Das Erbe der Älteren und die Vision der Jüngeren

Elisabeth Raiser

Auf der Präsidialversammlung des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Würzburg (26. Oktober 2007) verabschiedete Elisabeth Raiser sich aus dem Vorstand des Kirchentags.

Am letzten Tag hielt sie eine Andacht, in der sie mit wenigen Worten und Gesten so etwas wie ihr Erbe überlieferte.Vor sich hatte sie einen Tisch mit Tuch und drei Kerzen aufgestellt.

Ein Tisch

Zurzeit bin ich mit viel Möbelrücken beschäftigt. Mein elterlicher Haushalt muss aufgelöst werden; ein wichtiges, nicht ganz leichtes Geschäft, denn es hängen so unglaublich viele Erinnerungen an diesem Ort und an jedem Möbelstück. Besonders an dem alten Esstisch! Er erinnert mich an meine Kindheit nach dem Krieg, wo mein Lieblingsmärchen "Tischlein deck dich" war. Wunderbar war damals die Vorstellung, einen Tisch mit sich herumtragen zu können, der sich immer wieder mit den herrlichsten Mahlzeiten füllt. Ein typischer Traum aus einer Zeit des Mangels, lang, lang ist es her, aber eben angesichts unseres alten Esstisches doch sehr lebendig präsent. Der Tisch war nicht nur der Ort, wo man die hungrigen Mägen füllen konnte, sondern auch der Mittelpunkt des Hauses, an dem sich die Familie versammelte, wo die meisten Familiengespräche geführt wurden, wo manchmal gestritten, aber auch sich wieder versöhnt wurde und wo wir sehr viel gelacht haben. Wir hatten eine Familiensprache, z. B., wenn die Mutter fragte: willst du noch etwas zu trinken? antwortete der Angesprochene: Danke, ich bin schwopp. Sie können raten, was das heißen sollte!

Tisch, Familiensprache, beides Symbole der Zugehörigkeit zu einer kleinen Familiengemeinschaft. Wenn Freundinnen und Freunde zu Besuch kamen, die vertraut waren - wurden sie in diese Gemeinschaft völlig unkompliziert eingeschlossen.

Ich zünde die erste Kerze an, ein Licht, das zum Dank für diese Gemeinschaft in der Familie und im Freundeskreis leuchten soll. Denken Sie während der Stille an Ihren eigenen Esstisch und an die tägliche Gemeinschaft, die Sie in Ihrem Leben trägt!

Ein zweiter Tisch

Aber: ist der Tisch eigentlich ein Symbol einer geschlossenen oder einen offenen Gemeinschaft? Sind wir uns selbst genug mit unsern Freunden und Gleichgesinnten? Oder halten wir, wie es in manchen Kulturen üblich ist, immer einen Platz für den unerwarteten Gast frei? Ich glaube, die meisten von uns hier halten es fast für selbstverständlich, dass wir auch Fremden gegenüber gastfreundlich sind. Ob wir sie dann wirklich in unsere Gemeinschaft integrieren können, ist eine andere Frage; aber der gute Wille ist doch da. Wer unter uns wollte sich schon gegenüber Fremden verschließen? Daher sind wohl die meisten von uns zunächst erstaunt über eine Tischgeschichte von Jesus, die mit dieser Frage zu tun hat. Das ist die Geschichte von der syrophönizischen Frau. Sie steht bei Markus im 7. Kapitel. "Und er stand auf und ging in die Gegend von Tyrus und ging in ein Haus und wollte es niemand wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben. Sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unsauberen Geist hatte, und sie kam und fiel nieder zu seinen Füßen; es war aber eine griechische Frau aus Syrophönizien, und sie bat ihn, dass er den bösen Geist von ihrer Tochter austriebe. Jesus sprach zu ihr: Lass zuvor die Kinder satt werden. Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde." Jesus versteht den Tisch in dieser Geschichte zunächst als Symbol einer geschlossenen Gesellschaft! Die fremde Frau, die ihn bittet, ihre Tochter zu heilen, fertigt er erstmal ab mit den Worten: "Es ist nicht recht, dass man das Brot von den Kindern wegnehme und werfe es vor die Hunde", wobei die Kinder das Volk Israel sind, zu denen Jesus sich gesandt wusste; die Hunde die fremden Völker, die er damals noch nicht im Blick hatte. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende: "Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja Herr, aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder". Und er sprach zu ihr: "Um dieses Wortes willen gehe hin; der böse Geist ist von deiner Tochter ausgefahren. Und sie ging hin in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bette liegen, und der böse Geist war ausgefahren." "Und doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder. Welche kühne Erweiterung der Tischgemeinschaft! Jesus ist sofort überzeugt und heilt die Tochter "um dieses Wortes willen".

Heranziehen eines zweiten Tisches, der etwas abseits stand, um die Erweiterung der Tischgemeinschaft symbolisch darzustellen.

Ich zünde eine zweite Kerze an, die leuchtet für die erweiterte Tischgemeinschaft. Denken Sie während der Stille an die Fremden, mit denen Sie versuchen, Gemeinschaft zu halten und zu teilen, auch wenn es Ihnen schwer fällt.

Ein dritter Tisch

Wir werden bei dieser Präsidialversammlung neue Mitglieder wählen, und die Vertreter und Vertreterinnen für das gemeinsame Präsidium mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen wählen. Das heißt, neben der Vorbereitung auf Bremen 2009 steigen wir schon ein in die Vorbereitung des Ökumenischen Kirchentages in München 2010. Wir haben Gelegenheit, unsere vertraute evangelische Kirchentagsgemeinschaft wieder zu öffnen. Das verlangt viel Einsatz, viel Kraft - aber es lohnt sich, den Tisch wieder auszuziehen oder einen weiteren Tisch an den unsrigen heranzuschieben.

Die syrophönizische Frau übrigens hatte nicht nur eine andere Konfession, sondern eine andere Religion als Jesus. Faszinierend, dass er von ihr gelernt hat. Sollten wir nicht auch versuchen, von anderen Religionen zu lernen? Von anderen Kulturen? Dann wird der Tisch noch etwas größer. (Einen weiteren Tisch heranziehen) Aber keine Angst! Wir bleiben damit ganz im Rahmen der biblischen Verheißungen. Es gibt einen schönen Tischspruch von Jesus: "Es werden kommen vom Osten und vom Westen, vom Norden und vom Süden, die zu Tische sitzen werden im Reich Gottes" (Lukas 13,29). Mit diesem Zuspruch im Herzen und vor Augen können wir getrost in die nächste Runde unserer Arbeit gehen.

Ich zünde die dritte Kerze an, die leuchtet zum Dank für die verheißene Tischgemeinschaft im Reich Gottes, und denken Sie einen Augenblick daran, was das für uns bedeutet.

Annegreth Strümpfel

Wir haben Annegreth Strümpfel gebeten, auf die Andacht von Elisabeth Raiser zu reagieren. Wie sieht eine jüngere Frau, die ebenfalls in der Ökumene engagiert ist, das Erbe der älteren Generation? Wie gelingt es, eine generationsübergreifende Vision weiter zu tragen?

Sehr geehrte, liebe Vision,

wir sind uns ja leider bisher selten persönlich begegnet. Öfter als Sie habe ich Ihre Visiöhnchen und Vitöchterchen getroffen. Aber ich höre seit einiger Zeit immer wieder, dass wir uns wohl bald wieder einmal treffen werden. Darauf freue ich mich schon sehr, denn einige Menschen schienen nach einer Begegnung mit Ihnen wie verwandelt! Kurz: Ich kann es kaum erwarten, Sie bald wieder zu sehen. Heute schreibe ich Ihnen, weil mir seit der Rückkehr von einem Seminar am vergangenen Wochenende einige Fragen nicht aus dem Kopf gehen. Es handelte sich um ein Seminar der "Sassnitzer Initiative" - einer Gruppe junger, ökumenisch interessierter Theologinnen und Theologen, die sich in diesem Jahr mit dem Spannungsverhältnis von Kirche, Mission und Gastfreundschaft beschäftigt haben. Wenn Sie erlauben, würde ich Sie gern hinein nehmen in meine Überlegungen und Fragen und hoffe, dass wir uns bald persönlich darüber austauschen können.

Wodurch zeichnet sich Gastfreundschaft aus? Was meint der Vers im Hebräerbrief: "gastfrei zu sein, vergesst nicht" (13,2)? Was bedeutet es, eine gastfreie Kirche zu sein?

Wie jede Freundschaft, bedarf auch die Gastfreundschaft zweier Partner: in diesem Fall eines Gastgebers und eines Gastes. Für manche kann es die erste Begegnung sein; beide sind aufgeregt und erwarten gespannt das gegenseitige Kennenlernen. Für andere bedeutet dieses Zusammenkommen ein Wiedersehen nach langer Zeit; sie wissen, wer sie erwartet, und gleichzeitig können sie nicht voraussagen, was ihnen die Begegnung bringen wird. Welche Ausgangssituation es auch immer sei: zwei Menschen stehen sich gegenüber, keiner von beiden kann über den anderen verfügen. Sie stehen beide ganz für sich und wollen sich doch nahe kommen - als Hörende und Zuhörende, als Schenkende und Beschenkte.

Wenn ich nun an die Aufforderung aus dem Hebräerbrief denke: "Vergesst nicht die Gast- freundschaft" - was heißt dieser Auftrag der Gastfreundschaft für uns als Kirche konkret? Welche Handlungsoptionen entspringen dieser Erinnerung im Hinblick auf die Gemeinschaft der Heiligen?

Zum einen liegt darin die Rolle der Kirche als Gastgeberin. Vergesst nicht, eine aufgeschlossene Kirche zu sein, eine Kirche, die an der Seite der Entrechteten steht, eine Gemeinschaft, deren Türen für Verfolgte und Ratsuchende offen steht. Vergesst nicht, einen Platz für den unerwarteten Gast freizuhalten. Dafür liefert die Geschichte viele Geschichten. Ein besonders prägnantes Beispiel ist sicherlich die gastgebende Rolle der Gemeinden in der Wendezeit. Hier war Kirche ein offenes Haus, hier konnten politisch Andersdenkende Unterschlupf finden, hier wurde um den Schalom - das Wohlergehen des Landes - gerungen.

Zum anderen höre ich in dem Satz "Vergesst nicht die Gastfreundschaft" die Aufforderung, selbst Gast zu sein. Hier muss ich kurz innehalten. Kirche als Gast? Wo ist der Ort, an dem sie Gast sein kann? Sicher, wir sind nur Gäste auf Erden, aber es wäre doch etwas zu einfach, sich mit dieser Antwort zufrieden zu geben. Nach kurzem Nachdenken lassen sich weitere Beispiele finden: Kirche zu Gast in der Synagoge oder in der Moschee, Kirche als Gast in der Ethikkommission. Dennoch klingt es noch etwas holprig, dieses "Kirche als Gast".

Aber ich beginne zu verstehen. "Vergesst nicht die Gastfreundschaft" scheint weder zu heißen "Sei immer Gastgeber!" noch "Sei immer Gast!". Es erinnert daran, dass die Aufgabe vielmehr darin liegt, als Gast zugleich die gastgebende Rolle im Blick zu haben, und umgekehrt. Es scheint uns - eine sich so oft in der gastgebenden Rolle sehende Kirche - vor die Frage zu stellen: Lassen wir uns in der Rolle des Gastgebers verändern? Sind wir aufgeschlossen, uns und unser Handeln in Frage stellen zu lassen? Von wem lassen wir uns etwas sagen? Können wir uns beschenken lassen? In der Tat - vielleicht bedeutet die Aufforderung "Vergesst nicht die Gastfreundschaft", uns nicht in einer der beiden Rollen festzusetzen, sondern immer beides zu sein: Gast und Gastgeber. "Denn wir haben hier keine bleibende Stadt", heißt es im gleichen Kapitel des Hebräerbriefes einige Verse später, "sondern die zukünftige suchen wir." Wie soll diese zukünftige aussehen?

Verehrte Vision, vielleicht können wir bei Gelegenheit über diese Fragen sprechen?

In freudiger Erwartung Ihres Besuches - mein Haus steht Ihnen jederzeit offen -

Ihre Annegreth Strümpfel

Elisabeth Raiser und Annegreth Strümpfel

Annegreth Strümpfel studiert Ev.Theologie in Berlin. Sie gehört zur Saßnitzer Initiative, einer offenen Gruppe junger ökumenisch Interessierter, vorrangig junger Theolog/ innen, die sich seit März 2005 regelmäßig zu Jahresseminaren trifft. Sie arbeitet außerdem mit in MEET (More Ecumenical Empowerment Together), einem deutschlandweiten Netzwerk junger Menschen, die ihren Glauben ökumenisch leben wollen.