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Stefan Weiß
Vaterbilder und Männerrolle –
biografische Skizze
Meine Antwort auf die Frage, warum ich Ende der
siebziger Jahre mit dem Theologiestudium begonnen habe, lautet seit 30 Jahren: Ich wollte mich mit den pietistischen Glaubenstraditionen, mit denen ich aufgewachsen war, auseinandersetzen. Ihre Bedeutung war für mich fragwürdig geworden. Dies bezog sich vor allem auf ein autoritäres Gottesbild.
Dieses Gottesbild war für mich verbunden mit
einem autoritären leiblichen Vater, der diesen Gott
anbetete, der wusste, was Gott von uns wollte, und
dies durchzusetzen half.
So war der Beginn des Studiums das Ende des
von Familie und freikirchlicher Gemeinde vermittelten Kinderglaubens. Dieses Ende war untrennbar verbunden mit einer Ablehnung des kontrollierenden und autoritären Vaters, der diesen Gott und seine Ansprüche und Prinzipien vertrat. Das patriarchalische Denken und Handeln waren kein Lebensmodell für mich. Im Gegenteil: Ich hatte darunter zu leiden. Ich konnte nicht trennen zwischen dem, was mir von meinem Vater und was
von seinem Gott widerfuhr. Beide waren streng
und kontrollierend. Beide waren es nach eigener
Aussage aus Liebe und zu meinem Guten. Ich musste dort raus. Denn auf die Dauer war da sowieso kein Platz, auf dem ich mich entfalten konnte, kein Raum neben diesen beiden Großen. Auf der Ebene der Theologie konnte mir schnell geholfen werden:
Es gibt ihn doch, den anderen Gott! Der ist der Befreier aus der Knechtschaft, auch aus meiner. Er ist der Helfer derer, die klein sind oder sich klein fühlen.
Er ist der Gott des Aufbruchs aus dem Sklavenhaus
in Ägypten und der Gott meines Auszugs aus
dem Elternhaus. Der Gott, der nicht straft und kontrolliert, sondern erwählt und stärkt. Der Gott, der nicht männlich sein will. Jedenfalls nicht so, wie
ich ihn kennengelernt hatte.
Auf der persönlichen Ebene war es schwieriger,
die Alternativen zu finden. Hier schleppe ich mehr
von dem Alten mit und das Neue muss nicht nur intellektuell begriffen, sondern gelebt werden. Die
Ablehnung der patriarchalischen Denk- und Lebensweise war natürlich für einen jungen Mann
mit einer erheblichen Rollenverunsicherung verbunden.
Wie ist mann denn, wenn man anders ist?
Es gab Männer als Vorbilder, aber die waren weit
weg. Ich merkte schon, anderen Männern um mich
herum ging es ähnlich, aber konnte man über so
etwas reden. Zumindest gab es neue aufregende Literaturzu entdecken.
1 In dieser Situation waren Frauen gute Helferinnen. Frauenbewegte Kommilitoninnen waren auch
auf der Suche nach „dem neuen Mann, den das
Land braucht“
2. Sie ließen sich von den Verunsicherungen
nicht stören, ja, sie fanden es gut, dass
Männer ihre Rolle so hinterfragten und anders
waren als ihre Väter. Da war es ein gutes Gefühl, als neuer Mann gefragt und geschätzt zu sein. Gemeinsam fingen Frauen und Männer an, sich als
Teil einer Befreiungsbewegung zu verstehen. Politisch und privat, denn auch das Private ist politisch.
Von den Frauen lernte mann, dass es schön
sein kann, mit Gleichgeschlechtlichen über sich
selbst zu reden und dabei zu entdecken, dass es bei
jedem Mann anders ist und man dennoch solidarisch und hilfreich füreinander da sein kann.
Viele Dinge, die auf der gesellschaftspolitischen
Ebene mühsam erstritten wurden, wurden
für uns privat schnell selbstverständlich. Die
Gleichheit zwischen Mann und Frau war nicht nur
eine politisches Forderung, sondern galt in den Ansprüchen an den Beruf und in Bezug auf das Recht, sich beruflich zu verwirklichen. Die Erziehung der Kinder konnte durch Erziehungsurlaube, gemeinsame Versorgung einer Pfarrstelle und Teilzeitarbeit so realisiert werden, dass Mutter und Vater den gleichen Zeitaufwand dabei hatten. Ja, es ist gelungen, anders zu sein als die Generation zuvor.
Dieses Leben unterscheidet sich nicht nur von meinem Vater und Großvater, sondern in vielen Teilen von meinen Brüdern und Generationsgenossen.
Wie geht es mir damit? Was ist daraus geworden?
Eine kleine Episode hat mir viel deutlich gemacht:
Neulich kommt mein erwachsener Sohn auf
mich zu und nimmt mich einfach so in den Arm.
Ich denke, was hat er denn? Was ist los mit ihm? Er ist doch schon groß. Da wurde mir klar: Er kann
etwas, was für mich in seinem Alter undenkbar
war. Unbefangen, ohne Grund, kann er seinen
Vater in den Arm nehmen. Nach einem Moment
der Irritation konnte ich es zulassen und auch genießen.
Und ich habe mich gefreut. Da ist etwas anders,
als es bei mir war. Da muss bei ihm ein ganz
anderes Gefühl zu seinem Vater sein, als ich es aus
meinem Leben in diesem Alter erinnere. Das Paket,
das ich mitbekommen habe, das trägt er nicht.
Natürlich gibt es auch bei uns Konflikte zwischen
den Kindern und Eltern. Aber ich erlebe sie
anders als bei mir früher. Nicht so existenziell aufgeladen, unbefangener, spöttischer, lockerer, ironischer.
Ich hoffe, dass meine Kinder dies als Freiheit
spüren. Natürlich merke ich auch, dass sie sich mit
der Präsenz der Eltern auseinandersetzen müssen.
Mit unserer „Allwissenheit“, mit unserem Erfolg
und unseren Ideen für sie. Ich spüre, wie es ihnen
gut tut, wenn die Eltern auch Schwäche zeigen,
wenn wir ihnen Anerkennung und Raum geben.
Erst in Zukunft werden die Lasten, die sie von uns
mitbekommen haben, deutlicher werden. Aber ich
bin froh, dass ich an der Entwicklung und Erzie-hung meiner Kinder viel mehr Anteil haben konnte
als die Generationen vorher und viele andere
Männer meiner Generation.
Dies war eine Folge der Arbeitsteilung mit meiner
Frau. Durch Teilzeitarbeit hatten wir beide
Zeit, unseren Beruf und die Kindererziehung miteinander zu verbinden. Die Kirche als Arbeitgeberin hat das so möglich gemacht, wie wir es brauchten.
Gibt es auch einen Preis, den ich als Mann
hierfür zahlen muss? Oder ist es schon merkwürdig,
auf so eine Frage zu kommen? Dies ist schwer
zu sagen. Ich habe erlebt, dass Frauen es vielleicht
etwas leichter haben, Anerkennung für Teilzeitarbeit
zu bekommen. Für Frauen ist es klar, dass sie
nach einer „Kinderphase“ wieder in den Beruf zurück wollen. Dies ist zwar häufig mit praktischen
Schwierigkeiten verbunden, aber eigentlich
normal. In der Kirche ist es jedenfalls kein Hindernis für eine „Karriere“.
Dies ist bei Männern sicher noch etwas anders.
Jahrelang als Pfarrer auf einer halben Stelle zu verbringen, gilt nicht gerade als Qualifizierung für interessante Aufgaben. So kann aus einer angestrebten Gleichheit eine Situation entstehen, die umgekehrt zu der traditionellen Rollenverteilung erscheint.
Muss mich das in meiner Männerrolle
irritieren? Ich glaube nicht, schließlich habe ich zu
dieser Entwicklung Ja gesagt.
Männerfrühstücke im Kirchenkreis Herford
Ewald S., Friedel K. und Willi B. leben in verschiedenen Kirchengemeinden im ländlich strukturierten Ostwestfalen, im zersiedelten
Raum zwischen Bielefeld und Porta Westfalica. Ewald, Friedel und Willi haben ihr Berufsleben hinter sich, als Tischlermeister, Postbeamter
und kaufmännischer Mitarbeiter bei einem Küchenmöbelhersteller.
Nur einer von ihnen ist in der Stadt geboren, in der
er heute noch lebt. Die beiden anderen sind zugezogen – aber das ist lange her.
Eine Gemeinsamkeit
Von außen betrachtet, haben die drei wenig Gemeinsamkeiten.
Ihre Freizeitbeschäftigungen reichen vom Geflügelverein über Drechselkurse bei der Volkshochschule bis zu Fahrradtouren in
die nähere Umgebung. Und doch haben sie eins gemeinsam: Alle drei organisieren regelmäßig Frühstücke für Männer in ihrer Kirchengemeinde.
Beim Rhythmus unterscheiden sie sich wieder:
einmal im Monat, alle vierzehnTage und sogar – in einer Gemeinde – jeden Montag. Die Frage nach ihrer Motivation ist gar nicht so leicht zu beantworten. Einer der drei wurde vom Gemeindepastor gefragt, ob das nicht ein gutes Angebot für Männer sei. In einer anderen Gemeinde war es die Idee von drei, vier Männern,
die gehört hatten, dass es woanders so etwas gibt. „Wir haben mit 15 Männern angefangen“, erzählt Friedel, „so vor sechs, sieben Jahren – jetzt sind wir über 50, die sich regelmäßig treffen.“
Verlässlich und verbindlich
Dabei scheint der regelmäßige Termin vormittags in der Woche wichtig zu sein.Verlässlichkeit ist nötig, jeden 2. und 4. Mittwoch im Monat – beispielsweise. Aber auch die Verbindlichkeit untereinander.
„Weiß einer von euch, was mit dem Karl los ist …“. Die Mischung aus Freiheit und Verbindlichkeit muss stimmen. Keiner muss sich anmelden, aber man weiß voneinander und übereinander:
„Na, der Karl ist doch mit seiner Frau zu den Kindern nach Süddeutschland gefahren.“ In Kleinstädten und in Dörfern bekommt immer einer mit, was der andere macht. Man besucht
sich, feiert Geburtstag oder Jubiläen miteinander, teilt bei Krankheiten seine Sorgen. Ob das wirkliche Nähe ist oder Freundschaft, das ist eine Frage der Bewertung – für Ewald, Friedel und
Willi ist es jedenfalls genug.
Beim Frühstück ist natürlich das Frühstück wichtig: selbst gemachte Marmeladen, hart und weich gekochte Eier und selbstverständlich Schinken und Mett mit Zwiebeln. Es geht deftig zu in Ostwestfalen. Kirchlichkeit? „Fünf Minuten Andacht reicht – Herr Pastor. Und einige haben es auch nicht so mit dem Singen.“ Ein spiritueller Impuls darf schon sein, aber nicht zu heftig. Schwerpunkt ist da eher das Programm: Mal kommt ein pensionierter Kriminalkommissar, der über die Arbeit des Weißen Rings berichtet.
Mal gibt es einen Vortrag über die Population von Fledermäusen in einer nahe gelegenen Burg. Hin und wieder auch ein kirchliches Thema: Calvin oder Paul Gerhardt. Und ab und zu ein Ausflug:
mal eine Betriebsbesichtigung, mal ein Ausflugslokal in der weiteren Umgebung.
Warum eigentlich?
Die Frage, warum sie das Frühstück organisieren, mag ich kaum stellen. Es ist ihnen wichtig, mal „raus“ zu kommen. „Die Themen sind immer interessant und abwechslungsreich“, kommt als Antwort. Und irgendwie ist es klar, dass sie die „Warum“-Frage nicht mögen.Vielleicht, denke ich, ist es wichtig, „einen Termin zu haben“. Jedenfalls ist es gelebte Nachbarschaft in der Mischung
von Nähe und Distanz. Ewald, Friedel und Willi würden auch die Kirche nicht in Frage stellen, solange sie ihnen die Räume gibt und einen Traditionsrahmen schafft. Als „kirchlich“ würden sie sich schon bezeichnen, wenn sie auch nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen. Jedenfalls haben sie ihren Ort gefunden, an dem sie Austausch und Gemeinschaft leben. Ihr Frühstückstreffen ist mehr als Schinken, Mettbrötchen und selbst gemachte Marmelade.
Holger Kasfeld
Pfarrer für Kirche und Gesellschaft im Kirchenkreis Herford
Männersonntag in Windecken
Die Idee entstand im Gespräch mit Pfarrer Ortmann und nur wenig später, im Sommer 1999, lud der Windecker Kirchenbote zum Vorbereitungstreffen „Projekt Männersonntag“ ein. Der erste Männersonntagsgottesdienst fand im Gemeindehaus statt, da die Kirche gerade renoviert wurde. Passend zum Thema „Männerleben
im Aufbruch – Männer leben im Aufbruch“ gab es einen Dialog über die Emmausjünger. Ein zusätzlicher Hingucker war der gut 2 Meter lange Kiesweg im Mittelgang zum Altar. Beim zweiten
Mal bekam der Gottesdienst musikalische Unterstützung vom Männerchor der Sängervereinigung. Immerhin eine zusätzliche
20-fache Männer-Power.
Dieses Grundmuster entwickelte sich über die Jahre weiter: Es gibt eine persönliche Einladung an Männer der Kirchengemeinde für mehrere Abende, an denen das Thema des Männersonntags
erarbeitet wird.Wichtig ist der Vorbereitungsgruppe, eine themenbezogene
Darstellung zu finden. So gab es zum Beispiel ein
Netzwerk von Fäden übers Altarkreuz, Spielfeldmarkierung im Kirchenschiff und verschiedene szenische Anspiele.
Als Pfarrer Ortmann die Pfarrstelle wechselte, blieb die Tradition erhalten. Dies war möglich,weil sich mit Rolf Kuhl ein Verantwortlicher
fand, der die Männer zusammenruft und auch zusammenhält.
Nach einer interessanten Namensfindungsaktion im
Januar 2009 feierte die Gruppe in fröhlicher 10-jährigen Runde den neuen Namen: Team M.
Team M tritt außer am Männersonntag in der Gemeinde in Aktion,wenn Männerpower gebraucht wird. So z. B. beim Bau einer 9 Meter langen Brücke zum Gemeindefest oder bei Rodungsarbeiten auf Kirchengrundstücken.

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Stefan Weiß
Pfarrer der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck, seit 2008 Bildungsreferent der Ökumenischen Werkstatt Main-Kinzig, Langenselbold, seit 1981 verheiratet mit Claudia Brinkmann-Weiß, Dekanin des Kirchenkreises Hanau-
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