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Frigga Haug Missbrauch - Subjektive Anmerkung zum Kirchentag 2007 Wie ein ernstes Thema Die antizipierende Hoffnung - wie Ernst Bloch dies nennt - gehört ganz grundlegend zu unseren Orientierungen im Leben. So war ich glücklich, als ich die Nachricht in Form einer Anfrage bekam, an einem "ganztägigen Plenum unter dem Stichwort Familie, Geschlechter, Lebensformen in einer Messehalle (5000 Personen)" mitzuwirken, weil dort auch Jugendliche zur Frage "Wie ich leben will" zu Wort kommen sollten und - wie erfunden dafür - meine Studie zu den Zukunftserwartungen von Schuljugend Sternschnuppen1 eine zentrale Achse bilden sollte. Aus Brief und Protokoll konnte ich den Vorschlag entnehmen, dass in einer dreistündigen zentralen Veranstaltung mit Zitaten aus meinem Buch begonnen werden sollte, "dann sollten sich die Jugendlichen vor Ort dazu äußern, dann ein kurzes Referat von Haug zu den Kernthesen, dann sollten gesellschaftliche Verantwortungsträger auf die Träume und Zukunftsvorstellungen der Jugendlichen mit einem Statement reagieren und sagen, was sie selbst zu tun und zu ändern gedenken, dann nochmals Haug in der Reaktion darauf zusammen mit zwei Jugendlichen" , dazwischen "Fragen im Publikum an junge Menschen, ob sie sich in den Texten und Positionen wiederfinden" nur das Ende war noch offen. Ich war begeistert und zugleich zerrissen. Der geplante Tag war der zweite unseres internationalen Kongresses zum Thema "Die Linie Luxemburg- Gramsci. Theorie und Praxis linker Politik", deren Vorsitz, zentrales Referat und Durchführung mir oblag - drei Stunden weiter südlich. Die Verführung war groß und arbeitete damit, dass ich dem Aufruf, zu vielen Menschen sinnhaft zu sprechen, nicht widerstehen kann. Das Thema der zerstörten Hoffnungen der Jugend schien mir ein notwendiges Thema des Kirchentags, und ich wollte unbedingt dazu beitragen. Dafür hatte ich das Buch geschrieben. Ich habe schon einige Kirchentagsveranstaltungen mitgemacht. Jedesmal war ich von der Ernsthaftigkeit und Nachdenklichkeit beeindruckt, mit der dort Tausende bereit waren, zu hören, mitzumachen, sich zu orientieren, zu einer besseren Gesellschaft beizutragen. Politik von unten schien dort wirklich zu werden. Ich musste dahin, schon um meiner eigenen Vorstellungen von sinnhafter Praxis willen. Unsere Konferenz (mit 100 forschend tätigen Wissenschaftlern aus aller Welt) organisierten wir so, dass ich an zwei Tagen unaufhörlich redete und diskutierte und dafür einen Tag aussparen konnte. Esslingen-Köln und zurück = sieben Stunden und drei Stunden Veranstaltung. Ich organisierte mit viel Aufwand einen großen Büchertisch, weil nach meiner bisherigen Erfahrung wenigstens 10 Prozent der Besucher das entsprechende Buch lesen wollen würden, so die Verbreitung der Botschaft auch mit Abhilfe der ökonomischen Not des Verlages verbindend. Jetzt musste ich eine Form finden, wie ich die wichtigen Botschaften, die begründet zum Handeln auffordern, so gedrängt vor einem riesigen Publikum spreche, dass es nicht banal wird, sie nicht zurücklässt, also eingreifend gesprochen ist und zugleich wahrheitsgemäß, womöglich unterhaltend und aufrüttelnd. An dieser Arbeit saß ich drei Tage, die ich nicht entbehren konnte - versuchte es immer neu. Es geriet zu lang, der Weg von der Einzelbeobachtung zur These, die jeder und jede aufnehmen und mitnehmen kann, ist schwierig. Zumal es eine meiner Stärken und so auch des kleinen Buches ist, aus dem Material, also aus den Geschichten der Jugendlichen zu sprechen. Dies aber war gerade im Konzept der Vorbereiten- den versperrt. Jugendliche sollten die Materialteile aus meinem Buch selbst vortragen, wenn es auch nicht ihre Worte, sondern ihre den anderen geliehene Stimme war. Immerhin sollte ich die Textstücke aussuchen. Ich verbrachte Stunden damit, Zitate, die in knapper Form aussagekräftig sind, zu bestimmten Thesen zusammenzustellen, jeweils Jungen und Mädchen zu zehn Themen zu Wort kommen zu lassen und ein Referat eben diesen Themen entlang aufzubauen, wobei ich dann die schon vorgestellten Materialteile ganz kurz aufnehmen wollte, was ja tatsächlich bedeutet hätte, dass meine Vortragszeit um diesen Teil länger wurde, anwuchs zu einer halben Stunde. Ich schickte die Zitate auf Anforderung einige Wochen vorher, weil sie vorab "eingespielt" werden sollten. Leider versäumte ich zu fragen, was "eingespielt" hieß. Inzwischen wurde die Veranstaltung weiter geplant. Ich erfuhr als frohe Botschaft, dass sie insgesamt wie das Buch "Sternschnuppen" heißen werde, nicht mehr drei, sondern nur mehr zwei Stunden geplant seien und es nicht mehr in einem ganz großen Rahmen, aber immerhin noch mit 2500 Menschen gedacht war. Soweit zum Vorspiel. zum Infotainment wird Wie es dann wirklich zuging, lässt sich nur in der aus dem Fernsehen bekannten Sprache des Infotainments ausdrücken, also gespickt mit englischen Versatzstücken. Ich fand mich unvermittelt in einer riesigen Inszenierung auf dem Stand von MTV-Kultur mit Videoclips und Werbung, Lichtreflexen und Musiktumult. Sternschnuppen fielen vom Himmel, sentimental musikalisch untermalt, dann dröhnende Clips, rhythmisch aufpeitschend, Jungen und Mädchen sagten etwas Abgerissenes zu Comics und anderen schnellen Bildern, zweimal erkannte ich eine verlorene Mädchenstimme Halbsätze zusammenhanglos aus meinem Buch lesend - dann wieder Lebensfreude, wie sich die Medienkultur dies vorstellt. Angekündigt als eine, die "auch" ein Buch über Sternschnuppen geschrieben habe, und dringlich ermahnt, keine Sekunde länger als 15 Minuten zu verbrauchen, schließlich sollen viele zu Wort kommen, löste ich mich zur Gänze von allen Vorbereitungen und sprach jetzt direkt zu den Menschen: Elf Thesen. Leider konnte ich sie dabei nicht sehen, weil sie im Dunklen saßen, ich im Licht stand. Dröhnend setzte die Musik ein, keine Zeit zum Nachdenken. Jetzt wurden die Jugendlichen eingeführt. Langsam mit viel Zeit. Vier sympathische 17-jährige Gymnasiasten beiderlei Geschlechts, die ihre Karriere klar vor Augen hatten, zukunftssicher. Ich hatte davon gesprochen, dass unter den 500 ihre Zukunft Schreibenden sich einige fanden, die das Leben schon aufgegeben hatten, bevor es begann, auch wenn es wenige waren - ein erschreckender Befund, den ich nicht in unserer Gegenwart vermutet hatte, nur aus der Zeit des Faschismus erinnerte. Der Moderator fragt launig den ersten Schüler, ob auch er, wie ich behauptet hätte, verzweifelt sei. Überraschend antwortet dieser mit ja, schiebt aber sogleich nach, dass eben jeder Probleme habe und die dann aber lösen könne. Dieser Punkt ist glücklich abgehakt. Noch ein zweites Mal taucht irrlichtig eine weitere Beobachtung aus meinen Thesen auf. Ich hatte davon berichtet, dass in den Aufsätzen der Jugendlichen kaum Protest, kaum Widerstand, keine Auseinandersetzung mit der Elterngeneration zu spüren sei. So fragt der Moderator die Schülerinnen und Schüler, ob sie sich auch als angepasst empfänden, wie ich gesagt habe. Zu weiterem Erstaunen bejahen das alle mehr oder minder, weil man schon sich in die Ordnung fügen müsse, um voranzukommen, etwas leisten müsse, um Karriere zu machen. Selbstverständlich werden solche Äußerungen der Jugendlichen ebenso wenig aufgenommen, diskutiert, weitergeführt, wie meine Thesen. Das Ganze folgt nämlich keineswegs dem Entwurf, Menschen zum Nachdenken, zum sich Sammeln, zur Selbstorientierung zu ermutigen, ganz im Gegenteil ist größtmögliche Zerstreuung angesagt. Kein Element, auch keines, das die übrigen Statisten auf der Bühne äußern, wird aufgenommen, verbunden, weitergetragen. Da berichtet ein Lehrer aus einer Schule, in der diejenigen gesammelt werden, die sonst keine Chance haben, daneben einer, der die Kinder aus der Verantwortung für ihre Eltern entlassen möchte, eine Grüne-Abgeordnete darf kontrafaktisch sagen, dass die Professoren die höchsten Gehälter bekommen, die Erzieher die kleinsten - es stört niemanden -, die Zuhörenden sind jetzt, durch Musikeinlagen eingestimmt, zum applaudierenden Publikum herabgesetzt. Schon Sätze, wie dass auch Jungen im Haushalt helfen sollten, werden mit Beifall aufgenommen, und die Probleme sind ins Unwesentliche zerredet und so ins leicht Wegwischbare gerutscht, bevor sie wirklich zur Wahrnehmung gelangten. Bohrend will der Entertainer, wie er es in den Fernsehshows gesehen hat, die Jugendlichen auf Familie und Kinder festlegen - was für die Jungen leichter ist als für die Mädchen, ja, ausgeschlossen für eine Schülerin, die sich als lesbisch outet, auch kein Anknüpfungspunkt für eine Diskussion, die u. a. neue Lebensformen bedenken wollte. Aber Nachdenken war, wie gesagt, überhaupt nicht im Plan. Alle Akteurinnen und Akteure auf der Bühne, schön quotiert nach Geschlecht, sind zu Wortlangern für ein Stück herabgewürdigt, das gar keinen eigenen Zusammenhalt und keinen Sinn hat, sondern eben "entertainen" will, Animation ohne Seele. Immer wieder bekommt jemand das Mikrofon vor den Mund und darf auch Stimme sein im Stück ohne Inhalt, wie wir es von den TVShows gewöhnt sind, in denen die Passanten wahllos gefragt werden, ob sie irgendetwas gut oder schlecht finden. Konsumdemokratie. Ich selbst sitze gar nicht mehr auf der Bühne, sondern, als Einwegflasche nach Gebrauch weggeworfen, vergessen in der ersten Reihe, versehen mit einem grotesk riesigen Namensschild unter den anderen, die teils Zeitung lesen, teils weggehen, neue kommen - es spielt auch keine Rolle, weil man kommen und gehen kann, wie man will in dieser offenen Halle, und etwas mitnehmen, wenn man will, wie beim Shoppen, sich berieseln lassen. Aus früheren Kirchentagszeiten gibt es noch "Anwälte des Publikums", die schriftliche Wortmeldungen sammeln und bündeln. In dieser Anordnung verwandeln sich auch diese in bloße Ornamente eines sinnlosen Breis. Schon bald hat sich gezeigt, dass in der auf störungsfreie Faszination angelegten Häppchenkultur die Hauptattraktion die Band ist, die alle Gedanken im Keim ertränkt in Musik und Rhythmus, wenigstens live. Warum gehe ich nicht längst und versuche, einen früheren Zug zu erreichen? Ich begreife zu langsam, dass dies wirklich alles gewesen sein soll, dass ich nicht mehr vorgesehen bin, nicht zu einer Antwort, weil ja auch gar keine Fragen entwickelt und gestellt wurden. Denn dies noch hätte ja Lernen, hätte Aufklärung bedeutet. Ein Kabarettist tritt auf. Ich verstehe, dass es zu Ende ist, gehe unbemerkt und jetzt schon ohne Erstaunen zum Tisch voller Bücher und ohne Menschen, tröste trostlos den Menschen, der all die Pakete herangeschleppt, seine Stunden vergeudet hat und ausrechnet, ob die sechs Bücher, die er verkaufte, die Portokosten abdecken. Ich versuche, meine Gefühle zu ordnen, suche einen Begriff, der all dies verarbeitet: ich fühle mich missbraucht. und Hoffnung missbraucht werden kann Das Wort Missbrauch scheint mir sogleich zu stark für das, was mit mir geschehen ist, aber es will hartnäckig bleiben. Der Stachel sitzt tief. Ich fühle mich nicht nur verletzt, sondern erkenne jetzt, dass mein und vieler anderer politisch-ethisches Projekt dort mit Füßen getreten und der Sinnlosigkeit überführt wurde. Missbraucht war so nicht nur ich, die ich einen Tag und viel Kraft verlor, die anderswo gebraucht wurden, missbraucht waren alle diese Menschen, die zu Statisten der Zerstreuung gemacht wurden, auch die Gymnasiasten auf der Bühne, die nicht wirklich zu Wort kamen und sich unversehens als Verpackung für herumirrende Jugend fehlverwendet fanden, missbraucht auch die Zuhörenden, die tatsächlich in riesiger Zahl gekommen waren. Missbraucht war die Hoffnung, einen sinnhaften Zusammenhalt zu fördern, der dringlich vonnöten ist. |
Frigga Haug ist Professorin (em.) für Soziologie an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik |