Paul Oestreicher
60 Jahre ÖRK – quo vadis Ökumene?

Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn euer Vater will euch das Himmelreich schenken. (Lukas 12,32)

Unter dem Motto Ut omnes unum sint („Alle sollen eins sein“, Johannes 17,21), erträumten die Gründer des Weltbundes Christlicher Studenten Ende des 19. Jahrhunderts in den Worten von John R. Mott „the evangelization of the world in this generation“. Mott, amerikanischer Methodist und Generalsekretär des Bundes ab 1910, kann symbolisch als Vater der ökumenischen Bewegung gelten. Daneben wäre wohl der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom zu nennen.

Die Studentenbewegung war das Fundament für die langsam entstehenden Strukturen, die 1948 zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen führten. Es war im Wesentlichen eine Bewegung des Protestantismus im europäisch-nordatlantischen Raum. Die Student Christian Movements in den englisch sprechenden Ländern waren von Anbeginn nicht konfessionell angelegt. Sie praktizierten die angestrebte Einheit, der kirchlichen Realität zum Trotz, weitgehend im Glauben, dass die Einheit, für die Jesus plädierte, in Kürze erreichbar sei. Zwei Weltkriege verlängerten den Prozess einerseits, machten ihn aber umso notwendiger, denn das Streben nach Frieden und Einheit wurde als untrennbar erkannt.

Persönlicher Rückblick

Lutherisch in Thüringen getauft, flüchtete ich siebenjährig mit meinen Eltern nach Neuseeland. Mein frommer christlicher Vater war in einem säkularen jüdischen und zugleich deutsch-nationalen Elternhaus aufgewachsen. In Neuseeland als deutsche Asylanten angekommen, wurden meine Eltern zu Quäkern, was eine radikale innere Wende bedeutete. Als Student der Politologie fand ich meine geistliche Heimat in der Student Christian Movement. In dieser lebendigen Gemeinschaft stellten kritische junge Christen Fragen an alle herkömmlichen Strukturen.

Ich beschloss zwar, anglikanischer Pfarrer zu werden, doch ich gehörte – und gehöre heute noch – der Ökumene. Für mich war sie kein Ideal, sondern eine konkret erlebte Gemeinschaft.

Die Väter der Ökumene

Leider waren die Größen der Ökumene fast alle Väter: Temple, Bell und Bonhoeffer, Visser t’Hooft, Hromadka und Dulles, Niemöller, Lilje, Dibelius, Potter, Scott aus Kanada, K. H. Ting, der immer noch lebende Patriarch des chinesischen konfessionslosen Protestantismus, D. T. Niles aus Sri Lanka. Darüber hinaus gab es bedeutende im Pariser Exil lebende Theologen und Philosophen der russischen Orthodoxie, die Schüler Solowiews und Berdjaews an der Akademie Sankt Sergius.

Zu gleicher Zeit entwickelte sich eine römischkatholische Ökumene. Paul Couturier in Frankreich und Max Joseph Metzger in Deutschland waren Persönlichkeiten, ohne deren Wirken viele Aspekte des Zweiten Vatikanischen Konzils kaum denkbar wären. Die Namen sind wichtig, weil Menschen wichtiger als die Strukturen sind.

Der Kontext

Noch prägender als alle kirchlichen Annäherungen aus theologischer Einsicht waren die Auswirkungen zweier Weltkriege, der Herrschaften Hitlers und Stalins, der Schoah, der Erstarrungen des langen Kalten Krieges, der Entkolonialisierung der Zwei-Drittel-Welt und – von den meisten Menschen erst jetzt erkannt – des Erwachens Chinas. Wer ist sich dessen bewusst, dass in China heute mehr Bibeln gedruckt und verkauft werden als in der ganzen restlichen Welt?

Die wesentlichste Ökumene wurde wohl in den Nazi-KZs und im stalinistischen Gulag gelebt und gestorben. Ein geteilter Becher kalten Wassers, eine Scheibe Brot waren die Wahrzeichen, die Sakramente der heimlichen Una Sancta. Und nicht anders war es in den Folterkammern Lateinamerikas und Afrikas. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert des Martyriums. Und die reichen Kirchen lernten zum ersten Mal, dass die Menschenrechte ihre Sache seien, und zwar nicht um ihre eigenen Rechte durchzusetzen, sondern um die Rechte der anderen zu behaupten. Die Kirche für Andere (Bonhoeffer) wurde das Gesicht einer Ökumene jenseits der Strukturen.

Der Kalte Krieg, der Kampf gegen Rassismus in den Vereinigten Staaten und in Südafrika, der Kampf gegen Armut und staatliche Gewalt in Lateinamerika, die Revolution des Feminismus, sie alle prägten neue Formen des ökumenischen Bewusstseins. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde zu einer Zeit des Umbruchs. Das Ganze wurde in dem Sammelbegriff „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ zusammengefasst. Das Dritte in diesem Bund war das Neue und ist inzwischen für viele das Beherrschende. Das Klima verdrängte sogar die Angst vor einem atomaren Holocaust. Und wie ein Gespenst lauert dahinter das alles bestimmende und erschreckende Goldene Kalb der globalisierten Wirtschaft.

Ökumenische Sternstunden

Rückschauend gab es Sternstunden ökumenischer Fantasie. Das kurze Aufblühen christlicher Existenz in den letzten Jahren der DDR, als Teile der Kirche zu Hebammen einer friedlichen Revolution wurden, die in einen konziliaren Prozess der zwei bewegenden europäischen Versammlungen in Basel und Graz mündeten, war wie ein Wunder. Wie zu anderen Zeiten, lag das Wunder in dem Geschenk charismatischer Menschen. Forck, Falcke, Führer … Menschen, die anderen Mut machten, Kirche für die Welt zu sein. Das ließ sich aber nicht zu einer Institution machen. Die dritte Versammlung in Sibiu war ein trauriges Schauspiel der Kirche von oben, die mit dem damaligen Geist wenig gemeinsam hatte.

Nicht anders war der christliche Einsatz einer ökumenisch-prophetischen Minderheit in den USA, der half, den Vietnamkrieg zu beenden. Dabei kam es zu Gefängnisstrafen für die katholischen Berrigan-Brüder. Der Jesuit und Dichter Daniel Berrigan gehört mit zu den geistlichen Propheten unserer Zeit. Er lebt heute noch ungefeiert und bescheiden in New York, wo er Aidskranke pflegt.

Die Befreiungsgeschichte Südafrikas ist ein noch spannenderes Beispiel lebendiger Ökumene: Weiß und Schwarz, katholisch, reformiert, anglikanisch, Biko und Mandela, Huddlestone, Naude, Kistner, Hurley und Tutu, dessen Wahrheits- und Versöhnungskommission ein wegführendes Beispiel von Weltbedeutung bleiben wird.

Auf der Suche nach neuen Wegen

Hinzu kommen die alle sieben Jahre stattfindenden Vollversammlungen des ÖRK. Ohne die Strukturen und überzeugte Streiter in diesen, weitgehend vom deutschen Kirchensteuerzahler getragenen, Strukturen wäre z. B. der umstrittene Einsatz für ein freies Südafrika nicht möglich gewesen. Trotzdem fehlte der ökumenischen Bürokratie eine lebendige Bindung an die weltweite kirchliche Basis. Dieses Manko ist heute akut. Diese Form von Ökumene hat wahrscheinlich ihre Zeit gehabt. Lange Jahre diente ich gerne in diesen Strukturen, aber eine neue Generation muss jetzt neue Wege gehen und bereit sein, über Mauern zu springen.

Die Dekade zur Überwindung der Gewalt ist ein kreativer Ansatz des ÖRK, der aber bisher nicht Feuer gefangen hat. Die Vorbereitung auf eine Weltfriedenskonferenz am Ende der Dekade im Jahr 2011 braucht dringend frischen Wind in den Segeln.

Trotz bedeutender Lichtstrahlen sind die Hoffnungen auf eine Überwindung alter Konfessionsmauern gescheitert. Die Gespräche der Dogmatiker über Glaubensfragen und Kirchenverfassung haben einige schöne Dokumente, aber letztlich nicht mehr als eine nicht zu verachtende Ökumene der gegenseitigen Freundlichkeit zustande gebracht. Eine brauchbare Theologie der im tiefsten Sinn versöhnten Verschiedenheit lässt noch auf sich warten. Heute profiliert man sich leider wieder in alten Strukturen und Denkschemata und spricht von Erneuerung in der Sprache der School of Business Studies.

Ein Klagelied

Die liberal-protestantischen Kirchen der westlichen Welt werden immer kleiner – und nicht, weil sie die Nachahmung der Radikalität des gekreuzigten Rabbis aus Nazareth von den noch Getauften ums entleeren sich nicht ganz so schnell, aber wohin steuert eine vom Priestertum geprägte Kirche, deren Klerus kaum noch Nachwuchs hat? Und die größte (noch) Mitgliedskirche des ÖRK, die russische Orthodoxie? Endlich von einer grausamen Zeit des Märtyrertums befreit, hat sie sich freiwillig in eine anti-ökumenische babylonische Gefangenschaft begeben, in eine national-völkische Selbstzufriedenheit, in der die ökumenisch gesinnten Priester in weit entlegene Dörfer verbannt werden.

Das Klagelied ist noch nicht zu Ende. Mein Freund Donald Reeves, schwuler anglikanischer Priester, hat seine vorbildliche Londoner Gemeinde verlassen, um Geld zu sammeln, damit eine von Christen abgebrannte Moschee in Bosnien neu errichtet werden kann. Die meisten Christen vor Ort halten ihn für verrückt. Ähnlich motiviert, hat es Christof Ziemer leichter gefunden, im Balkan ökumenisch zu leben als im Nach-Wende-Deutschland. Meine eigene anglikanische Kirche bricht auseinander. Die Gräben zwischen ihrer offenen herkömmlichen Liberalität und einem aufkommenden, intoleranten Fundamentalismus sind zu tief. Ihre interne, alle Richtungen duldende Eigenökumene hält dem nicht mehr stand.

Weit davon entfernt auszusterben, gedeiht und blüht ein christlicher Neufundamentalismus, der an den alten Kirchen entweder vorbei lebt oder sie infiltriert. Reaktionär und regressiv entstehen Kirchen der allein Gerechten. Ihre Anziehungskraft ist eine Herausforderung, mit der die bestehenden Strukturen wenig anfangen können. Zum Teil haben sie schon kapituliert. Die ökumenischen Student Christian Movements sind in den Universitäten fast verschwunden. Dagegen florieren die konservativen evangelikalen Student Unions. Der einst prophetische Britische Kirchenrat hat sich aufgelöst. Der kaum noch beachtete ÖRK sucht (verzweifelt?) nach Anerkennung und einer Rolle. Mott und Söderblom müssten neu anfangen.

Oasen

Habe auch ich kapituliert? Weit davon entfernt! Die Jünger und Jüngerinnen Jesu haben immer noch in unserer heutigen Wüstenwanderung mehr Chancen als die kleine Herde im ersten Jahrhundert der Kirchengeschichte. Der Weg von einer zur nächsten Oase ist oft eine lange Durststrecke, lang, aber nicht zu lang. Jeder, der diese Zeilen liest, wird Oasen kennen, wo das Wasser des Lebens quillt. Wo zwei oder drei im Namen Jesu versammelt sind, der seine Feinde liebt; wo zwei oder drei versammelt sind, um die Seligpreisungen zu leben, da ist Hoffnung. Angst vor dem Militärmoloch des Pentagons? Da gibt es ökumenische Kommunitäten wie z. B. Jim Wallis und seine Sojourners, die nicht vor dem Weißen Haus zurückschrecken und freudig, evangelikal speak the truth to power in love. Clinton und Obama hören auf Jim Wallis.

So wenig wie meine Wegbegleiter Dorothee Sölle und Fulbert Steffensky, Maria Jepsen und Jürgen Moltmann und Desmond Tutu habe ich die Hoffnung auf eine Ökumene verloren. Neben Jim Wallis in Washington steht sein Bruder Rabbiner Michael Lerner, Leiter der Tikkun Community, die sich zur Aufgabe macht, die Welt zu heilen und zu verwandeln, to mend and transform the world. Also, geh, junge Kirche, finde deinen Hoffnungsträger und baue mit an der Ökumene von morgen!

Paul Oestreicher Emeritierter Leiter des Internationalen Versöhnungszentrums der Kathedrale von Coventry