Verena Grüter
Mädchen, Frauen und HIV/AIDS in Afrika

Yaoundé, Kamerun, im September 2007. Rund hundert Theologinnen treffen sich zur vierten Panafrikanischen Konferenz des Circle of Concerned African Women Theologians (Kreis der engagierten afrikanischen Theologinnen) unter dem Thema "Mädchen, Frauen und HIV/AIDS in Afrika". Die ghanaische Theologin Dr. Mercy Amba Oduyoye hat 1989 den Circle als akademische Plattform für afrikanische Theologinnen gegründet. Inzwischen sind es fast hundert Frauen aus fast allen Ländern Afrikas südlich der Sahara, die sich über den Circle vernetzen und zu Themen afrikanischer feministischer Theologie arbeiten. Die Vollversammlung 2002 in Addis- Abbeba markiert einen Wendepunkt in der jungen Geschichte der Gruppe: Angesichts der AIDS-Pandemie beschließen sie, ihre Arbeit der Bekämpfung der Seuche zu widmen und stärker mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die sich ebenfalls dem Kampf gegen AIDS verschrieben haben. So sind in Yaoundé erstmals bei einer Konferenz des Circle auch andere Organisationen vertreten: Dr. Nyambura Njoroge, Mitglied des Circle und neue Beauftragte für die Ecumenical HIV/AIDS Initiative for Africa (EHAIA) beim ÖRK mit allen regionalen afrikanischen Beauftragten des Programms; Dr. Manoj Khurian, der Beauftragte für das Programm Health and Healing beim ÖRK; Annie Kamwendo, UNICEF-Vertreterin aus Sambia; Johannes Petrus Heath, Vertreter des International Network of Religious Leaders Living with or Personally Affected by HIV and AIDS (Internationales Netzwerk von leitenden religiösen Menschen, die selber HIV positiv oder mittelbar davon betroffen sind), und andere.

Tamar und die Männer

Eine weitere entscheidende Veränderung in der Arbeitsweise zeigt sich darin, dass erstmalig auch männliche Theologen eingeladen sind. Der Kampf gegen AIDS in Afrika ist nicht zu gewinnen, wenn die Gewalt gegen Frauen und Kinder nicht überwunden wird. "Die AIDS-Pandemie stellt unsere Bilder von Männlichkeit ernsthaft infrage", sagt Prof. Dr. Gerald West vom Ujamaa Centre, School of Theology and Religion der University of Kwa Zulu Natal in Pietermaritzburg, Südafrika. "Sie hat Aspekte männlichen Rollenverhaltens ans Licht gebracht, die bisher im Dunkeln verborgen waren." Deshalb hat er zusammen mit einem Team ein kontextuelles Bibelstudium über die Vergewaltigung Tamars (2. Samuel 13,1-22) erarbeitet. Der Text ge- hört zu den silenced texts, zu den Bibeltexten, die in der Tradition der Kirche zum Schweigen gebracht wurden. Seit dem Jahr 2000 wird das Bibelstudium unter dem Titel "Tamar-Campaign" systematisch in Kirchen und Gemeinden in Südafrika durchgeführt. 2005 startete die Kampagne in Kenya, 2007 in Sambia. Es baut auf dem traditionellen, befreiungshermeneutischen Dreischritt "sehen - urteilen - handeln" auf und führt die Teilnehmenden dazu, männliches Rollenverhalten zu hinterfragen und mit Frauen nach Handlungsspielräumen zu suchen. Es zeigt weiterhin die Problematik patriarchaler Verhaltensmuster in der Bibel auf und führt die Teilnehmenden zu einer kritischen Haltung dem Text selbst gegenüber. Das Verhalten Amnons, der krank wird aus Begierde nach seiner Schwester Tamar, kennzeichnet West als "pathologische Maskulinität": "Männliche Macht konsumiert, was sie begehrt, und beherrscht und erniedrigt auf diese Weise das Objekt ihrer Begierde." Das Tamar-Bibelstudium wird auch gezielt mit Männern durchgeführt; dabei werden die Beweggründe für eine Vergewaltigung angesprochen. West unterstreicht, dass falsche Männlichkeitsbilder mit Erfolg angesprochen werden können und Männer selten abwehrend oder defensiv reagieren.

Professor Samuel Tinyiko Maluleke, Executive Director der University of South Africa in Pretoria, schildert in einem bewegenden Lebenszeugnis die Schwierigkeit, als Kind und Jugendlicher männliche Vorbilder zu finden. "Ein echter Mann baut ein Haus", lernt er von der Großmutter, die den Halbwaisen aufzieht, "er geht in den Minen arbeiten und ist fähig, Rache zu nehmen." Was das bedeutet, lernt Maluleke in der Familie: Als Minenarbeiter ist der Großvater starker Gewalt ausgesetzt, Prügel durch die Vorgesetzten gehören zum Alltag. In Soweto macht Maluleke die Erfahrung, dass viele Männer ihre Männlichkeit durch Alkoholexzesse und Vergewaltigungen unter Beweis stellen wollen. Er benennt jedoch auch die Verstrickung von Frauen: Seine Mutter stirbt infolge der Verhexung durch eine Frau. Und seine Großmutter hat keine gewaltfreien Bilder von Männlichkeit anzubieten.

"Wir Männer sind das Produkt von Frauen. Was wir brauchen, ist eine inter-liberation (eine gegenseitige Befreiung)", folgert Prof. Kä Mana aus Kamerun. Und Dr. Manoj Khourian fasst es in ein Bild: "Männer und Frauen sitzen in einer Falle - die der Frauen ist noch kleiner als die der Männer. Aber auch wir Männer sind gefangen, obwohl wir denken, wir hätten die Macht." Dinis Matsolo vom Christenrat in Mosambik fordert, die Polarisierung der Gesellschaften zu überwinden und an einem neuen Verständnis von Männlichkeit zu arbeiten. Dies sei eine gemeinsame Aufgabe von Frauen und Männern.

Als Gast der Konferenz frage ich mich, ob das männliche Sonntagsreden oder ehrliche Einsichten sind. Zeigt die jahrelange Arbeit der Theologinnen darin erste Früchte, dass ihre männlichen Kollegen in der Transformation der Gesellschaften eine gemeinsame Aufgabe von Männern und Frauen erblicken? Oder ist es die Dringlichkeit angesichts der AIDS-Pandemie, die Männer zu einem Umdenken bewegt? Schade, dass die Vorträge der Theologen nicht anschließend auf einem gemischten Podium von Männern und Frauen diskutiert wurden. So blieb die feministische Reflexion auf die männlichen Analysen aus.

Tamar und die Kinder

Einen weiteren Schwerpunkt der Konferenz bildet die Arbeit mit Kindern. Annie Kamwendo berichtet von ihrer Arbeit als Mitarbeiterin von UNICEF in Sambia, wo die Zahl der AIDS-Infizierten zu den höchsten in ganz Afrika gehört. UNICEF hat hier Programme aufgelegt, um die vulnerable children (verletzbare Kinder) zu schützen. Dazu gehören vor allem Waisen, Kindersoldaten und Kinder mit Gewalterfahrungen. Die Zahl der Kinder in Afrika, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind, steigt ständig. Dazu tragen innerfamiliäre Faktoren bei: Sexualität ist in der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern weitestgehend tabu, und gegenüber sexueller Gewalt gibt es innerhalb der Familien eine große Toleranz. Insgesamt sind aber vor allem die fehlende Gendergerechtigkeit (d. h., die Benachteiligung von Frauen in politischen, wirtschaftlichen, sozialen und sexuellen Beziehungen) und die weitgehende wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen von ihren Männern wichtige Faktoren, die den sexuellen Missbrauch von Kindern begünstigen und dazu beitragen, dass sich angesichts dieses Problems eine Kultur des Schweigens ausbreitet. UNICEF macht daher aktiv Bildungsarbeit unter Kindern und Jugendlichen zum Thema HIV/AIDS und bildet auch Jugendliche zu Multiplikatoren aus, die ihrerseits das Schweigen brechen und mit Gleichaltrigen über das Thema sprechen.

In diesem Sinne haben Mitarbeitende des Ujamaa- Center in Pietermaritzburg auch die Tamar- Kampagne in eine kindgerechte Version gebracht: Da Eltern aus den oben geschilderten Gründen kaum in der Lage sind, ihre Kinder vor sexueller Gewalt und der Infektion mit AIDS zu schützen und zugleich betroffene Kinder mit ihren Erfahrungen kaum Gehör finden, werden im Rahmen der Tamar- Kampagne nun Kirchengemeinden zu den Orten, an denen Kinder gegen sexuelle Gewalt stark gemacht werden und Gesprächspartner für eigene Erfahrungen finden. Dazu dient eine kindgerechte Didaktik, bei der die biblische Geschichte stark gekürzt und die Vergewaltigung in einer angemessenen Sprache erzählt wird. Kinder lernen so, ihre Privatsphäre gegen Übergriffe von Erwachsenen zu schützen.

Kirchengemeinden als Orte, die besonders Kindern Zuflucht gewähren, indem sie sich ihren Erfahrungen öffnen und sie stark machen gegen Gewalt: Das ist der Fokus des Vortrags von Angeline Madongonda aus Simbabwe, dem Land mit der zweithöchsten AIDS-Infektionsrate in Afrika. Unter den Praktiken, die sexuelle Gewalt und die Ausbreitung des HI-Virus befördern, unterstreicht sie das "chiram" in Simbabwe, ein ungeschriebenes Gesetz, nach dem Männer ihre Schwägerinnen als Ehefrauen betrachten und sie daher in sexuelle Beziehungen zwingen können. Sie stellt das so genannte "Kinderevangelium" Markus 9,33-37 in den Mittelpunkt ihrer Reflexion und deutet es im Sinne der AIDS-infizierten Kinder: Wo immer eine Gemeinde sich um solche Kinder aktiv kümmert, entspricht sie dem Evangelium.

Perspektive

Dr. Fulata Moyo, frisch gewählte Koordinatorin des Circle und neue Programmdirektorin für Women in Church and Society (Frauen in Kirche und Gesellschaft) beim Ökumenischen Rat der Kirchen steht vor großen Herausforderungen: Die eingeladenen Organisationen bieten ihre Zusammenarbeit an in einem größeren Netzwerk von faith-based-organisations (religiösen Nichtregierungsorganisationen), die sich in Afrika gemeinsam der AIDS-Pandemie stellen. Nyambura Njoroge schlägt vor, dass die Tamar- Kampagne ein fester Bestandteil der Arbeit von EHAIA wird. Außerdem fordert sie, die Arbeit mit Kindern zu einem Schwerpunkt bei EHAIA zu machen und die theologische Forschung zum Thema zu verstärken; hierzu hält sie den Dialog mit männlichen Theologen für unverzichtbar. "Wir sind tief betroffen", sagt Ezra Chitando, regionaler EHAIABerater in Simbabwe. "Wir gehen einer neuen Partnerschaft in Afrika entgegen. Wir hoffen, dass diese Konferenz den Beginn eines gemeinsamen Kampfes markiert."

Verena Grüter, Referentin für Grundsatzfragen und Theologische Ausbildung beim Evangelischen Missionswerk in Hamburg