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Kirche für andere Konrad Raiser: Am12. Mai wird Heino Falcke seinen 80. Geburtstag begehen. Für alle, die sich von ihm haben inspirieren bzw. provozieren lassen oder ihn als freundschaftlichen Weggefährten schätzen gelernt haben, gibt dieser Tag Anlass zu dankbarer Erinnerung an die vielen wegweisenden Impulse, die von ihm ausgegangen sind. Die Freiheit der Kirche Heino Falcke hat das geistig-theologische und öffentliche Profil der evangelischen Kirchen in der DDR in hohem Maße mitbestimmt. Mit seinem Hauptvortrag bei der Synode des Kirchenbundes in Dresden 1972 zum Thema: „Christus befreit – darum Kirche für andere“ gelang ihm eine überzeugende theologische Standort- und Auftragsbestimmung für Zeugnis und Dienst der Kirche in der realsozialistischen Gesellschaft, die über die „lähmende Alternative zwischen prinzipieller Antistellung und unkritischem Sich-vereinnahmen- zu-lassen“ hinausführte auf den Weg zu einer mündigen, „konkret unterscheidenden Mitarbeit, die von einer besseren Verheißung getragen ist, als der Sozialismus sie geben kann, die einen verbindlicheren Auftrag kennt, als Menschen ihn erteilen können, und die darum konkret engagiert ist.“ In der Gewissheit, dass auch die sozialistische Gesellschaft unter der Verheißung des befreienden Christus steht, wagte er es, von der „Hoffnung eines verbesserlichen Sozialismus“ zu sprechen. Dabei ging es ihm nicht um eine analytisch abgesicherte Gesellschaftsprognose, sondern um die in der Freiheit des christlichen Glaubens wurzelnde Motivation zur gesellschaftlichen Veränderung, die sich nicht scheut, die wunden Punkte und Fehler des gesellschaftlichen Systems zu benennen und zu bearbeiten oder notfalls einzugestehen, dass es nicht reformierbar ist. Die hier in Anspruch genommene Freiheit der Kirche zu kritischer Prüfung der Wirklichkeit im Licht des Evangeliums wurde in den folgenden Jah- ren zum Kennzeichen der eindringlichen Analysen Falckes zur christlichen und kirchlichen Verantwortung für den Frieden sowie für Umwelt und nachhaltige Entwicklung. Sein theologisch begründetes, unabhängiges Urteil machte ihn oft zum unbequemen Mahner, der die inneren Widersprüche zwischen Ideologie und gesellschaftlicher Wirklichkeit sowie die unausgetragenen Spannungen in der Bestimmung von Ort und Auftrag der Kirche benennen und Wege zu ihrer Überwindung aufzeigen konnte. Der konziliare Prozess Auf Falckes Initiative ging auch der Antrag zurück, den die DDR-Delegierten bei der Vollversammlung des ÖRK in Vancouver 1983 einbrachten mit dem Ziel, dass die Vollversammlung prüfen möge, ob die Zeit reif sei für ein Friedenskonzil, wie Dietrich Bonhoeffer es 1934 vorgeschlagen hatte. Daraus wurde dann der von der Vollversammlung angeregte „konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung“. Er begleitete den Prozess der Ökumenischen Versammlung in der DDR, die kritisches politisches Bewusstsein für die notwendige Umgestaltung der sozialistischen Gesellschaft weckte und so zu einem entscheidenden Faktor für die „Herbstrevolution“ 1989 wurde. Der verbesserbare Kapitalismus Der konziliare Aufruf zur Umkehr bleibt auch nach der „Wende“ des Jahres 1989/90 gültig und hat angesichts der Auseinandersetzungen über die Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung nichts von seiner Aktualität verloren. Im Januar 1991 formulierte Heino Falcke: „Die politische Wende 89/90 brachte diese Umkehr keineswegs. Lediglich mit ihrer Option für die Gewaltfreiheit konnte die Ökumenische Versammlung greifbar die revolutionären Ereignisse mitgestalten. Die Solidarität mit den armgemachten Völkern und der leidenden Mitwelt wurde durch eine vorrangige Option für die soziale Marktwirtschaft eher verdrängt.“ So richtet sich sein prüfender Blick heute auf den in politischen und kirchlichen Stellungnahmen mit Nachdruck verteidigten Ordnungsrahmen der sozialen Marktwirtschaft, und er fragt, ob nicht auch im Blick auf das marktwirtschaftliche System die kritische Unterscheidung von Ideologie und gesellschaftlicher Wirklichkeit notwendig sei. Jedenfalls steht auch im Kapitalismus die Wirklichkeit für den christlichen Glauben unter der Verheißung und dem Gebot Christi. Wie müsste sich daher heute die Hoffnung auf einen „verbesserlichen Kapitalismus“ äußern? Falcke schließt einen kurzen Beitrag unter diesem Titel (Duchrow/Segbers (Hg.), Frieden mit dem Kapital? Oberursel 2008, 22) mit den folgenden Sätzen: „In dieser Perspektive wird sie (d. h. die Kirche) freilich unausweichlich auf die systemischen Widerstände des Kapitalismus stoßen und den Widerspruch dagegen auch thematisieren müssen. Diesen Konflikt gilt es anzunehmen und aktiv durchzustehen und dann abzuwarten, was dabei aus dem System des Kapitalismus regional und global wird – Zähmung, Überwindung, Revolutionierung, Implosion oder Transformation. Wäre solch eine offene evangelische Perspektive vielleicht auch die Ermöglichung eines Gesprächs kontroverser Positionen in der christlichen Ökumene?“ Reinhard Höppner: Wenn die Kirche nicht für andere da ist, verleugnet sie ihren Auftrag. Das gehört für Heino Falcke zu den Grundaussagen christlicher Botschaft. „Christus befreit, darum Kirche für andere“ war die Überschrift über ein Referat, das er auf der Synode des Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR 1972 in Dresden gehalten hatte. Sein Vortrag war wegweisend für die Kirchen auf der Suche nach ihrem Platz und Auftrag in der „sozialistischen Gesellschaft“ der DDR. Anstößig war er. Natürlich! Wer etwas anderes erwartet hatte, kannte Heino Falcke nicht. Anstößig war er besonders für die „staatlichen Stellen“, die solche Synodaltagungen genauestens beobachteten. Sie stolperten vor allem über die Rede vom „verbesserlichen Sozialismus“. Der Sozialismus verbesserungsbedürftig? Ungeheuerlich, protestierten die, die mit ihrer Rede vom „real existierenden“ Sozialismus derartigen Verbesserungsvorschlägen einen Riegel vorschieben wollten. Der Sozialismus verbesserungsfähig? Traumtänzerisch, meinten nun die anderen. Manche dieser „Protestanten“ wechselten nach der Wende die Fronten. Heino Falcke blieb sich treu. Politische Diakonie Falcke hat tatkräftig dazu beigetragen, dass die Kirchen in der DDR Kirche für andere geworden sind. Dabei hätte es in der Bedrängnis für die Kirchen guten Grund gegeben, sich um den eigenen Bestand Sorgen zu machen. Sein Credo: Ihr Bestand ist nur gefährdet, wenn sie ihrem von Gott gegebenen Auftrag nicht gerecht wird. Eine Überzeugung, die manchen Kirchenreformern heute noch gut tun würde. Dabei haben wir zu DDR-Zeiten gelernt, dass die anderen keineswegs nur die Armen, Kranken und Behinderten sind, denen sich die Diakonie der Kirche intensiv zuwendet. Wir lernten: Es gibt so etwas wie eine politische Diakonie: Das tun, was für eine Gesellschaft notwendig ist und was kein anderer tut oder tun kann. In diesem Fall ging es um den Diskurs über die Zukunft unserer kleinen und großen Welt, für die es in der abgeschotteten und überwachten DDR keinen Platz gab. Es ging um die seit Anfang der achtziger Jahre in größerer Zahl entstehenden Friedens- und Umweltgruppen, die einen Raum brauchten, um sich zu treffen, und einen Rahmen zum Denken und Weiterdenken. Sie trafen sich „unter dem Dach der Kirche“ nicht nur im räumlichen Sinne. Das durchaus spannungsreiche Verhältnis zwischen Kirchenleitungen und Gruppen hat Falcke nicht mehr losgelassen. Im Zweifel stand er auf der Seite der Gruppen und nahm lieber die Spannungen mit seinen kirchenleitenden Kollegen in Kauf. Nach der Wende war es einfach, von „den oppositionellen Gruppen“ zu sprechen und damit den Eindruck zu erwecken, als wären dies Gruppen gewesen, die schon damals die DDR beseitigen wollten. Doch das war keineswegs so. Die Unsicherheit, die nach dem Fall der Mauer im November 1989 unter ihnen zum Thema Deutsche Einheit entstand, beweist das Gegenteil. Die große Mehrheit von ihnen war der Überzeugung, dass nichts gewonnen sei, wenn man den Sozialismus einfach durch den Kapitalismus austauscht. Sie fanden sich eher bei Heino Falckes verbesserlichem Sozialismus wieder. So kann es nicht weitergehen Prägend für diese Gruppen war der konziliare Prozess für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, den Heino Falcke wesentlich inspiriert hat. Was wir damals noch nicht wussten: Die Ökumenische Versammlung (im Rahmen des konziliaren Prozesses) hat die friedliche Revolution in der DDR wesentlich mit vorbereitet. Ganze Passagen des Abschlussdokumentes finden sich in den Programmen der im Herbst 1989 neu entstehenden politischen Parteien und Gruppierungen wieder. Viele Teilnehmer der Ökumenischen Versammlung werden schnell zu führenden Köpfen der friedlichen Revolution. Zwanzig Jahre später hören diese „Revolutionäre dieses Herbstes 1989“ manchmal die inzwischen schon fast vorwurfsvoll klingende Frage: „Was ist denn aus euren Träumen des Herbstes 89 geworden?“ Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, zumal eine genauere Analyse sehr bald zutage fördert, dass es sehr unterschiedliche Träume waren, die die Menschen in der DDR in jenem Herbst geträumt haben. Für viele war es ja auch einfach der Traum, möglichst schnell so zu leben „wie im Westen“. Dabei hatte dieses „wie im Westen“ immer etwas von Schlaraffenland. Für die, die bei der Ökumenischen Versammlung mitgearbeitet hatten, ging es immer um mehr. Sie wussten, dass der Westen nicht das Gelobte Land war. „So, wie es in unserer Welt ist, kann es nicht weitergehen“, das war ein Schlüsselsatz, der sich eben keineswegs nur auf die DDR bezog. Es ging um unsere ganze Erde, um den Globus mit seinen Spannungen zwischen Arm und Reich, mit seinen Spaltungen zwischen Ost und West und Nord und Süd. In den ersten Wochen der friedlichen Revolution trieb viele noch die Hoffnung, jetzt könne sich in der Welt insgesamt etwas bewegen in Richtung von mehr Gerechtigkeit auf unserem Globus. Bald nach dem Fall der Mauer stellte sich heraus, dass gerade dazu die Zeit nicht war und die, die mehr an Veränderungen wollten, in der Minderheit und bald auch im Abseits waren. Als auch die Kirchen in Ost und West schon 1990 auf eine schnelle Wiedervereinigung zusteuerten, gehörte Heino Falcke zu den warnenden Stimmen. Wenigstens die Kirchen sollten sich die Zeit nehmen, aus ihren unterschiedlichen Erfahrungen zu lernen. Schließlich standen sie nicht unter politischem Druck. Sie haben es, leider auch auf Drängen mancher östlichen Kirche, nicht getan. Es hätte manches gegeben, was des Bedenkens wert gewesen wäre. Mag sein, dass wir durch den politischen Druck in der DDR in besonderer Weise gefordert waren, unsere Schritte auch theologisch zu reflektieren. Aber für Heino Falcke war dieser Druck bestenfalls ein zusätzlicher Impuls. Auch die äußere Gestalt der Kirche muss ihren festen Grund im Evangelium und seinem Auftrag haben. Und sie besteht nicht nur aus dem, was wir verfasste Kirche nennen. Das ist seine Überzeugung, und zu solcher Genauigkeit im Nachdenken hat er uns immer wieder provoziert. Das Ergebnis war eine theologische Qualität, die man mancher kirchlichen Verlautbarung heute noch manchmal wünschen würde. |
Lebenslauf |