Klara Butting
Der Katastrophe Einhalt gebieten

Johannes, Gefangener einer römischen Strafkolonie, Prophet und Verfasser der so genannten Johannesapokalypse, sieht in seiner Vision die Kräfte, die die Weltgeschichte bewegen. Jesus enthüllt dem gefangenen Propheten, welche Mächte in der Gegenwart am Werk sind. Im Lichte der Menschlichkeit und des Leidens Jesu wird seine Wahrnehmungsfähigkeit geschärft. Die Unmenschlichkeit des römischen Staates wird sichtbar. Vier Reiter werden ihm zum Symbol für die Gewalt und den Terror, den die Menschen im römischen Imperium erleiden. Das ganze Ausmaß der Entfremdung wird deutlich, die Ideologie des „Römischen Friedens“ entlarvt. „Apokalypse Jesu Christi“ geschieht – wie es die ersten Worte der Johannesapokalypse ankündigen. Apokalypse bedeutet nicht Untergang oder Zerstörung, sondern Offenbarung: Die Gewalt, die Menschen in der Gegenwart kaputt macht, wird aufgedeckt. Die Ursachen dieser Gewalt werden entlarvt. Schließlich wird aber auch die Gegenmacht Gottes, die in der Geschichte wirksam ist, offenbar und Gottes Widerstand gegen die zerstörerische Gewalt sichtbar.

Beschleunigen

Johannes sieht die Ermordeten, die um des Wortes Gottes willen getötet wurden (6,9–11). Gottes Macht in dieser Welt ist mit diesen Menschen verknüpft, die wissen, dass Recht und Geschwisterlichkeit und nicht römische Soldaten über den Lauf der Geschichte entscheiden werden. Sie haben mit ihrem Leben und Sterben bezeugt, dass auf Gott und seine Verheißungen mehr Verlass ist, als auf die Heilsversprechen des römischen Reiches. Sie repräsentieren die Frauen und Männer, die ihren Mitmenschen und Gott die Treue halten. Sie stehen den vier Reitern, die die Welt niedertreten, entgegen.

Die Ermordeten schreien zu Gott. Sie fordern Gottes Gericht. Sie verlangen das Ende von Unrecht und Gewalt. „Sie schrieen mit großer Stimme und sprachen: Bis wann noch? Du hast die Macht, bist heilig und wahrhaftig! Wie lange richtest und rächst du nicht unser Blut an denen, die sich auf der Erde eingerichtet haben?“ (6,10) Ihr Schrei zielt auf die Beschleunigung der Geschichte. Der gegenwärtige Zustand der Welt ist unerträglich. Gott soll eingreifen, dem ganzen Treiben ein Ende setzen und den leidenden Menschen Erlösung schaffen.

Jedem Nachdenken über Verlangsamung steht dieser Schrei nach Beschleunigung voran. Langsamkeit ist keine Tugend an sich. Wenn es darum geht, Leid zu beenden und Unvernunft zu stoppen, kann es nicht schnell genug gehen. Wie oft schäme ich mich meiner Langsamkeit. Im Zug hatte ein Reisender einen epileptischen Anfall direkt neben meinem Sitzplatz. Ich hatte ihn in Verdacht zu simulieren, weil der Anfall einsetzte, als der Fahrkartenkontrolleur auftauchte. Auch Sprache und Aussehen, die ihn als Ausländer auswiesen, haben – leider – zu diesem Verdacht beigetragen. Ich habe ihm geholfen, doch ihm gleichzeitig meine Hand, an die er sich am Boden liegend wie ein Ertrinkender geklammert hatte, entzogen. Ich wollte mich vor den anderen Mitreisenden nicht lächerlich machen, dasitzen und einem Mann, der ein Theater inszeniert, die Hand halten. Als mir nach und nach der Ernst seiner Lage deutlich wurde, habe ich mich meiner Unentschiedenheit sehr geschämt.

Leben mit dem Gebet „Wie lange noch?“ heißt sich herauslösen aus der eigenen Bequemlichkeit und dem eingerichtet Sein; heißt schneller, skrupelloser zu reagieren, wo meine Hilfe erwartet wird; heißt Überlegungen wie „ich werde mich lächerlich machen“ keinen Raum geben; Gegenkräfte gegen die absurde Wirklichkeit entwickeln, in der dunkelhäutige Menschen unter Generalverdacht stehen. Das Gebet schult die Reaktionsfähigkeit angesichts von Leid. Beten ist Einübung in diese Beschleunigung.

Ruhe finden

Der Schrei „wie lange noch?“ erfährt eine sehr merkwürdige Antwort. „Ihnen wurde gesagt, sie sollten noch eine kleine Zeit ruhen, bis die Zahl derer, die mit ihnen zu Gott gehören, und ihrer Geschwister, die ebenso wie auch sie getötet werden würden, voll geworden sei“ (6,11). Gott wartet noch. Damit wird eine Anstoß erregende Formulierung erklärt, die das ganze Buch der Offenbarung durchzieht: ihnen, den Kräften der Zerstörung, „wurde gegeben“. Dem ersten der so genannten apokalyptischen Reiter beispielsweise „wurde gegeben den Frieden von der Erde zu nehmen“ (6,4). D. h. nicht, dass Gott diese Plage ins Leben gerufen hat oder diesen Reiter und seinen Terror hervorbringt. Die Gewalt, die die Erde und die Menschen gefährdet, ist menschengemacht. Gott ist an dieser zerstörerischen Gewalt nur insofern beteiligt, als er ihr durch seine abwartende Haltung Zeit gibt. Weil Gott wartet, wird dem Terror des römischen Reiches Zeit und Raum gegeben – bis die Zahl derer, die wie die Ermordeten zu Gott gehören und „ebenso wie auch sie getötet werden würden, voll geworden sei“.

Von einer unbestimmten Anzahl Menschen ist die Rede, auf deren Lebenszeugnis Gott wartet. Das bedeutet nicht, dass es bei Gott eine vorherbestimmt feste Zahl von Menschen gibt, die Märtyrer/ innen werden müssen. Im Gegenteil! Im weiteren Verlauf der Visionen sieht Johannes diese Menschen, auf die Gott wartet. Es handelt sich dabei um ganz Israel (7,4–8) und „eine unzählbar große Menschenmenge aus allen Völkern, Stämmen und Sprachen“ (7,9). In einer Momentaufnahme erscheint vor den Augen des Johannes die alle Generationen von Anfang bis Ende der Geschichte übergreifende Menschenkette, die wir in unserem Glaubensbekenntnis „die Gemeinschaft der Heiligen“ nennen. Die Väter und Mütter, die im Widerstand gegen Gewalt und in der Hoffnung auf Menschlichkeit vorangegangen sind; die Brüder und Schwestern, die gegenwärtigen und die kommenden, alle, die darauf vertrauen, dass Gottes Geschichte mit den Menschen darauf zielt, den Schrei nach Gerechtigkeit zu beantworten und die Tränen zu trocknen. Die Ermordeten, die das Gericht Gottes herbeirufen, werden an diese Menschen erinnert. Der Auftrag jeder Generation, einen besonderen Gesichtspunkt der Fülle Gottes zu entdecken und zu bezeugen, wird ihnen ins Gedächtnis gerufen. Die Dimension der Geschichte kommt in den Blick. Wir kommen in den Blick, die wir heute leben, und die Menschen, die noch leben werden. Um unsertwillen geht die Geschichte weiter. Damit die Geschichte der Welt ein gutes Ende findet, ist unser Lebenszeugnis nötig. Für die Vollendung der Schöpfung, auf die nach dem Zeugnis der Johannesapokalypse die Geschichte Gottes mit den Menschen hinausläuft, braucht Gott unsere Versuche, seinem Willen in der Welt Gestalt zu geben.

Aus der Erinnerung an die Geschwister, die Gottes Wege suchen, entsteht für die gequälten Menschen die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Ihr Schrei „wie lange noch“ kann einen Augenblick der Hoffnung weichen, dass Frauen und Männer sich in den Konflikten dieser Welt bewähren werden. Mit Blick auf diese Menschen, die sich um Wahrhaftigkeit mühen, partizipieren sie an dem Ziel der Geschichte des Volkes Israel: im eigenen Land, von Feinden unbedroht in Ruhe leben zu können (5 Mose 12,9 f.). Dieses Ziel hat als Utopie die Geschichte des Volkes seit der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten begleitet und zugleich mit Hilfe der Sabbatgesetzgebung das gesellschaftliche Leben gestaltet. Das Gebot, am siebten Tag zu ruhen und die abhängig Arbeitenden zur Ruhe kommen zu lassen, ist eine Realutopie eines zweckfreien Lebens mitten in einem Leben, das von Zwecken beherrscht ist (F. Segbers, JK 4/2004, 8). Der erwirtschaftete gesellschaftliche Reichtum wird nicht privat angehäuft, sondern in gemeinschaftliche Zeit und Räume der Humanität umgewandelt. Die umfangreiche Sabbatgesetzgebung, zu der auch Brache und Schuldenerlass alle sieben Jahre gehören, dokumentiert die Notwendigkeit gesetzlicher Regelungen als Voraussetzung individueller und gemeinschaftlicher Ruhe. Nur Gesetze, die die Verlässlichkeit herstellen und verhindern, dass die Konkurrenz um Kundschaft oder Arbeitsplatz auch an Feiertagen zur Arbeit zwingt, macht es den Einzelnen möglich, zur Ruhe zu kommen. Diese Einsicht, dass die eigene Ruhe von der Verlässlichkeit anderer Menschen abhängig ist, prägt das Gespräch mit den Ermordeten, das sich in der Vor- stellung des Johannes abspielt. Ihr zur Ruhe Kommen erwächst aus der Erinnerung, dass andere den nötigen Widerstand leisten und die Herausforderungen ihres Lebens an der Stelle aufnehmen und weiterführen, wo das ihre abgebrochen wurde. In der gegenwärtigen Suche nach Orten von Ruhe und spiritueller Dichte kann diese von den Alten gelehrte, Generationen übergreifende Verbundenheit als Leitfaden dienen – zumal eine der Triebfedern der gegenwärtigen Aufbruchstimmung im Feld der Spiritualität in der gesellschaftlichen Individualisierung zu suchen ist. In der heutigen Gesellschaft müssen Menschen als Individuen auftreten und ihren eigenen Weg finden. Die Sehnsucht nach einem individuellen, spirituellen Weg zu Gott ist eine Reaktion auf diese Notwendigkeit. Doch wo die Vorstellung genährt wird, dass wir Menschen tatsächlich in unserem Kern unabhängige Individuen seien, verpufft die spirituelle Ermächtigung in einer Illusion. Nicht nur meine Nahrung und Kleidung, auch meine körperliche und geistige Ruhe ist abhängig von dem Engagement anderer Menschen. Das Evangelische Gesangbuch findet für diese Erfahrung in Hinblick auf die weltweite Ökumene wunderbare Worte:

Die Erde rollt dem Tag entgegen,
wir ruhen aus in dieser Nacht,
und danken dir, wenn wir uns legen,
dass deine Kirche immer wacht.
Denn unermüdlich, wie der Schimmer
des Morgens um die Erde geht,
ist immer ein Gebet und immer
ein Loblied wach, das vor dir steht. (EG 266,2.3)

Verlangsamen

In einem Blitz sieht Johannes, was passieren würde, wenn Gott sich den Zorn der Ermordeten zu Eigen machte. Beben erschüttern die Erde, die Sonne wird schwarz, die Sterne fallen zur Erde, der Himmel vergeht (6,12–17). Johannes spürt den Zorn und Schmerz Gottes über das Unrecht, das geschieht. Er sieht den Untergang der Welt. Die Hoffnung auf eine von Menschen gestaltete, friedliche Erde hat getrogen. Nun wird die Schöpfung zurück genommen. Doch dieses Bild bricht ab. Ein Szenenwechsel erklärt diesen Abbruch. Ein Bote steht auf, den Untergang der Schöpfung aufzuhalten: „Ich sah von Sonnenaufgang einen anderen Boten aufsteigen, der hatte das Siegel des lebendigen Gottes. Er schrie mit lauter Stimme den vier Boten zu, die die Erde und das Meer antasten durften: Tastet die Erde, das Meer und die Bäume nicht an, bis wir die, die zu unserem Gott gehören, an ihren Stirnen gesiegelt haben!“ (7,2–3). Der Untergang der Schöpfung wird aufgehalten, und zwar um deretwillen, die zu Gott gehören und mit dem Siegel Gottes versiegelt werden sollen. Ein Siegel ist ein Eigentumszeichen – also übersetze ich den Satz: Der Untergang der Schöpfung wird aufgehalten, bis die, die zu Gott gehören, der Zugehörigkeit und Liebe Gottes gewiss geworden sind. Von den Menschen, die nun in den Blick kommen, ist bereits die Rede gewesen. Es sind Israel und eine unzählbare Menschenmenge aus den Völkern, auf denen die Hoffnung Gottes ruht, um deretwillen die Ermordeten trotz ihres Zorns zur Ruhe kommen können. Ohne sie würde in der Welt tatsächlich nur Zorn übrig bleiben, der die Welt zerstört. Doch ihr Leben hält die Katastrophe auf, auf die Politik und Wirtschaft zusteuern. Um ihretwillen besteht die Welt und ihre Geschichte fort. Ihr Leben ist die Entschleunigung der Katastrophe. Dabei ist nicht ihr Lebensund Arbeitstempo ausschlaggebend, sondern die Ausrichtung und Aufgabe des eigenen Lebens. Der junge Mann, der in der Psychiatrie in Seele und Körper die eingesparte Trauerarbeit einer rasenden Gesellschaft leistet, die Friedensaktivistin, die die militärischen Konflikte als ökonomische Auseinandersetzungen entlarvt, der Alzheimerkranke, der erfahrbar macht, dass menschliche Würde nicht auf Leistung beruht – sie stehen nebeneinander: Menschen, die auf ihre Weise Menschlichkeit und Erbarmen einfordern und die zerstörerische Eigendynamik einer Wirtschaft verlangsamen, die sich an grenzenloser Geldvermehrung statt an menschlichem Wohlergehen ausrichtet.

Eine alte biblische Hoffnung nimmt in dieser Vision des Johannes Gestalt an, die besagt, dass die Welt auf den Gerechten ruht. Nach jüdischer Tradition sind es in jeder Generation sechsunddreißig Gerechte. Von ihnen erzählt André Schwarz-Bart in seinem Buch „Der Letzte der Gerechten“, dass sie „sich in nichts von den gewöhnlichen Sterblichen unterscheiden; häufig wissen sie selber nichts von ihrer Berufung. Käme es aber dazu, dass auch nur ein einziger von ihnen fehlte, so würde das Leid der Menschen selbst die Seelen der kleinen Kinder vergiften, und die Menschheit würde in einem Aufschrei ersticken“ (Frankfurt a. M. 1979, 10 f.). Gott hat – so wird erzählt – dem Abraham die Existenz dieser Gerechten in jeder Generation in dem Gespräch über die Zukunft der Städte Sodom und Gomorra versprochen. Damals war Abraham überzeugt, dass zehn Gerechte den Untergang der beiden von Gewalt verseuchten Metropolen aufhalten könnten.

Die neue Stadt

Die Johannesapokalypse vermittelt in dem Gespräch mit den Märtyrer/innen eine Ahnung, dass das Minimalprogramm „den Untergang aufhalten, die Katastrophe verlangsamen“ in einem Zusammenhang mit der großen biblischen Vision universaler Heilung steht. Johannes hält an dieser universalen Vision fest. Am Ende sieht er einen neuen Himmel und eine neue Erde. Diese erneuerte Schöpfung zeigt sich ihm im Bild einer Stadt, die von Gott aus dem Himmel herabkommt. D. h., dass die Schöpfung in seinen Augen nicht in einer kontinuierlichen Bewegung in der Geschichte vollendet wird. Sie kommt von Gott aus dem Himmel. Und doch wird im Bild der Stadt auch erkennbar, dass der neue Himmel und die neue Erde ein Produkt der Geschichte sind. Denn die Stadt ist am Anfang der Bibel der von Menschen gemachte Gegenort zu dem von Gott gepflanzten Garten (1 Mose 4,17). Hier am Ende ist sie Stadt und Garten zugleich, mit dem Baum des Lebens in ihrer Mitte (22,2). Johannes sieht mit dem neuen Jerusalem, dass Gott die Geschichte und die Werke der Menschen nicht wegwischt, sondern aufnimmt und vollendet. Keine menschliche Tat geht verloren. Das heilsame Gedächtnis Gottes richtet das Werk unserer Hände auf und besonders die Menschen, die Gottes Ruf gehört haben und sich auf seinen Weg eingelassen haben, bekommen Welt verändernde Macht: das Licht in dieser Stadt ist Jesus (21,23), ihre Tore sind die Frauen und Männer Israels (21,12), die Grundsteine ihrer Mauer sind die Apostel und Apostelinnen (21,14). Neue Schöpfung Gottes ist das neue Jerusalem, doch die Geschichte ist die Baustelle, in der die Steine, aus denen Gott die neue Stadt errichtet, gefertigt werden. Die Möglichkeit dieser Geschichte hängt an den Frauen und Männern, die, statt den Zorn zu vermehren, den Untergang verlangsamen.

Klara Butting ist freischaffende Theologin und Mitherausgeberin der Jungen Kirche