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Joachim Wietzke Christliche Mission ist ein „konstitutiver Bestandteil deswestlichenKolonialexpansionismus“ (Horst Gründer). Das war für lange Zeit die gängige Meinung der Historiker, und sie bestimmt bis heute das allgemeine Negativimage von Mission. In der gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskussion fällt das Urteil vorsichtiger aus. In der Mission – so der weitgehende Konsens von Säkularhistorikern und Missionsgeschichtlern – hat es beides gegeben: Kollaboration mit und Opposition gegen die politischen Mächte. Man müsse daher in jedem Einzelfall in möglichst interdisziplinären Studien prüfen, ob Missionare und Missionarinnen jeweils „Agenten des Kolonialismus“ oder „Anwälte der Eingeborenen“ gewesen seien. Wer immer noch „von einem einheitlichen Missionsimperialismus“ spreche, sei ein „schrecklicher, weil ideologischer Vereinfacher“ (Imanuel Geiss). Die neuere Missionshistoriographie wendet sich nicht nur gegen moralisierend ideologische Pauschalurteile, sie richtet ihren Blick auch auf die „andere Missionsgeschichte“. Das ist zum einen die alte und lange Geschichte der vorkolonialen Mission, vor allem aber die eigene Geschichte der Rezipienten von christlicher Mission. Das alte Bild von passiven oder gewaltsam eroberten „Missionsobjekten“ wird ergänzt und korrigiert durch die Geschichte derer, die das Angebot der Mission aufnehmen, es aber nach ihren eigenen Vorstellungen und Interessen gestalten. Neben die Missionsgeschichte, verstanden als Expansion der westlichen Territorialkirchen, tritt die Kirchengeschichte der südlichen Länder, in der die indigenen Christen und Christinnen die Subjekte des Handelns sind und ihren neuen Glauben als „Religion der Befreiung und des Widerstands“ verstehen können. Für Werner Ustorf ist daher „die Obsession in- und ausländischer Historiker mit der Kolonial- und Conquista-Mentalität der vom Westen ausgehenden Missionstätigkeit“ zwar „eine berechtigte, aber unzureichende Sichtweise, die zu überwinden ist“. Dennoch gibt es gute Gründe, sich weiterhin – frei von jeder „Obsession“ – mit der Kolonialmission zu beschäftigen. Gerade in Deutschland ist die Versuchung groß, sie als kurze und unbedeutende Geschichtsphase abzutun. In Wirklichkeit hat aber der national-imperialistische Geist, der überraschend auf dem Boden einer „unpolitischen“ pietistischen Tradition erwachsen konnte, weit über den Verlust der deutschen Kolonien hinausgewirkt. Hier ist noch manches historisch aufzuarbeiten. Vor allem ist aber Kolonialmission als theologische Verirrung aufzuzeigen. Je klarer dieses geschieht, desto deutlicher wird, dass Kolonialmission nicht „wesenstypisch“ ist, sondern im Widerspruch zum Selbstverständnis von christlicher Mission steht. Ein Blick in die deutsche protestantische Missionsgeschichte Die deutsche evangelische Mission beginnt Anfang des 18. Jahrhunderts in einer dänischen Kolonie. Die in Halle ausgebildeten Missionare stehen unter dem Schutz des dänischen Königs, der aber in den Kolonien wenig zu sagen hat. Hier geben die Kaufleute den Ton an. An Mission haben sie kein Interesse. Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, ebenfalls ein Schüler aus Halle, zieht daraus seine Lehre. Er will möglichst wenig mit Königshäusern, Handelsagenturen und Kirchenleitungen zu tun haben. Sein Ideal ist eine Laienmission, die politisch unabhängig und überkonfessionell arbeitet. Für die Herrnhuter braucht Mission weder eine kirchliche noch eine staatliche Autorisierung. Trägerin der Mission ist die „Gemeinde der Erweckten“ und jeder, der den Ruf Gottes spürt, kann ein „Sendbote“ sein. Die nächste Missionswelle hat ihren Ursprung in England. Sie leitet das „große Jahrhundert“ der Mission ein. Anfangs ist sie eine überraschende Mischung aus frommem Enthusiasmus und aufklärerischem Humanismus, aus neupietistischem Revival und philanthropischem Geist. Der Kampf gegen den Sklavenhandel führt missionarisch und sozial engagierte Kreise zusammen. Die Bewegung greift auf den europäischen Kontinent und Nordamerika über. Es kommt zur Gründung zahlreicher neuer Missionsgesellschaften. Ihr Ziel ist nicht nur die „Bekehrung der Heiden“, sondern auch die „Ausbreitung einer wohlthätigen Zivilisation“. Christian Gottlieb Blumhardt, der erste Basler Missionsinspektor, ermahnt seine Missionare, „auf jedem eurer Schritte in der Negerwelt es keinen Augenblick zu vergessen, wie übermüthig und schändlich seit Jahrhunderten die armen Neger fast durchgängig von Menschen, die sich Christen nannten, behandelt worden sind und noch behandelt werden“. Mission soll ein Gegengewicht gegen die „Missionare des Mammon“ sein. Sie soll das durch die Kolonialmächte begangene Unrecht wieder „gutmachen“. Von einer Komplizenschaft von Mission und Kolonialismus kann also in der ersten Zeit der protestantischen Mission keine Rede sein. Im Gegenteil, sie hat einen deutlich anti-kolonialen Akzent, und das immerhin für einen Zeitraum von 150 Jahren. Der Umschwung kommt erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Zeit des Imperialismus Stephen Neill bezeichnet in seiner Missionsgeschichte das Jahr 1858 als „Wasserscheide“. In diesem Jahr übernimmt die britische Regierung die Kolonialverwaltung über Indien. Neben den bisher vorwiegend merkantil orientierten Kolonialismus tritt der staatliche Imperialismus. Kolonialbesitz wird zu einer Frage des nationalen Prestiges. Eine Weltmacht ist nur der, der Kolonien besitzt. Auch das aufstrebende deutsche Kaiserreich will „Weltmacht“ sein. Spät, aber mit dem Pathos einer „Torschlusspanik“, betritt Deutschland 1884 die kolonial-imperialistische Bühne. Sichtbarstes Zeichen ist der Aufbau einer schlagkräftigen Flotte. Die treibenden Kräfte sind die Schwerindustrie und das kaufmännische Großbürgertum, aber auch das Kaiserhaus. Plötzlich reden alle von „Weltpolitik“ und „deutschem Ansehen in der Welt“. Der ganze Spuk ist zwar nur von kurzer Dauer, aber Wilhelm II. verkündet prahlerisch: „Aus dem Deutschen Reich ist ein Weltreich geworden.“ Kolonialmission „Thron und Altar“ sind im Wilhelminischen Reich eng miteinander verzahnt. Kirche und Mission können und wollen sich nicht dem „nationalen Erwachen“ entziehen. Bald ertönt der Ruf: „Deutsche Missionare in deutsche Kolonien.“ Den deutschen Missionen, die „zum Wohle“ englischer Kolonien arbeiten, wird „fehlender Patriotismus“ vorgeworfen. Zunächst zögern die Missionsgesellschaften. Sie wollen ihre angestammten Arbeitsgebiete behalten. Auf der Kontinentalen Missionskonferenz 1884 beteuern sie, man nähme zwar die neuen Verpflichtungen in den deutschen Kolonien ernst, aber zugleich betonen sie, die Mission sei ihrem Wesen nach „international“. Doch damit ist es nicht getan. Schon 1886 konstituiert sich die neue „Deutsch-ostafrikanische evangelische Missionsgesellschaft“ (Berlin III). Zum Kreis der Unterstützer gehört auch der später berüchtigt gewordene Carl Peters. Mission soll „im national-deutschen Sinn“ getrieben werden, heißt es in der Gründungsakte. Julius Richter, prominenter Professor für Missionswissenschaft in Berlin, fasst den Ertrag der Kolonialmission nach knapp drei Jahrzehnten in seinem 1914 erschienenen Buch „Das deutsche Kolonialreich und die Mission“ zusammen. Inzwischen, so berichtet er, wird „etwa ein Drittel der gesamten Missionsenergie des evangelischen Deutschlands ... auf die Arbeit in den deutschen Schutzgebieten verwendet“. Die Mission habe sich neben der „Kulturexpansion der europäischen Völker“ zu einem entscheidenden Faktor für „die Eroberung großer Ländergebiete für Christentum und Kultur“ entwickelt, stellt er befriedigt fest. Mehr noch: Die Mission sei die eigentliche „Kulturträgerin“, denn die Kolonialisten wollten „verdienen“, die Missionare aber „dienen“. Richter ist davon überzeugt, dass „die große Aufgabe der Zeit darin besteht, die zurückgebliebenen Glieder der Menschheitsfamilie, die afrikanischen und ozeanischen Völker, an den Strom der großen Menschheitsentwicklung heranzuführen“. So sieht er in der Kolonisierung eine „große Wohltat“, die den fremden Völkern den „Übergang aus heidnischer Barbarei in eine höhere Kulturordnung“ ermögliche. Der Mission komme dabei die besondere Aufgabe zu, die Kolonisation zu „humanisieren“ oder, wie er später sagt, „die Weltbeziehungen zu verchristlichen“. Richter bemüht sich zwar, die Kolonisierung und die Mission als zwei „von einander unabhängige“ Bewegungen darzustellen, aber es ist dieselbe Zivilisation, mit der die Völker beglückt werden sollen. Anders als in der früheren Mission des Pietismus und der Erweckungsbewegung sind jetzt europäische Zivilisation und westliches Christentum das unhinterfragte Vorbild. Die Überlegenheit des „weißen Mannes“ ist gottgewollt. Die „Heimatkirche“ ist Maßstab für das „Missionsfeld“. Die Theorie und Praxis der Mission erliegt einem rassistischen und kulturimperialistischen Denken. Hinzu kommt ein deutlich nationalpolitischer Akzent. Richter freut sich über das „kraftvolle Erstarken des Deutschtums“. Mit Genugtuung stellt er fest: „Deutschland ist nicht mehr der verschlafene Träumer, der weltfern wissenschaftlichen und ästhetischen Idealen nachjagt, das Volk der Dichter und Denker, die immer zu spät kamen, wenn die Erde verteilt werden sollte.“ Deutschland erinnere sich endlich wieder an Friedrich Barbarossa und die „Reichsherrlichkeit Karls des Großen“, habe sich jetzt ein „Jungdeutschland“ geschaffen mit einer „Ländermasse, etwa fünfmal so groß wie das deutsche Mutterland“, und bei alldem sei die Mission zu einer „Großmacht in Knechtsgestalt“ geworden. Nicht alle erliegen diesem neuen Trend. Es gereicht Missionsleitern wie Franz Michael Zahn aus Bremen oder Missionswissenschaftlern wie Gustav Warneck zur Ehre, dass sie nicht in das großdeutsche Pathos mit einstimmen. Zahn will nichts mit denen zu tun haben, „deren deutsches Blut ... in begeisterte Wallung geriet, wenn auf deutsche Kolonien die Rede kam“, und Warneck erklärt gegenüber Berlin III, „mit ihrem furor teutonicus“ könne man „keine Mission treiben“. Andere verweisen auf die „Übernationalität“ der Mission und beschwören den „Geist der Einheit“ der Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910. In der Tat ist der Grad der ökumenischen Gemeinsamkeit in Edinburgh beachtlich. Die Konferenz bietet ein beeindruckendes Gegenbild zum chauvinistischen Geist der deutschen Mission, aber auch Edinburgh bleibt gefangen im kolonialen Denken. Die Versammlung liefert sogar noch ein weiteres schlagkräftiges Argument für die Kolonialmission: die Angst vor dem Islam. „Kreuz oder Halbmond“ lautet nun die neue Parole. Das überzeugt auch die letzten Kritiker der Kolonialmission. Mehrere Gesellschaften übernehmen ein neues Arbeitsgebiet, um ein „Bollwerk“ gegen den Islam zu errichten. In Deutschland werden diese neuen Initiativen weitgehend durch die „Nationalspende für die Mission“ finanziert, zu der 1913 kolonialfreundliche Kreise anlässlich des 25-jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers aufrufen. Das spült nicht nur Geld – immerhin 3,7 Mio. Reichsmark – in die Missionskassen, es bringt der Mission auch eine öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung wie nie zuvor. Rückblick und Ausblick Der Kolonialmission gelingt, was der früheren Mission nie gelungen war: Sie überwindet ihr „Winkeldasein“, sie findet Akzeptanz in breiten Bevölkerungsschichten, sie kommt in der Mitte der Gesellschaft an. Das mag ein Grund dafür sein, dass das kolonial-imperialistische Denken weit über die deutsche Kolonialzeit hinausreicht. Noch lange trauert man den „offenen Türen“ nach, die „die deutsche Schutzmacht“ ermöglichte. Zu einer grundsätzlichen Kritik des Kolonialismus und Imperialismus kommt es höchst selten. Das überlässt man der „sozialistischen Internationale“ oder den „vaterlandslosen Sozialdemokraten“, mit denen man weder in der Mission noch in den Kirchen – mit ganz wenigen Ausnahmen – etwas zu tun haben will. Die deutsche Mission bleibt lange Zeit im nationalistischen Fahrwasser. Der Preis, den sie dafür zahlt, ist hoch: Sie überwindet weder ihr rassistisches Menschenbild noch ihre kulturimperialistische Weltsicht. Sie schwimmt mit im Strudel der nationalpolitischen Interessen und verrät ihre christliche Freiheit. Sie beruft sich auf ihr „deutsches Charisma“ und verliert für viele Jahre den Anschluss an die ökumenische Bewegung. Die Kolonialmission ist, was sie ist: ein Irrweg mit Langzeitwirkung. Zu ihr darf es keine Kontinuität geben. |
Joachim Wietzke Pastor i. R. der Nordelbischen Kirche war Grundsatzreferent im Evangelischen Missionswerk (EMW) und bis 2005 Direktor des Nordelbischen Zentrums für Weltmission und Kirchlichen Weltdienst (NMZ) |