Peter Scherle

Wie ein Riss …

Wie ein Riss in einer hohen Mauer – Wort des Rates der Evangelischen Kirche
in Deutschland zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, Hannover 2009
(EKD-Texte 100). Etwas mehr als eine Rezension.

Wer im Jahr 2008, also knapp vor der Finanzmarktkrise, den von der EKD veröffentlichten Text „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ kennt, reibt sich angesichts dieses aktuellen Textes etwas verwundert die Augen. Wurde dort noch die soziale Marktwirtschaft ob ihrer Statik angegriffen und dem globalen Kapitalismus das Bild des „ehrbaren Kaufmanns“ zur ethischen Orientierung der Verantwortlichen angeboten, so wird nun sogar die „soziale und nachhaltige Marktwirtschaft“ gefordert, die auf globalen Regelungen und einer grundsätzlichen Umkehr beruht, welche der verbreiteten Verantwortungslosigkeit und Gier entgegentreten will.

Ein neues Nachdenken

Formal und sprachlich scheint sich der Text selbst
einer Umkehr innerhalb des Rates der EKD zu verdanken, wie auch das Vorwort des Ratsvorsitzenden Bischof Huber (6) andeutet. Der Text sucht Orientierung an einem prophetischen Wort: Jesaja 30, 8–15. So gewinnt er nicht nur die Überschriften für die einzelnen Kapitel, sondern bringt die zu analysierende Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise in den biblischen Zusammenhang der „Missachtung von Gottes Gebot“, also der Sünde. „Die Verantwortungslosigkeit, die in die globale Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise hineingeführt hat, kann katastrophale Folgen haben – wie der Riss in einer hohen Mauer, der zunächst kaum sichtbar ist, aber immer weiter aufreißt und die Mauer zum Einsturz bringen wird.“ (11) So wie das prophetisch-mahnende
Wort der Umkehr diente, so soll auch das öffentliche Wort des Rates im Jahr 2009 der politischen Umkehr dienen, „damit auch die nächsten Generationen Leben und Zukunft haben“ (12). Diejenigen, die sich eine solche Positionierung des Rates der EKD schon vor der Finanzkrise gewünscht hätten, weil sie theologisch und ökonomisch geboten erschien, die aber ob ihrer abweichenden Meinung ‚abgekanzelt‘ wurden, mögen den Text mit einer gewissen Genugtuung lesen. Darüber sollten jedoch die wichtigen wirtschaftsethischen Fragen nicht aus dem Blick geraten. Denn biblisch begründeter „Prophetie“ (als orientierende Erinnerung an die Bündnisse und Weisungen des Gottes Israels) kann es nicht darum gehen, Recht zu haben und sich zu überheben.

Nachhaltig

Als „Ursachen der Krise“ macht der Text vor allem
den „Mangel an Verantwortung, bis hin zur Verantwortungslosigkeit“ und die allgemeine „Orientierung am schnellen Geld“ (13) aus. Auf vier Ebenen wird diese Haltung identifiziert: im staatlichen Handeln, in Finanzmarkt- und Wirtschafts-unternehmen, bei Individuen und in der allgemeinen Mentalität (14). In der Folge lasse sich, so der Rat der EKD, die Theorie „idealer Märkte“ nicht mehr halten. Vielmehr zeige sich, wie wichtig „gegenseitiges Vertrauen“ und „politische Rahmensetzungen“ seien. „Die Wirtschaft ist um des Menschen willen da, sie ist kein Selbstzweck. Wo das Geld zum Mittelpunkt wird, wird das Wirtschaften unmenschlich.
In Zukunft bedarf es sowohl einer robusten
Regulierung der Weltfinanzmärkte als auch
einer wirksamen Regelung für die Haftung der
,Verantwortlichen‘. Freiheit, die von der Verantwortung entkoppelt ist, zerstört sich am Ende selbst.“ (15)

Die Krise kann, so der Text, nur politisch bewältigt
werden. Dabei lassen sich kurzfristige (z. B.
Konjunkturprogramme; mit der Gefahr der Schwächung sozialer Sicherungssysteme) von mittelfristigen (z. B. der politischen Gestaltung der Finanzmärkte) und langfristigen Maßnahmen („Neuorientierung der Wirtschaft am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung“, 17) unterscheiden. Es ist diese Orientierungsfrage, auf die sich der Text konzentriert.
„Die Idee der sozialen Marktwirtschaft, die einen Weg aus der Krise der freien Marktwirtschaft
durch Integration des Leitbilds sozialer Gerechtigkeit suchte, muss heute um Gesichtspunkte der ökologischen Verträglichkeit und der internationalen Gerechtigkeit ergänzt werden.“ (18)

Die Einführung von „Nachhaltigkeitsfaktoren“
hatten die evangelische und die katholische Kirche
schon in ihrem „Gemeinsamen Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage“ 1997 gefordert.
Daran sollen sich auch die kurz- und mittelfristigen
Maßnahmen – angesprochen werden hier „die
Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft“ (19) –
heute schon orientieren. Weil sich aber nicht verhindern lasse, „dass Einzelne ihr Eigeninteresse
absolut setzen und sich dem Gemeinwohl gegenüber rücksichtslos verhalten“, seien „ethische Diskurse auf allen Ebenen der Gesellschaft wie der Unternehmen“ (21) notwendig. Und wieder wird das‚Gemeinsame Wort‘ aus dem Jahr 1997 zitiert: „Es ist eine kulturelle Aufgabe, dem Eigennutz eine gemeinwohlverträgliche Gestalt zu geben.“ Der abschließende Satz zur Orientierung aus dem Jahr 2009 lautet jedoch: „Damit ist eine Aufgabe beschrieben, die jeden persönlich angeht: Die Balance zwischen persönlichem Wohlergehen und sozialer wie ökologischer Verantwortung ist nicht zuletzt eine Frage des eigenen Lebensstils.“ (21)

Zuversicht

Die abschließende Frage „Was gibt Zuversicht?“
findet eine bemerkenswerte Antwort: „Niemand
weiß heute, was die globale Finanzmarkt- und
Wirtschaftskrise noch bringen wird, was an Bewahrung und was an Unglück sie für uns bereithält.
Wer sein Vertrauen auf Gott setzt, der wird in
allem, im Glück und im Unglück, Gott begegnen
und seinen Geboten folgen. Die großen Verheißungen der Heiligen Schrift ermutigen dazu, dieses Gottvertrauen zu erlernen und im Bemühen um Gerechtigkeit einzuüben.“ (22) In diesem Sinn
endet der Text mit dem Zitat von Jesaja 58, 7–12.

Bemerkenswert ist der Schlussabschnitt schon
deshalb, weil der biblische Text eine andere Logik
vorgibt. Wer Gottes Weisungen folgt, wer sich
barmherzig und gerecht zeigt, darf auf Gott hoffen.
Es geht um eine Umkehr, die ihren Maßstab an den
Schwächsten findet, und eben nicht darum, wie
durch Gottvertrauen „alle Angst vor der Zukunft
überwunden werden“ (8) kann.

Der Adressat

Wer sich öffentlich äußert, muss sich fragen lassen,
an wen sich diese Äußerung richtet und mit welcher
Absicht. Der Rat der EKD hatte im Jahr 2008 zu
eben dieser Frage eine Denkschrift vorgelegt, die
anregte, „künftig so klar wie möglich zwischen der
seelsorglich-pastoralen und sozialethisch-politischen
Dimension kirchlicher Äußerungen“ (Das rechte
Wort zur rechten Zeit, Hannover 2008, S. 10) zu unterscheiden, wenn es auch Anlässe gibt, bei denen beide Dimensionen zu berücksichtigen seien
(ebenda S. 34). Obwohl das Wort zur Finanzmarkt und Wirtschaftskrise nun „Verantwortliche in Politik
und Wirtschaft“ als Adressaten nennt, wirkt es
doch an vielen Stellen so, als sei dies ein allgemeiner Beitrag zur gesellschaftlichen Wertedebatte, nicht aber ein sozialethischer Beitrag zu politischen und ökonomischen Expertendiskursen.
Auch der Eindruck, es handele sich um eine Predigtmeditation bzw. eine Art „Hirtenbrief“ im Kontext der kirchlichen Öffentlichkeit, könnte entstehen. Die Verwendung der biblischen Texte spräche ebenso dafür, wie die Fokussierung des Schlussanschnittes auf die Frage der Angst vor der Zukunft.

Die Unklarheit hinsichtlich Adressaten und Absicht
teilt das Votum des Rates der EKD mit der nur
wenige Tage später veröffentlichen päpstlichen
Enzyklika „Caritates in veritate“. Im Unterschied
zur römisch-katholischen Soziallehre, die normative
Gesellschaftsbilder entwirft, ist evangelische
Sozialethik eher dynamisch ausgerichtet: sie befragt
gesellschaftliche Entwicklungen auf ihre
menschlichen, sozialen und ökologischen Kosten.
Daraus lassen sich zwar – im Sinne einer Minimierungstheorie, wie sie etwa in der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg in den 1970er Jahren entwickelt wurde – durchaus Orientierungen gewinnen: es geht dann um die Minimierung von Not, Unfreiheit, Gewalt usw. und darum, zu erkennen, dass zwischen den
Minimierungsinteressen auch Konflikte auftreten
können. Deshalb können die aus solchen Orientierungen resultierenden Leitbilder keine normativen Gesellschaftsentwürfe sein.

Grundsätzliche Orientierung

Der Text des Rates der EKD hat dort seine Stärken, wo er nicht vermeintliche Lösungen anbietet, sondern grundsätzliche gesellschaftliche Orientierungen. Verantwortung muss sich folglich daran messen lassen, ob es zwischen armen und reichen Ländern, ob es zwischen den Generationen gerechter zugeht und ob wir ökologisch verträglicher leben können.

Schon in den 1970er Jahren standen diese Fragen
nach einer gerechten, partizipatorischen und
nachhaltigen Gesellschaft (Just, Participatory and
Sustainable Society: JPSS) auf der Agenda der ökumenischen Bewegung. Damals gelang es auch
noch, diese Fragen in die Fachdiskussionen etwa
der Ökonomie und der Technikwissenschaften einzubringen.
Seitdem haben sich jedoch kirchliche
Diskurse religiös-spirituell verengt, wie sich etwa
an dem theologisch fragwürdigen Begriff der „Bewahrung der Schöpfung“ zeigen ließe (die jenseits von Eden nicht in menschlicher Hand liegt, sondern von Gott erhofft werden darf; weshalb die
„Bewahrung“ theologisch nicht sozialethischer,
sondern zuerst dogmatischer Natur ist). Und die
entsprechenden Fachdiskurse haben sich gegenüber grundlegenden Orientierungsfragen (z. B. der Vermögensqualität des Geldes oder der Notwendigkeit von Wachstum) abgeschottet. Zu dieser Entwicklung haben – neben den „Priestern“ des „Marktradikalismus“ – jedoch auch jene beigetragen, die sozialethisch nur die erhöhte Tonlage eines „prophetischen Wächteramtes“ kennen und sich schwer tun, biblisch-theologische Orientierungen in Fachdiskurse zu „übersetzen“.
Insofern ist es begrüßenswert, dass der Rat der
EKD den alten ökumenischen Faden wieder aufnimmt und das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung stark macht. Diesem Impuls mangelt es jedoch selbst noch an jener „Nachhaltigkeit“, die
solche Äußerungen erstreben sollten (vgl. Das
rechte Wort zur rechten Zeit, S. 34). Soll der Impuls des Rates der EKD gesellschaftlich wirksam werden, dann müsste die weitere theologische Reflexion ebenso organisiert werden wie das Gespräch in den pluralen Öffentlichkeiten in Kirchen, Universitäten und in anderen Zusammenhängen.

Peter Scherle

Professor für Kirchentheorie und Kybernetik,
Direktor des Theologischen Seminars Herborn