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Die geschlossene Tür 1 Dann wird das Reich der Himmel mit der Wirklichkeit in der folgenden Geschichte über zehn junge Frauen verglichen werden: Sie nahmen ihre Fackeln und gingen hinaus, um dem Bräutigam zu begegnen. 2 Fünf von ihnen waren dumm und fünf schlau. 3 Denn die dummen nahmen ihre Fackeln, aber kein Öl mit sich. 4 Die schlauen jedoch nahmen Öl in den Gefäßen mit ihren Fackeln mit. 5 Als der Bräutigam auf sich warten ließ, wurden sie alle müde und schliefen ein. 6 Mitten in der Nacht ertönte Geschrei: Da ist der Bräutigam. Geht hinaus, um ihm zu begegnen. 7 Da wachten diese jungen Frauen alle auf und machten ihre Fackeln zurecht. 8 Die dummen sagten zu den schlauen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Fackeln verlöschen. 9 Die schlauen antworteten: Dann wird es bestimmt nicht für uns und euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft welches für euch. 10 Während sie weggingen, um einzukaufen, kam der Bräutigam, und die fertig vorbereiteten gingen mit ihm zur Hochzeitsfeier, und die Tür wurde geschlossen. 11 Später kamen die übrigen jungen Frauen und sagten: Herr, Herr, öffne uns. 12 Er aber sagte: Das sage ich euch: Ich kenne euch nicht. 13 Seid wach, denn ihr kennt weder Tag noch Stunde! Die Katastrophen der gegenwärtigen Zeit Das Gleichnis erzählt von einer Katastrophe. Eine Tür wird vor fünf jungen Frauen verschlossen. Die Rede des Bräutigams "Das sage ich euch, ich kenne euch nicht" - klingt nach Katastrophe, nicht nach einer unfreundlichen Geste während einer Dorfhochzeit. Der Text erzählt von jungen Frauen, die anlässlich einer Hochzeit ihre Tüchtigkeit demonstrieren sollen. Sie sind gerade (12 1/2 bis 13 Jahre alt) ins heiratsfähige Alter gekommen. Sie sind auf dem Markt, der von Vätern und zukünftigen Ehemännern bestimmt wird - wie es damals und heute in patriarchalen Gesellschaften üblich ist. Die "dummen" jungen Frauen haben nicht lange genug vorausgeplant. Sie haben nicht genug Öl für ihre Fackeln mitgenommen und sind gezwungen, den Hochzeitszug zu verlassen, um Öl nachzukaufen. Sie versuchen, die klügeren Mädchen anzupumpen. Aber die sind clever und unsolidarisch. Sie funktionieren, wie es von ihnen erwartet wird. Sie sind in einer Konkurrenzsituation. Sie haben gewonnen. Der Heiratsmarkt zwingt junge Frauen, ihre Schönheit, Tüchtigkeit und die Herkunft aus guter Familie zu beweisen. Das war damals so. Es hat sich heute im Prinzip nicht geändert trotz tief greifender gesellschaftlicher Veränderungen. Gesellschaftliche Anerkennung für Frauen ist nicht mehr so völlig auf die Ehe konzentriert. Aber Tüchtigkeit und Schönheit müssen immer noch bewiesen werden. Die Ausgeschlossenen gibt es immer noch: zu alt, zu hässlich, zu dick. Das Gleichnis erzählt von der Alltagserfahrung junger Frauen, die nicht erfolgreich sind. Vor ihnen wird die Tür verschlossen. Auch so können Katastrophen für Menschen aussehen. Dieses Gleichnis ist im Matthäusevangelium Teil einer großen Rede Jesu über die Katastrophen und über ihr Ende. Jesus deutet die Not der Gegenwart. Menschen in seinem Land haben über Jahrzehnte Angst vor dem großen Krieg, mit dem das römische Reich das jüdische Volk vollständig unterdrücken oder gar auslöschen will (Matthäus 24,6.7.16-21.40.41). Hungersnöte und Erdbeben bedrohen das Leben (24,7); die Gemeinden in der Nachfolge Jesu erleiden Verfolgung mit Hinrichtungen und zudem innere Zerstörung (24,9-12). Dies sind knappe Skizzen einer Welt, die 2000 Jahre entfernt ist - oder sehr gegenwärtig. Nur dass heute die Katastrophen kaum noch regional begrenzt sind. Ein Aspekt der Bedrohungen ist der der Unterdrückung junger Frauen durch ein System gesellschaftlicher Selektion. Sehen und Hoffnung schöpfen In den Gleichnissen erzählt Jesus oft von der Ungerechtigkeit der Gesellschaft seiner Zeit. Er reiht sie wie hier in die großen Katastrophen ein. Warum tut er das, warum spricht er so häufig von Gewalt, Ungerechtigkeit, brutaler gesellschaftlicher Selektion? Er war ein Gotteslehrer, der wusste, was Menschen sich gegenseitig antun. Er wusste, dass Gott nicht irgendwo außerhalb dieser Welt zu den Menschen kommt, sondern gerade in diese Welt der Katastrophen. Gott wird das Elend nicht wegzaubern. Jesus lädt mit dem Gleichnis dazu ein, Gottes Kommen mit dieser Welt zu vergleichen (25,1). Bei "vergleichen" denken wir zunächst nicht an mehr als an eine Denkaufgabe: Kann Gott mit diesem Bräutigam verglichen werden? Wenn wir über diese Welt und Gottes gerechte Welt nachdenken, kann die Antwort nur lauten: Gott ist nicht so. Aber das Vergleichen, auf das Jesus Gleichnisse hinauswollen, ist viel umfassender gemeint. Ich soll diese Welt nicht nur mit Hilfe meines Kopfes, vielleicht meines Herzens, sondern mit meiner ganzen Existenz vergleichen. Ich beginne, von Gottes gerechter Welt zu träumen. Ich öffne die Augen in einem neuen Sinne. Ich sehe die dummen Mädchen, die ausgeschlossen worden sind, als Gottes geliebte Kinder. Ich sehe, was Krieg aus einer Stadt macht, und verstehe, warum das himmlische Jerusalem in der Bibel ein Bild der Hoffnung auf Gottes gerechte Welt ist. Menschen, die von Jesus lernen zu vergleichen, beginnen nach Gott zu schreien: Komm zu uns, hilf uns. Wir wissen nicht mehr weiter. "Dann" (Matthäus 25,1) werdet ihr vergleichen, beginnt Jesu Gleichnis. Es ist die Zeit zu vergleichen. Dieses "dann" ist hier die Zeit, wenn das Elend der Menschen, das selbst gemachte Elend, überhand nimmt. Jesus hält es hier nicht für eine Lappalie, wenn junge Frauen wegen ein wenig Unachtsamkeit so hart bestraft werden. Der Zwang, sich anzupassen, ist ja nur ein Rädchen im riesigen Getriebe der Gewalt. Aber gerade auch dieser alltägliche Zwang hält die Gewalt am Leben. Mit Gottes gerechter Welt vergleichen - das findet nicht nur im Kopf statt. Es führt dazu, mit dem eigenen Leben auf Jesu Gleichnis zu antworten. Es genügt, bei den scheinbaren Lappalien anzufangen. Auch die Befreiung von Essstörungen ist Teil der Arbeit für Gottes gerechte Welt. Die Gleichnisse Jesu erzählen von dieser Welt, meistens von der menschengemachten Ungerechtigkeit und Gewalt. Sie wollen einladen zu vergleichen. Dieses Vergleichen drückt sich im Schreien nach Gott und Beten aus. Es drückt sich in der Arbeit für Gottes gerechte Welt aus. So haben alle Gleichnisse eine im Text unsichtbare Fortsetzung, bei denen, die sie lesen oder die sie hören. Diese unsichtbare Fortsetzung ist die Antwort im Beten und im Tun, diesem uralten christlichen Handeln, die merkwürdigerweise am besten wirksam werden, wenn wir sie gemeinsam tun. Sie verwandeln Hoffnungslose in mutige Menschen, die einen Sinn darin sehen, auch angesichts übermächtiger Kriegsparteien die Friedensarbeit zu beginnen. "Ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand schließen kann" (Offenbarung 3,8) "Eschatologie" ist ein fachtheologisches Kunstwort. Doch die Sache, um die es darin geht, ist auch in diesem Gleichnis entscheidend. "Seid wachsam, denn ihr kennt den Tag nicht und auch nicht die Stunde" - so endet das Gleichnis (25,13). Der "Tag", die "Stunde" ist die Zeit des Kommens Gottes. Gott ist nahe, sagt Jesus immer wieder. Wenn wir fragen, wer ist Gott eigentlich, so bekommen wir in der Bibel keine Bilder ausgemalt, auch das Kommen Gottes wird nicht weiter beschrieben. Glauben heißt: sich aufrichten und Gott entgegen gehen. Es ist nicht angemessen, auf dem Kalender die Zeit der Nähe Gottes ausmachen zu wollen. Das ist nur ein Missverständnis, weil wir in unserer Kultur so sehr auf lineare Zeit fixiert sind. Die Zeit, in der wir der Liebe Gottes entgegen gehen, beginnt jetzt, wenn wir von Gottes gerechter Welt etwas ahnen und sehen, wenn wir begonnen haben zu vergleichen. In der Offenbarung wird diese Wachsamkeit, die aus der Nähe der Liebe Gottes entsteht, mit einem Bild von einer Tür beschrieben. Eine Gemeinde, die in Verfolgung und trotz harten Druckes Gottes Tora getan hat, wird hier von Gott angeredet: "Ich kenne deine Werke. Sieh, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen". Auf diese Tür zuzugehen, lädt das Gleichnis ein, das so schonungslos von der Realität der geschlossenen Türen in unserer Welt erzählt. Nachbemerkung In der christlichen Tradition sind die Gleichnisse über Jahrhunderte bis in die Gegenwart allegorisierend gelesen worden. An diese Leseweise sind viele Menschen gewöhnt. Diese Leseweise behandelt die Gleichniserzählung als Lehrmaterial für Gottes Reich. Nach dieser Methode sind die jungen Frauen "nur" Bilder, Einkleidungen für den eigentlichen Gedanken, dass die Glaubenden Öl, d. h. gute Werke, vorweisen können müssen. Der Bräutigam ist nach dieser Methode ein Bild für Gott oder Jesus als Weltenrichter. Wie grausam die Geschichte von dem kleinen Fehler der jungen Frauen und seiner schrecklichen Folge ist, wird bei dieser Leseweise nicht berücksichtigt. Die Allegorisierung macht immun für die Grausamkeit. Es ist nicht einfach, diese Leseweise zu verändern, wenn wir an bestimmte Bibelauslegungen gewöhnt sind. Die Gleichnisse Jesu sind ein Schatz, der neu zu entdecken ist. Literatur |
Luise Schottroff ist Professorin (em.) für Neues Testament |