Yvonne Fischer
Lernen von einem Schwächling
Predigt über 2. Korinther 4,3-6
Predigttext am 6. Januar 2008

Liebe Schwestern und Brüder,

reist man nach Griechenland oder auch in die Türkei, kann man dort viele Stätten der antiken griechischen Kultur betrachten: Vieles ist erhalten und restauriert: Mächtige Bauwerke, Tempel für die Götter und Göttinnen, sehr alte Bibliotheken, Straßen und Stadien. Ephesus, Pergamon, Korinth, so hießen vor 2000 Jahren bedeutende griechische Städte. Beeindruckend und bewundernswert gilt diese sog. hellenistische Kultur uns heute noch - man war gewissermaßen weiter, zivilisierter als viele Teile der Welt. Große Denker gab es damals: Plato, Sokrates, Aristoteles oder Dichter wie Homer - Namen, die man heute noch kennt.

Überall findet man auch Darstellungen von Menschen und Göttern, Statuen, wie man sie hierzulande aus griechischen Restaurants kennt. Die Figuren, die dargestellt sind, zeigen gut aussehende, athletische, gewissermaßen makellose Gestalten - meistens sollen es wohl Götter oder Halbgötter sein. Sehe ich diese Figuren und auch die Bauwerke an, dann lerne ich viel über das Menschenbild der damaligen Zeit: Es gab damals schon das Bild eines idealen Menschen: Kräftig, schön und fehlerlos. Besonders angesehen waren Menschen mit höherer Stellung, die gut reden konnten, sich sportlich oder in der Politik bewährten. Die Mächtigsten wurden verehrt - der Kaiser ließ sich wie einen Gott anbeten. Sklaven und Sklavinnen allerdings galten zu der Zeit nicht als Menschen, sondern als Besitz. Ganz Europa ist bis heute von diesem Welt- und Menschenbild beeinflusst. Einen gut aussehenden Mann bezeichnet man heute noch als "Adonis". Unsere Ideale - die Schönheitsideale aber auch das Streben nach großartigen Gebäuden, nach Wissen, nach Macht - scheinen den griechischen sehr nahe zu kommen.

Geprägt von diesen Idealen waren auch diejenigen, die sich in Städten wie Korinth Jesus von Nazareth anschlossen. Eben noch hatten sie Zeus, Hera und den Kaiser angebetet, und nun gehörten sie auf einmal zu einer Minderheit von Menschen, die an den Gott Israels glaubten. Zum Glauben an den Messias Jesus gekommen waren sie durch Paulus und die, die mit ihm zogen, um das Evangelium zu verkündigen. Sie waren zum Teil Sklaven und Sklavinnen und spürten, dass ihnen die neue Botschaft plötzlich Würde verlieh. Von einem Gott, der alle in seinem Bild geschaffen hat und alle Menschen liebte, war da die Rede. Das hatte sie fasziniert, und sie hatten sich dieser Bewegung angeschlossen.

Paulus selbst war keiner, der in dieses hellenistische Menschenbild passte. Heute stellen wir ihn uns oft als bedeutend und angesehen vor, als Verfasser intelligenter und zum Teil komplizierter Briefe, und vielleicht auch als einen Märtyrer, der um des Evangeliums willen alles ertrug. Aber er war kein Held, sondern ein Schwächling, ein Loosertyp würde man heute vielleicht sagen. In seinen Briefen erwähnt er, dass er krank war - wahrscheinlich eine chronische Krankheit oder eine Behinderung, und dass er ein ungeschickter Redner war. Aber trotzdem hatte er immer wieder Menschen überzeugt. Vielleicht war trotz seiner schwächlichen Erscheinung seine Begeisterung ansteckend.

Auch die Gemeinde in Korinth hatte Paulus zusammen mit denen, die mit ihm herumreisten, gegründet. Nachdem er zwei Jahre dort war, war er weitergereist, um auch noch in anderen Städten zu verkündigen. Als er weg war, tauchten andere Prediger und Predigerinnen auf, die mehr ins Bild der damaligen Zeit passten: Sie waren, im Gegensatz zu Paulus, der weiterhin sein Geld als Zeltmacher verdiente, Berufsapostel. Sie konnten besser reden und sie kamen mit großartigen Empfehlungsschreiben. Und plötzlich zweifelten einige Mitglieder der korinthischen Gemeinde an Paulus. Er machte so gar nichts her und war so unkonventionell. Sie waren sich nicht mehr sicher, ob er überhaupt im Namen Jesu gepredigt hatte.

Paulus erfuhr davon und war tief verletzt. Dass die Gemeinde ihn ablehnte, weil er schwach und krank war, kränkte ihn. Er schrieb ihnen einen Brief: den zweiten Korintherbrief. In ihm ringt er darum, dass die Korinther/innen ihn anerkennen, so wie er ist.

Ich lese einen Abschnitt aus diesem Brief:

3 Ist nun aber unser Evangelium verdeckt, so ist's denen verdeckt, die verloren werden, 4 den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes. 5 Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. 6 Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. (2. Korinther 4,3-6)

Paulus spricht von Menschen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, denen das Evangelium verdeckt ist, die verloren gehen. Der Gott dieser Welt blendet: Wenn ich mir die hellenistische Kultur noch einmal vor Augen halte, dann wird mir klar, was mit dem Gott dieser Welt gemeint sein könnte: Diese erhabenen Götter, diese mächtigen Gebäude, der Kaiser in Rom, diese makellosen Menschen - all das ist blendend. "Darauf zu schauen", so höre ich Paulus sagen, "lässt die Orientierung verlieren, verstellt die Sicht auf das Evangelium, lässt Menschen verloren gehen." Heute begegnet uns auch Vieles, was blendet, großartige Ideale, die uns beeindrucken und denen wir nacheifern. Das sind quasi die Götter unserer Welt. Und auch die Götter unserer Welt können Menschen verloren gehen lassen.

Ich habe mich mal eine Zeitlang mit dem Thema Essen und Essstörungen befasst. Dabei sprach ich mit Frauen, die Bulimie, Magersucht oder Esssucht gehabt hatten. Und unter anderem befasste ich mich mit gesellschaftlichen Idealen, mit denen diese Störungen zu tun haben. In einem Buch las ich folgenden Satz: "Wir wissen inzwischen, dass das messbare Selbstwertgefühl einer beliebigen Gruppe lebenslustiger Teenagerinnen bereits nach einstündiger Lektüre von Modezeitschriften drastisch in den Keller sinkt." Der Satz sagt etwas aus, was ich selbst oft spüre: Diese ganze auf Hochglanz polierte Welt zu betrachten bewirkt, dass ich mich klein fühle, dass ich denke: "Ich bin kein achtenswerter, liebenswerter Mensch, wenn ich nicht so bin." Und leider erleben Menschen, die anders sind, in unserer Gesellschaft oft genau diese Verachtung. An den blendenden und großartigen Idealen gehen Menschen kaputt. Nicht alle: Viele können auch noch leidlich mithalten, aber manche zerbrechen daran, und das, denke ich, meint Paulus hier damit, dass die verloren gehen, denen der Gott der Welt den Sinn verblendet.

Der Gott unserer Welt: Das ist nicht nur ein makelloses Aussehen. Das ist Ansehen, Erfolg, Leistung, das ist Gesundheit und Fit-Sein, das ist Perfekt- sein-Wollen, Cool-Sein-Wollen. Alles, nur kein Looser sein, keine Außenseiterin. Trauer, Schwäche, Krankheit, Behinderung, Anders-Sein passt dann nicht. Es ist verständlich, dass wir dazugehören wollen. Ich glaube, man darf es auch nicht verteufeln, aber oft genug machen wir uns selbst damit fertig. Wir spüren, dass diese Ideale ohnehin unerreichbar sind, und wir haben das Gefühl, dass wir falsch sind, und wir überfordern uns gnadenlos.

Deshalb redet Paulus auch so direkt. Er weiß: Wenn die Gemeinde ihn ablehnt, weil er ein vermeintlicher Schwächling ist, dann hat das mit den Göttern dieser Welt zu tun. Dann ist nichts mehr übrig von dem Evangelium, an das er glaubt. Nicht nur seine Existenz und seine Verbundenheit mit der Gemeinde stehen auf dem Spiel, sondern Gott selbst und seine Botschaft.

Was aber ist dieses Evangelium von Jesus Christus? Was ist anders daran? Was hat es dieser gleißend- hellen Hochglanzwelt entgegenzusetzen?

6 Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

Ein langer Satz. Ich kann ihn mir am besten von hinten her entschlüsseln. Er endet mit den Worten: "zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi". Im Gesicht Jesu also ist die Herrlichkeit Gottes zu erkennen: Was ist das für ein Gesicht? Wie stellen wir es uns vor?

Ich stelle mir ein sehr menschliches Gesicht vor. Ich sehe ein bedürftiges Gesicht als Kind in der Krippe. Ein lächelndes Gesicht, wenn er mit seinen Lieben zusammen war. Ein trauriges Gesicht, wenn die anderen ihn und seine Botschaft nicht verstanden. Ich sehe ein wütendes Gesicht, wenn das, was ihm wichtig war, mit Füßen getreten wurde. Ein liebevolles Gesicht, wenn er Menschen begegnete, die ihm ans Herz gingen. Ein verzweifeltes Gesicht, wenn er sich von Gott und der Welt verlassen fühlte. Ein schmerzverzerrtes Gesicht, als er gefoltert wurde. Ein strahlendes Gesicht, als er aufgestanden vom Tod seine Lieben wieder sah.

In diesem Gesicht Jesu wird die Herrlichkeit Gottes erkannt: Das heißt doch: In der ganzen Bandbreite der menschlichen Erfahrung, in Höhen und Tiefen, in Schwächen und Stärken liegt die Herrlichkeit Gottes. Und gerade die Stellen, die so oft nicht sein dürfen, werden von Gott mit Licht erfüllt. In Jesu Leben sehen wir es, und auch für uns gilt es.

Weiter heißt es in dem Vers: "Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben." Das bedeutet nun nicht, dass wir immer strahlen müssen, dass nun alles Friede und Harmonie ist, auch wenn uns nicht danach zumute ist. Es heißt eher, dass Gott uns ausleuchtet als ganze Menschen und uns annimmt. Und dass Gott uns dazu befähigen will, auch unsere vermeintlichen Dunkelheiten anzusehen und auszuhalten.

Später in dem Brief spricht Gott zu Paulus: "Meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung." Hier wird wirklich die Welt umgekehrt. Ein wunderbarer Ausstieg aus dem ganzen müde machenden Streben nach Mehr. Ich finde, das tut sehr gut, es ist wirklich eine heilsame Botschaft. Vor Gott muss ich nichts wegmachen, und meine Schwachheiten sind nicht nur okay, sondern gerade in ihnen will Gott mir begegnen und durch sie will er mit mir Geschichte machen. Gott stärkt uns, dass wir durch sie hindurchgehen können. Manche schwere Zeit und manche Krise - nicht jede natürlich - macht uns nachträglich reifer und vielleicht sogar gelassener.

Paulus beschreibt, dass Gott eine Lichtbewegung in Gang setzt: Das Licht entsteht in der Finsternis, es geht in die Herzen, dann wird es von dort reflektiert, dass auch andere das Licht erkennen im Angesicht Jesu Christi.

"Gott hat uns einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi."

Manchmal habe ich dieses Aufscheinen von Menschlichkeit schon erlebt. Und es tut gut zu wissen, dass Gott in unserer Schwachheit da ist und alles daran setzt, dass wir uns und einander anzunehmen lernen. Allein die Tatsache, dass wir bis heute auf den Schwächling Paulus hören, macht doch Mut!

Amen.

Yvonne Fischer ist Pfarrvikarin in Lahnstein