Tobias Jakobs
Wir werden immer weniger
Von Wüsten und Oasen und warum das Leben in Ostdeutschland so anstrengend ist

Seit 14 Jahren sind die Städte und Dörfer Ostdeutschlands von Deindustrialisierung, Arbeitslosigkeit und einem beispiellosen Bevölkerungsrückgang betroffen. Wurden anfänglich ganze Industriestandorte eingeebnet, folgen nun straßenzugweise die Wohnstandorte - statt blühender Landschaften Schotterwüsten. Was sind die Ursachen dieser Entwicklung und wie wird sie weitergehen, was bedeutet es für die betroffenen Bewohner, wie gehen damit Politik, Stadtplanung und Kirche um? Ein kurzer Überblick zu Fakten, Prognosen und Einschätzungen.

Von den demographischen Stürmen
Zum Beispiel Sachsen-Anhalt. Wohnten in diesem neuen Bundesland 1990 noch 2,87 Mill. Einwohner, so waren es Ende 2002 noch 2,55 Mill. - ein Rückgang um 11 %. Das Statistische Landesamt prognostiziert bis zum Jahr 2015 einen weiteren Rückgang um 16 % auf 2,14 Mill. Hinter diesen Zahlen verbergen sich regional recht unterschiedliche Entwicklungen: In dem zwischen Magdeburg und Helmstedt gelegenen Ohrekreis wird die Bevölkerung in dem Zeitraum von 1994 bis 2015 voraussichtlich fast konstant bleiben, in der kreisfreien Stadt Dessau hingegen im gleichen Zeitraum um ca. 43 % abnehmen! Welches sind die Ursachen und Prozesse, die zu diesem rasanten und drastischen Schrumpfen führen, das in dieser Region nur im 30-jährigen Krieg ein größeres Ausmaß erreicht hatte?

Rückgang der Geburtenzahlen
Schon Ende der 80er-Jahre gingen in der DDR die Geburtenraten zurück, nach der Wende stürzten sie in bisher nicht gekanntem Ausmaß ab, so dass 1994 nur rund ein Drittel der Geburtenzahl von 1980 erreicht wurde. Das sich Einfinden in das neue System, der Wandel des Umfeldes und die Angst um die Zukunft sowie der Umgang mit neuen Werten und Prioritäten führten dazu, dass die Frauen erst zu einem späteren Zeitpunkt als zu DDR-Zeiten üblich oder gleich gar keine Kinder mehr bekamen. Auch wenn seit 1995 die Geburtenraten wieder leicht steigen, bleiben sie noch auf Dauer weit unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. Dies führt dazu, dass trotz leicht sinkender Sterberaten mehr Menschen sterben als geboren werden. Diese Entwicklung wird sich ab ca. 2015 erheblich verschärfen, denn dann müsste wegen der geringen Nach-Wende-Jahrgänge jede Frau mindestens drei Kinder bekommen, um die Zahl der Sterbefälle auszugleichen.

Abwanderung in den Westen
Seit 1990 verließen knapp ein Viertel aller Sachsen-Anhalter ihr Bundesland. Die erste große Welle erfolgte mit dem Fall der Mauer bis etwa 1992/93. Ganze Familien sind in das "gelobte Land" gezogen, um hier ihr neues Glück zu versuchen oder auch nur zu ihren Verwandten zu ziehen. Seit 1997 stieg die Zahl der Abwanderungen wieder an und bleibt derzeit mit ca. 58000 Fortzügen pro Jahr in etwa konstant. Jetzt handelt es sich aber um eine selektive Wanderung, nämlich im Wesentlichen um junge Menschen, von denen der größere Teil Frauen sind, weil es für die Jungen zu wenig Arbeitsplätze gibt, erst recht für Frauen. Aber auch weil im Westen für weniger Arbeit deutlich mehr Lohn gezahlt wird. Dies führt vor allem in ländlichen Regionen dazu, dass bis zu 80 % eines Schulabschluss-Jahrgangs das Dorf verlassen und von denjenigen, die nicht studieren, der größte Teil in den Westen zieht. Zurück bleiben deutlich mehr Männer als Frauen, was das oben beschriebene Geburtenproblem weiter verstärken wird.

Allerdings ist schon jetzt klar, dass mit dem Vorrücken der Nach-Wende-Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt die Abwanderung stark zurückgehen wird, da dann ausreichend Ausbildungs- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen und Fachkräfte sogar knapp werden. Auch wenn sich das Bild von einer Karawane aufdrängt, die in den Westen zieht, so trifft es nicht richtig zu, denn sie ziehen nicht gemeinsam fort, sondern einzeln, jeder für sich verlässt seine - vielleicht gar nicht mehr vorhandene - Gemeinschaft und kommt alleine irgendwo an. Angemerkt sei, dass diese Abwanderung zu zwei Drittel durch Zuwanderung wieder ausgeglichen wird. Vor allem fehlt im bundesdeutschen Vergleich der Zuzug von Ausländern, die besonders dorthin ziehen, wo es Arbeit gibt oder bereits Bekannte von ihnen wohnen - beides kommt im Osten nur bedingt vor. Entsprechend beträgt der Ausländer-Anteil in den ostdeutschen Städten in der Regel zwischen 2 und 4 %.

Stadt-Umland-Wanderung
Durch die seit 1990 rasch erfolgte Deregulierung der Immobilienmärkte konnten viele Menschen ihre Wünsche nach einem eigenen Haus, nach eigenem Garten und den Wunsch, nicht mehr auf andere Bewohner Rücksicht nehmen zu müssen, verwirklichen und bauten sich ein Häuschen. Zumeist im Umland der Städte, denn hier war rasch preiswertes Bauland verfügbar. Eine erhebliche Stadt-Umland-Wanderung war die Folge. So verlor die Großstadt Halle (Saale) seit 1988 mit über 90000 Einwohnern fast eine ganze Großstadt, hiervon sind allein knapp die Hälfte in den die Stadt umgebenden Saalkreis gezogen. Dieser Prozess verdeutlicht auch, dass die Plattenbauwohnung (meistens in der Großwohnsiedlung), die bis Ende der 80er-Jahre ideologisch überhöht als erstrebenswertes Wohngut galt, ihren hohen Stellenwert nun verloren hat. Entsprechend ist jetzt die Abwanderung in diesen Siedlungen - neben den aus unsanierten Altbauten - besonders groß.

Wie die beschriebenen demographischen Bewegungen zeigen, sind die Ostdeutschen ein hochmobiles Volk, herausgerissen aus ihren alten und auf der Suche nach neuen Arbeits- und Wohnbezügen. Damit verbunden ist ein ständiger Wechsel bzw. das Zerbrechen von Gemeinschaften, dem ein Grundgedanke fast immer gewiss ist: Wir werden immer weniger.

Von den Wüsten
Der Rückgang an Arbeitsplätzen und Bevölkerung bleibt natürlich nicht ohne Folgen insbesondere für den konkreten Lebensraum in den Städten und Dörfern. Denn wo die Menschen nicht mehr da sind, werden die Dinge auch nicht mehr gebraucht - keine Fabriken, keine Wohnungen, keine Schulen …

Zuerst die Arbeitsstätten …
Im mitteldeutschen Braunkohlenrevier z. B. waren zu DDR-Zeiten noch 35 Brikettfabriken in Betrieb. Im Dezember 2002 hat auch die letzte von ihnen geschlossen. Bei den meisten handelt es sich um architektonisch interessante bis herausragende Gebäude, jeder Architekt entwickelt, wenn er ihrer ansichtig wird, die schönsten Umnutzungspläne. So entstand aus der einen Brikettfabrik ein Museum, aus der anderen ein Technologiezentrum, eine Großraum-Disco - doch die anderen 30 werden für nichts mehr gebraucht, denn es gibt ja auch noch leerstehende Maschinenfabriken, Textilfabriken, Schokoladenfabriken …

Die persönliche Dramatik liegt darin, dass für den gelernten DDR-Bürger der Arbeitsplatz das Zentrum des sozialen Netzes war. Mit dem Wegfall oder der Veränderung des Arbeitsplatzes (nur rund ein Fünftel arbeitet noch an seinem alten Arbeitsplatz) zerbricht das soziale Netz. Und mit dem Abriss der Fabrik verschwindet auch die sichtbare Geschichte und Erinnerung. Um das Bild noch etwas vollständiger zu zeichnen, seien noch weitere Leerstände erwähnt: Millionen Quadratmeter leerstehender Büro- und Einzelhandelsflächen, wegen Schülermangel wird jede dritte Schule geschlossen, Besuchermangel lassen Schwimmbäder, Theater, Kneipen endgültig unwirtschaftlich werden und werden geschlossen - und gegebenenfalls abgerissen.

… und dann die Wohnungen
Gab es am Ende der DDR noch einen Wohnungsmangel, so stehen derzeit in Ostdeutschland schätzungsweise rund 1,1 Mill. Wohnungen leer. Auf eine Stadt konzentriert wäre dies, als ob ganz Hamburg leer stehen würde. Die Leerstandsquoten in den Städten reichen von 5 % bis 40 %, vor allem die DDR-Entwicklungsstädte (Schwedt, Frankfurt, Suhl, Hoyerswerda usw.), in denen im Zuge von Kombinatsentwicklungen erheblicher Wohnungsbau betrieben wurde, sind vom Zusammenbruch besonders stark betroffen, aber auch die Städte im Süden Ostdeutschlands mit einem sehr hohen Altbau- Anteil (Halle, Leipzig, Görlitz usw.). In dem Augenblick, wo es mehr Wohnungen als Mieterhaushalte gibt, können die Menschen sich die Wohnung auswählen - der sogenannte Mietermarkt entsteht.

Entsprechend werden Wohnungen, die ungünstige Merkmale aufweisen, wie schlechte Wohnlage, zu laut, unsaniert, schlechte Ausstattung, ungünstiger Grundriss, zu teuer, zu groß etc., zunehmend vom Leerstand bedroht. Ein Teil dieser Wohnungen ließe sich zwar durch erhebliche Investitionen wieder vermieten, allerdings reicht zum einen in der Regel der Mietertrag nicht zur Refinanzierung aus - Verluste sind die Folge. Zum anderen würden wegen der fehlenden Gesamtnachfrage dann eben andere Wohnungen leer stehen. Das Kernproblem ist dabei, dass auch leere Wohnungen Kosten verursachen und derzeit deswegen ein Großteil der ostdeutschen Wohnungsunternehmen dauerhaft rote Zahlen schreibt. Der zentrale Ausweg hieraus ist der Abriss der Wohnungen. Aber auch der Abriss kostet Geld, weswegen die Bundesregierung das Programm "Stadtumbau Ost" initiiert hat, mit dem u. a. der Abriss finanziert werden soll, um so die wirtschaftliche Existenz der Wohnungsunternehmen und -genossenschaften zu sichern. Ziel ist es, in den nächsten Jahren allein durch Abriss rund 350000 Wohnungen vom Markt zu nehmen - die Wüste wächst.

Leben mit der Leere
Es ist für die Bewohner einer vom Leerstand betroffenen Plattenbausiedlung schon sehr befremdlich: Vor gar nicht langer Zeit war man froh, so eine schöne Neubauwohnung zugewiesen bekommen zu haben, und nun zieht einer nach dem anderen aus dem Block aus. Die Hausgemeinschaft, mit der man noch mit der "Goldenen Hausnummer" ausgezeichnet wurde, gibt es schon lange nicht mehr; wer jetzt noch neu einzieht, gilt oft als sozial schwierig. Die Wohnung wird im Winter nicht mehr richtig warm, weil über mir und unter mir keiner mehr wohnt, der Abwasserkanal fängt im Sommer an zu stinken, weil nicht mehr genug Abwässer hindurchfließen und alles hängen bleibt. Und stets die Frage: Wer zieht als nächster aus? Und warum bin eigentlich noch hier? Dann beginnt die Leerstandskonzentration. Wenn in allen Gebäuden Leerstände auftreten, ist das weder wirtschaftlich noch für die Bewohner angenehm oder attraktiv. Deswegen wird unter wohnungswirtschaftlichen und städtebaulichen Gesichtspunkten abgewogen, welche Gebäude auf Dauer stehen bleiben (können) und welche nicht. Entsprechend diesen Entscheidungen werden die abzureißenden Wohnblöcke rasch und systematisch entmietet, indem den verbliebenen Bewohnern anderer Wohnraum angeboten wird, manchmal nur einen Block weiter, manchmal auch in einem andern Stadtteil. Hunderttausende müssen ihre Nachbarschaften und das bekannte Umfeld aufgeben. Es wird aber nicht nur als Schicksal empfunden, sondern zahlreiche Mieter werden von sich aus aktiv, wollen umziehen, obwohl der Wohnblock vielleicht erst in fünf Jahren abgerissen werden soll.

Auch in den Altbauquartieren ist die Situation ganz ähnlich. Vor allem für Gebäude an den gründerzeitlich bebauten Einfallstraßen finden sich kaum noch Investoren oder Mieter, so dass zentrale oder markante Altstadtquartiere leer stehen und auch hier Abrisse erfolgen, aber an dieser Stelle nichts Neues mehr entsteht. Was bleibt, sind Lücken - die fragmentierte oder perforierte Stadt in der Sprache der Planer -, während das Bild einer ganzen, urbanen Stadt sich nicht mehr realisieren lässt.

Die Beseitigung der Leerstände wird als Stadtumbau bezeichnet und mit gesamtstädtischen Konzepten zu steuern versucht. Es geht hierbei vor allem um das Schrumpfen und um das zentrale Problem, sich entscheiden zu müssen, also die Frage, was hat dauerhaft Bestand, was lässt sich finanzieren und von welchen Standorten muss man sich verabschieden, damit insgesamt trotzdem ein attraktives und lebenswertes Umfeld entsteht. Dieser Stadtumbauprozess ist von zwiespältigen Gefühlen begleitet, denn zum einen dominiert anfänglich der Verlust. Zum anderen kann die Konzentration auf Schwerpunkte zu neuer Hoffnung führen, denn eine Baulücke ist schließlich attraktiver als ein leerstehendes, verfallendes Haus, das neue Wohnumfeld kann attraktiver werden als das alte usw. Diese Gleichzeitigkeit von Wüsten und Oasen - ohne dass insgesamt blühende Landschaften entstehen -, erzeugt im Alltag eine nur schwer auszuhaltende Spannung, ein ständiges Auf und Ab zwischen Pessimismus und Optimismus, Mutlosigkeit und Hoffnung, die das Leben so anstrengend macht.

Und die Kirche?
Die Kirche ist von den beschriebenen Prozessen in gleicher Weise betroffen. Gegenüber dem Bevölkerungsrückgang geht die Zahl der Gemeindeglieder beispielweise in der Kirchenprovinz Sachsen aufgrund der überalterten Struktur sogar überproportional zurück, auf aktuell 533000. Dies entspricht einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von nur 17%! Dies zeitigt natürlich immense Folgen für die Gemeindearbeit und für die finanzielle Situation, die zu erheblichen strukturellen Veränderungen der Landeskirchen führen wird, die über Einsparungen und Fusionen deutlich hinausgehen müssen.

Entsprechend werden auch nicht mehr alle Kirchengebäude benötigt, weswegen die Landeskirche ganz selbstverständlich Anweisungen zu Umnutzung und Verkauf von Kirchengebäuden herausgibt. So hat sich beispielsweise die in der Vergangenheit aus mehreren Dörfern zusammengewachsene sächsische Gemeinde Elstertrebnitz dazu entschlossen, von ihren drei Kirchen nur noch eine selber zu nutzen und zu sanieren und eine andere an einen Architekten zu verkaufen. Neben diesen eigenen Problemen könnte die Kirche sich auch um die Probleme der vom Stadtumbau betroffenen Bewohner, ihre Lebensumstände und Zwangsumzüge kümmern, den Menschen Halt, Trost, Hoffnung oder gar Gemeinschaft geben und sie aus der Wüste herausführen - was bisher leider nicht geschieht.

Tobias Jacobs, Leiter Büro Südost der Analyse & Konzepte GmbH, eines Forschungs- und Beratungsunternehmens für die Wohnungswirtschaft und -politik

(c) Pressefoto Winfried Mausolf