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"Klarheit und gute Nachbarschaft" Johannes Triebel Vorgeschichte Am 28. November 2006 hat der Ratsvorsitzende der EKD eine neue, zweite Handreichung zum Verhältnis der Kirche zu den Muslimen mit dem Titel "Klarheit und gute Nachbarschaft. Christen und Muslime in Deutschland" vorgelegt. Im Vorwort wird ausdrücklich festgehalten, dass die Handreichung aus dem Jahr 2000 weiterhin ihre Gültigkeit und ihren Wert behält. An der ersten Handreichung hatten zwei Kommissionen acht Jahre lang gearbeitet, bis sie dann endlich vom Rat angenommen wurde. Manchen Ratsmitgliedern war sie zu dialogfreundlich, und diese Kritik führte zum Auftrag an die Kammer für Theologie der EKD, einen Text zum Verhältnis zu anderen Religionen zu erarbeiten. Dieser erschien 2003 als EKD Text 77 "Der christliche Glaube und die nichtchristlichen Religionen" und wurde in der Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert. Vor allem diejenigen, die mit der missions- und religionstheologischen Diskussion und Fragestellung der letzten Jahrzehnte vertraut sind, kritisierten, dass hier sowohl die anderen Religionen in ihrem Selbstanspruch als auch alle Bemühungen um einen sachlichen, theologisch verantwortlichen interreligiösen Dialog nicht ernst genommen wurden. Ebenso wiesen Vertreter des christlich-jüdischen Dialogs den Text scharf zurück. Eine 2004 neu eingesetzte Arbeitsgruppe, die bewusst eine kritische Haltung zum Islam beziehen sollte, hat nach zweijähriger Arbeit und wiederum etlichen Diskussionen im Rat jetzt diesen neuen Text vorgelegt. Die Gottesfrage In der Einleitung wird auf die Gottesfrage eingegangen, die bei den Verhandlungen über die Handreichung von 2000 einen großen Konfliktpunkt darstellte. Hierzu heißt es jetzt: "Eine Verständigung zwischen Christen und Muslimen scheint zumindest darüber zu erzielen zu sein, dass beide Religionen ,einen Gott' verehren." Muslime gehen davon aus, dass der Gott der biblischen Offenbarung derselbe ist, von dem Mohammed den Koran als Offenbarung empfangen hat (vgl. Koran, Sure 29,46). "Auf der anderen Seite können Christen einräumen, dass der Islam auf die Verehrung des transzendenten Gottes zielt, der zum christlichen Glauben gehört." (18) Als Kontrast zu diesen sehr vorsichtigen Äußerungen heißt es wenig später: "Woran der Mensch sein Herz hängt', das ist sein Gott (vgl. Martin Luther ). Ihr Herz werden Christen jedoch schwerlich an einen Gott hängen können, wie ihn der Koran beschreibt und wie ihn Muslime verehren." (19) Beide Aussagen widersprechen sich. Letztere ist theologisch nicht nur fragwürdig, sondern falsch. Denn konsequenterweise hieße dies, dass der "Gott des Islams" nicht der Gott der Christen und damit nicht der Eine Gott und somit nur ein Abgott, ein Götze, ein falscher Gott sei. Richtigerweise hätte im letzten zitierten Satz anstelle von "Gott" von "Gottesvorstellungen" oder "Gottesbildern" die Rede sein müssen, wo es in der Tat wesentliche Unterschiede gibt. Dieses Beispiel macht deutlich, dass es der Handreichung an einigen Stellen an der notwendigen theologischen Reflexion und Differenzierung fehlt. Kritische Anfragen Obwohl es zum Dialog "keine zukunftsträchtige Alternative" gibt, muss gefragt werden, wie nach der Studie ein "Dialog auf allen Ebenen, der Vertrauen zueinander wachsen lässt" (14), aussieht. Antwort gibt folgender Satz: "Die evangelische Kirche wirbt deshalb in der Begegnung mit Muslimen darum, die kritischen Fragen, die in den Spannungsfeldern muslimischen Lebens in unserer Gesellschaft und weltweit gestellt werden müssen, nicht als Angriff auf den Islam und seine kulturelle und religiöse Identität zu verstehen." In Teil 2 werden all die kritischen Anfragen an den Islam zu Demokratieverständnis, Religionsfreiheit, Religionswechsel, Menschenrechte, Rolle der Frau, Gewalt und Integrationsbereitschaft behandelt. Diese Themen sind wichtig. Das steht außer Frage. Aber wie und in welcher Form hat dies zu geschehen? Hier werden alle bei uns in Deutschland lebenden Muslime pauschal für die weltweiten Probleme verantwortlich gemacht und gefordert, dies zu ändern. Ist dies nicht doch ein "Angriff" und eben kein Ringen im Gespräch in gegenseitigem Respekt? Diese Haltung findet in Teil 3 seine Fortsetzung im Hinblick auf Fragen des Zusammenlebens mit Muslimen bei uns: Ehe- und Familienleben, Kindergärten und Schule, islamischer Religionsunterreicht, Schächten, Muslime in Krankenhäusern und Altenheimen, Beschäftigung von Muslimen in der Diakonie, Tod und Sterben. Bei der Kopftuchfrage wird die Stellungnahme des Rates von 2003 wiederholt, obwohl in der Arbeitsgruppe "Bedenken gegen diese Position geltend gemacht worden" sind (64). Beim Moscheebau wird zu Recht ermahnt: "Die Mehrheitsgesellschaft sollte darauf mit mehr Gelassenheit reagieren." (67) Das Problematische an dieser Darstellung sind nicht die angesprochenen Themen, sondern m. E., dass die weiterhin steigende Islamophobie in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, die zu einer Abgrenzung und Verurteilung des Islams führt, überhaupt nicht angesprochen und somit auch nicht nach Wegen gesucht wird, dem entgegenzuwirken. Stattdessen wirken die aufgeführten Punkte wie "Munition" für die Islamkritiker. Damit leistet die Handreichung zwar in Bezug auf die kritischen Fragen an den Islam für "Klarheit", aber hilft eben gerade nicht zu einer "guten Nachbarschaft", um die Titelformulierung der Handreichung aufzugreifen. |
Johannes Triebel ist Beauftragter für den interreligiösen Dialog und Islamfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und apl. Professor für Missions- und Religionswissenschaft an der Universität Erlangen (Es handelt sich bei dem Text um eine vom Autor autorisierte gekürzte Fassung.) |