"Klarheit und gute Nachbarschaft"
Anmerkungen zur neuen Islam-Handreichung der EKD

Im Gespräch mit Christoph Dahling-Sander

Die Veröffentlichung der Handreichung der EKD "Klarheit und gute Nachbarschaft" hat viel Porzellan zerschlagen. Besonderer Anlass der Irritation sind die Ausführungen zumThema Mission.Was sagen Sie dazu?

Die Handreichung hat Kritik, aber auch deutliche Zustimmung hervorgerufen. Wenn Muslime sagen, Christen dürfen nicht mehr missionarische Kirche sein, wenn sie in Dialog treten, sind das Forderungen, die so in keiner Weise erfüllt werden können - und umgekehrt auf muslimischer Seite auch nicht erfüllt werden. Auch von muslimischer Seite ergeht die Einladung zum Glauben. Die einzige, immerhin recht große "Islamische Zeitung" in Deutschland feiert die Zahlen der Übertritte zum Islam mit großer Aufmachung auf der Titelseite. Dialog und Mission schließen sich nicht aus. Allerdings sind Dialoge nicht für missionarische Zwecke zu funktionalisieren. Wahrheitsanspruch bedeutet doch, dass wir vom eigenen Glauben, also von Gott, Zeugnis geben. Dasselbe ist im Dialog immer auch dem Gegenüber einzuräumen.

Die Handreichung behauptet, dass es eine absolute Wahrheit gibt, die wir Christen kennen und von der "Muslime nicht berührt sind". Ich halte das für einen fundamentalistischen Wahrheitsbegriff, der einerseits das Wachstum von christlichem Fundamentalismus bezeugt, andererseits den islamischen Fundamentalismus stärkt.

Mit dem Begriff Fundamentalismus wäre ich lieber sehr viel vorsichtiger, gegenüber Muslimen genauso wie gegenüber Christen. Mir ist an der Handreichung sympathisch, dass nicht menschliche Wahrheitsansprüche behauptet werden, sondern von der Wahrheit Gottes ausgegangen wird. Menschliche Wahrheit ist immer auch eine verzerrte Wahrheit. Gottes Wahrheit ist uns in Jesus Christus offenbar, in ihrer Fülle aber sicherlich nicht erkenntlich. Wahrheit Gottes stellt sich in der Erfahrung von Christen anders dar als für Muslime. Wenn wir als Christen davon ausgehen, dass Christus unsere Wahrheit ist, ist doch völlig klar, dass das von Muslimen nicht geteilt wird. Die unterschiedlichen Erfahrungen und Zugänge zu Gott sind in jeder Begegnung mit Muslimen präsent. Zugleich werden die damit verbundenen Fragen nach meiner Erfahrung noch zu oft ausgeblendet.

Wenn Muslime beschrieben werden als Menschen, die von "der Wahrheit Gott nicht berührt sind", und betont wird, dass der im Koran bezeugte Gott nicht der Gott der Christ/innen ist, wird damit nicht eine Tür zum Dialog zugeschlagen?

Ich finde es hilfreich und wichtig, dass wir als Christen unser Glaubensverständnis artikulieren und gleichzeitig wahrnehmen, dass es von Muslimen so nicht geteilt wird. Von Muslimen wird bestritten, dass Jesus Christus der Mensch Gewordene, der Gekreuzigte, der Auferstandene ist. Von dieser Wahrheit Gottes lassen sich Muslime nicht berühren. Für einen redlichen Dialog sind Reduktionen um der Vereinheitlichung willen keine Voraussetzung, sondern schädlich. Das unterstreichen gerade auch Muslime. Wer weiß, vielleicht zeigt sich Gott am Ende der Zeit als der eine dreieinige Gott auch gegenüber Muslimen so, dass sie sich berühren lassen? Aber das ist Gott überlassen. Dem können wir nicht vorgreifen. Historisch ist der Islam aus dem Judentum und Christentum hervorgegangen. Doch die Erfahrungen Gottes sind eben zu unterschiedlich als dass wir jetzt definitiv über Gott urteilen und sagen könnten, das sei ein und derselbe Gott. Es ist keineswegs auszuschließen. Doch sollten wir es besser offen lassen.

Im 2. Teil der Handreichung definiert die EKD anhand von Missständen in islamischen Ländern, was Islam ihrer Meinung nach ist. Reformkräfte, möglicherweise auch ein europäischer Islam werden dabei klein gemacht. Z. B. wird das Zentrum für islamische Frauenforschung in Köln kurz vorgestellt, doch ihre Arbeit wird mit dem Hinweis auf die islamischen Länder als unislamisch weggewischt. Ist das legitim?

Der Text ist geleitet von dem Versuch, den Islam in seiner Vielfalt wahrzunehmen. Dadurch stehen oftmals unterschiedliche Aussagen nebeneinander, weil unterschiedliche Interpretationen des Islam dargestellt werden. Dass manchmal der Sprachduktus eine stereotype Wahrnehmung von Muslimen nicht ausschließt, kann ich nur bedauern. Zugleich muss man aber auch wahrnehmen, dass diese Reformbewegungen innerhalb des Islams eine deutliche Minderheit sind. Natürlich ist es nicht hilfreich, zu sagen: In islamisch geprägten Kulturen und Ländern sieht der Islam so aus, also sieht der Islam hier in Deutschland auch so aus. Auch der EKD-Text sagt, dass die Muslime, die hier in Deutschland leben, in aller Regel nicht verantwortlich sind für die Situation in ihren Herkunftsländern. Wo sie aber Möglichkeiten auf Einfluss haben, sollten sie diesen geltend machen.

Warum steht in der gesamten Handreichung kein Wort über die wachsende Angst vor dem Islam in unserer Gesellschaft? Wenn Dialog gefördert werden soll, müsste dieser Kontext dann nicht reflektiert werden?

Die Ängste und die aktuellen Diskussionen zum Islam sind doch gerade der Anlass für die Handreichung. Aber wie kann einer solchen Angst begegnet werden? Sicher nicht durch das Ausblenden von Konflikten. Die Handreichung will informieren und Orientierung bieten, bewusst aus christlicher Sicht. Sie will für die Achtung und Anerkennung von Muslimen eintreten. Ausdrücklich bietet sich die evangelische Kirche als Partnerin für die Zusammenarbeit in den verschiedensten Lebensfeldern an. Dazu gehört aber doch auch, bestimmte Realitäten nicht aus dem Blick zu verlieren. Das Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland der neunziger Jahre war von Asyldebatten und ausländerfeindlichen Übergriffen geprägt. In der Zeit entstand die Handreichung "Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland" (Gütersloh 2000), in der das Zusammenleben erstmals so in den Blick genommen wurde. Jetzt ist an bestimmten Punkten die Diskussion weitergegangen, neue Konflikte sind da. Die muslimischen Verbände sind viel stärker als Gesprächspartner im Blick. Also ist Klarheit anzustreben bei gemeinsamen und unterschiedlichen Positionen. Damit haben wir in der hannoverschen Landeskirche bei der Zusammenarbeit mit Muslimen gute Erfahrungen gemacht, sei es bei Ausstellungsprojekten, Foren oder gegenseitigen Einladungen zum Erntedankfest und Fastenbrechen.

Christoph Dahling-Sander ist Leiter der Arbeitsstelle Islam und Migration im Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers