|
Wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen Die Saßnitzer Initiative wurde 2005 als Forum für junge Christinnen und Christen gegründet, um eine Vision von Kirche in ökumenischer Perspektive zu entwickeln. Angeregt durch das Ereignis der friedlichen Revolution 1989 in der DDR ging es in diesem Jahr um den Austausch und die Auseinandersetzung mit der älteren Generation zum Konziliaren Prozess. Als Gesprächspartnerinnen kamen Annemarie Müller, Leiterin des Ökumenischen Informationszentrums in Dresden, und Esther- Marie Ullmann-Goertz als Vertreterin der Solidarischen Kirche in der DDR. Friedhelm Meyer von der Solidarischen Kirche im Rheinland vertrat die Westperspektive. Claus-Dieter Schulze, ursprünglich Pfarrer in Westberlin, lud die Sassnitzer Initiative in diesem Jahr in die Kommunität Grimnitz ein. Katrin Stückrath: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung kommen mir manchmal vor wie drei hohe Berge. Eure Generation hat versucht, sie zu stürmen, und es hat nicht geklappt. Deshalb haben die Begriffe für mich etwas Entmutigendes. Wie sollen wir mit viel weniger motivierten Menschen und in einer Zeit, die als Kairos noch nicht sichtbar ist, es schaffen, die Berge zu stürmen? Friedhelm Meyer: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sollten befreiend sein, nicht lähmend. Katrin Stückrath: Ich glaube, als Hermeneutik der Befreiung, als das, was Gott über diese Welt zu sagen hat, machen die Begriffe auch heute Sinn. Aber wir müssen neue Begriffe hinzufügen dürfen, die als Antwort auf unsere Zeit passen, z. B. „Imperium“ oder „Respekt“. Friedhelm Meyer: Statt euch mit Beschlüssen von Versammlungen und Synoden zu überhäufen, möchte ich lieber Geschichten erzählen, wie die Bibel das macht. Denn alle unsere Protestaktionen waren das: Geschichten mit ungewissem Ausgang. Und: der Ansatzpunkt war immer das Lokale, bei uns vor Ort, z. B. der Protest gegen Werksschließungen. Annemarie Müller: Für mich ist die Zielrichtung eine gerechte Welt. Darauf zuzugehen, sehe ich als Identität der Kirche an. Die heutigen Prioritäten vieler evangelischer Kirchen, wie Liturgie und Spiritualität, sind für mich ein Irrweg. Heike Ernsting: Da widerspreche ich, weil ich den Durst nach Spiritualität absolut ernst nehme. Ich frage immer wieder nach biblischen Texten, die Kraft geben. Und ich glaube, dass der Konziliare Prozess in den letzten Jahren nicht genügend biblisch untermauert wurde. Friedhelm Meyer: Es stimmt. Wir waren durch Karl Barth arrogant und haben das Bedürfnis nach Spiritualität nicht ernst genommen. Auch bei Gandhi und Bonhoeffer gibt es eine spirituelle Erfahrung, die ihnen die Augen geöffnet hat. Für Bonhoeffer waren das die schwarzen Gemeinden in Harlem in New York. Der Konziliare Prozess heute Katrin Stückrath: Meine Vikariatsgemeinde hat nicht viele ökonomische und intellektuelle Ressourcen. Trotzdem gibt es Arbeit zu Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfungsbewahrung, wenn ich es genau betrachte, z. B. fairen Handel, eine Partnerschaft zu einem Kindergarten in Burkina Faso, eine Sozialberatung, eine Kleiderkammer, eine aktive Gruppe zum Grünen Hahn. Nur die Vernetzung zu den Programmen und Papieren der Ökumenischen Versammlung findet nicht statt. Anne Heckel: Wenn jede Ebene ihr Bestes tut, ist es in Ordnung. Unser Globalisierungspapier in Westfalen ist nicht so radikal, wie wir es uns gewünscht hätten. Aber man muss anerkennen, dass unser Präses damit hausieren geht und mit den Unternehmern redet. Friedhelm Meyer: Das ökumenische Netz in Deutschland (ÖNID) ist für mich ein Hoffnungszeichen. Gerechtigkeit heute bedeutet Kapitalismus-Kritik. Das letzte ÖNID-Papier formuliert sie, und es gab dazu viel Zustimmung. Das ist neu und radikal. Wir können jetzt fragen, wie kapitalismuskritisch Erlassjahr, Clean Clothes und Oikocredit sind. Übrigens hat die Solidarische Kirche eine Tradition, die bis in die Bekennende Kirche hineinreicht, z. B. die Synode „Kirche und Wirtschaft“ in Dahlem 1937. Heike Ernsting: Mehr Analyse führt nicht unbedingt zu mehr Engagement. Wir brauchen biblische Wegzehrung und eine neue Alphabetisierung z.B. in Bezug auf die aktuelle Finanzkrise. Claus-Dieter Schulze: Ein Beispiel dazu sind für mich die verschiedenen Lokalwährungen: „Uckermärcker“, „Joachimthaler“ und „Oderblüthen“. Sie machen globale Zusammenhänge deutlich. Unser Geld, das wir zum Bäcker tragen, muss keinen Gegenwert an der Tokyoter Börse haben. Annemarie Müller: Ich beobachte, dass für Ökumene im Sinn von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung immer weniger Geld zur Verfügung steht, und auch das Interesse an den Themen hat abgenommen. Deshalb arbeiten wir in Dresden mit dem Sparflamme-Prinzip. Wir halten sie auf kleiner Flamme präsent, um im Bedarfsfall stark auftreten zu können. Ein Beispiel ist das Ökumenische Friedensgebet, zu dem manchmal nur fünf, zur Zeit von Krieg aber auch hundert Menschen zusammenkommen. Christian Guth: Was ich aus den Gesprächen mit Euch Älteren mitnehme, ist auf jeden Fall, den Satz „Das klappt sowieso nicht!“ zu streichen. |
Die Sassnitzer Initiative |