Kein Selbstzweck
Okko Herlyn

Innewohnende Freude

Von allen Freuden auf Erden Kann niemandem eine schönere werden, Denn die ich geb mit meim Singen Und mit manchem süßen Klingen. Hie kann nicht sein ein böser Mut, Wo da singen Gesellen gut, Hie bleibt kein Zorn, Zank, Haß noch Neid, Weichen muß alles Herzeleid; Geiz, Sorg und was sonst hart anleit, Fährt hin mit aller Traurigkeit …

Mit trefflichen Worten beschreibt Martin Luther in seiner „Frau Musika“ das besondere Wesen der Musik: die Freude. Wer – aktiv oder passiv – musiziert, tut das grundsätzlich gerne. Das ist ihr Geheimnis, mögen auch ihre einzelnen Elemente – etwa Melodie, Harmonie, Klangfarbe oder Rhythmus – erklärbar sein. Diesem grundsätzlich erfreulichen Wesen der Musik widerspricht auch nicht die Existenz sog. „ernster Musik“ oder schwermütiger Lieder, die ja von dem Ernsten oder Traurigen immerhin gerne gehört oder gesungen werden. Es gibt auch eine Art genießerische Schwermut. Eine ganze Kinogeneration hat sich „das Lied vom Tod“ nicht oft genug vorspielen lassen können. Vor allem gibt es in mancher ernsten Musik einen tiefen, schlummernden Trost, und wenn es nur der ist, dass sie unseren Gefühlen Ausdruck verleiht, wir uns etwa mit unserer Trauer in gewisser Weise „verstanden“ fühlen. Es bleibt also auch hier dabei: Musik und Freude gehören zuhauf, sofern man diese nicht gleich mit guter Laune und uniformem Saalklatschen verwechselt.

Dass hier immerhin auch eine Gefahr liegt, signalisierten vor Jahrzehnten bereits kritische Musiker, die – auf der Linie von Adornos berühmtem Diktum, „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben“, sei „barbarisch“ – auf die auch verschleiernde, die Verhältnisse beschönigende Funktion der Musik aufmerksam machten. So seinerzeit der Liedermacher Franz Josef Degenhardt:

Einen Scheißhaufen zu malen, das nutzt gar nichts. Der muß weg. Und trotz aller schönen Künste stinkt der Dreck nach Dreck.

Dem grundsätzlich erfreulichen Wesen der Musik widerspricht auch nicht, dass sie immer auch der Gefahr ausgesetzt ist, für ganz andere, eben unerfreuliche oder gar entsetzliche Zwecke funktionalisiert zu werden. Die Schlägertrupps der SA haben schließlich auch Lieder gesungen, aber in welcher Irreleitung! In Guantanamo wurde mit Popsongs von Britney Spears gefoltert. Die der Musik innewohnende Freude verkehrt ins diabolische Wohlgefallen am Bösen. Dass die Musik nicht von vornherein der Möglichkeit des Missbrauchs enthoben ist, ja stets auch zu einer „herrenlosen Gewalt“ (Barth) werden kann, zeigt nicht zuletzt die Entwicklung auf dem kommerziellen Musikmarkt, die vor allem den Profitinteressen einiger weniger dient. Dass die Musik überhaupt für andere Dinge zu instrumentalisieren ist, liegt ja gerade an ihrer grundsätzlichen Erfreulichkeit. Mit Missmut wären gewiss keine Millionen zu mobilisieren.

Instrumentalisierung

Weil mit der Musik „alle Traurigkeit hinfährt“, nimmt es nicht wunder, dass sie uns auch in der Bibel auf Schritt und Tritt begegnet. Viele bekannte Geschichten fallen uns ein. Jericho fällt unter dem Klang von Posaunen (Josua 6). David vertreibt mit seinem Harfenspiel Sauls bösen Geist (1. Samuel 16,23) oder tanzt vor der Bundeslade „mit Liedern, mit Harfen und Psaltern und Pauken und Schellen und Zimbeln“ (2. Samuel 6,5). In Psalm 150 wird ein ganzes „Tempelorchester“ (Seidel) aufgeboten und bei dem Fest anlässlich der Rückkehr des Verlorenen Sohnes hört man „Singen und Tanzen“ (Lukas 15,25). Überhaupt wird auffallend häufig gesungen. Mose und Mirjam besingen die Rettung aus dem Schilfmeer (2. Mose 15). Debora und Barak stimmen ein Siegeslied (Richter 5), Hanna ein Loblied (1. Samuel 2), Jesaja ein „Wein- berglied“ (Jesaja 5) und Jeremia lange Klagelieder (Klagelieder) an. Später tun es ihnen Maria, Zacharias (Lukas 1), Simeon (Lukas 2) und manch andere nach. Schließlich fordert der Apostel die Gemeinde verschiedentlich auf: „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen“ (Epheser 5,19). Nicht zu vergessen die beiden unbekannten Verliebten, die sich gegenseitig überschwängliche Liebeslieder zusingen (Hoheslied). Ob all diese Menschen mit ihrem Singen gleich „doppelt beten“, wie Augustin behauptete, sei dahingestellt. Jedenfalls tun sie es offensichtlich nicht aus Griesgram oder Verbitterung.

Zu nennen sind hier aber vor allem die Psalmen. Dass diese nicht bloße – zu lesende oder zu sprechende – Texte sind, wird bereits daran deutlich, dass in der Überschrift häufig die Formulierung „vorzusingen“ auftaucht, gelegentlich ergänzt durch einen Hinweis auf ein Begleitinstrument, etwa „auf acht Saiten“ (Psalm 12), „beim Saitenspiel“ (Psalm 4; 61; 67; 76), „zum Flötenspiel“ (Psalm 5) oder „auf der Gittit“ (Psalm 8; 84), was das auch immer gewesen sein mag. Noch deutlicher wird der grundsätzliche Liedcharakter der Psalmen durch die gelegentlichen Hinweise auf – uns allerdings nicht mehr zugängliche – Melodien, deren Titel indes manches ahnen lassen: „Jungfrauen“ (Psalm 46), „Jugend“ (Psalm 49) oder gar „Schöne Jugend“ (Psalm 9), „Lilien“ (Psalm 45; 69) oder „Lilie des Zeugnisses“ (Psalm 60; 80), „Die Hirschkuh, die früh gejagt wird“ (Psalm 22), „Die stumme Taube unter den Fremden“ (Psalm 56) oder auch „Vertilge nicht“ (Psalm 57-59; 75). Über die konkreten Formen des Musizierens in biblischer Zeit können wir heute nur noch Mutmaßungen anstellen.

Was in der Regel wohl erkennbar ist, das ist der jeweilige Grund des Musizierens, zumal des häufigen Singens. Dieser hat – das kann man vorweg und zusammenfassend sagen – immer etwas mit Gott zu tun. Seine Befreiungstat aus Ägypten wird reichlich besungen. Die Mauern von Jericho fallen durch den Klang der Posaunen, nicht weil sie so laut sind, sondern weil Gott es so geboten hat. Seine Gegenwart ist es, die David tanzen, singen und spielen lässt. Weil „der Herr mit ihm“ ist, gelingt es ihm, mit seinem Harfenspiel den Dämon zu vertreiben. Die Siegeslieder besingen nicht menschliche Gewalt, sondern Gottes wunderbares Eingreifen in verzweifelter Lage. Einzelne – wie Hanna oder manche Psalmisten – loben Gott für ihre Errettung aus unterschiedlichsten persönlichen Notlagen: Kinderlosigkeit, Krankheit, üble Nachrede, Benachteiligung im Gericht, Hunger, Seenot, Todesgefahr – um nur einiges zu nennen. Das heutzutage gerne zur Begründung irgendeiner neuen geistlichen Komposition herangezogene „neue Lied“ in der Bibel (Psalm 96; 98) ist dort aber nur insofern „neu“, als es davon singt, dass Gott „Wunder tut“ (Psalm 98,1). Andere Psalmsänger und manche Propheten klagen nicht nur Menschen, sondern vor allem Gott ihr Leid. Und die neutestamentliche Gemeinde weiß mit ihren „Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern“ vor allem „das Wort Christi reichlich unter euch wohnen“ zu lassen und so „Gott dankbar in euren Herzen“ zu singen (Kolosser 3,16). Selbst die beiden selbstvergessenen Verliebten aus dem Hohelied Salomos erinnern sich – singend – daran, dass ihre Leidenschaft „eine Flamme des Herrn“ (8,6) ist.

Bereits diese kleine Übersicht lässt deutlich werden, dass der Musik in der Bibel kein Selbstzweck zukommt. Wenn dort so häufig musiziert, allzumal gesungen wird, dann so, dass eine geschöpfliche Möglichkeit zu Gottes Lob in Anspruch genommen, wortwörtlich „instrumentalisiert“ wird. Jenes imposante „Tempelorchester“ mit seinen vielen Instrumenten wird ja nur zu einem einzigen Zweck aufgeboten: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!“ (Psalm 150,6). Nirgendwo finden wir ein Loblied auf „Frau Musika“ als solche. Wir finden aber mannigfache Loblieder auf einen lebendigen und befreienden Gott. Und auch das der Musik innewohnende Geheimnis der Freude wird nirgendwo in der Bibel zu einer Quasi-Göttlichkeit hypostasiert, wie es später im Laufe der Musikgeschichte häufig genug geschehen ist, ist mitnichten ein „schöner Götterfunken“, gar eine „Tochter aus Elysium“ (Schiller). Als wie „himmlisch“ wir auch immer diese oder jene Musik empfinden mögen, sie bleibt für die Bibel stets eine durch und durch menschliche Möglichkeit.

Dass der Musik als solcher keine religiöse Qualität innewohnt, wird z. B. auch an der berühmten Kultkritik des Propheten Amos deutlich. Dieser verurteilt den falschen Gottesdienst, der die menschliche Not ignoriert und das soziale Unrecht bemäntelt, bekanntlich mit scharfen Worten: „Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder, denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören“ (5,21–23). Singen und Musizieren, selbst vermeintlich frommes Singen und geistliches Musizieren sind als solche noch lange kein gottwohlgefälliges Werk. Dass Musik auch sündhaft verschleiern, ablenken, verharmlosen, das Eigentliche verdecken und die Wahrheit in zynische Lüge verkehren kann, ist seither tausendfach Geschichte geworden. „Davon geht die Welt nicht unter“, sang Zarah Leander 1942 – unmittelbar nach den ersten Flächenbombardements auf deutsche Städte.

Anbindung an die Verkündigung

Bereits diese wenigen biblischen Beobachtungen bringen eine wichtige theologische Weichenstellung auf den Weg. Nicht selten werden die verschiedenen musikalischen Aktivitäten in einer Gemeinde – von Kirchen- oder Gospelchor bis hin zu Flötenkreis oder Rockband – damit beworben, dass es „halt Spaß macht“. Wer wollte das grundsätzlich bestreiten? Es war unsere Ausgangsthese. Auf dem Hintergrund des biblischen Befundes muss allerdings zu fragen erlaubt sein, ob sich eine christliche Gemeinde auf Dauer mit solchen Begründungen begnügen kann. Dass Leute nicht selten des schönen oder feierlichen Orgelspiels wegen in den Gottesdienst kommen, dass manche Gottesdienste, zumal an hohen Feiertagen, zu attraktiven Konzerten mit geistlichem Beiwerk verwahrlosen, dass in Kantoreien vielerorts Menschen mitmachen, die zu den Inhalten der dort gesungenen Kantaten, Oratorien und Passionen zugegebenermaßen keine Beziehung haben, dass alternative Jugendgottesdienste nicht selten ihre eigentliche Attraktivität aus der fetzigen Musik beziehen – all das ist meist kein wirkliches Gesprächsthema. Hauptsache Spaß. Für die biblischen Texte – daran sei penetrant erinnert – ist aber nicht Spaß oder Freude die Hauptsache, sondern Gott. Soli deo gloria.

Nun wird an dieser Stelle gerne eingewandt, dass die Musik – gerade wegen ihrer Erfreulichkeit und somit Attraktivität – doch immerhin Menschen, zumal „Außenstehende“, erst einmal erreicht. Der Rest müsse sich dann irgendwie ergeben. Gerade das aber ist ein frommer oder besser gesagt: unfrommer Trugschluss. Dass Menschen dem lebendigen und befreienden Gott begegnen, ergibt sich – jedenfalls für die Menschen der Bibel – gerade nicht irgendwie, sondern immer nur so, dass sie es mit genau diesem Gott selber und nicht mit irgendeiner attraktiven Verpackung zu tun bekommen. Es waren die Reformatoren, die uns immer wieder eingeschärft haben, dass eine solche Gottesbegegnung für uns nur in seinem Wort unter dem Wirken des Heiligen Geistes geschehen kann. Die perspektivische Konsequenz dieser theologischen Einsicht kann auch für eine Kirche der Gegenwart nur sein, dass – um es zunächst einmal etwas allgemein auszudrücken – die Musik im Raum der Kirche wieder an die Verkündigung angebunden werden muss. Wir rühmen uns als Kirche – auch unter öffentlichem Applaus – gerne unserer kulturellen, zumal musikalischen Leistungen – und sortieren das Evangelium schamhaft in irgendwelche fromme Nischen weg. Eine solche Verdrehung der Prioritäten ist aber weder mit Mirjam, Hanna oder Maria noch mit David, Jeremia oder Paulus zu machen.

Umgekehrt könnte aber gerade die Musik mit ihrem großen Facettenreichtum eine ganz ausgezeichnete Möglichkeit sein, das Evangelium von „der mancherlei Gnade Gottes“ (1. Petrus 4,10) angemessen und eben auf vielerlei Weise zur Geltung zu bringen. Dass der Verkündigung im Raum der Kirche die Priorität zukommt, heißt ja noch lange nicht, dass dort primär nur geredet werden muss. Die Bach-Kantaten etwa sind das klassische Beispiel. Moderne Singspiele, biblische Kindermusicals oder Jazz- und Rockmessen können weitere sein, von dem ein oder anderen neuen geistlichen Lied nicht zu reden. Auch wird hier und da die Liedpredigt wieder entdeckt, d. h. der Versuch, etwa mit Hilfe eines Chorals neu der biblischen Botschaft auf die Spur zu kommen. Dass manch eine Liedstrophe auch ganz ohne erklärende Deutung zu verkündigen, zu stärken und zu trösten vermag, ist eine wichtige seelsorgerliche Erfahrung. Nicht wenige biblische Zeugen bezeugen ja Gottes Gegenwart so, dass sie schlicht die Worte der Väter und Mütter zitieren. Jona etwa in seiner Angst tief im Bauch des Fisches spricht sich mit Psalmworten seines Volkes Mut zu. Dietrich Bon- hoeffer „überlebt“ in seiner Tegeler Zelle unter anderem mit Gesangbuchversen.

Notwendige Klärung

Die Vergewisserung der biblischen Aussagen zum Thema Musik könnte eine neue Klärung bewirken innerhalb einer Kirche, die mitunter den Eindruck des „anything goes“ macht und wo aus jedem drittklassigen Popsong noch irgendeine „religiöse Dimension“ herausgequetscht wird. Gewiss ist „alles erlaubt“. Aber: „Nicht alles baut auf“ (1. Korinther 10,23). Das mag dann auch für das Musizieren und Singen in der Kirche gelten. Hier ist ein behutsames, aber gleichwohl kritisches Nachdenken gefragt. Das betrifft selbstverständlich auch etwa die Lieder des Evangelischen Gesangbuches. Nur weil sie von Generationen von Christenmenschen bereits mit Inbrunst gesungen wurden, ist nicht jedes von ihnen biblisch-theologisch vertretbar. Die seinerzeit verantwortlichen Auswahlkommissionen waren jedenfalls schlecht beraten, als sie die angeblich „guten“ gemeindlichen Gewohnheiten als Kriterium zu sehr in den Vordergrund schoben. Jeder, der sich auf die Suche nach einem zu einer biblischen Auslegung „passenden“ Lied macht, weiß davon ein ebensolches leidvolles zu singen. Wie viele bibelferne religiöse Phrasen geistern da mitunter durch neue und alte Zeilen! Aber es gibt auch rühmliche Beispiele – innerhalb und außerhalb des „eg“. Eines von ihren (20, 1+2) soll deshalb das vorläufig letzte Wort in dieser Sache behalten:

Das Volk, das noch im Finstern wandelt, bald sieht es Licht, ein großes Licht. Heb in den Himmel dein Gesicht und steh und lausche, weil Gott handelt. Die ihr noch wohnt im Tal der Tränen, wo Tod den schwarzen Schatten wirft: Schon hört ihr Gottes Schritt, ihr dürft euch jetzt nicht mehr verlassen wähnen …

Okko Herlyn Professor für Ethik, Anthropologie und Theologie an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum und literarischer Kleinkünstler