Jürgen Ebach
Stichwort "Freiheit" - Alttestamentliche Erinnerungen
"Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" Aber wie gelangen wir zu den Tätigkeitswörtern?
(St. J. Lec, Das große Buch der unfrisierten Gedanken, München 1971, 161)

Ein schwieriger Begriff

Freiheit wird nicht selten für Interessen in Anspruch genommen, die andere Werte menschlichen Lebens ins Abseits stellen wollen. Der noch immer virulente Wahlkampfslogan "Freiheit statt Sozialismus" trachtet zu verbergen, dass Gerechtigkeit und Solidarität weniger zählen sollen, und vollends der neoliberale Freiheitsbegriff schnurrt auf die Freiheit des Marktes zusammen. Der Leitsatz des ADAC ("Freie Fahrt für freie Bürger") zeigt unverhohlen, welche und wessen Freiheit gemeint ist. Das Problem der Freiheit geht jedoch über kurzschlüssige Werbeformeln hinaus. Denn die großen neuzeitlichen Worte und Werte sind nicht unbeschädigt durch die schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts gekommen. Die größten Verbrechen geschahen nicht aus niederen Motiven, sondern im Namen angesehenster Werte wie Wahrheit und Volk, Gerechtigkeit und Freiheit. Die postmoderne Kritik der großen Begriffe sollte nicht überhört werden, auch wenn postmoderne Antworten nicht überzeugen. Wäre es die richtige Reaktion auf den Missbrauch solcher Worte und Werte, sich von ihnen zu verabschieden und sie denen zu überlassen, die sie für ihre Interessen instrumentalisieren? Es ist vielmehr darum zu tun, jene steilen Begriffe aus dem Wertehimmel herabzuholen und sie zu verflüssigen, d. h. - mit der als Motto dieses Beitrags zitierten Frage des polnischen Aphoristikers Stanislaw Jerzy Lec - nach den Tätigkeitswörtern zu suchen. Es geht um eine Praxis, welche die Spannung von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit aushält und austrägt.

Kein Begriff "Freiheit" in der hebräischen Bibel

Im biblischen Hebräisch findet sich kein Begriff "Freiheit", doch die hebräische Bibel lebt von Befreiungsgeschichten. Das Fehlen eines Nomens "Freiheit" - erst im nachbiblischen Hebräisch gibt es dafür das Wort cherut - zeigt an, dass es in der "Schrift" nicht um Freiheit als Zustand geht, sondern um Befreiung als Geschehen und Tun. "Wir wollen es tun und hören", so reagiert Israel auf die Gabe der Gebote (2. Mose 24,7). Das Tun geht hier dem Hören voraus, die Praxis der Theorie. Vor allem aber geht das befreiende Handeln Gottes den Geboten voraus und gibt ihnen Grund. "Ich bin Adonaj, bin dein Gott, weil ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklaven-, dem Arbeitshaus herausgeführt habe." So beginnen die "Zehn Worte", der Dekalog in 2. Mose 20 und 5. Mose 5. Vor jedem Gebot steht die Erinnerung an die geschehene Befreiung. Dieser Prolog bildet das Vorzeichen vor der Klammer, das die Einzelgebote grundiert. Ich habe euch befreit und nun lebt als freie Menschen! Lasst euch nicht erneut versklaven, indem ihr wie Sklaven immer arbeitet! Das ist der Kern des Sabbatgebots, das keinen kultischen Zweck hat, sondern ein rein soziales Gebot ist. Es geht um ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Ruhe. Wenn Christenmenschen das wüssten, würden sie dann noch, wie Umfragen dokumentieren, dieses Gebot für das Überflüssigste von allen halten?

Macht euch nicht unfrei, indem ihr anderen Göttern dient, für sie arbeitet! Das ist der Kern des Fremdgötterverbots. Was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen, wir bedienen eine Maschine?

Setzt nicht die Freiheit aufs Spiel, indem ihr die Freiheit anderer tangiert! Das ist der Kern der Gebote, die das Eigentum schützen: "Du sollst nicht aussein auf das Haus deines Nächsten. Du sollst nicht aussein auf die Frau deines Nächsten, noch seinen Knecht, noch seine Magd, weder sein Rind noch seinen Esel, noch irgend etwas, was deinem Nächsten gehört" (2. Mose 20,17). Das hier zweimal gebrauchte Verb chamad meint ein Gieren, welches auf die reale Aneignung zielt. Es richtet sich also an die, die dazu im Stande sind, an die Mächtigen. Mit der "Nathanfabel" (2. Samuel 12,1-4): Wer viele Schafe hat, soll nicht dem, der nur ein einziges hat, auch dieses noch wegnehmen. Doch gerade hier zeigt sich eine aufschlussreiche Verschiebung in der Lektüre. Denn sobald man das Gebot so las, dass nicht das auf reale Enteignung zielende Gieren gemeint ist, sondern bereits das Empfinden eines Begehrens, drehte sich die Stoßrichtung um. Nun wird es als Verbot des Neides gelesen: Wer nur ein Schaf hat, soll nicht neidisch auf die sein, die viele Schafe haben. Als seinerzeit eine stärkere Besteuerung der Reichen erwogen wurde, sprachen FDP-Politiker von der "Neidsteuer". Aus dem Verbot an die Mächtigen, sich das Hab und Gut der Schwächeren anzueignen, wird so die Stabilisierung bestehender Ungleichheit.

Freiheit und Gebot

Der Leitton der Befreiung, der den Dekalog prägt, bringt die Dialektik von Freiheit und Gebot zur Sprache. Wo die geschehene Befreiung unterschlagen wird (die Katechismusfassung lässt die Selbstvorstellung Gottes "weil ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklaven-, dem Arbeitshaus herausgeführt habe" weg), werden die Gebote ebenso verfehlt wie in der Verminderung des "du sollst" in ein wohlfeiles "du darfst". Aber wie gehen Gebot und Freiheit zusammen? Eine rabbinische Auslegung (Mischna Avot VI,2) antwortet im Wortspiel mit der Nähe der Worte charut (eingeprägt) und cherut (Freiheit). Nach 2. Mose 32,16 war die Schrift in den Zehn Worten eingeprägt (charut). Die Rabbinen sagen: "Lies nicht charut, lies cherut, denn du findest keinen wahrhaft Freien (ben chorin) als den, der sich mit dem Erlernen der Tora (talmud tora) befasst." Warum aber und wie kann sich in der Wahrnehmung der Tora Freiheit erweisen? Darauf ist zurückzukommen, doch zunächst ein Blick auf das Thema "Schöpfung" und "Freiheit".

Schöpferische Freiheit

Altorientalische Traditionen der Menschenschöpfung unterscheiden sich im Motiv, von wem, wo und wie die ersten Menschen erschaffen wurden, doch sie stimmen hinsichtlich des Zwecks der Menschenschöpfung überein. Die Götter haben die Menschen erschaffen, damit die ihnen die Arbeit abnehmen, die sie zuvor selbst tun mussten. "Die unteren Götter", heißt es in einem Text, "schleppten den Tragkorb, die oberen Götter beaufsichtigten die Arbeit." Es kommt zum Konflikt zwischen unteren und oberen Göttern. Der wird gelöst, indem der neu erschaffene Mensch als Ersatz für die Götter arbeitet. Vor diesem Hintergrund zeigt sich die kategoriale Differenz zur Menschenschöpfung in Gen 1. Gott erschafft den Menschen nicht, damit der die Arbeit in der Welt tue, die Gott zuvor selbst tun musste, vielmehr soll und darf der Mensch als Bild Gottes die Welt durch seine Arbeit gestalten. Diese Freiheit der Gestaltung hat ihren Grund in der Freiheit Gottes, der des Menschen weder bedarf, damit er an Gottes Stelle arbeite, noch damit er ihn durch seine Opfer versorge.

Bild Gottes ist in 1. Mose 1 nicht (wie in mesopotamischen Texten) der König, sondern der Mensch. In 1. Mose 1 gibt es Menschen - das ist der einzige schöpfungsgemäße Unterschied: männlich und weiblich. Andere Unterschiede wie die zwischen König und Volk, Priester und Laien, Völkern und Hautfarben sind in der Schöpfung gerade nicht grundgelegt. In der Interpretation der Gottesbildlichkeit des Menschen und des Herrschaftsbefehls in 1. Mose 1,26 ff. gerät eine große Pointe oft in den Hintergrund. Der Mensch soll herrschen, d. h. Menschen sollen nicht über Menschen herrschen. Warum, fragen die Rabbinen, stammen alle Menschen von einem ab? Damit nicht einer sagen kann: "Mein Vater war größer als dein Vater" (Mischna Sanhedrin 4,5).

Als Bild Gottes erschaffen, ist der Mensch - männlich und weiblich - Gottes Gegenüber. Auch Wassertiere und Vögel werden gesegnet, doch wird der Segen über sie gesprochen. "Da segnete Gott sie und sagte: Seid fruchtbar, vermehrt euch …" (1. Mose 1,22). Der Mensch aber wird im Segenswort direkt angesprochen: "Dann segnete Gott sie, indem Gott zu ihnen sprach: Seid fruchtbar, vermehrt euch …" (V. 28). Gott spricht die Menschen an, nimmt sie in Anspruch, und darum ist ihnen Antwort und Verantwortung zugemutet und zugetraut.

Freiheit zur Autonomie

Die Paradiesgeschichte erzählt, wie der Mensch von der Freiheit Gebrauch macht und Gottes Gebot übertritt. "Alles ist vorhergesehen, doch die freie Wahl ist gegeben", sagt Rabbi Akiva (Mischna Avot III,16). Die Vor- und Fürsorge Gottes hebt die Entscheidung des Menschen nicht auf. Die Erzählung in 1. Mose 3 wurde in christlicher Lektüre als die vom "Sündenfall" gelesen. Doch von Sünde oder Fall oder Strafe steht da kein Wort. Erzählt wird vielmehr, dass die Menschen selbst entscheiden, was gut und was schlecht ist. Für autonome Menschen aber ist der geschützte Garten in Eden mit seiner vorgegebenen Ordnung nicht länger der geeignete Ort. Die Vertreibung aus dem Paradies ist keine Strafe, sondern die Folge der Autonomie. Fortan steht den Menschen die Welt offen - mit allen Chancen und allen Gefährdungen. Gegen die kirchliche Tradition vom "Sündenfall" auf der einen und die von den Philosophen des deutschen Idealismus vertretenen Auffassung, hier erst werde der Mensch vom Tier oder Automaten zum Menschen, auf der anderen Seite setzt die biblische Erzählung die Dialektik der Freiheit ins Bild. Das zeigt sich im Blick auf die Arbeit des Menschen und dabei in der bedachten Verwendung der Worte avad (arbeiten) und schamar (bewahren). Gott hatte den Menschen in den Garten Eden versetzt, damit er ihn bearbeite und bewahre (1. Mose 2,15). Die Komplementarität von schaffender und bewahrender Arbeit aber geht verloren und allein das Bebauen, Bearbeiten (avad) wird zur Signatur des Menschen (2,5; 3,23). Der Engel mit dem Flammenschwert bewacht (schamar) den Garten und verschließt ihn für den Menschen (3,24). Die Geschichte geht in 1. Mose 4 weiter - nun ist von Sünde und Fall die Rede. Kain, der Bebauer (oved, 4,2), ist nicht mehr der Behüter (schomer) seines Bruders (4,9) und er ermordet ihn. Die Freiheit schließt bereits am Beginn der Menschengeschichte die Möglichkeit zur schrecklichsten Tat ein. Wo das Behüten und Bewahren verloren geht, wo allein das Machen Arbeit kennzeichnet, geht Mitmenschlichkeit ebenso verloren wie die Verantwortung des Menschen für die Mitgeschöpfe. In einer Variation des Schluss-Satzes der Marxschen "Thesen über Feuerbach" formuliert Odo Marquard: "Die Geschichtsphilosophen haben die Welt nur verschieden verändert; es kömmt darauf an, sie zu verschonen" (Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie, Frankfurt a. M. 1982, 13). Damit die Welt verschont bleibt, bedarf es freilich der Veränderung, des Abschieds vom Primat des Machens, des fessellosen Tuns, der Fixierung auf den Profit, auf das, was sich rechnet. "Vielleicht", so Theodor W. Adorno, "wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und lässt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen." (Minima Moralia, Ges. Schriften 4, 179). Freiheit ist nicht nur die Freiheit des Tuns, sondern auch die Freiheit des Unterlassens. Dafür steht in der "Schrift" das Sabbatgebot, das in der Fassung des Deuteronomiums (5. Mose 5,12) mit der Forderung beginnt, den Sabbattag zu bewahren (schamar). Im Sabbatgebot und seinen Weiterungen im Sabbatund im Jobeljahr geht es darum, nicht das Letzte herauszuholen - aus der Erde nicht, aus dem Kapital nicht, aus der eigenen Arbeitskraft nicht. In einer Gesellschaft, in der viel zu viele keine Arbeit haben und andere, die so genannten "Leistungsträger", ihren Wert durch permanente Überarbeitung zu erweisen suchen, sind die einen wie die anderen unfrei.

Freiheit der Wahl

Israel hat die Wahl, den Geboten zu folgen oder nicht. "Ich habe euch heute das Leben und den Tod vorgelegt, den Segen und den Fluch. Wähle das Leben, damit du lebst und deine Nachkommen auch leben können! Liebe Adonaj, deine Gottheit! Höre auf ihre Stimme und hänge an ihr, denn sie ist dein Leben!" (5. Mose 30,19 f.) Menschen können dazu "ja", aber auch "nein" sagen. "Alles ist in der Hand des Himmels - außer der Gottesfurcht", heißt es im Talmud Bavli (Berachot 33b; Megilla 25a). Erst die Freiheit zum "Nein" macht das "Ja" zu einer freien Entscheidung. Dann aber ist es eine Herzenssache, die den ganzen Menschen erfasst - mit Herz und Sinn, Denken und Fühlen und mit voller Intensität: "Höre Israel! Adonaj ist für uns Gott, einzig und allein Adonaj ist Gott. So liebe denn Adonaj, Gott für dich, mit Herz und Verstand, mit jedem Atemzug, mit aller Kraft. Die Worte, die ich dir heute gebiete, sollen dir am Herzen liegen" (5. Mose 6,4 ff.). Die Freiheit, Gott und Gottes Gebote anzunehmen, hat ihren tiefen Grund in der Erwählung Israels, die Gottes freie Wahl ist. "Nicht weil ihr zahlreicher seid als andere Völker hängt Adonaj an euch. Deswegen hat er euch nicht erwählt - schließlich seid ihr das kleinste unter allen Völkern! Nein, weil Adonaj euch liebt und sich an den Schwur hält, den er euren Vorfahren geschworen hat, führte Adonaj euch mit starker Hand aus der Sklaverei und kaufte euch aus der Hand Pharaos, des Königs von Ägypten, frei" (5. Mose 7,7 f.). Doch wie Gott in Liebe Bindung und Verpflichtung eingeht, geht auch Israel in der freien Entscheidung für Gott und das Leben die Verpflichtung auf Gottes Gebote ein. Damit stellt sich abermals die Frage nach dem Zusammenhang von Freiheit und Gebot.

Freiheit in der Schriftauslegung

Die "Schrift" bedarf der Auslegung, sie ist - in der Sprache der Rabbinen - "zur Befragung freigegeben" (nitna lehiddaresch). Denn in einem kanonischen Text, welcher die "Schrift" ist, ist der Sinn nicht mit dem Wortlaut gegeben, er muss aus dem Wortlaut im Prozess der Auslegung je neu erfragt werden. Da gibt es meist mehr als eine Auslegung, und das ist auch gut so. Wenn es um die Entdeckung der vielen Aspekte und Nuancen eines Textes geht, ist diese Vielfalt ein großer Reichtum. Wenn es ums gebotene Tun geht, bedarf es der Entscheidung. Es gibt dabei - wie in der Demokratie, die nach einer Bemerkung Churchills die schlechteste Staatsform sei, ausgenommen alle anderen - kein besseres Verfahren als nach ausführlicher und freier Diskussion, in der keine Stimme unterdrückt werden darf, die Mehrheit darüber entscheiden zu lassen, was - jedenfalls für eine Weile - gelten soll. Das kann einschließen, dass ein Satz der "Schrift" jetzt nicht gelten soll. Wenn in evangelischen Kirchen Frauen ordiniert werden, geschieht das im Widerspruch zur Weisung, Frauen sollten in der Gemeindeversammlung schweigen (1. Korinther 14,34). Dieser Widerspruch ist erlaubt, ja geboten, denn der Kanon der Bibel enthält selbst eine bis zum Widerspruch reichende Vielfalt. Die Freiheit zum Widerspruch aber basiert auf der Verpflichtung zum Tun und zum Hören. Auch hier geht es nicht um den steilen Begriff der Freiheit, sondern um befreiendes Tun.

Ein Aphorismus von St. J. Lec steht über diesem Beitrag; er schließt mit einer weiteren Notiz dieses Autors, die allen, die "Freiheit" auf ihre Fahnen schreiben, und auch der "Kirche der Freiheit" ins Stammbuch geschrieben sei. Er findet sich im oben genannten Buch (S. 36) und lautet: "Freiheit kann man nicht simulieren."

Jürgen Ebach ist Professor für Altes Testament und biblische Hermeneutik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum