"Klarheit und gute Nachbarschaft"
Anmerkungen zur neuen Islam-Handreichung der EKD

Hamideh Mohagheghi
Eine muslimische Stimme

Die in der Handreichung angesprochenen Themen bedürfen einer sachlichen Klärung, die in der islamischen Theologie und Tradition des Propheten Muhammad (Sunna) eingebettet ist und nicht in der individuellen Lebensweise einiger Muslime. Wenn die Handreichung ihrem Ziel gerecht werden wollte, durch Informationen die Menschen näher zueinander zu bringen und eine gute "Nachbarschaft" zu ermöglichen, müsste die Angst vor der fremden "Nachbarschaft" durch sachdienliche Information genommen werden. Bedauerlicherweise wird jedoch durch die Art der Darstellung des Islams das Gegenteil erreicht, es werden Angst und Abneigung geschürt. Die Darlegungen vermit teln ein Bild des Islams und der Muslime, das die Meinungen stärkt, die Muslime könnten den demokratischen und freiheitlichen westlichen Werten nicht zustimmen, solange sie sich nicht von den islamischen "Regeln" befreien. Selbst Martin Luther meinte, "dass die Muslime nicht bekehrt werden können. Ihre Herzen seien verstockt; die Schriften verachteten sie, Argumente lehnten sie ab und hingen am Lügengespinst des Koran". Es ist unentbehrlich, sich von diesen Bildern zu lösen, aber auch, diese nicht einfach gegen andere Bilder zu tauschen, die Zwietracht und Abgrenzung produzieren. Nachdem in der Einleitung der Handreichung die positiven Aspekte des Christentums und seine Vereinbarkeit mit den demokratischen und freiheitlichen Werten und seine Toleranz besonders hervorgehoben werden, beginnt ab Seite 18 größtenteils eine Gegenüberstellung von Christentum und Islam, die an einigen Stellen für Irritation sorgt und sachlich mangelhaft ist.

Aufruf zur Gewalt

"Es ist der evangelischen Kirche dringend daran gelegen, dass Christen und Muslime mit dem Namen Gottes Frieden verkündigen und die Gläubigen diese Verkündigung des Friedens Gottes mit einem entsprechenden Verhalten unterstreichen. Dies muss zur Geltung kommen trotz der im Koran neben gegenteiligen Aussagen zu findenden Aufrufe zu Kampf und Krieg und der im Namen des Islams geführten Anschläge und Angriffe."

An dieser Stelle wäre auch ein Vergleich mit Bibel und Christentum angebracht. Die Christen sind zwar der Meinung, dass die Bibel für sie nicht die gleiche Bedeutung wie der Qur'an für die Muslime hat und sie die wortwörtliche Lesart der Bibel längst überwunden haben; die Entwicklung und Verbreitung der evangelikalen Bewegung spricht aber eine andere Sprache. Es ist fair und gehört zu den Voraussetzungen für einen Dialog, dass die Rand- und Problemgruppen der anderen nicht verallgemeinert und zugleich solche Gruppen aus den eigenen Reihen dabei vergessen werden. Auch in der Bibel mangelt es nicht an Aufrufen zum Kampf und Krieg gegenüber Heiden und denjenigen, die den Weg Jesu nicht annehmen wollen (vgl. Matthäus 10,34 ff.; Philipper 1,27 ff.).

Dschihad

Der Begriff "Dschihad" wird zwar richtig übersetzt, aber nicht sachgemäß erklärt. "Dschihad ist gleichermaßen individuelle Glaubenspraxis und kriegerischer Kampf gegen die Ungläubigen, ein verdienstvolles Werk, für das die Aufnahme ins Paradiesverheißenist." Eine kurzsichtigeFormulierung, die eine Meinung von muslimischen Extremisten wiedergibt, die die Lehre des Islams für ihre machtpolitischen Interessen instrumentalisieren. Das Wort "Ungläubige" ist ein weiteres Gespenstwort, mit dem oft "Juden und Christen" assoziiert werden und somit ein Trugschluss nahe gelegt wird, der oft zu hören ist: Für die Muslime ist das Bekämpfen und Töten der Ungläubigen ein verdienstvolles Werk, folglich müssen "Ungläubige" (also Juden und Christen) vor ihnen Angst haben. Dschihad bedeutet im Qur'an nicht "gleichermaßen individuelle Glaubenspraxis und kriegerischen Kampf gegen die Ungläubigen". In allen Stellen im Qur'an, in denen die Kampfhandlungen beschrieben sind, wird nicht das Wort Dschihad verwendet. Die Stellen über das Kämpfen beschreiben nicht irgendeinen beliebigen Kampf gegen "Ungläubige" oder Kampf zur zwangsweise Übernahme des Glaubens. Die Verse über das Kämpfen sind immer an die Bedingung eines vorherigen physischen Angriffes geknüpft. Dschihad ist vorwiegend nach innen gerichtet; während der äußere Kampf und die Bemühung, Gutes zu verwirklichen, als kleiner Dschihad bezeichnet wird, ist die Selbsterziehung der "größere Dschihad". Es ist notwendig, an sich selbst zu arbeiten, um Verantwortungsbewusstsein und Weisheit zu entwickeln. Der Maßstab für den "kleinen Dschihad" ist im Qur'an ausschließlich mit Recht und Unrecht verbunden, der Glaube oder Unglaube der anderen ist nicht maßgeblich.

Grundwerte des Staates

"Der freiheitliche Staat verlangt von Muslimen und ihren Organisationen nicht, dass sie sich wie die Kirche um eine überzeugende theologische Begründung der Vereinbarkeit ihrer Religion mit den Grundwerten der freiheitlichen Demokratie bemühen und diese öffentlich erklären. Es genügt die gelebte Rechtstreue der Religionsgemeinschaften in seinem Gebiet."

Eine anmaßende Aussage, die die Unvereinbarkeit des Islams mit den Grundwerten der freiheitlichen Demokratie suggeriert. Die Muslime benötigen keine Sonderregelungen und keine "Gnade vor Recht", denn auch im Islam ist eine theologische Begründung dieser Werte möglich. Die christlichen Kirchen haben bekanntlich Jahrzehnte gebraucht, um eine adäquate Theologie zu entwickeln, sie be- fand sich sogar am Anfang in massivem Widerstand zu diesen Werten.

Verhältnis zur Demokratie

"Ob sich aus diesen Ansätzen eine Bejahung von Säkularität und pluralistischer Demokratie entwickeln kann, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die islamische Vorstellung von der Unterwerfung des Menschen unter die Herrschaft Gottes mit demokratischen Prinzipien - vor allem dem Grundsatz der Souveränität des Volkes - zu vereinbaren ist." (26)

"Unterwerfung des Menschen unter die Herrschaft Gottes" ist eine Begrifflichkeit, die in dieser Form kaum in der islamischen Literatur zu finden ist. Der Begriff Islam bedeutet "sich Gott hingeben", das Wort Herrschaft ist nicht inbegriffen. "Ha'kim" (Herrscher) und "mugannin" (Gesetzgeber) gehörten nicht zu den bekannten Namen Gottes, weder im Qur'an noch in der Tradition. Die Hingabe zu Gott hebt die Verantwortlichkeit des Menschen für die Regelung seines Lebens nicht auf, im Gegenteil: er ist verpflichtet sein Leben als Individuum und als Teil der Gemeinschaft zu ordnen. Dafür benötigt er interaktive Zusammenarbeit mit anderen Gremien und Organen der jeweiligen Gesellschaft. Hier kennt der Islam keine Form, er gibt nur die Fundamente vor, auf denen eine Gemeinschaft aufgebaut sein soll: Gerechtigkeit und Frieden.

Stellung der Frau

Zur "Stellung der Frau" wird wohlwollend auf Folgendes hingewiesen: "Allerdings ist in vielen Fällen der Islam mit der Tradition insofern eine ,unheilige' Allianz eingegangen, als zum Nachteil der Frauen gereichende Traditionen mit dem Islam begründet bzw. religionsrechtlich verknüpft wurden und daher schwer reformierbar scheinen." Tatsächlich hat die kulturelle Entwicklung in vielen muslimisch geprägten Gemeinschaften eine Vermischung von Tradition und islamischer Lehre entstehen lassen, die oft den Bezug auf den qur'anischen Kontext erschwert. So basiert die Aussage auf S. 40 "die Schari'a [koppelt] die Unterhaltspflicht des Mannes an die Gehorsamspflicht der Frau" mehr auf der traditionsbezogenen Interpretation als auf authentischen Quellen. So gerne auch manche Männer diese Anbindung an den Islam sehen möchten, gibt es doch im Qur'an keine Grundlage für die Gehorsamspflicht der Frau. Sie ist in den von Männern dominierten Interpretationen und Überlieferungen zu finden, die als Produkt menschlicher Einbildungskraft in Frage gestellt werden können und müssen. Die rechtlichen Ungleichheiten zwischen Mann und Frau im Qur'an (Erbrecht, Zeugenaussage und Polygamie) sind nur im historischen Kontext des 7. Jahrhunderts zu verstehen und nicht aus der Perspektive des Verständnisses der Gleichberechtigung in der Moderne.

Ausblick

Die Handreichung der EKD beinhaltet einige praktische Schritte, die für die "interreligiöse Zusammenarbeit" gute Anregungen bieten. Diese sollten als Wegweiser für unser Zusammenleben beachtet und umgesetzt werden. Dieselbe Handreichung im Hinblick auf die Entwicklung einer guten Nachbarschaft zu verstehen, ist schwierig.

Zum gegenseitigen Kennenlernen gehören vier elementare Voraussetzungen:

- Zuhören in dem Sinne, dass man sich beim Hören von den Vorurteilen und festgefahrenen Meinungen und Bildern voneinander befreit.

- Die positiven Entwicklungen der anderen wahrnehmen, schätzen und unterstützen.

- Die eigenen Versäumnisse und Unzulänglichkeiten nicht mit der Betonung und Verallgemeinerung der Untaten von Randgruppen der anderen überdecken.

- Bereitschaft zeigen, von den Schätzen und Weisheiten des anderen zu profitieren und gemeinsam für die universellen menschlichen Rechte und Werte einzutreten.

Hamideh Mohagheghi ist iranische Juristin und Theologin