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Roswitha Jarman
Versöhnung – Ein Weg*
Als deutsches Kriegskind hat mich die Frage der
Schuld und Versöhnung mein Leben lang begleitet.
In England lebend, begegne ich häufig den Überlebenden
des Holocaust-Geschehens. Viele elternlose
Juden sind mit den Kindertransporten nach England
gekommen. Meine Geschichte hat mich dazu
geführt, auf zwischenmenschlicher Ebene tätig zu
sein. Die zwischenmenschliche Beziehung ist der
Grund und Boden, auf dem sich Versöhnung aufbauen
kann. In den letzten fünfundzwanzig Jahren
bin ich im Osten und besonders in Russland, dem
Kaukasus, aber auch auf dem Balkan mit Seminaren

Nach dem Krieg in Tschetschenien
und Workshops tätig, die nach Gewaltereignissen
Heilung und Versöhnung suchen. In Moskau
haben mein Mann und ich 2 1/2 Jahre gelebt, um den
Menschen in der Umbruchzeit gegenwärtig zu
sein. In England bin ich mit PAG (Projekt Alternativen
zu Gewalt) Workshops tätig. PAG ist für Menschen
in kritischen zwischenmenschlichen Situationen,
die oft Gewaltgeschehen beinhalten. Diese
Workshops sind für Menschen in Gefängnissen,
aber auch für Menschen im täglichen Leben, die
Schwierigkeiten im Miteinander haben. Die Bausteine,
die zur Versöhnung führen, sind für mich in
allen diesen Situationen die gleichen: Ich muss bei
mir selbst den Anfang machen.
Die Ich-Du Welt
Martin Buber kann uns mit seinem Verständnis für
zwischen-menschliche Beziehung ein weiser Lehrer
sein. Er unterscheidet zwischen der Erfahrungswelt,
der Ich-Es Welt und der Welt der Beziehung,
der Ich-Du Welt. Wir können über die Ich-Es
Welt sprechen, sie einordnen und beschreiben,
aber die Ich-Du Welt können wir nur erleben. In
der Ich-Du Welt stehen wir in einer Beziehung mit
dem anderen. Wir akzeptieren einander auch mit
unseren Unterschieden, wir sind gegenwärtig im
Sein. In dieser Beziehung erleben wir göttliche Gegenwart, Gottesgeburt. „Wer Du spricht, hat kein
Etwas zum Gegenstand; wer Du spricht, steht in der Beziehung.
… Durch jedes uns gegenwärtig Werdende blicken
wir an den Saum des ewigen Du hin, aus jedem vernehmen wir ein Wehen von ihm, in jedem Du reden wir das Ewige an, in jeder Sphäre nach ihrer Weise.“ (Martin Buber, Ich und Du).
Unser Miteinander ist eine heilige Sache. Wenn
ich in dem anderen das Du erkenne, den Bruder,
die Schwester, und wenn ich weiß, dass der andere
mich vervollständigt, dann ist wirkliche Begegnung
möglich. Eine solche Begegnung ist sakramental.
„Der wirkliche Umgang des Menschen mit Gott
hat an der Welt nicht bloß seinen Ort, sondern auch seinen Gegenstand“ (Martin Buber, Einsichten).
Versöhnung gehört in die Ich-Du Welt. In der
Ich-Du Welt habe ich Empathie für den anderen.
Ich kann versuchen, seine Beweggründe, seine Bedürfnisse und seine Ängste zu verstehen und anzusprechen. Versöhnung fängt damit an, dass wir uns
uns selbst und dem anderen öffnen und dem ins
Gesicht sehen, was wir vorher von uns ferngehalten
haben. Sie fängt mit Achtsamkeit und Ehrlichkeit
an.
Gewalt und Zorn
Aus meiner Erfahrung und aus Gesprächen mit
Menschen weiß ich, dass Gewalt oft (vielleicht
immer?) eine Sprache der Hilflosigkeit ist. Starke
Gefühle, die sich in einem Menschen aufgebaut
haben – durch was auch immer: schwierige Kindheit,
durch Erlebtes, unbefriedigte Bedürfnisse,
durch ideologische Ansichten –, treiben zum Ausdruck
und der Mensch hat für sie keine andere Sprache als die der Gewalt. Oft ist es ein Suchen nach Selbstbestätigung.
Ich beziehe mich auf meine Erfahrungen besonders
der letzten sechzehn Jahre, in denen ich
mich mit Menschen in den Republiken des Nordkaukasus ausgetauscht habe. Nach einem langen
Gespräch mit einem Osseten (einer dieser Republiken
im Nordkaukasus) über die Ingusch-Flüchtlinge,
Menschen, die von den Osseten nach einem
Kurzkrieg 1992 vertrieben wurden und die ich in
ihren traurigen Behausungen besucht hatte, sagte
mein junger Freund, der Ossete: „Ich glaube, wenn
wir uns hilflos fühlen, fangen wir an zu hassen.“ Dies ist
ein so wahrer Ausspruch, den ich immer wieder in
der Realität erkenne. Gewalt ist oft eine Sprache
der Hilflosigkeit, die sagt: „Ich weiß nicht, wie ich mit
der Energie, die in mir tobt, umgehen kann.“ Oder, vielleicht mehr unbewusst: „Ich weiß nicht, wie ich mit
dem Schuldgefühl in mir umgehen kann …“, und daraus
folgt eine Übertragung auf den anderen. „Er hat angefangen, er ist Schuld daran …“
Gewalt hinterlässt, abgesehen von der Zerstörung
und den Verlusten, Gefühle der Erniedrigung
und Zorn. In gewisser Weise ist dieser Zorn jetzt
das, was mir übrig geblieben ist. Das Gefühl ist da:
„Ich muss an diesem Zorn festhalten, denn wenn ich ihn
loslasse, habe ich gar nichts.“ Junge Menschen aus
dem Kaukasus, die zu einem Seminar zusammenkamen
und in einer Visualisation sich einen Menschen
vorstellten, dem sie begegnen und dem sie
verzeihen sollten, sagten ganz enttäuscht: „Ja, aber
wenn ich verziehen habe, dann kann ich ja nicht mehr
zornig sein.“ Dieser Zorn ist zu dem Zeitpunkt das
Einzige, was dem Menschen bestätigt, dass er
einen Wert hat und etwas zu sagen hat. Es ist seine
Energiequelle und seine Selbstbestätigung.
Unrecht aussprechen und bezeugen
Ein Schritt zur Versöhnung ist der, einen Zeugen
für das Erlebte zu haben. Hier geht es nicht darum,
zu helfen oder Lösungen zu finden, sondern hier
geht es darum, den Menschen mit seinem Erlebten
und seinen Gefühlen zu hören, ihn Wert zu halten.
Wenn der Mensch so gehört worden ist, kann er
anfangen, wieder an sich und seine eigenen Fähigkeiten
zu glauben. Er kann einen Anfang machen,
sich mit seiner Situation zu versöhnen, und er
kann den ersten Schritt auf dem langen Weg zu
zwischenmenschlicher Versöhnung machen.

Kinder nach dem Krieg
mit Kindern, die schwere Traumata erlitten hatten,
zu arbeiten. Das Kind hat keinen Weg, diese starken,
tobenden Gefühle zu benennen oder mit ihnen zurechtzukommen. Oft scheint es das Beste
zu sein, sie zu verneinen und sich auf ein gefühlfreies
Miteinander einzustellen. Da ist die Geschichte
von Lisa, einem sechs Jahre alten Mädchen,
das mit seiner jüngeren Schwester im Hof
spielte, als ein Explosionskörper in den Hof geworfen
wurde. Beide Kinder wurden verletzt, die jüngere
schrie auf, die Mutter rannte entsetzt aus dem
Haus. Das ältere Mädchen sah das Entsetzen im
Gesicht der Mutter und entschied sich, nicht zu
schreien. Sie biss sich auf die Zähne, bis zwei von
ihnen zerbrachen. Die Wunden wurden geheilt,
aber Lisa hatte aufgehört zu sprechen oder Gefühle
zu zeigen. Als die Mutter sie in eine der Trauma-
Gruppen brachte, ging sie still in eine Ecke und fing
an, mit Teddys zu spielen. Ein Teddy war auch
nicht mehr heil. Sie verband ihn, machte ihm ein
Bettchen und kümmerte sich um ihn. Die Betreuerin
der Gruppe setzte sich zu ihr und sagte, was sie
sah: „Der Teddy hat Schmerzen und du sorgst dich um
ihn, machst ihm ein Bett, verbindest seine Wunden. Ich
glaube, jetzt fühlt er sich wohler.“ So ging das mehrere
Wochen, bis am Ende Lisa wieder anfing zu sprechen.
Als die Betreuerin vorschlug, dass sie vielleicht
der Mutter sagt, wie es ihr, Lisa, geht, wehrte
sich das Kind. Erst nach wieder einiger Zeit war
sie bereit, darüber zu sprechen. Mutter und Tochter
hielten sich mit Tränen in den Armen.
Ungerechtigkeit stellt den Menschen in Frage.
Starke Gefühle lassen uns erblinden, wir verlieren
die Übersicht über das Ganze, wir versteifen uns
auf unsere Position und verteidigen sie. Die Muskeln
spannen sich an, der Körper verändert sich.
Wir sehen die Dinge schwarz und weiß. Ungerechtigkeiten müssen wirklich gehört werden, sie

Liuba und Roswitha Jarman
müssen ausgesprochen und angesprochen werden, und
Zeichen müssen da sein, dass Ungerechtigkeiten
nicht nur benannt werden, sondern auch zu Taten
führen. Harmlose Worte selbst können Konflikte
auslösen, weil unterschwellig alle möglichen Deutungen
enthalten sind, die starke Gefühle wachrufen.
Bei einem Seminar mit Menschen aus dem
Kosovo, Albanern und Serben, sagte eine Serbin:
„Ich möchte, dass wir unsere Kultur bewahren.“ Eine
für uns Außenseiter akzeptable Aussage, weil wir
die Kultur beider Seiten verstanden. Dies aber war
ein rotes Tuch für die Albaner, die es als die Kultur
des Anderen hörten. Geschichte, Machtspiele, Verletzungen, Ungerechtigkeiten, alles spielt untergründig
mit und macht es schwer, Worte ohne Belastung
anzuwenden und zu hören.
Gefährdete Schritte
Wenn wirklich eine versöhnende Begegnung stattgefunden hat, kann sie sehr schnell wieder zunichte
gemacht werden. In einem Ort in diesem umstrittenen
Gebiet im Nordkaukasus, der von Osseten
und Ingusch bewohnt wird, geht eine unsichtbare
Mauer durch den Ort. Seit über zehn Jahren
leben die beiden Gruppen getrennt voneinander.
Stalin hatte das Gebiet den Osseten gegeben, nachdem
er die Ingusch 1943 nach Kasachstan deportiert
hatte. Als sie nach mehr als zehn Jahren zurück
durften, gehörte ihr Land anderen. Bis zum
Auflösen der Sowjetunion lebten beide Gruppen
mehr oder weniger friedlich miteinander. 1992
kam ein Kurzkrieg, die Ingusch wurden zum großen
Teil vertrieben und leben auch heute noch in
Flüchtlingslagern in Inguschetien. In diesen Ort
sind einige Ingusch zurückgekehrt und leben in
ihrem Teil getrennt von den Osseten. Die Schulen
sind getrennt. Ich wurde gebeten, etwas für eine
Besserung der Situation zu tun. Wir sprachen mit
den Lehrern beider Schulen und ihren Hoffnungen
für die Zukunft. Ja, sie wollten sich mit den Lehrern
der anderen Schule treffen. Viele Gespräche separat
mit beiden Gruppen, in denen ihre Erlebnisse,
ihr Schmerz und ihre Hoffnungen ausgesprochen
wurden, bereiteten das Treffen vor. Das Treffen der
beiden Lehrergruppen kam zustande. Nach über
zehn Jahren begegneten sie sich zum ersten Mal
und erkannten sich wieder als Kollegen oder Schüler
der früheren Jahre. Vor dem Treffen war ich besorgt,
was könnte geschehen? Ich war nicht vorbereitet
auf die Erleichterung, die beide Gruppen
zeigten: endlich ist das unsichtbare Feindband gebrochen,
endlich sprechen wir wieder miteinander.
Die Sehnsucht nach diesem Geschehen war
groß. Weitere Treffen und Gespräche und Treffen
zwischen den Schülern und Eltern folgten. „Nun
kann ich in diesem Ort ohne Angst überall hingehen“,
sagte ein junger Ingusch bei einem solchen Treffen.
Ein solcher Schritt aber ist nur ein Anfang zur
Versöhnung. Die Themen der Gespräche waren anfangs
einfach nur das praktische Leben der beiden
Schulen und ihrer Probleme und Aufgaben. Wir
sprachen nicht über Ungerechtigkeiten, Schuld
und Vergebung. Solche Gespräche verlangen noch
mehr Mut und Zeit und es muss sich ein Vertrauen
aufgebaut haben, dass ich vor dem anderen aussagen
kann, was ich zu sagen habe, und gehört werden
kann mit dem, was ich sage, ohne beurteilt zu
werden.
Diese eindrückliche Versöhnung wurde unterbrochen
und zerbrach ganz schnell nach dem
furchtbaren Geschehen in Beslan, der Geiselnahme
einer Schule mit Lehrern und Schülern, die grausam
endete. Sie brachte alle feindseligen Gefühle
wieder an die Oberfläche. Die Feind-Sprache unterscheidet nicht zwischen einzelnen, die in diese
Taten verwickelt waren, und den andern, die dies
nicht wollten. Sie verallgemeinert. Wieder sind alle
Ingusch Terroristen, denen man nicht vertrauen
kann. Man sieht die Dinge schwarz und weiß und
verliert die Sicht für das Komplexe. Es ist wichtig
auf dem Weg zur Versöhnung, die Dinge komplex
zu machen.
Ein Weg zu uns selbst
Der Mensch, der Versöhnung sucht, muss in sich
gefestigt sein und um seinen Wert als Mensch wissen,
dann braucht er sich nicht an Gefühle und Ansichten
zuklammern, die ihn bestätigen, sondern er
kann frei mit ihnen umgehen. Sie treiben ihn
nicht, weil er weiß, dass er als der, der er ist, einen
Wert hat. Der erste Schritt also ist der Wandel im
einzelnen Menschen selbst. „Der archimedische
Punkt, von dem aus ich an meinem Orte die Welt bewegen kann, ist die Wandlung meiner selbst.“ (Martin
Buber, Der Weg des Menschen). Dies ist eine Wahrheit,
die ich in allen meinen Begegnungen immer
wieder neu verstehe: Wenn ich nicht diesen Weg zu
mir selbst gemacht habe, denWeg,mich und meine
Beweggründe zu kennen, meine Lernprozesse zuzulassen,
kann ich auch wenig in der Welt oder auf
zwischenmenschlicher Ebene bewegen. „Ich muss
diesen persönlichen Prozess nicht um meiner Selbst willen
durchmachen, sondern eben gerade, weil ichmit dem
anderen verbunden bin. Ich kann beim anderen aber nur
verändern, wenn ich mich selbst verändere.“ (M. Buber,
Der Weg des Menschen). Ich als der Mensch, der
ich bin, muss in mir Versöhnung finden. Das ist ein
psychologischer und ein spiritueller Prozess. Wenn
ich Uneinigkeit in mir habe, wenn ich meinem eigenen
Schatten nicht begegnen kann, dann sehe ich ihn im anderen. Wenn ich nicht um meinen eigenen
Wert als Mensch weiß, weil das Geschehen
mir mein Selbstwertgefühl genommen hat, kann
ich auch den Wert des anderen nicht sehen. Ich
muss selbst einen Weg der Heilung gemacht haben.
Nach dem Kurzkrieg zwischen Osseten und Ingusch
1992 im Nordkaukasus wurde ich von der
Direktorin einer Schule in Ossetien gebeten, mit
ihren Schülern über Konflikte nachzudenken und
Fähigkeiten zu üben, gewaltfrei mit Konflikten
umzugehen. Der Hass den Ingusch gegenüber, die
als die angreifenden Feinde dargestellt wurden
(was geschichtlich nicht stimmt), war groß. Ich
konnte selbst das Wort Ingusch nicht aussprechen.
Ich arbeitete in einer Klasse mit wachen, intelligenten,
freundlichen Schülern, es machte Spaß.
Wir fingen damit an, über Gefühle zu sprechen, darüber,
wann wir zornig werden könnten. „Ja, was
kann diesen Zorn anregen?“, fragte ich. „Wenn ich
mich verletzt fühle, wenn mich etwas schmerzt“, war
die Antwort. „Und was verletzt uns, was schmerzt
uns?“, fragte ich. „Wenn ich nicht gehört oder verstanden
werde, wenn ich nicht respektiert werde, wenn jemand
schlecht über mich spricht“. – „Was brauche ich
also?“ „Gehört zu werden.“ „Und wie geht es dem anderen, was braucht er?“ Mit verschiedenen praktischen
Übungen arbeiteten wir an diesen Themen. Drei
Jahre lang, im Sommer und im Herbst kam ich jedesmal
für eine Woche an diese Schule. Am Ende
der Zeit (wir hatten immer noch nicht über die Ingusch
gesprochen), sagte ein Schüler ganz unvorbereitet:
„Ich weiß nicht, warum unsere Eltern diesen
Kampf mit den Ingusch hatten, aber ich habe keinen
Hass auf sie.“ Hier sind wir einen Weg hin zu uns
selbst und damit zu dem anderen gegangen.
Begegnung und Abschied
Zur Versöhnung gehört der Wille. Man muss sich
dem Leid und Schmerz stellen können, dem eigenen
und dem des anderen. Mut und Ehrlichkeit muss da sein, um Schuld zu bereuen und zu bekennen.
Erst wenn sich beide Seiten ohne Beurteilung
gehört fühlen, sich gleichwertig fühlen und sich
akzeptiert fühlen, kann es ans wirkliche Loslassen
des Geschehens gehen. Versöhnung ist ein Zusammenkommen von etwas, was sich trennte. Es ist
gleichzeitig ein sich Loslösen und ein Aufgeben
von etwas, was mir als Person meine Bestätigung
zu geben scheint, aber was mich gleichzeitig belastet.
Versöhnung ist eine Befreiung von dieser Last
und ein Gesunden. |
Roswitha Jarman
lebt in York/Großbritannien, Quäkerin, seit über 15 Jahren in Russland, im Kaukasus und auf dem Balkan mit Seminaren und Workshops tätig, die nach Erfahrungen von Gewalt Versöhnung suchen. |