Plädoyer für ein Höchsteinkommen
Giselher Hickel

Ich will mich auf einen einzigen Punkt beschränken: Ich schlage den kirchlichen Arbeitgebern vor, für Mitarbeiter/innen im kirchlichen Dienst ein Höchsteinkommen einzuführen und für ein solches in allen Bereichen des öffentlichen Dienstes und in der privaten Wirtschaft mit Nachdruck einzutreten. Ich kann mir eine Menge Argumente vorstellen, die Gegner dieses Vorschlages ins Feld führen werden. Schwerer wiegen aus meiner Sicht die folgenden Gründe dafür.

Maßstäbe nach oben und nach unten

Der Wille zu einem solchen Beschluss würde eine Diskussion auf verschiedenen Ebenen darüber voraussetzen, über wie viel Geld man eigentlich verfügen muss, um gut und unbekümmert zu leben. Im gegenwärtigen Armuts-Diskurs spielt die Definition einer unteren Einkommensgrenze eine wichtige Rolle. Dem ist nicht zu widersprechen. Allerdings wird der Wert der Fixierung eines solchen Minimums dadurch relativiert, dass die Mehrheit der Menschheit unterhalb jedweder annehmbaren Armutsgrenze existiert, z. T. unbegreiflich weit darunter. Mit der Festlegung eines unteren Limits ist also nicht die unbedingte Erwartung seiner allgemeinen Geltung verbunden. Aber die Zielangabe ist wichtig: Es gilt, darauf hinzuarbeiten, dass diese Linie in Zukunft nicht unterschritten wird. Gleichzeitig ist sie ein Hilfsmittel zur Analyse und Urteilsfindung: Wo Zustände hingenommen werden, in denen sich die Einkünfte einer Bevölkerungsgruppe unterhalb dieser Norm bewegt, hat die Gesellschaft versagt.

Ebenso nötig wie die Aussage, wo Armut beginnt, wäre es allerdings auch, zu definieren, wo Überfluss anfängt. Überschreitungen wären mit Sicherheit zu beklagen, aber ein Maßstab wäre gesetzt und soziale Defekte würden deutlich signalisiert werden.

Niemand behaupte, es sei nicht möglich, eine solche Grenze festzulegen. In unterschiedlichen Behörden, Gerichten und parlamentarischen Gremien gehört es zur täglichen Praxis, ein zumutbares Existenzminimum zu beziffern. Es gibt also Berechnungsgrundlagen für das, was zum Leben in Würde nötig ist - was wenigstens nötig ist. Was höchstens verträglich ist, sollte ebenso berechenbar sein. Jede Logik spricht dafür.

Natürlich bedürfte es entsprechender wissenschaftlicher Erörterungen sowie einer gründlichen öffentlichen Reflexion und Diskussion. Ich stelle mir diesen Prozess sehr anregend vor.

Pastorat für die Reichen

Ein weiterer Grund für einen solchen Vorstoß der Kirchen ist die Wahrnehmung ihrer pastoralen Verantwortung für diejenigen, die aus eigenem Antrieb oder durch die Einbindung in lebensfeindliche Strukturen die gebotene Norm überschreiten. Gefährdet ist keineswegs nur das Leben derer, denen der ihnen zustehende Teil an "Lebensmitteln" verweigert wird. Ebenso beeinträchtigt ist die menschliche Würde derjenigen, die bei der persönlichen Aneignung ihres Anteils am gesellschaftlichen Reichtum notorisch über das Ziel hinausschießen. Es besteht kein Zweifel: Was auf der einen Seite gehäuft, wird auf der anderen gemindert; hier erbeutet, dort entzogen. Die Enteignung per Gewinnstreben zerstört Leben, lokal ebenso wie global. Sie stürzt auch die Gewinner ins Unglück und verstrickt sie in Sünde. Auf der Einkommensskala sollte der Bereich markiert werden, in dem Einkünfte anfangen, einen asozialen Charakter anzunehmen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Schuld begreifbar und benennbar wird. Heilendes Handeln der Kirche muss sich den Opfern zuwenden, ohne den Tätern das richtende und nur als solches, so Gott will, rettende Urteil vorzuenthalten.

Das Allerheiligste

Man muss nicht weissagen, um vorauszusehen, dass eine derartige Initiative, so sie nachdrücklich und in der Öffentlichkeit vorgetragen würde, heftige Abwehrreaktionen nach sich zöge. Erfahrungen in der Lutherischen Kirche in Schweden bestätigen das.

Das hängt damit zusammen, dass es sich um ein Sakrileg gegen das Allerheiligste der Marktreligion handelte, gegen das Fundamentaldogma vom unbegrenzten Wachstum. Eine Begrenzung des Einkommens oder Gewinnes aus "sachfremden", nämlich ausschließlich sozialen, Gründen wäre von den Hütern der neoliberalen Orthodoxie nicht hinnehmbar. Zu verletzbar ist der Glaube daran, dass Wachstum Heil bedeutet, dass Völker und Lebenswelten diesem Dogma geopfert werden dürfen, dass Kriege zur Verteidigung seiner Gültigkeit geführt werden müssen. Der nahe liegende Gedanke, dass das der biblischen Lebens- und Bundesordnung zugrunde liegende Genug in einer kirchlicherseits empfohlenen und praktizierten Einkommensbegrenzung Ausdruck findet, wäre eine nützliche Provokation. Die Fixierung einer oberen Linie, bis zu der davon geredet werden kann, dass Bedürfnisse abgedeckt werden, die als heilsam gelten können, würde die Krankheitsherde in unserer Gesellschaft sichtbar machen. Es wäre ein Akt der Entdämonisierung.

Für eine andere Blickrichtung

Schließlich würde ein solcher Schritt dazu führen, die Blickrichtung unserer sozialen Debatten zu korrigieren. Die Armen unter uns haben in der Tat viele Probleme, aber sie sind nicht das Problem. Das gilt für die lästigen Armutsgestalten auf den Bahnhöfen und vor den Supermärkten der reichen Welt ebenso wie für die den Natur-, Kriegs- und Wirtschaftskatastrophen schutzlos ausgelieferten Bevölkerungen des Südens. Nicht sie bedrohen die Sicherheit unserer Städte und den Frieden zwischen den Völkern. Es sind vielmehr die Verteidiger der nach oben offenen Einkommens- und Gewinnskala, die das Zusammenleben vergiften. Ohne den Zorn gegen die Reichen ist die Liebe zu den Armen unaufrichtig.

Ich maße mir nicht an, nach laienhaftem Gutdünken einen Betrag zu nennen, der die Obergrenze bilden müsste. Ich überschaue auch nicht, ob der eine oder die andere in der kirchlichen Hierarchie gegebenenfalls mit einer Kürzung der Bezüge rechnen müsste. Wenn nicht - umso besser. In dem kleinen ökumenischen Haus und Verein, in dem ich engagiert bin, versuchen wir, wenn es um Lohn geht, zögernd danach zu fragen, was der oder die Einzelne braucht, nicht zuerst, was er oder sie verdient. Das ist ein Anfang, mühsam genug.

Was ich im Sinn habe, ist nicht ein kleinkariertes Erbsenzählen. In vielen Dokumenten und Erklärungen haben wir uns zu der Einsicht bekannt, dass das exponenzielle Wachstum der Wirtschaft und insbesondere der Kapitalrenditen ins sichere Verderben führt. Das krebsartige Wuchern der Märkte würde auf ein erträgliches Maß des Leistungszuwachses zurückfallen, wenn niemand mehr Recht und Gelegenheit hätte, sich maßlose Profite anzueignen. Ich wünsche mir, dass Kirche an diesem Punkt ein prophetisches Zeugnis wagt - gegen den Reichtum, um der Armen willen!

Giselher Hickel ist als Theologe ehrenamtlich im Hendrik-Kraemer-Haus und der Niederländischen Ökumenischen Gemeinde Berlin tätig. Er hat eine Anstellung als Friedhofsarbeiter.