Silke Niemeyer
Geistlicher Beistand für den ehrbaren Kaufmann

Anmerkung zur Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“

In Zeiten, in denen die Leserbriefspalten überquellen vom empörten Protest gegen Managergehälter und Unternehmensskandale, möchte die Kirche die Spannungen mit dem Unternehmertum in „einem neuen Dialog“ überwinden (7). Vorneweg stellt Bischof Huber klar, wo es im Folgenden lang gehen soll: „Die evangelische Gestalt des christlichen Glaubens hat zu unternehmerischem Handeln ein positives Verhältnis.“ (7) So positiv, dass die Denkschrift sich nicht scheut, unternehmerisches Handeln (bzw. das verklärte Bild, das sie davon entwirft) als „Gottes Berufung“ zu weihen (13.47). Die Kirche gibt sich verständnisvoll für die Not der Konzernkapitäne und bietet ihnen das notwendige Rüstzeug an, um die „unerwarteten Wertekonflikte“, die sie umtreiben, zu meistern, „nämlich eine christliche Erziehung, einen festen Glauben und […] geistlichen Beistand“ (107).

Die zitierten Sätze offenbaren die große Schwäche der Schrift: die Zerstörungen und der Zwang zur Gier, die der Kapitalismus systembedingt zeitigt, werden auf moralisches Versagen einzelner Führungskräfte reduziert. Dies ist mehr als peinlich, da die Denkschrift in dem Moment erscheint, in dem die Finanzkrise aller Welt das Versagen der unsichtbaren Hand des Marktes vor Augen hält. Aber auf ihrem Harmoniekurs begnügen sich die Verfasser damit, Moral zu predigen und den Wirtschaftsbossen die „Regeln des ehrbaren Kaufmanns“ (77) zu empfehlen.

Das Werk, das unter Leitung von Professor Gert Wagner entstand, liest sich über weite Strecken, als wäre es von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft diktiert. Im frömmelnden Beraterjargon beten die Verfasser die Sprechblasen der neoliberalen Meinungsmacher nach: die Mythen, dass wir es immer noch mit einer „Sozialen Marktwirtschaft“ zu tun hätten (9), dass das Streben nach persönlichem Wohlergehen zugleich „zum Wohlstand aller“ führe (52), dass „die Bildung wirtschaftlichen Kapitals auch moralisches Kapital voraus[ setze]“ (49 f.), dass „der demographische Wandel […] mehr Kapital gedeckte Altersvorsorge“ verlange (70) usw. Damit distanziert sich die offizielle Kirche von der großen Mehrheit der Menschen, die sie tragen und die das längst nicht mehr glauben. Obwohl als Lippenbekenntnis beschworen, geben die Verfasser „die vorrangige Option für die Armen“ (39) faktisch auf.

Ihr wichtigster Schatz, die biblische Tradition, wird wie Perlen vor die Säue geworfen. Für die Autoren ist von vornherein klar: „Das Streben nach Wohlstand und damit der Aufbau einer produktiven Wirtschaft unterliegen biblisch keiner Kritik“ (39). In diesem Sinne werden biblische Zitate in die marktideologischen Textbausteine gestreut. Nur ein Beispiel unter zahlreichen ist „die Mahnung zur Freiheit von der Sorge“ (40 f.), die den Text aus der Bergpredigt völlig seiner prophetischen Tradition und seines ökonomiekritischen Kontextes entblättert. Aus Jesu Absage an den Götzendienst der Geldvermehrung (Mammon) macht die Denkschrift ein Entspannungsprogramm für gestresste Manager: „Wer weiß, dass er nie tiefer fallen kann als in Gottes Hand, wird auch in schwierigen Situationen gelassen bleiben und mutig entscheiden können.“ In dieser bergenden Gewissheit darf es „Mitgliedern der Kirchenleitung und der Wirtschaft“ schön warm ums Herz werden bei ihren gemeinsamen „Gespräche[n] ‚am Kamin‘“ (115). Die, für die der Ofen aus ist, bleiben draußen. Und wenn sie maulen, müssen sie lernen, was der ehrbare Kaufmann längst weiß: „dass Geld und Wohlstand letztlich keine zentrale Bedeutung im Leben bekommen dürfen“ (41).

Silke Niemeyer ist Gemeindepfarrerin in Recklinghausen, Autorin für Rundfunkandachten im WDR