Gerard Minnaard
Werner Steinbrecher: presente!

Predigt, gehalten bei der Trauerfeier von Werner Steinbrecher in der Friedhofskapelle von Uelzen am 30. Oktober 2008

Werner Steinbrecher war ein persönlicher Freund. Und er war ein Freund der Jungen Kirche. Dass die Junge Kirche nach der Übernahme durch Erev-Rav im Jahr 2004 das jetzige Layout bekommen hat, verdanken wir ihm. Er hat uns mit einem Büro in Berlin zusammengebracht und die Endgestalt mit entschieden.

Auch die vierfarbige Mitte „Glaube und Kunst“ wäre ohne ihn nicht entstanden. Im Oktober 2008 ist Werner Steinbrecher gestorben. Die Zeichnungen auf diesen Seiten sind während der Bestrahlungs- und Kortisontherapie seiner Krebserkrankung entstanden. Sie geben einen intimen Einblick in eine Situation, die meist verborgen bleibt. Werner war mit der Veröffentlichung der Zeichnungen einverstanden. Wir haben sie sogar noch gemeinsam ausgesucht. Die Trauerpredigt wurde am 30. Oktober 2008 in der Friedhofskapelle von Uelzen gehalten. (Gerard Minnaard)

Liebe Trauergemeinde,

Werner Steinbrecher ist als Künstler und als Mensch im Landkreis Uelzen sehr präsent. Im Rathaus, in der Sparkasse, im Gebäude der Uelzener Versicherungen. Im Kreis der befreundeten Künstler/ innen. Im Missionarischen Zentrum in Hanstedt mit dem Auferstehungsweg und dem Schöpfungsweg. In Allenbostel, dem Dorf, in dem Werner zu Gast und zu Hause war.

Manchmal hat Werner daran gezweifelt, ob man als Fremder je in Allenbostel zu Hause sein kann. Wie viele Generationen sind nötig, um in einem Dorf auf der Lüneburger Heide anzukommen? Es war anders. Wohnend am Rande des Dorfes hat Werner fast alles gewusst, weil die Menschen zu ihm gekommen sind und erzählt haben. Er war ein Teil von Allenbostel und deshalb ist es nicht nur Tradition, wenn nachher sechs Männer aus Allenbostel ihn zu Grabe tragen werden. Wie stark Nachbarschaft sein kann, habt Ihr, Karl Heinz und Karin, gezeigt. Täglich habt ihr Werner bis zu seinem Sterben geholfen. Ich bedanke mich in Werners Namen bei Euch und bei allen anderen, die ihn begleitet haben.

Neben diesen verschiedenen Kreisen gibt es natürlich Werners Frauengeschichten. Irgendwie war die weibliche Seite des Lebens für Werner kompliziert. Ich will darin nicht rühren, obwohl er das selber intensiv gemacht hat. Wer bin ich, Werner Steinbrecher – wer bin ich als Mensch, als Mann, als Sohn. Bin ich überhaupt in der Lage zu lieben, kann ich überhaupt frei werden von meiner Vergangenheit? Werner war ein Sucher, ein Grübler, kritisch, selbstkritisch – bis zum Rande des Depressiven.

Heidebilder

An diesem Punkt möchte ich unsere Blickrichtung etwas drehen. Schauen Sie das Gemälde an, das neben dem Sarg steht. Selten haben Klara und ich so mit Werner gelacht, selten haben wir so intensiv über Kunst gesprochen, als an dem Tag, an dem er uns seine Heidebilder gezeigt hat.

„Werner, Du wohnst auf der Lüneburger Heide, dann kannst Du doch einfach rausgehen und unendlich viele schöne Bilder malen.“ Schöne Heidebilder. Das war für Werner eine grauenhafte Vorstellung. Ein Künstler lebt mit Bildern. Genauer gesagt: Er lebt mit der Auseinandersetzung mit Bildern. Alle Menschen haben ein Bild vom Heidebild. Der Künstler weiß das. Er weiß, welche Bilder die Menschen im Kopf haben. Er weiß, was die Menschen erwarten. Er weiß, wie sie reagieren werden: „Oh, das ist aber ein schönes Heidebild“, oder: „Nein, so sieht die Heide nicht aus, das habe ich mir anders vorgestellt.“ Was, bzw. wie soll der Künstler malen? Soll er den Erwartungen der Menschen entsprechen und einfach die Heide malen? Das kann er. Als Werner in Allenbostel eine Ausstellung hatte, stand ein Allenbosteler Urgestein an der Tür. der hat alle begrüßt und hat leise gesagt: er kann aber auch echte Bilder malen. „Werner, Du wohnst auf der Lüneburger Heide, dann kannst Du doch einfach rausgehen und unendlich viele schöne Bilder malen.“ Stimmt: Sie sehen es: ein Heidebild. Ein „Schrift-Bild“, wie Werner es nannte.

Die Rolle des Künstlers in unserer Gesellschaft ist es, weniger die Bilder, die wir im Kopf haben, zu bestätigen, als vielmehr, sie aufzubrechen. Der Künstler schmiert nicht zu, er irritiert. Warum? Weil es unter uns soviel Unheil, soviel Unwahres, soviel Unechtes gibt.

Wenn die Kunst die Aufgabe hat, – in welcher Form auch immer – Schönheit und Wahrheit miteinander zu verbinden, dann wird die Kunst in einer gebrochenen Welt auch immer eine Form des Protestes sein. Protest gegen Scheinharmonie und billige Lösungen. Sie wird auch das Hässliche zeigen und das Verdrängte offen legen.

Priesterlich

Werner und ich haben öfter darüber geredet, dass es ein Privileg ist, etwas getrennt von der normalen Gesellschaft arbeiten zu dürfen. Der Künstler, der versucht, von seiner Kunst zu leben, hat Zeit, in einer Gesellschaft, in der niemand Zeit hat, um bestimmte Teilaspekte des Lebens länger festzuhalten und sie aus dem Fluss der Dinge herauszuschneiden. Traditionell ist es in der Bibel die Aufgabe des Priesters, diese Position außerhalb des Alltagsgeschäftes des Volkes einzunehmen. Er wird von der normalen Arbeit freigestellt und bekommt die Aufgabe, um das Heile (um „Schönheit und Wahrheit“) festzuhalten und weiterzugeben. Und er hat die Aufgabe, stellvertretend für das Volk das Unheil nicht zu verdrängen, sondern zu durchleben.

Werner hat diese priesterliche Rolle auf sich genommen. Eine schwere Rolle – vor allem für einen Künstler, der meist ohne Institution auskommen muss. Das macht einsam und (in den meisten Fällen) auch arm. Vor wenigen Wochen wurde Werners Rente genehmigt: 145 Euro im Monat. Soviel zur Dankbarkeit unserer Gesellschaft, dass es diese priesterlichen Menschen gibt.

Trotzdem: Diese schwere Rolle passte zu Werner. Er hat Probleme festgehalten, hat weiter gebohrt, hat immer wieder um noch eine andere Ecke gedacht. Werner hatte die Gabe, sich nicht anzupassen und nicht zu verdrängen. Ich habe diese Gabe geschätzt – auch wenn dieses Nicht-Verdrängen manchmal etwas Krankhaftes hat und für andere sehr anstrengend sein kann. Werner hat es sich nicht leicht gemacht, und er hat es damit auch anderen nicht immer leicht gemacht. Es ging und geht aber auch um etwas. Und zwar um das Heilwerden dieser Welt. Denn das Aushalten des Kaputten, das Ernstnehmen des Schmerzhaften hat eine heilende Wirkung. Es heißt in der jüdischen Tradition, dass es nichts Ganzheitlicheres gibt als ein gebrochenes Herz. Das heißt, dass wir das Heile nicht finden und nicht haben können, ohne das Gebrochene ernst zu nehmen.

Prophetisch

Werner hat die Probleme dieser Welt nicht nur ausgehalten, er hat sich aktiv und gestalterisch damit auseinandergesetzt. Er hat versucht, sie zu verarbeiten. Werner war ein 68er. Er wollte sich gesellschaftlich, politisch einmischen. Insofern war er nicht nur eine priesterliche, sondern auch eine prophetische Gestalt.

Das prophetische Anliegen, die kritische Anklage, hat Werners Kunst geprägt, sie hat ihn aber nicht oberflächlich gemacht. Wenn Kunst eine Botschaft hat, dann kann es leicht passieren, dass das Bildhafte so sehr instrumentalisiert wird, dass es keinen eigenen Raum mehr einnehmen darf. Das war nicht Werners Stil. Dafür war er zu sehr professioneller Künstler. Und dafür war er zu katholisch. Ich glaube, dassWerners katholischer Hintergrund bei dieser Wertschätzung des Bildes als Bild auch eine Rolle gespielt hat. Im Grunde genommen ist er immer katholisch geblieben, auch wenn die Institution Kirche für ihn unwichtig war.

Königlich

Liebe Trauergemeinde,

neben dem Priester und dem Prophet gibt es in der biblischen Tradition noch ein drittes Amt: das des Königs. Der König ist derjenige, der dafür sorgt, dass das Leben gelingt. Dieser König ist in der Bibel von Anfang an zutiefst demokratisch der königliche Mensch, und zwar der Mensch in der Gemeinschaft. Denn nur in der Gemeinschaft kann das Leben gelingen.

Ich möchte Werners Ringen mit dem Verdrängten, dem Unheilen, dem Unschönen und dem Unwahren in diesem Sinne verstehen. Als ein königliches Ringen in der Gemeinschaft um Menschwerdung. Ich will es nicht zu schön machen. Ich will aus Werner keine Lichtgestalt machen. Aber überall wo Menschen um Humanität, um Wahrheit und Schönheit ringen, spüren wir etwas von dem, was die Karte, die Sie bekommen haben, zeigt. Die Kraft der Auferstehung.

Diese Kraft will uns nicht irgendwann, nach dem Tod, erfassen. Sie will unser Leben bestimmen – hier und heute. Diese Kraft hilft uns, das Ringen um Menschlichkeit überhaupt durchzuhalten. Werner hat dieser Kraft Gestalt gegeben. Diese Kraft wird Werner halten – von nun an bis in Ewigkeit.

Amen.

Werner Steinbrecher