|
Brigitte Messerschmidt und Erhard Reschke-Rank Erinnerung Duisburg Marxloh, Ende der 50er Jahre. Ich bin gerade in die Schule gekommen. Eine Einladungskarte der Kirchengemeinde bringt meine Mutter auf die Idee, mich zum Kindergottesdienst zu schicken. Sie begleitet mich über die große Straße bis zur Kirche, gibt mich in die Obhut der Menschen, die dort die Kinder erwarten. Ich bin ein ängstliches, unsicheres Kind - aber da ist jemand, die sich über mich freut, mich begrüßt, mich hinein nimmt in die riesengroße Kirche. Da gibt es einen festen Ort, an dem alle "kleinen Mädchen" zusammen sitzen. Die nette Frau - aus meiner Sicht "ganz alt" wie eine Oma - ist da für uns, für mich. Alles ist aufregend und neu. Und mit dieser Frau ist alles gut. Am Ende spricht der Pfarrer, der in seinem Talar nicht bedrohlich, aber beeindruckend ist, den Segen. Das kommt mir vor wie ein bergender Mantel, mit dem ich in die beängstigende Welt gehen kann. Das Gefühl "Ich kann in die Welt gehen" ist mir immer noch ganz nah. Heute kann ich vieles einordnen: dass es der aaronitische Segen war, der mich so beeindruckte; dass die nette Frau gar nicht so alt war und manches mehr. Aber wirklich wichtig bleibt dieses Gefühl von einem guten Ort mit achtsamen Menschen, von Ermutigung, in die Welt zu gehen. Damit konnte ich wachsen, groß sein und größer werden. Beobachtungen Kindergottesdienst, Thema "Gott wird abwischen alle Tränen " Im Laufe der Gruppenphase wird den Kindern die Möglichkeit gegeben, etwas von dem zu malen oder zu schreiben, was sie traurig macht, bedrückt usw. Klare Absprache: Niemand muss sein Blatt zeigen oder sonst etwas preisgeben. Die Kinder können zum Malen einen Ort in der Kirche aufsuchen, an dem sie sich ungestört fühlen. Sie legen sich auf eine Kirchenbank, gehen in eine Nische, auf die Empore usw. Ein Kind hockt sich in die Kanzel. Nach geraumer Zeit werden alle zusammengerufen. Vor dem Altar liegt ein großes Tuch, unter das sie ihre Bilder schieben können. Das Kind aus der Kanzel ist nicht da. Ich gehe zu ihr hinauf, während die anderen schon mal einen Kreis bilden. Da hockt sie und sagt leise: "Ich habe aber nichts gemalt. Aber ich habe so schwere Gedanken." Ich sage: "Wenn du magst, dann lege das leere Blatt unter das Tuch. Deine Gedanken sind darauf, auch wenn kein Mensch sie sehen kann." Verbunden mit einem Gebet nehmen Mitarbeiterinnen behutsam die Bilder mit dem Tuch zusammen und legen sie auf den Altartisch: "Gott macht es wie mit einem großen Taschentuch, er nimmt unsere Tränenbilder auf. Bei ihm sind sie gut aufgehoben." Niemand fragt mehr nach den Bildern. Niemand wird sie "analysieren", sortieren oder sonst wie verwerten. Sie sind bei Gott gut aufgehoben. - Selten habe ich den Eindruck gehabt, dass eine Zeichenhandlung einen so tiefen Eindruck hinterlässt wie diese - auch für das kleine Mädchen in der Kanzel. Kinder begreifen Gottes Nähe Martins Mutter ist Mitarbeiterin bei einer Konfirmandenfreizeit. Martin, fünf Jahre alt, ist mit ihr gekommen. Am letzten Abend feiert die Gruppe einen gemeinsam vorbereiteten Abendmahlsgottesdienst. Martin sitzt mit im Kreis. Ganz selbstverständlich nimmt er am Abendmahl teil. Als seine Mutter ihn ins Bett bringt, sagt Martin: "Du Mama, das Brot vom Jesus schmeckt aber extra lecker." Sind Kinder Kirche? Der eigene Anspruch von Kindern auf gottesdienstliche Begleitung wird oftmals nicht ernst genommen. Einige Stichworte verdeutlichen dies: - Ca. 4 % der evangelischen Erwachsenen besuchen sonntags in Deutschland Gottesdienste, etwa 10 % der Kinder sind in Kindergottesdiensten versammelt. Trotz dieses deutlichen Unterschiedes stellen immer mehr Gemeinden den Kindergottesdienst mit der Begründung ein: "Es lohnt sich nicht für die wenigen Kinder." - In Gemeindekonzeptionen scheint ebenso wie in Dienstanweisungen für Pfarrer/innen das eigene, regelmäßige Gottesdienstangebot für Kinder nicht selbstverständlich zu sein. Zwar sind seit Mitte der 80er Jahre in fast allen Landeskirchen Kinder zum Abendmahl eingeladen, doch die Umsetzung in eine selbstverständliche Praxis lässt vielerorts noch auf sich warten. - Das EKD-Dokument "Kirche der Freiheit", das eine auf die Zukunft ausgerichtete Kirche stärken will, kennt Kinder nur marginal. Da, wo sie benannt werden, sind sie Erziehungs- und Bildungsobjekte. Als Gemeindeglieder, als Gottesdienst- Feiernde und als Menschen mit der vollen Würde und den eigenen Bedürfnissen auf der Suche nach dem Leben werden sie nicht wahrgenommen. Kinder sind Kirche! Kinder haben ein volles Anrecht auf geistliche, seelsorgerliche und diakonische Begleitung durch die Kirche. Diese Begleitung muss sich an ihrem Bedarf und ihren Möglichkeiten orientieren. In der Medizin begreift man allmählich, dass das Kind eine eigens abgestimmte Therapie braucht und nicht einfach eine reduzierte Dosis. Politiker begreifen mehr und mehr, dass Kinderrechte ins Grundgesetz gehören, weil es nicht genügt, dass Kinder "mitgemeint" sind. So muss auch unsere Kirche ernst nehmen, dass Kinder nicht eine reduzierte "Dosis" an Gottesdienst, sondern ein eigenes, auf sie und ihren Bedarf hin bedachtes Angebot unbedingt brauchen und dass sie ein eigenständiges Anrecht haben. Familiengottesdienste In einer Umgebung, die der Familie immer weniger gemeinsame Zeit zugesteht, weil flexible Arbeitszeiten, intensive Kinderbetreuung und -förderung von jedem Familienmitglied eine eigene Zeiteinteilung erfordern, bei der am Ende nur noch punktuelle und einzuplanende gemeinsame Zeit bleibt, ist das Angebot "Familiengottesdienst" eine echte Herausforderung. - Ist er so angelegt, dass die Familie in ihrer knappen gemeinsamen Zeit auf dieses Angebot gern eingeht und eingehen kann? - Ist er so gestaltet, dass jede Generation in diesem Gottesdienst etwas Bereicherndes für sich finden kann? - Ist er so in ein Gesamtkonzept der Gemeinde eingebettet, dass aus dieser Feier so etwas wie Orientierung und Leben in der Kirche eine Chance hat? - Wo bleibt die Erfahrung, dass sich für viele Kinder und Erwachsene mit dem Begriff "Familie" Schmerzhaftes, Trennendes, Konflikte, Wut und Enttäuschung verbinden? - Wo sind die Kinder (und auch die Erwachsenen), die nicht im Familienverband zum Gottesdienst kommen können oder wollen? Allzu oft werden Familiengottesdienste zur Vorführstunde von Kindern, der die Eltern beiwohnen, weil sich ihr Kind dort präsentiert. In der Anstrengung, den Gottesdienst "kindgerecht" zu gestalten, wird er weder den Kindern gerecht - was bei einer Altersspanne von 2 bis 14 Jahren ja auch kaum möglich ist - noch den Erwachsenen, weil ihre Fragen, ihre Lebenssituationen aus Rücksicht auf die Kinder außen vor gelassen werden. Die Folge ist, dass Familiengottesdienste überwiegend unter der Prämisse "Der Gottesdienst soll fröhlich sein" gestaltet werden. - Schmerz, Zerrissenheit, Zukunftsangst von vielen Familienmitgliedern bleiben vor der Kirchentür. Gottesdienst als lebensbegleitendes, lebenstärkendes Angebot geht verloren, zurück bleibt ein Event, kurzlebig und wenig relevant. Kinder und Erwachsene brauchen (auch) den Gottesdienst, der sich auf ihre Lebenswelt, ihre Lebensfragen und ihre Aufnahmebereitschaft einlässt. Sie brauchen die Parteilichkeit, die Einseitigkeit, um zu erleben, dass sie ernst genommen werden. Familienkirche Unter dem Begriff "Familienkirche" entstehen seit geraumer Zeit an verschiedenen Orten Gottesdienstfeiern, die die genannten Aspekte bewusster aufnehmen. Bei aller Unterschiedlichkeit ist ihnen eines gemeinsam: Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie punktuelle Gottesdienstangebote sind, weil sie einen hohen Vorbereitungsaufwand erfordern. Als allsonntägliches Gottesdienstangebot sind sie nicht zu leisten - schon gar nicht angesichts der immer größeren Aufgabenfülle, die Pfarrern und Pfarrerinnen zuwächst. Die Frage nach der wöchentlichen Lebensbegleitung durch Gottesdienst-Angebote bleibt damit weiter im Raum. Und ohne erwachsene Begleitung fühlt sich kaum ein Kind in diese Gottesdienste eingeladen. Kindergottesdienst Kinder sind eigenständige, vollwertige Glieder der Kirche. Damit haben sie einen Anspruch auf ein vollwertiges, verbindliches, regelmäßiges und von ihnen eigenständig zu nutzendes Gottesdienstangebot. Vollwertig: Sorgfältig vorbereitet, liebevoll und an ihrer Lebenswelt orientiert soll der Kindergottesdienst sein. Dazu gehört ein einladender, festlicher Raum - nach Möglichkeit der Kirchenraum der Gemeinde, jedenfalls nicht die Abstellkammer im Keller. Dazu gehört Musik - Kinder mögen die Orgel, sie mögen auch die Gitarre, wenn sie gut gespielt ist; sie mögen nicht die ständigen "Notlösungen". Vollwertig meint auch, dass ein Pfarrer/eine Pfarrerin sich zuständig fühlt, greifbar ist, sich den Kindern vertraut macht. Das Team der Ehrenamtlichen braucht dieses ebenso! Der oft gehörte Satz "Ihr macht das so klasse, da braucht ihr mich doch gar nicht" ist kein aufbauendes Lob, sondern eine Zumutung für das Team und für die Kinder. Verbindlich: Die verschlossene Tür zur Kindergottesdienstzeit ist eine tiefe, enttäuschende Erfahrung. Auch der Satz "Heute seid ihr so wenig, da lassen wir den Kindergottesdienst ausfallen" ist eine Zumutung für jedes Kind. Denn es ist ganz und komplett gekommen, mehr kann es nicht. Es hat sich gefreut, hat das Angebot ernst genommen und dafür vielleicht den Familientisch als erstes verlassen. Das Signal: "Für dich lohnt es sich nicht" wird ein Kind sich nicht häufiger zumuten lassen. Es kehrt dem Gottesdienst den Rücken und nimmt die Erfahrung mit, dass es für die Kirche nicht wert genug ist. Da geht viel mehr kaputt als ein einzelner Sonntagmorgen. Regelmäßig: An der Frage des Rhythmus entzünden sich viele Diskussionen. In vielen Gemeinden wurde der Kindergottesdienst auf ein monatliches Angebot reduziert. Ich plädiere dennoch für den wöchentlichen, sonntäglichen Kindergottesdienst, zumindest da, wo auch die erwachsene Gemeinde diesen Wochenrhythmus lebt. Schon ein Kindergartenkind kann sich im Wochenrhythmus orientieren. Die Unterbrechung des Alltags durch den Sonntag ist auch für Kinder positiv besetzt. Eine Kirche, die zur Frage der Sonntagsheiligung eindeutig Stellung nimmt gegen die maßlosen Geschäftsöffnungen usw., wird darin fragwürdig, wenn sie ihr ureigenstes Sonntagsangebot einstellt. Kinder, die damit groß werden, werden die Sonntagsruhe als Jugendliche und Erwachsene nicht mehr zu verteidigen wissen. Eigenständig: Das Kind - auch wenn es von Eltern gebracht wird - soll als eigenständiger, Gottesdienst feiernder Mensch wahrgenommen werden. Es soll möglichst selbstständig kommen können. Wohnfeldnahe Angebote sind dafür notwendig, Konzentrationsversuche schließen eine große Zahl von Kindern aus und machen andere abhängig vom guten Willen der fahrenden Eltern. Bei einem anderen als dem Wochenrhythmus ist das Kind auf Erwachsene angewiesen, die an den Termin erinnern, die Ankündigungen verfolgen und dem Kind mitteilen. Gerade die "Kinder vom Rand" verpassen eine wichtige Anlaufstelle für sich. Das Kind als eigenständiger Gottesdienst-Besucher, das womöglich sogar gegen den Willen oder zumindest trotz der Gleichgültigkeit der Eltern kommt (das gibt es häufiger, als wir meinen!), hat dann kaum noch eine Chance. Kinder sind Teil der Gegenwart von Kirche und Gemeinde. Wenn wir diese Gegenwart ignorieren, müssen wir über die Zukunft wohl kaum noch nachdenken. |
Brigitte Messerschmidt, 1.Vorsitzende des Gesamtverbandes für Kindergottesdienst in der EKD
Erhard Reschke-Rank, Pfarrer, Theologischer Sekretär des Gesamtverbandes für Kindergottesdienst in der EKD e.V. |