheit, der Gegenwart und auch der kommenden Generationen. Ist also die Hebräische Bibel Literatur? Ist sie nur Literatur? Mehr als Literatur? Ist sie ein ausführlicher Leitfaden für Anweisungen, die unbefragt zu befolgen sind? Bietet sie uns ein äußerst schwieriges Puzzle dar, das wir mühsam entwirren müssen? Ist sie göttlich, göttlich inspiriert oder einfach Menschenwerk? Nur wenige Jahrhunderte vor uns hätten solche Fragen nicht einmal gestellt werden dürfen. Sie hätten die schlimmste Art von Häresie oder Blasphemie dargestellt, die man nur unter Lebensgefahr in zahlreichen Gesellschaften und Situationen hätte äußern dürfen. In einem Universum mit Gott als Mittelpunkt, wo alle Instrumente gesellschaftlicher Autorität und Macht direkt oder indirekt innerhalb einer Art religiösem System funktionierten, untergrub jeder diese Autorität und Macht und letzthin auch die ganze kosmische Ordnung, wenn er die Heilige Schrift infrage stellte.

Die Angriffe der Aufklärung, der Säkularisierung und des Humanismus sowie die Privatisierung der Religion haben nicht nur dazu geführt, dass solche Fragen gestellt werden dürfen. Vielmehr sind gerade die radikale Infragestellung und Skepsis oft der Beginn einer neuen Begegnung mit der Bibel. Umgekehrt fühlen sich manche religiösen Gemeinschaften in ihren Sicherheiten gefährdet, wenn solche Fragen gestellt werden; sie bestreiten deshalb die Möglichkeit solcher Fragen und widersetzen sich ihnen vehement. Ist es nun so, dass beide Arten von Reaktionen, die Anerkennung solcher Fragemöglichkeiten oder ihre Bestreitung schon den tragischen und bedauernswerten Verlust biblischer Autorität aufzeigen? Oder ist es gar möglich, dass sie Antworten auf eine große Befreiung sind, die uns erlaubt, darüber zu entscheiden, ob wir mit der Bibel in einen Dialog treten und dabei den unermesslichen Reichtum an möglichen Zugängen erproben wollen? Muss die Bibel verteidigt werden oder trauen wir ihr zu, dass sie stark genug ist, um jeder Art von Modernität zu begegnen, die sie angreifen möchte? Traurigerweise stellen wir eher eine totale Gleichgültigkeit allem gegenüber fest, was zwischen diesen heiligen schwarzen Buchdeckeln erscheint, oder schlimmer noch, dass einzelne Teile aus dem Zusammenhang gerissen und zynisch zitiert werden, umdadurch nicht nur die Irrelevanz der Bibel, sondern auch ihre Illegitimität in der gegenwärtigen Welt zu beweisen.

Text und Kontext

Vor mir liegt eine aufgeschlagene Seite dieser biblischen Texte in hebräischen Buchstaben. Wenn ich will, kann ich ein Dutzend verschiedener Übersetzungen und Kommentare öffnen, die alle damit bemüht sind, zu verstehen, was hier aufgeschrieben wurde. Die Verantwortung liegt nun ganz bei mir und nicht bei irgendeiner Autorität, die mir erzählen könnte, was ich zu verstehen habe. Doch ist diese erste Handlung eine eindringliche Erinnerung daran, dass jeder Text für viele Verständnisweisen in seinem eigenen sprachlichen, historischen und kulturellen Kontext offen ist. Und jeder Versuch, ihn in eine ganz andere, nämlich die heutige Welt hinein zu übersetzen, macht die Schwierigkeiten noch größer, den Text zu verstehen. So habe ich also meine eigene Verantwortung in diesem Meer von verschiedenen Meinungen, und das ist nicht viel anders als die Weise, wie ich die Welt um mich herum, meine Beziehung zu ihr zu interpretieren habe und all das, was mir täglich begegnet. Diese Verantwortung kann mich ängstigen, oft aber auch erheitern. Können die Werkzeuge, die ich durch mein Bibelstudium erhalte, kann auch mein Leben mit seinen Unsicherheiten mir wiederum Hilfen für meinen Alltag und die Zeit meines gesamten Lebens geben?

"Auch wir sehnen uns in unserem täglichen Leben danach, dass unsere Entscheidungen, unsere Entschlüsse, unsere Unsicherheit, unser Reden zu einem Ende kommen mögen. Aber wir wissen auch meistens, dass das Leben solch ein Ende nicht vorsieht; wir werden immer umgeben bleiben von Unsicherheiten. Es ist ganz außergewöhnlich, wenn ein heiliges Buch ausgerechnet dies in seiner Dramatik vorführt, eher als dass es uns die Sicherheiten gibt, die wir so gerne hätten. Und doch tut die Hebräische Bibel gerade dies." (Gabriel Josipovici)

Natürlich bin ich in keiner dieser Situationen vollkommen allein, denn im Leben gehöre ich zu einer Gemeinschaft, sei es zu der Familie oder zu Freundinnen und Freunden. Und zugleich kann ich vom Bücherregal in meiner Bibliothek die engagierten Texte und Interpretationen von Generationen derer zu Rate ziehen, die vor mir gelebt haben. Die größten Geister von mehr als zweitausend Jahren sahen es als ihre höchste Aufgabe an, mit ihren eigenen Fragen in diese biblische Welt zu treten und nach Klärung zu suchen über das, was dort geschieht; zugleich auch die Leitlinien für das zu suchen, was dies für ihr eigenes Leben bedeutete. Keineswegs trieb sie eine milde antiquierte Neugier gegenüber einem alten Text. Für sie galt: Was dieser Text sonst noch darstellen mochte, es war jedenfalls in irgendeiner Weise das Wort Gottes. Und so musste dieses Wort einen Einfluss darauf bekommen, wie die Gesellschaft ihren Weg in der bestmöglichen Weise zu finden hatte. In diesem Prozess des Fragens und Infragestellens führte jeder dieser vergangenen "Leser" seinen eigenen Dialog; nicht nur mit dem Text selbst, sondern auch mit allen vorangegangenen Kommentatoren: eine zutiefst ernsthafte Konversation, die über Jahrhunderte hin geführt wurde. Und ob nun Zustimmung oder Ablehnung dessen, was andere gesagt hatten, zum Ausdruck kam, gab ihre Anwesenheit allen Schlussfolgerungen ein besonderes Gewicht. Vor allem mussten sie, wie ich es heute tun muss, zu den Werten, Gedanken und Herausforderungen ihrer eigenen Zeit und ihrer eigenen Situation sprechen. Denn wie auch immer ich das Wesen der Bibel verstehen mag, sie bleibt nur insoweit ein Buch der Offenbarung, wie ich mich ihr verpflichtet weiß.

Die Stimme Gottes

"Wende sie (die Worte der Bibel) und wende sie hin und wende sie her, denn alles ist darin enthalten." (Sprüche der Väter 5,26)

Sich auf dieses Buch einlassen heißt nicht, alles, was es enthält, zu bejahen oder gutzuheißen. Wenn ich lese, wie Jakob seines Bruders Erstgeburtsrecht stiehlt, muss ich mich dann einfach mit ihm identifizieren und sein Verhalten entschuldigen, weil er der Held der Geschichte ist? Oder sollte ich nicht zwischen den Zeilen lesen, um die Ansichten des Autors zu suchen und zu entdecken, in welch subtiler Weise Jakobs Handlungen letztendlich doch auf ihn selbst zurückfallen. Oder sollte ich zu verstehen versuchen, wie es kommt, dass Gott solch ein schwaches menschliches Wesen auserwählt als den Träger einer göttlichen Aufgabe? Jakob wird sich verändern, ohne dass er aber die besondere Natur verliert, die er darstellt; in einem Augenblick ist er noch Jakob, im nächsten Israel, der immer mit seinem eigenen Engel in den dunkelsten Stunden der Nacht kämpft. Wenn er schwach ist, so kann Gott ihn doch geduldig ertragen und gebrauchen. Und vielleicht kann ich, der ich auch ein schwaches menschliches Wesen bin, in Jakobs Geschichte eine Aufgabe für mich selbst finden.

"Jeder Leser ist, während er liest, zugleich der Leser seines eigenen Selbst. Die Aufgabe des Schreibers ist vor allem, seinem Leser ein optisches Instrument darzureichen, um ihn dadurch zu befähigen, das wahrzunehmen, das er ohne dieses Buch vielleicht niemals für sich selbst begriffen hätte." (Marcel Proust)

Warum sollte gerade die Bibel das Buch sein, das die Tür zu solchen Entdeckungen öffnet? Die Antwort ist natürlich, dass es nicht notwendigerweise so sein muss. Sonst würde Befreiung zur Illusion. Aber die Vielfältigkeit der Bibel, ihr umfassender Reichtum, ihre selbstkritische Ehrlichkeit, ihre ärgerliche Undefinierbarkeit, ihre Offenheit und die tief verwurzelte Überzeugung, mit der sie zusammengestellt, bearbeitet, herausgegeben und hartnäckig von Menschen bewahrt wurde (trotz der Erfahrung von Zerstörung und Exil!), all dies gibt ihr eine Wirkung und eine Herausforderung, die nur wenige andere Bücher herzuvorbringen vermögen.

Und vor allem: die, die es schrieben, die, die es über die Jahrtausende hin studierten, wussten mit absoluter Gewissheit, dass sie in seinen Seiten die Stimme Gottes finden konnten. Heute mag es so sein, dass wir nur sicher sind über deren damalige Gewissheit, diese selbst aber nicht vollständig nachempfinden können. Doch es mag genügen, dass wir den Wunsch verspüren, wieder eine neue Seite dieses Buches aufzuschlagen.

Jonathan Magonet, Professor, Rabbiner und ehem. Rektor des Leo Baeck Colleges für Jüdische Studien in London