Und ist Mensch geworden
Katharina Schridde

Zu besonderen Anlässen und in den Gottesdiensten der Hochfeste wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten singen wir in den Gottesdiensten das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, also die reich formulierte und theologisch verdichtete Beschreibung der christlichen Gotteserfahrung, die sich in diesem Glaubensbekenntnis ausspricht. Genau in der Mitte dieses Gesanges wird die Verkündigung der Gottesgeburt an die jüdische Frau Maria und die Geburt Jesu Christi – nein, nicht einfach nur besungen oder dargestellt, sondern eher voller Staunen nachempfunden. Nach der Zeile: „… und ist Mensch geworden“ sieht die Melodie ein kurzes Innehalten vor, weil dieses unfassbare Ereignis für einen Moment fast atemloses Staunen gebietet. In vielen Gemeinden und Gemeinschaften wird in diesem Augenblick des sprachlosen Staunens statt weiterer Worte nur eine leichte Verneigung angedeutet. Aus Ehrfurcht vor diesem Gott, der sich so unendlich weit in unsere Geschöpflichkeit hinabneigt, um uns näher zu sein, als wir es jemals fassen und begreifen könnten, aber auch, um genau diese Hinabneigung Gottes leiblich nachzuempfinden – wenn es schon der Verstand nicht fassen kann. Dann fährt die Liturgie fort und besingt in relativ stiller Weise die weiteren Schritte Jesu auf Seinem Weg durch diese Welt, um dann in einem dritten Teil den wirkenden Geist Gottes und die Gestalt der Kirche als eine Antwort der Menschen auf diese Gottesliebe ins Bewusstsein zu bringen.

Zu dem Thema Menschwerdung, Inkarnation, Christologie gibt es Bibliotheken, voll von hoch gebildeten, auch durchbeteten und wegweisenden Betrachtungen und Darstellungen durch alle Zeiten hindurch. Und doch ist es gerade dieses kleine Schweigen, diese leichte Verneigung im gesungenen Nizänum, das mir als Ausdruck einer Ahnung, als eine leiblich erfahrbare Andeutung des Gotteswirkens vor und nach allen beschreibenden Worten wichtig geworden ist.

Es ist nicht zu verstehen, kaum in Worte zu fassen, bestenfalls im eigenen Leben nachzuvollziehen, dass dieser Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, Vater und Mutter des Menschengeschlechts, Einziger Gott, Befreier, Retter und Liebhaber des Volkes Israels und Vater Jesu Christi, dass dieser Gott aus lauter unbegründeter und unbegreiflicher Liebe Mensch wird, Fleisch wird, sich selbst begrenzt aus seiner Allmacht und Allgegenwart und sich unseren psychischen, physischen, spirituellen Grenzen unterwirft – nur und allein, um uns in dieser Welt nahe zu sein.

Schöpfung

Diese Selbstentäußerung Gottes in der Geburt des Menschensohnes Jesus Christus ist erschütternd, aber sie ist, wenn man die Beschreibung der Gegenwart Gottes durch die heiligen Schriften der Bibel ansieht, letztlich nur konsequent. Eine Hinneigung hat ER, der Ewige, bei der Erschaffung der Welt vollzogen, wenn wir der Darstellung des Schöpfungsberichtes folgen.

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Aus sich selbst, woraus denn sonst. ER hat die Schöpfung, uns alle aus sich selbst geschaffen und sich doch auch zurückgezogen aus dem gotterfüllten Raum, um sich selbst ein „Du“ werden zu können in uns. Anders als im Gegenüber, in der Begegnung, ist Liebe nicht möglich, und Gott ist die Liebe.

Weit jenseits eines für das eigentliche Schöpfungsgeheimnis letztlich unnötigen Streites zwischen Theologie und Naturwissenschaft hat da eine erschaffende Kraft, die wir der biblischen Spiritualität gemäß als einen personalen Gott begreifen, aus seiner eigenen Substanz heraus etwas erschaffen, das Er ist und nicht ist. ER ist ganz Erschaffer und ganz gegenwärtig in der seiner Schöpfung, denn aus was für einer Substanz außerhalb seiner Wesenheit sollte das Erschaffene denn sein, wenn ER doch alles in allem ist? Wahrer Gott und wahrer Mensch, unvermischt und ungetrennt. Das Geheimnis der Gegenwart Gottes ist immer wieder eher in Negationen als in den oft einengenden positiven Begriffen zu benennen. Anders Seine, also des Einen Gottes Wirkweise: Diese ist in eben dieser Hinneigung und Einwohnung eindeutiger zu benennen, auch wenn in unserer Wahr- nehmung diese Wirkweise immer wieder verstellt sein kann durch mancherlei „Zwischenblenden“.

Ganz ungetrennt wohnt sich der Schöpfer in der Schöpfung ein und ist doch ganz unvermischt seinem Geschöpf als der immer auch ganz Andere zugewandt. Wie sonst könnte das innerste Wesen dieser schaffenden Kraft sich entfalten? Es ist die Liebe, die sich verschenkt und entzieht, die ruft und lockt und sich hingibt und vereinigt, um erneut und lockend und spielerisch fast in die Beziehung zu rufen.

Die großen Zeugnisse und die prophetischen Texte des Ersten Testamentes umkreisen in immer neuen Anläufen dieses Spiel von Nähe und Distanz, von Einssein und Nicht-Einssein, von Transzendenz und Immanenz. Innigstes Bild dafür ist wohl die Erschaffung und Belebung des Menschen, den Gott mit sich selbst, mit dem Odem des Lebens aus sich selbst erfüllt:

„Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mose 2, 7)

Menschwerdung

Schließlich dann und unüberbietbar der vorletzte und letzte Schritt: Dieser verliebte Gott überschreitet seine eigene Grenze, wird selbst Mensch, gibt sich auf und hin, um die Schöpfung, Himmel, Welt und Unterwelt mit sich selbst zu erfüllen und über jede Trennung, jeden Sund und jede Sünde hinweg ein Ungetrenntsein zu erschaffen, das bleibt und wirkt, ob wir es nun fühlen und glauben können oder nicht. Ein Geschehen, das auf der sprachlichen Ebene weniger in die Reflexion und damit auch in die Unterscheidung, als in die Poesie und damit die Vereinigung von Form und Inhalt führen kann.

Und so hat der große Poet unter den Evangelisten, Johannes, in seinem Prolog diese Gotteshingabe verdichtet wie einen aus durchglühten Wörtern verdichteten Diamanten, überwältigend klar und fast unerträglich schön. Anknüpfend an die ersten Worte der Genesis und damit durch alle Zeitempfindung hindurch den Raum des Ewigen Wortes andeutend, spricht er den neuen und doch immer gleichen Anfang aus – mit eigenen Menschenworten das WORT des Höchsten nachlautend.

Im Anfang war das Wort, Und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen. (...) Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,1–5 und 14 )

Die Spiritualität der Bibel ist vom ersten Atemzug des Menschen an eine zuinnerst inkarnierte Spiritualität, die die Einwohnung des Ewigen Gottes in der Schöpfung, in Seinem Volk, im Menschensohn Jesus Christus, in jeder und jedem Seiner Menschengeschwister verkündet. Denn ER ist Mensch geworden, hier und jetzt. In jedem Atemzug eines Menschen – Du, Gott.

Schwester Katharina Schridde, Mitglied der Communität Casteller Ring, einer evangelischen Ordensgemeinschaft