Jochem Westhof
Von welchem Gott erzählen wir den Jungen?

Vor nicht allzu langer Zeit hätte man gesagt: Wir erzählen von dem Gott, der alles sieht, der die artigen Kinder beschützt und die bösen bestraft. Hab acht, dass du zu den Guten gehörst! Aber so wird heute nicht mehr geredet. Wenn überhaupt noch von Gott gesprochen wird, dann so: Wir erzählen von Gott, der uns geschaffen hat, der uns immer wieder liebevoll annimmt, so wie wir sind. Gott kennt alle unsere Wege und begleitet uns, wo wir auch sind.
Themenreihen mit dieser Aussage sind zahlreich
in unseren Kindergottesdiensten. Wer will bestreiten, dass sie gut und wichtig sind für unsere
Kinder? Doch was ist mit anderen Geschichten von
Gott, mit den unbequemen, rätselhaften, gewalttätigen? Lassen wir sie einfach aus?

Gottesbilder für Jungen

Brauchen Jungen andere Gottesbilder als Mädchen? Hängt vielleicht gar die Ablehnung des Religiösen, die bei Männern ausgeprägter ist als bei
Frauen, damit zusammen, dass immer nur vom lieben Gott erzählt wird, vom allverstehenden Jesus,
sanft und behütend? Brauchen Jungen die „harten“
Geschichten, David als Kriegsherr, Josua erobert
das Land, Zoff bei Jakob und Esau? Oft wird
vermutet, dass diese gewalttätigen Geschichten bei
den Jungen auf Zustimmung stoßen. Doch das
glaube ich nicht: Brutale Gewalt ist abschreckend,
auch und besonders, wenn sie im Namen Gottes daherkommt. So dumm sind die Jungen nicht, dass
sie einfach nur Gewaltgeschichten wollen.
Etwas anderes ist es, wenn die Gewalt einen
Rahmen bekommt, eine Ordnung, ein Gesetz, das
ihr die Spitze nimmt. „Kain und Abel“ ist eine solche Geschichte, bei der die Gewalt nicht ausgeblendet ist, aber von Gott verflucht wird. Und gleichzeitig verhindert Gott mit einem Kainszeichen, dass die Gewalt sich ungebremst fortsetzen kann. Oder die schöne Geschichte von David, der Saul verschont in der Höhle (1. Samuel 24). Hier kommen die Versöhnung und der Friede kraftvoll und aus einer Position der Stärke. Wunderbar.
Auch „Gerechtigkeitsgeschichten“ sind für Jungen
wunderbar. Wenn der Prophet Amos die Hartherzigkeit der Reichen geißelt und ihre Betrügereien und Gesetzesbrüche anprangert („Wehe euch, die ihr die Armen bedrückt …“, Amos 8,4–8) und dazu auch noch drastische Worte benutzt („Ihr Kühe von Samaria …“, Amos 4,1–3), dann schlagen Jungenherzen schneller. Denn das Spannende in diesen Geschichten ist, dass das Leben vorkommt mit allen Kanten und Ecken, mit den dunklen Seiten, schmerzhaften Erfahrungen und Ungerechtigkeiten.
Wie langweilig dagegen die Heile-Welt Erzählungen
so vieler Kinderbücher.

Von welchem Gott erzählen wir?

Können wir uns denn aussuchen, welches Gottesbild wir gerne vermitteln möchten? Nehmen wir einfach, was uns gefällt? Der Gott, der bequem für uns ist und uns nicht in Frage stellt? Der bei den
Kindern gut ankommt, damit sie auch wiederkommen? Andere Texte lassen wir einfach weg? Mache ich mich selbst zum entscheidenden Maßstab des Redens über Gott?
Tatsächlich ist das eine gängige Praxis in den
Kirchengemeinden – nicht nur gegenüber Kindern:
was ich nicht verstehe, was mir unbegreiflich ist,
was nicht gefällt, wird ausgelassen. Biblisches
Reden von Gott wird belanglos und entspricht dem
Zeitgeist. Doch wie soll ich erzählen von einem
Gott, der von Abraham fordert, sein Kind umzubringen, und das auch noch als Glaubenszeugnis glorifizieren?

Die Vielfalt der Bilder

Viele Gottesbilder mutet uns die Bibel zu: Gott als
der Kriegsherr, der ganze Volksstämme ausrottet
(1. Samuel 15); Gott, der Menschen zur Sünde verführt (2. Mose 11,10); Gott, der seine ganze Schöpfung vernichten will (1. Mose 6,7). Und alltäglich in unserem Leben: Gott, der schweigt zum Unrecht in unserer Welt, der nicht alle beschützt, die diesen Schutz brauchen und erbitten. Oder auch: Das Bild von Gott als dem König und Herrscher über die Welt, gewaltig und allmächtig.
Wie gehen wir mit den unterschiedlichen Beschreibungen von Gott um? Verbiegen und harmonisieren wir so lange, bis es doch passt? Lassen wir einfach das Bild vom Richter weg, ignorieren wir Unbequemes? Oder halten wir die Spannung der Gegensätze aus?
Doch diese Vorstellungen und Bilder von Gott
sind da, und auch Kinder können ihnen auf Dauer
nicht ausweichen. Und viele sind für Jungen weniger
erschreckend als für Mädchen. Es erscheint mir
wichtig und sinnvoll, dass wir uns im Reden von
Gott auch auf schwierige Texte einlassen. Die verschiedenen Gottesbilder sollen ihren Platz haben, damit wir sie handhaben können, damit Kinder ihre Fragen und Kommentare daran loswerden, damit es einen Ort gibt, angemessen darüber zu reden, zu beten, zu theologisieren.

Kennen, um zu widersprechen

Wir müssen nicht alles selber verstehen und schon
gar nicht gut und richtig finden, was an Vorstellungen von Gott genannt wird. Wir müssen manchen Vorstellungen widersprechen, aber wir können es nur, wenn wir davon erzählt haben. Ich selber kann das alte Bild von Gott als Kriegsherr, der mit in die Schlacht zieht, nicht mehr nachvollziehen, aber ich will davon erzählen, damit es nicht ein tabuisiertes Schweigen darüber gibt. Und ich will erzählen davon, dass es viele Bilder gibt, die rätselhaft sind und die ich nicht auflösen werde, weil auch das Wesen Gottes für uns rätselhaft ist. Und in manchem fremden Bild können wir neue Wahrheiten entdecken. Kinder werden wieder ganz andere Einsichten dazu äußern können.
Gerade bei schwierigen Geschichten „erfinde“
ich gerne eine Person, die auch kritische Fragen
stellt. Eines von Noahs Kindern, die mit auf der
Arche sind, kann seinen Vater fragen, warum Gott
diese grausame Flut schickt. Was antwortet Noah?
Bleibt Gott rätselhaft? Am Ende von Wundergeschichten lasse ich das „Volk“ zu Wort kommen, die Skeptiker und Zweifler („Ich konnte gar nichts sehen!“ – „So etwas gibt es doch nicht!“) wie auch die Bewunderer („Halleluja!“). Die Vielfalt der möglichen Reaktionen, die unterschiedlichen Einschätzungen der Geschichte, die verschiedenen Gottesbilder sollen ihren Platz haben in meiner Erzählung.

Der Reichtum der Vielfalt

Von welchem Gott erzählen wir den Jungen? Wir
erzählen den gleichen Gott wie bei den Mädchen.
Denn wir alle brauchen die Fülle der Gottesbilder.
Wir brauchen den liebevollen und zärtlichen Gott,
der uns in den Arm nimmt, unbedingt. Wir brauchen den kraftvollen und allmächtigen, vielleicht
brauchen die Jungen ihn besonders. Wir brauchen
den fordernden Gott, der uns Aufgaben stellt. Und
wir brauchen Geschichten von Gott, die rätselhaft
bleiben, damit wir etwas zu „kauen“ haben. Wir
können die Fülle der Bilder als Reichtum verstehen.
Wenn es nur den einen Gott gibt, wird er schnell langweilig, und er kann in unserem vielfältigen
Leben nicht ankommen.

Jochem Westhof

Referent für Kindergottesdienst im Gottesdienstinstitut der Nordelbischen Kirche