Imperium und Religion: Evangelium, Ökumene und Prophetie für das 21. Jahrhundert
Nancy Cardoso

Eine prophetische Theologie

Als Janis Joplin in den sechziger Jahren sang: "Oh Gott, warum kaufst Du mir nicht einen Mercedes- Benz?", wirkte es eher wie ein harmloser Spaß. Dennoch war ihre Frage auch prophetisch und verurteilte im Voraus eine Tendenz des westlichen Christentums: unersättlichen Konsumismus. Einige Strömungen des Christentums sind heute vollständig von einer Spiritualität der Marktwirtschaft besessen. Die Gebete wechseln zwischen der Bitte zu Gott um einen Mercedes Benz und in manchen Fällen dem Anruf: "Oh Mercedes-Benz, kauf mir einen Gott!" oder sogar: "Sei mein Gott!", als ob materielle Güter den Zugang zu einem erfüllten Leben verschaffen könnten. Die Gottheiten, die sich um unser tägliches Brot streiten, ernähren sich nicht nur von der totalen Kontrolle über die Produktionsprozesse und die Verteilung von Lebensmitteln, sondern sie bestimmen auch den Verbrauch, indem sie schnell wechselndes Fast-Food anbieten. Heute wird der Weltmarkt der Agrarprodukte, im Besonderen des Getreides, sowie der Milch- und Fleischprodukte von nicht mehr als zwanzig transnationalen Unternehmen mit Sitz in den USA und Europa kontrolliert: "Unser tägliches Brot gib uns heute, oh Monsanto, Cargill, Swift, Anglo, ADM, Nestlé, Danone, Syngenta, Bunge."1

Wie im Himmel so auf Erden bestraft der globalisierte Kapitalismus - oh unergründliches metaphysisches Geheimnis - die Landwirt/innen der armen Länder und behandelt sie wie ewige Schuldner/ innen. Zur gleichen Zeit werden den reichen Ländern ihre Schulden, die sie in der Landwirtschaft gemacht haben, in Form von Subventionen, Tarifen oder Freihandelsverträgen erlassen. Und da ist niemand, der uns vom Bösen befreit.

Die letzte Runde der Welthandelsorganisation (WTO) in Hongkong hat gezeigt, dass die Zentren des Agrobusiness der USA und Europas nicht in Versuchung geführt wurden und sie weiterhin die Interessen ihrer landwirtschaftlichen, industriellen und Dienstleistungs-Sektoren verteidigen. Die Arbeiter/ innen Koreas, Indiens, Brasiliens und anderer Länder wissen, dass die Regierungen, die in Hongkong verhandelten, keine Legitimation besaßen, um dies in ihrem Namen zu tun.

Die kapitalistischen transnationalen Unternehmen wollen mehr: das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit, indem sie den Boden, das Wasser und das Saatgut kontrollieren. Sie sind schon die Herren über die Arbeit, jetzt möchten sie die gesamte Welt und ihre Lebewesen kontrollieren und monetarisieren.

Geheiligt werde der Name der Patente und der Technologien, die in das Innerste des Lebens eindringen, seine Möglichkeiten und Verletzlichkeiten erforschen und Profit erzielen durch Medizin, chemische, biologische und genmanipulierte Produkte. Geheiligt werde der Name der Kampagnen, die als ökologisch, solidarisch, Kinder schützend und erziehungsfördernd erklärt werden in einem Kunststück, das die Gefräßigkeit der Profitlogik zu maskieren sucht. Es werden falsche Nichtregierungsorganisationen gegründet, ethische Reden geschwungen, Aktionen und gemeinschaftliche Initiativen finanziert, die nicht nach dem Profit und den dahinter liegenden Motiven fragen.

Abgesehen davon, dass Krieg Leben nicht achtet, erfüllt er seine Rolle gut als Garant für günstige Ressourcen und Arbeit, für erweiterte und gesicherte Märkte. Er befriedigt so den unersättlichen Hunger des Kapitals und dessen Passion, andere zu versklaven. Das Geld liebt den Profit leidenschaftlich und toleriert kein Hindernis, keine Grenzen oder Regeln. Mein Reich komme! ruft der Kapitalismus. Er sitzt auf seinem göttlichen Thron im Herzen der Welt und hält sich für Gott:

Der Hochmut hat sich seines Herzens ermächtigt und das Kapital sagte: "Ich bin ein Gott!, auf einem Göttersitz throne ich mitten im Meer" ... Du bist weise und kein Geheimnis ist dir verborgen. Mit deiner Weisheit und Intelligenz hast Du Reichtümer erworben, Du hast Gold und Silber angesammelt in deinen Tresoren. Deine Expertise im Handel ist so groß, dass Du dein Vermögen vervielfacht hast und mit dem Wachsen deines Reichtums hochmütiger geworden bist. Du hast dein Herz mit dem Herzen Gottes gleichgesetzt. Aufgrund der vielen Geschäfte hast Du deine Taschen voll gestopft mit Gewalt und Sünde. Dein Herz rühmt sich deiner Schönheit und deine Weisheit ist korrumpiert durch deinen Glanz. Aufgrund deiner großen Ungerechtigkeit und deines unehrlichen Handels hast Du den heiligen Ort entweiht. (Ez 28, 2-6)2.

Die Prophezeiung von Ezechiel hat genügend Kraft, um klar und direkt zu sagen: Du bist nur ein Mensch! Du bist nicht Gott! Wer ist heute noch in der Lage, solche Theologie und Prophetie zu entwickeln? Wer kann den transzendenten Charakter, der einem sozialen Phänomen übertragen wird, verurteilen und bekämpfen, diese Illusion, dass Dinge, wirtschaftliche Systeme ewig und natürlich sind? Das hegemoniale wirtschaftliche System verändert sich vor unseren Augen und ist nicht länger ein soziales Phänomen in einem bestimmten historischen Moment; vielmehr werden die Welt und ihre Lebewesen, die persönlichen Beziehungen und die menschlichen Errungenschaften in Waren verwandelt; Handel und Geschäfte beanspruchen eine eigene unhinterfragbare Existenz und werden zu einer Bewegung, die uns ergreift. Sie setzt Ungleichheit und Gewalt fort, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Die Wirtschaft und ihre Art von Beziehungen beherrschen die Menschheit, statt dass es umgekehrt ist. Wenn wir das wirtschaftliche System als historisches, von Menschen gemachtes Werk begreifen und beurteilen würden, sähen wir deutlicher, dass es selbstverständlich auch überwunden, kritisiert und umgestaltet werden kann.

Unsere Theologien und pastoralen Tätigkeiten wirken müde und leer. Das ökonomische System hat von der westlichen Religion Besitz ergriffen und lässt den Kirchen mehr oder weniger großzügige Spielräume. Vor ihnen liegt die einfachste Option, sich als integraler Bestandteil in das kapitalistische System, das alle Bereiche für sich beansprucht, einzupassen. Sie tun dies, indem sie religiöses Gut wie Waren und Dienstleistungen anbieten, und zwar in Form von mächtigen fundamentalistischen Botschaften oder charismatischen Spektakeln mit Marketingcharakter, die Wohlstand verheißen.

Hier gilt, die schwierige und notwendige Option zu wählen. Wir müssen wieder lernen zu sagen: "Aufgrund deiner großen Ungerechtigkeit und aufgrund deines unehrlichen Handels hast Du den heiligen Ort entweiht." Die Welt und ihre Lebewesen, die Völker und ihre Kulturen, die Erde, das Wasser und das Saatgut … alles, was belebt ist, ist heilig! Kein wirtschaftliches System, das Ungerechtigkeit bewirkt und unehrlichen Handel fördert, kann im Namen Gottes gesegnet, legitimiert oder toleriert werden.

Die Evangelien, das Gesetz und die Propheten, die in unserer christlichen Tradition eine wichtige Rolle spielen, fordern von uns, dass wir Gott in der gesamten bewohnten Welt - Oikumene - bezeugen. Konkret bedeutet das, wir engagieren uns im Kampf um Recht und Gerechtigkeit, deren Verwirklichung die Welt und die Menschheit vollkommen machen.

Die Theologie, die wir heute betreiben, ist jedoch steril, weil sie versucht, sich hinter systematischen und exegetischen Allgemeinheiten zu verstecken. Sie führt uns nicht dazu, dass wir Dinge beim Namen nennen, dass wir auswählen, Vorlieben äußern, Partei ergreifen, Dinge ablehnen, uns aufregen, etwas anklagen, widerstehen.

Die Beziehungen des Lebens

Am Anfang von allem wurde die Welt geordnet, getrennt in Himmel, Wasser und Erde. Alles Geschaffene wurde miteinander in Beziehung gesetzt: die Zeit und ihre Teilung in Tag und Nacht; das Trockene und das Nasse; die Tiere auf dem Land und in der Luft; Lebendiges in tierischer und pflanzlicher Form.

Die Erde lasse wachsen Gras und Kräuter, die Samen tragen, und Fruchtbäume, die nach ihrer Art Früchte auf die Erde bringen, in denen ihr Same ist. Und so geschah es. (Gen 1,11)

Und Gott sprach: Alles lebe! Und alles lebte, war einander ähnlich und verschieden, war Frage und Antwort, folgte nacheinander und existierte gleichzeitig. Alles lebt und alles ist gut. Das gesamte Genesisbuch untersucht immer wieder neu die Frage nach den sensiblen Beziehungen des Lebens - zwischen den Lebewesen und ihren natürlichen Begrenzungen durch Erde, Wasser und Feuer, innerhalb von Räumen, begrenzt durch den Körper der Erde, die Pflanzen und Tiere, durch den menschlichen Mund und seinen Hunger. Der Hunger der Welt, der Hunger eines menschlichen Körpers verändert die Beziehungen zwischen den Geschöpfen. Durch den Hunger beginnen Menschen die Welt näher zu betrachten. Sie entwickeln Formen von Arbeit und dazu gehörigen Techniken. Der Hunger ist das begierige Sehnen der Welt, der Wunsch nach mehr: Leben. Der Hunger errichtet die kritische und schöpferische Beziehung der Lebewesen mit dem Körper der Welt. Und Gott sah, dass alles gut war.

Ausgehend von diesen Schöpfungsordnungen besteht der Bibeltext darauf, die notwendigen, aber schwierigen Beziehungen zwischen dem Körper der Welt und seiner Vegetation mit den menschlichen Körpern und ihrem Hunger darzustellen. Das Genesisbuch erzählt von mehreren Hungerkrisen, die zu Beginn der Wanderungen von Abraham, Isaak und Jakob stehen. Nach Ägypten zu gehen wird immer als Folge des Hungers dargestellt:

Es gab eine Hungersnot im Land; Abraham ging hinunter nach Ägypten, um dort zu bleiben, denn der Hunger war groß im Land. (Gen. 12,10)

Im folgenden Abschnitt informiert der Text darüber, dass "das Land [es nicht] ertrug …, dass sie alle beieinander blieben" (Gen 13,6). Der begrenzte Zugang zu Überlebensressourcen wird als Motiv dafür dargestellt, dass die Menschen in kleinen Familiengruppen zusammen bleiben, die Vieh hüten. Die Menschen damals und ihre Erinnerungen wurden außerdem durch Nahrungsunsicherheit geprägt. Das hatte seine Gründe in dem Einfluss der Imperien, die bestimmte politische Strategien für die Landwirtschaft und das Land verfolgten.

Kain und Abel

In diesem Zusammenhang ist die Erzählung von Kain und Abel fundamental. Der Text ruft verschiedene Lebens- und Arbeitsweisen sowie Gottesbeziehungen in Erinnerung. Abel war Schafhirte und Kain bearbeitete den Boden. Das ist die einzige Information, die der Text uns gibt: Es gab zwei Arten, die Beziehungen zur Erde, zur Arbeit und zu anderen Menschen zu gestalten.

Opfergaben - Kain bietet Früchte des Landes als Opfer an und Abel opfert einige seiner erstgeborenen Tiere und bietet ihr Fett dar. Gott findet Gefallen an Abel und seiner Gabe. Kain und seine Gabe gefällt Gott nicht. So einfach ist das. Es wurden schon diverse Erklärungsversuche für diese Situation gegeben. Warum hat Gott Abel und seine Opfergabe bevorzugt? Die Gaúchos und die Gaúchas3 hier in Rio Grande do Sul könnten diese Erzählung so deuten, dass Gott auch Gaúcho ist und deshalb lieber Churrasco4 wählte! Aber vielleicht müssen wir alternative Interpretationen suchen.

Meine Annahme ist, dass der Text an zwei unterschiedliche Arten des Lebens, der Organisation von Arbeit und der Beziehungen im Altertum erinnert. Wenn Kain Repräsentant für die Landwirtschaft ist, dann muss er als Teil eines wirtschaftlichen Ausbeutungssystems verstanden werden, das auf erzwungener Arbeit und Abgaben beruhte und wahrscheinlich in Verbindung mit den Stadtstaaten Kanaans stand, die wiederum von Ägypten beeinflusst waren. Abel repräsentiert die Gruppen, die sich sozio-ökonomisch anders organisierten und nicht durch die Stadtstaaten, ihre Zwangsarbeit und ihr Abgabesystem monopolisiert waren. Der Hirte Abel muss unter der kanaanäischen Bevölkerung auf der Hochebene gesucht werden, wo Menschen Widerstand leisteten und mit Hilfe von kleinen Feldarbeiten und als Hirtennomad/innen überlebten.

Das Wichtige ist, dass Gott auswählt. Gott macht deutlich, dass er diese Lebensweise der anderen vorzieht. Das erklärt den Konflikt. Kain Nancy Cardoso im Gespräch mit Bärbel Fünfsinn wurde sehr wütend und senkte sein Gesicht. Gott sagte:

Wenn du gut handelst, dann kannst du mit erhobenem Kopf gehen. Aber wenn du nicht gut handelst, dann lauert die Sünde schon vor der Tür wie ein Raubtier5, das bereit zum Angriff ist. Ob du es beherrschen kannst? (Gen 4,6 f.)

Hätte Gott beide Opfergaben angenommen, wäre die Gewalt, das wilde Tier, verborgen geblieben, das hinter der einen Gabe steckt. Aber der Gott in dieser Erzählung verweigert es, die Opfergabe als rechtmäßig anzuerkennen, die Frucht einer gewaltsamen Handlung und der Sünde ist. Kain verlässt mit gesenktem Kopf das Opferritual. Er wurde zurückgewiesen. Nein! Kain kann nicht die Gewalt, die zu seiner Art des Lebens gehört, beherrschen. Das Ritual dient eigentlich dazu, die Arbeitsmethoden zu bewerten, zu prüfen, auszuwählen und eine klare Entscheidung zu treffen!

Kain erträgt es nicht, ohne die göttliche Rechtfertigung zu leben. Er ruft Abel, mit ihm aufs Land zu gehen, denn letztendlich geht es darum: um Land! Kain tötet Abel. Mehr sagt der Text nicht. Offensichtlich entschied sich Kain dafür, Abel umzubringen, als Gott ihn zurückwies. So gesehen wäre Gott mitschuldig! Oder die Gewalt gegen Abel war schon Teil von Kains Opfergabe und deshalb gefiel sie Gott nicht. Kains Art zu leben und seine Produktionsweise schlossen die Verneinung von Abels Leben und das anderer Gruppen ein. Aus diesem Grund wurde er zurückgewiesen.

Die Opfergaben bieten sich nicht um ihrer selbst willen an. Die Funktion der Religionen im ökonomischen Tauschgeschäft ist nicht das Aufstellen von Regeln und Verhaltensweisen, sondern besteht darin, bestimmte Werte, wirtschaftliche Wertmaßstäbe festzulegen, die Hierarchien aufrecht erhalten und etablierte Richtlinien stärken. Im Ritual des Tauschens und Anbietens geht es darum, den in der jeweiligen Kultur geltenden Wert zu ermitteln. Es gilt herauszufinden, was angeboten und getauscht werden kann und welche Dinge besser zurückgehalten und aufbewahrt werden. Es sind nicht die eigentlichen Werte der Lebewesen und Dinge, die zu unterscheiden helfen zwischen dem, was aufbewahrt und was angeboten wird, sondern es sind die Gesellschaften, die den Wert und die Maßstäbe bestimmen, an denen die rituellen Tauschhandlungen gemessen werden.

Gott wird wieder im Text erwähnt, als er die zentrale Frage für die Welt stellt: "Wo ist dein Bruder?" Die Antwort ist bekannt: "Ich weiß es nicht! Bin ich denn der Hüter meines Bruders? Gott antwortet: Was hast du getan? Höre, das Blut deines Bruders schreit von der Erde zu mir!" (Gen 4,9 und 10) Das ist einer der herausforderndsten Texte unserer Tradition. Es ist ein Gespräch zwischen Gott, dem gewalttätigen Bruder und dem Bruder, dem Gewalt angetan wurde und der durch sein auf die Erde vergossenes Blut spricht.

Die Befreiung Gottes

Aus verschiedenen Gründen schlief dieser biblische Text in unseren Theologien. Die Radikalität Gottes, der Vorlieben hat, bewertet, auswählt, machte einer angepassten Theologie Platz, die nicht mehr in der Lage ist, schwierige Fragen zu stellen. Ein gemeinschaftliches Leben wird favorisiert, das nicht als Raum verstanden wird, in dem das Leben beurteilt wird und Werte geschaffen werden. Wie traurig für uns! Gott fragt nicht mehr: Wo ist dein Bruder? Wir predigen einen Gott, der Botschaften der Vergebung und Versöhnung säuselt. Uns fehlt der Mut zur Kritik, die dafür sorgt, dass die Gewalttätigen ihre Köpfe senken und weder menschliche noch göttliche Eigenschaften für sich beanspruchen können. Sie sind wilde Bestien, die bereit zur Zerstörung sind! Dieser Gott ist nicht länger in der Lage, mit der Erde zu sprechen. Er versteht das Stöhnen des Blutes der Menschen und der anderen Lebewesen nicht, die für ein ökonomisches Modell ausgerottet werden, das keine Grenzen, Regeln und auch keinen Widerstand akzeptiert.

An den losen Enden des weltweiten Christentums bestehen Minderheiten auf eine befreiende Theologie: Gott soll befreit werden, die Erde, die Frauen und Männer, deren Menschlichkeit der Kapitalismus täglich leugnet. Der Ökumenische Rat der Kirchen ist ein privilegierter und sensibler Ort, um den Stimmen Ausdruck zu verleihen, die in ihren Ländern, Kirchen und nationalen Kirchenräten nicht mehr gehört werden. Frauen und Männer kommen zu Wort, die nicht immer wieder die nordamerikanische und europäische Theologie wiederholen möchten. Diese Theologien beschäftigen sich endlos mit sich selbst und ihren beliebtesten Theologen, bzw. mit dem, was sie sagten und schrieben. In der weiten Welt werden junge Theolog/innen zum Schweigen ermahnt durch ein hegemoniales nordamerikanisches und europäisches theologisches Modell, das zu müde ist, um noch Evangelium zu sein. Es ist ein Modell, das sich gut einpasst in die Wissensproduktion zugunsten einer Wirtschaftsweise, die schnell und beständig konsumierende Gesellschaften privilegiert. Diese Theologien wollen nicht mehr von einem Gott wissen, der Fragen stellt, der die Mächtigen dazu führt, ihre Köpfe zu beugen, und die Schwachen dazu ermutigt, das Reich der Gerechtigkeit zu verkündigen. Sie fragen nicht mehr nach den Schwestern und Brüdern, weil sie Nichtregierungsorganisationen und Agenturen gegründet haben, die sich in Mildtätigkeit üben und keine kritischen Fragen stellen. Das Blut, das aus der Erde schreit, wird in ein Studienobjekt verwandelt, ein Ereignis, das in der Liturgie erwähnt wird. Aber es ruft keine Empörung mehr hervor, die Menschen dazu bringt, Lebens- und Produktionsbedingungen nicht länger zu tolerieren, die Gewalt und Ungleichheit hervorrufen.

Zusammen mit vielen Schwestern und Brüdern habe ich gelernt, nicht davor zurückzuweichen, kritische Fragen zu stellen. Ich habe mit Schwestern und Brüdern aus verschiedenen Ländern gelernt, Prozesse und Kampagnen zu organisieren, die uns immer wieder dazu bringen, einen Lebensund Wirtschaftsstil zu wählen, der auf Gerechtigkeit basiert, damit wir mit aufgerichtetem Rückgrat, offenem Geist und ruhigem Herzen durchs Leben gehen können.

Unsere Leidenschaft

Auf dieser Vollversammlung ist es nötig, dass die Mitgliedskirchen ihre Aufgaben neu erkennen und sich dazu verpflichten, prophetische und evangeliumsgemäße Präsenz zu zeigen. "Niemand kann zwei Herren dienen", sagte Jesus. Entweder Gott oder Geld! Entweder du wählst das Leben oder den Tod. All die schwierigen Fragen sind in der einen Frage enthalten: Wo ist dein Bruder? Wo ist deine Schwester? Wir müssen auf das hören, was der Geist den Kirchen sagt, was der Geist durch das vergossene Blut auf der Erde, durch die abwesenden Schwestern und Brüder sagt! Es ist notwendig, auf die Erde zu hören, zu lernen, mit dem Blut der zerstörten Völker zu sprechen. Und wir müssen hören, was der Geist den Imperien dieser Welt sagt: Ihr seid nicht Gott! Beugt euren Kopf! Auf dass die Raubtiere beherrscht werden! Mercedes- Benz, Volkswagen, Monsanto, Cargill, Swift, Anglo, ADM, Nestlé, Danone, Syngenta, Bunge.

Wir sind nicht durch ein die ganze Welt umfassendes absolutes Missionsprojekt motiviert. Unsere Leidenschaft stammt von dem, was wir aus dem Evangelium von Jesus Christus gelernt haben, und von der Lebendigkeit unseres Glaubens, der mit Unterschieden leben kann und keine Angst hat, zerstört zu werden oder sich aufzulösen. Unser Glaube sieht die Gnade Gottes da, wo eine andere Welt möglich wird, und ist nicht eine Kraft und ein Reich der Siegenden. Unser Glaube ist vielmehr wie ein Liebesabenteuer, in dem es um die Sorge für das Leben, die Welt und um uns selbst geht.

"In allem behaupten wir uns als Diener und Dienerinnen Gottes: durch große Standhaftigkeit in Schwierigkeiten, in Nöten, in Ängsten, bei (Peitschen-)Schlägen, in Gefängnissen, bei Aufruhren, bei Müdigkeiten, in durchwachten Nächten, beim Fasten; durch Reinheit, Erkenntnis, Geduld und Güte, durch das Handeln des Heiligen Geistes, durch Liebe, die nicht vorgetäuscht ist, durch ein Wort der Wahrheit, durch die Kraft Gottes, durch die angreifenden und verteidigenden Waffen der Gerechtigkeit; in Ehre und bei Verachtung; als Unbekannte und doch bekannt; als Sterbende und doch Lebende; als Bestrafte und doch vom Tod Befreite; als Traurige, aber immer Fröhliche; als Arme, die aber viele reich machen; wir haben nichts und besitzen doch alles." (2 Kor 6,3-10)

1 Namen von transnationalen Unternehmen, die auch in der Branche der Agrarwirtschaft investieren. (Anm. der Übersetzerin)

2 Die Übersetzung folgt dem Vortrag von Nancy Cardoso und ihrer Übersetzung aus dem Hebräischen.

3 Gaúchos und Gaúchas nennen sich die Bewohner/ innen von Rio Grande do Sul, dem südlichsten Bundesland Brasiliens. Früher lebten sie größtenteils von Land- und Viehwirtschaft. (Anm. der Übersetzerin)

4 Churrasco - gegrilltes Fleisch, typisches Gericht in Südbrasilien (Anm. der Übersetzerin)

5 Im Hebräischen steht hier robetz, das Nancy Cardoso mit fera acuada übersetzt - ein lauerndes Raubtier, das bereit zum Angriff ist. Die Luther- und die Züricher Bibel übersetzen diesen Begriff, indem sie Tätigkeiten beschreiben, die sie der Sünde zuordnen: "… so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir steht ihre Begierde". (Anm. der Übersetzerin)

Nancy Cardoso ist Methodistische Pastorin, hat an verschiedenen Universitäten in Sao Paulo Theologie und Philosophie gelehrt, arbeitet seit Jahren ehrenamtlich in der Landlosenbewegung.

(Übersetzung des Beitrags aus dem Portugiesischen: Bärbel Fünfsinn)

Vortrag auf der IX. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, 15. Februar 2006. Abgedruckt in: Das Imperium kehrt zurück, Erev-Rav 2006, 200 S., 16 Euro.