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Reinhard Höppner *Auszüge aus der Rede bei der Verleihung der Ehrenpromotion in Paderborn am 6. Mai 2009. Die neue Grenzenlosigkeit Eigentlich müssten die Deutschen Fachleute in Sachen Grenzen sein. Sie schlagen sich noch mit der Kleinstaaterei und ihren Grenzen herum, während neben ihnen schon prächtige Nationalstaaten gedeihen. Als sie schließlich die Einheit Deutschlands von oben her organisiert haben, wissen sie mit ihrer Grenzenlosigkeit und Größe nichts Besseres anzufangen, als einen Weltkrieg anzuzetteln, den sie verlieren. Nun leben sie in ihren Grenzen mit schwer gekränktem Selbstbewusstsein. Die zu spät gekommene Nation kommt offenbar mit ihrem Nationalbewusstsein nicht zurecht. Statt sich in ihren Grenzen einzurichten, verfällt sie dem Größenwahn, träumt von grenzenloser Macht, einem zeitlich und räumlich nahezu unbegrenzten tausendjährigen Reich und findet sich nach dem zweiten von ihr angezettelten Weltkrieg schließlich in einem geteilten Land wieder. Die Grenze quer durch ihr Land wurde nun geradezu zu einem Identitätssymbol. Wir, das durch eine Mauer getrennte Land! In diese geteilte Welt hinein bin ich geboren, freilich auf der Seite, auf der wir lernen mussten, dass man Grenzen akzeptieren muss um des Friedens Willen. Wir haben in der Herausbildung unserer Wertehierarchie schon an den Ereignissen des Mauerbaus von 1961 lernen müssen, dass Frieden im Konfliktfall wichtiger ist als Freiheit. Dass Wandel durch Annäherung besser geeignet ist, Grenzen zu überwinden, als Kalter Krieg. Der Erfolg dieses Konzeptes wird viel zu oft in den Konflikten heute vergessen. Es war ein wesentlicher Baustein für die friedliche Revolution, die wir vom 9. Oktober bis zum 9. November 1989 erlebt haben. Auch wenn diese Zeit, die man mit Fug und Recht als Revolution bezeichnen kann, mit dem 9. November 1989 praktisch zu Ende war, sollte man sie nicht gering schätzen. Sie hat nicht nur den Mut der Massen geweckt und gestärkt. Sie hat sie gelehrt, das scheinbar Unmögliche für möglich zu halten und nicht der vorauseilenden Resignation zu frönen, die sonst meist das Volk beherrscht. Was sich nach dem Mauerfall sehr bald breit machte, war das Gefühl der Grenzenlosigkeit. Überall hin reisen können, in der ganzen Welt studieren. Eine lang ersehnte Freiheit genießen. Man sollte das alles nicht gering achten. Und doch stellte sich bald heraus, dass diese neue Grenzenlosigkeit vor allem eine Grenzenlosigkeit des Marktes war. Er hatte gesiegt über die sozialistische Planwirtschaft. Es ist einfach so: Ein Sieger glaubt an die Grenzenlosigkeit seiner Macht. Dies alles hat uns in Entwicklungen gestürzt, für die wir zunächst keinen Namen hatten. Anfang der neunziger Jahre wurde dafür das Glitzerwort von der Globalisierung erfunden. Glitzerwort sage ich, weil darunter jeder etwas anderes versteht und die vielen Veränderungen zunächst genau mit diesem Gefühl der Grenzenlosigkeit verbunden war. Ich habe meine Zweifel, dass dies die richtige Assoziation ist, wenn wir den Kern des Umbruchs beschreiben wollen, in dem wir mittendrin stecken und dessen Wesen wir noch nicht recht begriffen haben. Die Bedeutung der Endlichkeit Das Neue, das wir seit 1990 spüren, ist mehr als das Ende der Nachkriegszeit, das Ende der zweigeteilten Welt. Man muss es wohl sogar umgekehrt sagen: Der Fall der Mauer war bereits ein Bestandteil dessen, was wir später als Globalisierung bezeichnet haben. Ausgerechnet beim Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus kommt Karl Marx, der Erfinder dieses Sozialismus, noch einmal zu Ehren, der solche epochalen Umbrüche beschrieben hat als ein Zusammenspiel von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. So stand es in unseren Schulbüchern: Die Produktivkräfte entwickeln sich unaufhaltsam weiter und erzwingen sich neue Produktionsverhältnisse. Er hatte das studiert bei der industriellen Revolution und der Herausbildung der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft. Damals waren die Produktiv- kräfte die Maschinen mit ihrer wachsenden Produktivität, die sich neue gesellschaftliche Verhältnisse erzwungen haben. Jetzt sind es die neuen Kommunikationsmittel, die wir mit Handy und Internet verbinden. Sie vertragen keine Grenzen. Sie machen Grenzüberschreitungen möglich, die vorher kaum denkbar waren. Man kann heute praktisch alles irgendwo auf der Welt produzieren. So wandern auch Arbeitsplätze rund um den Globus je nachdem, wo sie die profitabelsten Rahmenbedingungen finden. Die Weltwirtschaft ist grenzenlos geworden. Wen wundert es also, wenn diese Grenzenlosigkeit als der Kern der Globalisierung heute gesehen wird. Und doch bin ich der Überzeugung, dass es genau umgekehrt ist. Dass nicht die Unbegrenztheit, sondern die Endlichkeit unserer Erde, dass die Begrenztheit unseres Globus die grundlegenden Veränderungen erzwingt. Als Mathematiker weiß ich, dass Optimierungsaufgaben – und alle ökonomischen und politischen Steuerungsaufgaben sind im Kern solche Optimierungsaufgaben – in der unendlichen Ebene von grundsätzlich anderer Natur sind als Optimierungsaufgaben in einem begrenzten, endlichen Gebiet. Jeder kann das an einem einfachen Modell nachvollziehen. Gießt man Öl auf eine ebene Tischfläche, so breitet es sich unbegrenzt nach allen Seiten aus. Legt man aber zuvor eine runde Kuchenform auf den Tisch und gießt nun das Öl in die Mitte der Form, so ändert sich zunächst nichts, das Öl breitet sich aus wie zuvor. Doch stößt es dann an den Rand der Form, so fließt das Öl zurück und die Ströme ändern sich vollkommen. Es kommt, wie die Physiker sagen, zu Rückkopplungsprozessen. Das erleben wir jetzt in unserer Welt. Noch liefern wir deutsche Baumaschinen nach China. Bald werden die Chinesen Baumaschinen gleicher Qualität billiger zu uns exportieren. Aber auch die Wanderungsbewegungen von Menschen quer über den Globus zeugen von solchen Rückkopplungsprozessen. Es ist eben nicht die Grenzenlosigkeit, die uns die vielen grundlegenden Veränderungen beschert, sondern es ist die Begrenztheit, die Endlichkeit dieser Erde. Das Wort Globalisierung ist deswegen trotzdem gut gewählt. Wir müssen nur begreifen, das global eben nicht unendlich heißt, sondern im Gegenteil: Der Globus ist endlich. Eine entscheidende Konsequenz ist: In einem endlichen System gibt es kein unendliches quantitatives Wachstum. Über die Grenzen des Wachstums hat schon der Club of Rome Anfang der siebziger Jahre geschrieben genau mit diesem Verweis auf die Endlichkeit der Erde. Seine Erkenntnisse wurden konsequent verdrängt. Man konnte sich eine Welt ohne Wachstum nicht vorstellen. Aber eigentlich kennen wir das doch aus der Natur. Nach der Phase des Wachstums kommt die Phase des Reifens. Jetzt erst entwickelt die Frucht ihren Geschmack. Das ist unsere Zukunft. Jetzt geht es um den Geschmack, das Aroma. Anders gesagt: Jetzt geht es nicht mehr um Quantitäten, sondern um Qualitäten. Darin liegt der Fortschritt. Abgrenzungen Armatya Sen hat in seinem Buch „Die Identitätsfalle“ darauf hingewiesen, dass man den statischen Begriff von der Identität heute besser durch den der Zugehörigkeit ersetzen solle. Die Frage, zu wem ich mich zugehörig fühle, ändert sich im Laufe des Lebens. Sie ändert sich auch je nach Situation, in der ich mich befinde. Denken wir zum Beispiel an eine Frau, eine Deutsche. Sie fühlt sich als Deutsche, aber eben auch als Frau. Es könnte gut sein, dass sie sich in bestimmten Situationen als Frau den Frauen in der Welt, die für Gleichberechtigung kämpfen, stärker zugehörig fühlt als zu den Deutschen. Fragt man Jugendliche, dann spürt man noch viel deutlicher den Trend, sich durch wechselnde Zugehörigkeiten zu definieren, und das oft weltweit, hinweg über alle klassischen, geografischen Grenzen. Armatya Sen beschreibt Freiheit in diesem Zusammenhang als die Freiheit, ohne Diskriminierung und ohne Verlust einer bestimmten Identität alten Musters seine Zugehörigkeiten wechseln zu können. Hier erscheint die Freiheit auch als eine Art Grenzüberschreitung, aber es ist nicht mehr die, wie wir sie vor 20 Jahren mit dem Fall der Mauer erlebt haben. Um diese Freiheit, selbst über meine Zugehörigkeiten entscheiden zu können, wird es zunehmend gehen müssen in unserer globalisierten Welt. Diese Freiheit macht manchen Menschen Angst. Die Angst vor dem Verlust von Identität zum Beispiel hat die Fundamentalismen in unserer globalisierten Welt wachsen lassen. Die Terroranschläge islamischer Fundamentalisten sind eine Folge. Aber auch die Reaktionen darauf sind vielfach bestimmt von fundamentalistischem Denken. Wer sich mit den religiösen Strömungen in den Vereinigten Staaten von Amerika beschäftigt, trifft dort auf das gleiche Phänomen wachsenden Fun- damentalismus. In diesem ungleichen Kampf zwischen Terroristen und Verteidigern der abendländischen Werte prallen also Fundamentalismen aufeinander. Wie diese Denkweise in einer globalen Welt zerstörerische Kraft entfalten kann, haben wir in den letzten Jahren erleben können. Auch die Probleme im Nahen Osten liefern dazu reichlich Anschauungsmaterial. Es ist wirklich erstaunlich und bewundernswert, wie konsequent Präsident Obama versucht, diese in den letzten Jahren verfestigten Grenzen zu überschreiten. Die Angst vor Identitätsverlust ist aber auch, ohne dass man gleich von Fundamentalismus reden muss, ein Problem innerhalb der Europäischen Union. Das kann man an den Angstreaktionen kleiner Mitgliedsstaaten besonders gut erkennen. Sie haben Angst, von den Großen dominiert zu werden und unter dem Wust europäischer Normen ihr eigenes Profil zu verlieren. In einer Welt ohne Grenzen wird der Schutz von Minderheiten ein demokratisches Problem. Wird die Mehrheit in der Lage sein, ihre Macht zu begrenzen? Wie die Angst vor Grenzenlosigkeit zu neuen Abgrenzungstendenzen führt, erleben wir auch im Miteinander der Religionen und Konfessionen. Die Jahre 1988/99 waren ein Höhepunkt ökumenischer Zusammenarbeit. Der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung führte zu ökumenischen Versammlungen von danach nicht mehr erreichter Qualität an Gemeinsamkeit. Was danach folgte, waren mehr Erinnerungsveranstaltungen denn Fortsetzungen dieses Prozesses. Stattdessen ist inzwischen von der Ökumene der Profile die Rede. Stärkung des Selbstbewusstseins ist angesagt statt weiterer Öffnung. Abgrenzung statt Grenzüberwindung und Grenzenlosigkeit, die jetzt unter dem Verdacht der Beliebigkeit steht. Die Rolle der Moral Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist ein Lehrstück zum Thema Grenzen und Grenzenlosigkeit. Sie selbst ist offenbar grenzenlos. Wer bisher nicht glauben wollte, wie abhängig ein jeder Teil dieser Erde von den anderen ist, der kann sich nun davon überzeugen. Entstanden ist die Krise aus einer Grenzenlosigkeit, die wir Größenwahn nennen. Wie konnte dieser Größenwahn hoffähig werden? Wer 25 % Rendite erwirtschaften will, muss doch wissen, dass er damit jemand anderen übers Ohr haut. Weil man den Bankern das Handeln nach kapitalistischen Spielregeln nicht so recht vorwerfen kann, macht man ihre Unmoral an ihren Gehältern fest. Dass die unmoralisch hoch sind, wird hier keiner bestreiten. Das Schlimme an dieser Argumentation aber ist, dass man die private Moral bemüht, um die Diskussion über einen Systemfehler zu vermeiden. Der kapitalistische Markt aber hat keine Moral. Es geht um die Maximierung von Gewinn unter den jeweils natürlich oder politisch gesetzten Rahmenbedingungen, also innerhalb gewisser Grenzen. Mit anderen Worten: Grenzen sind nötig, damit das System sich nicht selbst zerstört. Der scheinbaren Grenzenlosigkeit müssen Grenzen gesetzt werden. Beim Setzen solcher Grenzen haben die Menschen über die Jahrtausende gelernt, was Zusammenleben fördert und was es zerstört. Daraus hat sich gebildet, was wir heute Moral nennen und gelegentlich in den schlichten Satz packen: Das macht man nicht. Die Moral setzt der Grenzenlosigkeit Grenzen. Warum funktioniert diese Art Moral nicht mehr im kapitalistischen System? Das hat vor allem mit der Automatisierung von Vorgängen und dem daraus resultierenden Tempo der Veränderungen zu tun – sämtlich Begleiterscheinungen der Globalisierung. Mit Appellen an die Moral wird man der Krise nicht beikommen. Die Unmoral ist gewissermaßen vorprogrammiert. Um dem zu begegnen, muss die Politik Grenzen setzen. Nur wenn die Politik ihr Primat, Grenzen zu setzen, wieder zurückgewinnt und auch tatsächlich wahrnimmt, wird sich die grenzenlose Gier eindämmen und die Krise bewältigen lassen. Die Wohltat von Grenzen Grenzen behindern offenbar nicht nur Leben. Sie schaffen in einer Welt der Grenzenlosigkeit auch Lebensräume, machen Leben erst möglich. Es geht darum, sie wahrzunehmen und anzunehmen, wo sie Chancen zum Leben eröffnen. Wo Grenzen aber Leben behindern und Entfaltungsmöglichkeiten des Menschseins beschneiden, müssen wir daran arbeiten, sie zu überwinden. Das ist ein altes Thema. Das erste Lehrstück dazu haben die Menschen schon im Paradies bekommen. Gott setzt eine Grenze: Vom Baum der Erkenntnis sollt ihr nicht essen. Sie überschreiten diese Grenze und wollen sich vor der Verantwortung, die ihnen daraus erwächst, drücken. Das Ergebnis: Nun müssen sie in der alltäglichen Mühsal ihre Grenzen erkennen und mit ihnen leben. Auch mit den Grenzen ihrer eigenen Endlichkeit. Diese Grenze des Lebens, der Tod, macht uns oft Angst und ist doch eine Wohltat. Von nun an gilt: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Das Bewusstsein von Begrenztheit führt zur Klugheit, so, wie erst die Grenzen des Wachstums einen Reifeprozess auslösen. Eine zweite Urgeschichte der Bibel spricht diese Weisheit in einem gesellschaftlichen Kontext an. Es ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Grenzenlose Macht wollen die Menschen, einen Turm bauen, der bis an den Himmel reicht. Und dabei werden ihnen ihre Grenzen gezeigt. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen, entdecken ihre Unterschiedlichkeit. Es sieht zunächst so aus, als wäre die Verwirrung der Sprachen nur eine Strafe. Genaueres Nachdenken zeigt: Die Vielfalt der Sprachen ist gleichzeitig eine Bewahrung. Dass wir so unterschiedlich sind, auch im übertragenen Sinne unterschiedliche Sprachen sprechen, das macht uns zwar die Mühe, uns zu verständigen. Es bewahrt uns aber vor der Illusion grenzenloser Macht. Und es bringt erst die Kreativität hervor, mit der sich sinnvolles gemeinschaftliches Leben gestalten lässt. Die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Menschen in unserer globalisierten Welt wahrzunehmen als eine Lebenschance, das ist unserer Aufgabe heute. Keine Macht der Welt wird es geben, sie auszumerzen. Gott sei Dank. So wichtig es ist, gewaltsame Ausgrenzungen zu überwinden, so groß ist auch die Wohltat von Grenzen in einer scheinbar grenzenlosen Welt. |
Reinhard Höppner promovierter Mathematiker, war von 1980 bis 1994 Präses der Synode der Kirchenprovinz Sachsen. Er gehörte nach der Wende zu den Mitbegründern der SPD in der DDR und war Vizepräsident der ersten frei gewählten Volkskammer. Von 1994 bis 2002 bekleidete er das Amt des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt. Seit 2001 ist er im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages. |