Ein Schrei um Hilfe aus einem verheißenen Land
Jadallah Shihadeh

Ich habe nach den Wahlen gemischte Gefühle. Einerseits bin ich traurig, ein Palästinenser zu sein. Andererseits bin ich stolz, dass wir demokratische Wahlen ohne Betrug hinter uns haben. In dieser Hinsicht sind wir neben Israel einzigartig im ganzen Nahen Osten. Diese Leistung des palästinensischen Volkes muss gewürdigt werden.

Was mich wundert, ist, dass Israel, Amerika und die Europäische Union bei den Palästinensern auf Demokratie drängen, aber dann, wenn das Ergebnis anders ausfällt, als sie es sich vorstellen, das gesamte palästinensische Volk bestrafen wollen. Man kann das ganze palästinensische Volk nicht mit der Hamas gleichstellen. Ich bin kein Hamas-Anhänger und ich werde es nie werden. Warum will man die gemäßigten Menschen in Palästina bestrafen?

Islamische Wiedergeburt

Seit Jahren können wir das Phänomen einer islamischen Wiedergeburt bzw. einer islamischen Erneuerung beobachten. Viele Muslime und Musliminnen finden wieder zur Religion. Hier finden sie die Geborgenheit, die sie brauchen. Tausende gehen regelmäßig in die Moscheen. Tausende halten die Gebets- und Fastenzeiten. Wir Christen können uns daran ein Beispiel nehmen.

Trotzdem gilt, dass die meisten palästinensischen Wähler und Wählerinnen in den vergangenen Jahren keine Radikalisierung wollten. Wir sollten uns daran erinnern, dass 95 % der Palästinenser/ innen seit dem Oslo-Abkommen (1992) für die Verhandlungen und für die Anerkennung des Staates Israel gestimmt haben. Die meisten haben damals die bestehenden Vereinbarungen und Verpflichtungen akzeptiert. Sie haben Arafat und seine Regierung umjubelt und sich von ihm erhofft, dass er sie in die Freiheit führt und sie in ihrem eigenen Staat leben können. Doch das war leider nur eine Illusion: Die Regierung ist korrupt. Der Staat ist nicht da. Das Volk lebt in Armut und in einem Freilicht-Gefängnis. Der Lebensstandard der Palästinenser hat sich immer wieder verschlechtert. Die politische Lage hat für die Hoffnungen der Menschen keinen Raum gelassen. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, wenn sich radikale Elemente ausbreiten.

Das palästinensische Volk hat mit seiner Wahl reagiert wie ein Ertrunkener, der sich an einem Strohhalm festhält. Hamas spricht in schlichten Worten, die der einfache und arme Palästinenser, der seine Familie nicht ernähren kann, sehr gut versteht. Die Lösung lautet: Alislam howa Elhal; d. h. "der Islam ist die Lösung". Dass man mit Slogans nicht regieren kann, wird Hamas bald merken. Es sieht deshalb momentan nur so aus, dass Palästina von radikalen Gruppierungen regiert werden wird. Hamas wird an ihrer Radikalität ersticken. Sie wird ihr Programm nicht erfüllen (können). Die Folge wird sein, dass sie in der nächsten Wahlperiode gar nicht mehr im Parlament oder mit deutlich weniger Abgeordneten vertreten sein wird.

Die Radikalisierung der Palästinenser/ innen ist eine Trotzreaktion auf die Politik Israels, auf das Schweigen Amerikas und der Weltgemeinschaft. Die israelischen Politiker haben vor den Wahlen immer wieder gesagt, dass sie Hamas nicht akzeptieren werden. Sie haben gewollt oder ungewollt - ich meine "gewollt" - Wahlpropaganda zugunsten von Hamas gemacht. Wenn es rechtzeitig zu einer politischen Lösung gekommen wäre, hätten die Menschen für eine Radikalisierung kein Verständnis gehabt.

Optionen für die Zukunft

Wie kann der Wechsel von Fatah zu Hamas aussehen? Werden die beiden kooperieren? Nein! Solange Hamas ihre Prinzipien nicht ändert, werden Fatah und Hamas nicht kooperieren. Hamas will nicht auf Gewalt verzichten, sie will Israel nicht anerkennen und die bestehenden Vereinbarungen und Verpflichtungen nicht akzeptieren. Das sind Prinzipien, die für die Fatah-Partei verbindlich sind. Deshalb wird es keine Partnerschaft zwischen Hamas und Fatah geben.

Außerdem sollten wir unsere Hoffnungen nicht nur auf Fatah setzen. Die Geschichte hat gezeigt, dass Fatah alles andere als eine Hoffnungsträgerin für das palästinensische Volk war. Es gibt viele andere Menschen und Werke, die unabhängig von Fatah agieren und die die gleichen Prinzipien verteidigen. Diesen Organisationen und diese Menschen sollen unterstützt werden. Sie zu stärken, könnte einen Hoffnungsschimmer für mein Volk bedeuten. Ein anderes Verhalten der Weltgemeinschaft würde die gemäßigten Kräfte bestrafen und die radikalen Kräfte belohnen. Denn es wird den "Radikalen" an nichts mangeln; auch wenn Israel und die Weltgemeinschaft mit finanziellem Sanktionen drohen.

Israel will Demokratie, aber wenn das Ergebnis anders ausfällt, als man wünscht, droht man, die Regierung nicht anzuerkennen. Was erwartet Israel? Demokratie oder Wahlbetrug? Laut allen Beobachtern waren die Wahlen fair und korrekt.

Ich vermute, dass Israel will, dass es zu einem politischen Stillstand kommt. Israel kann dann weiter seine Mauer bauen und den Bau der Siedlungen vorantreiben. Es wird versuchen, eine eigene Lösung für Palästina zu erreichen. Eine Lösung ohne Partnerschaft mit den Palästinenser/innen. Das palästinensische Volk wird verarmen, und Israel kann behaupten, dass die Menschen es unter der Herrschaft Israels besser hatten. Man wird behaupten, dass man den Palästinensern eine Chance gegeben hat, dass diese aber nicht für sich selbst sorgen können. Vielleicht erfolgt dann sogar eine Wiederinbesitznahme des Landes. Israel hat ja die stärkste militärische Macht des Nahen Ostens.

Die christliche Gemeinde

Unsere Gemeinde ist geschockt über das Wahlergebnis. Wir fürchten eine Radikalisierung des Islam. Ein Leben unter den Gesetzen der Sharia wäre für uns unerträglich, ja unakzeptabel. Wenn es so weit kommt, werden wir diese "Gesetze" bewusst durchbrechen, um das Gesetz der Vernunft und der humanen, freundlichen Menschheit wiederherzustellen. Ich hoffe, dass dieser Fall nicht eintritt, denn es wäre eine gefährliche Konfrontation zwischen Staat und Kirche. Gefährlich ist allerdings, dass es viele fromme, evangelikale Christ/innen gibt, vor allem aus Amerika, die dem Islam verächtlich gegenüber stehen.

Was unsere Situation außerdem erschwert, ist, dass viele junge Menschen dabei sind, auszuwandern. Die dynamische Kraft, die wir für unsere Projekte brauchen, geht uns allmählich verloren. Mein Hilfeschrei ist darauf gerichtet, dass Sie uns in dieser bedrohlichen Situation nicht allein lassen. Wir brauchen Ihre Unterstützung durch Gebet und Tat.

Die Abrahams-Herberge steht nach wie vor hinter den Prinzipien des Oslo-Abkommens. Das Anliegen des Projektes hat sich nicht geändert: Das Glück des einen Volkes hängt vom Glück des anderen Volkes ab. Oder: Der Segen des einen Volkes hängt vom Segen des anderen Volkes ab. Bis jetzt erleben wir keine Feindseligkeiten seitens der "Radikalen", und wir hoffen natürlich, dass es so bleibt. Aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Notlage kann es aber in unserer Gesellschaft leicht zu Spannungen, Brüchen und Spaltungen kommen. Die Bruchlinie, die sich dafür anbietet, ist der Unterschied zwischen den beiden großen Weltreligionen Christentum und Islam.

Jahrhunderte lang haben wir in einer Gesellschaft zusammengelebt und diese gestaltet. Jetzt entwickeln wir Vorbehalte gegenüber einander. Wir Christen, aber auch die vielen gemäßigten Glaubensgeschwister im Islam, haben Angst vor den Islamisten - und Angst führt leider zu unvernünftigen Entscheidungen: böse Worte dem anderen gegenüber, Einkapselung in den eigenen Glaubensgemeinschaften, Auswanderung.

Unsere Erwartungen

Die Geschwister weltweit sollten sich mehr denn je auf unsere Seite stellen. Sie dürfen uns nicht aufgeben und nicht verzweifelt sein, dass die Lage so ist, wie sie ist. Sie sollten sich zu uns bekennen, denn davon hängt unser Leben ab. Sie mögen uns ihr Herz öffnen - für uns beten. Aber nicht nur das: Wir hoffen, dass sie ihre Taschen öffnen und uns Spenden zukommen lassen. Ohne ihre Unterstützung werden wir irgendwann aufgeben müssen, da wir den Druck allein nicht aushalten können. Wir laden die Leserinnen und Leser der Jungen Kirche ein, uns in verstärktem Maße zu besuchen. Meiden Sie uns nicht mit dem Argument, dass die Radikalen hier regieren. Ihr Besuch, Ihr Engagement setzt Kräfte in uns frei und zeigt, dass wir in unserer schlimmen Lage nicht allein sind.

Jadallah Shihadeh, Pfarrer der Gemeinde der Evangelisch- Lutherischen Kirche der Reformation, die mit fünf anderen Gemeinden zur Evangelisch- Lutherischen Kirche von Jordanien/Palästina gehört.