Elisabeth Moltmann-Wendel und Klara Butting

Ein Streitgespräch über die Bibel in gerechter Sprache

Elisabeth: Ich habe die Bibel in gerechter Sprache mit großem Interesse gelesen und viel Interessantes gefunden, aber das ist nicht mein Thema. Mein Thema ist, wie die Jesusgeschichte hier interpretiert wird. Da habe ich viele kritische Fragen. Die Gottessohnschaft findet nicht mehr statt in dieser Bibel. Jesus ist ein jüdischer Märtyrer, ein Rabbi, ein Lehrer, ein Mensch wie alle anderen Menschen. Er wird in der Taufe von Gott empfangen. Alles wird so zu einer Familienidylle. Jesus wird zu etwas anderem, als was wir uns traditionell unter Jesus Christus vorstellen.

Klara: Ich finde die Bibel in gerechter Sprache ein sehr spannendes Projekt. Zwei Anliegen meines Theologietreibens kommen hier zusammen. Das feministische Engagement und der Versuch, den christlichen Glauben von der Hebräischen Bibel her neu zu buchstabieren, wie ich es von Kornelis Heiko Miskotte gelernt habe: Als Christen wissen wir, wer Christus ist, aber was Christus ist, das müssen wir immer wieder neu in der Auseinandersetzung mit der Hebräischen Bibel lernen. Jesu Gottessohnschaft verstehe ich vom ersten Buch Moses her. Dort wird Israels besondere Berufung inmitten der Völker dargestellt. Israel ist der erstgeborene Sohn inmitten der Völkerfamilie, Gottes erstgeborener Sohn. Israels besondere Berufung wird dargestellt, ohne sie biologisch bzw. rassisch zu entwerfen. Mit Hilfe derselben Struktur wird dann auch Jesu besondere Berufung dargestellt. Ich finde die Wiedergabe "Kind Gottes" einen guten Versuch, um zu betonen, dass es um eine besondere Erwählung inmitten von Gleichen, von Geschwistern geht.

Elisabeth: Jesus gehört in das Alte Testament hinein, so hab ich es auch gelernt und nie ein Problem damit gehabt. Und doch bleiben Differenzen zwischen dem, was Jesus oder Christus gelehrt hat, und dem alten Testament. Jesus ist ein eigener Mensch gewesen. Er ist ein Jude mit eigenen Vorstellungen. Er ist aus seiner Tradition raus gesprungen. Wir können nicht nur Strukturen beschreiben, sondern müssen auch die Persönlichkeit dieses Menschen sehen. Sonst wäre es durch ihn auch nicht zu einem solchen radikalen Umsturz im Denken gekommen. Solche Aussagen von mir antijudaistisch zu nennen, dagegen wehre ich mich. Ich meine, wir sollten theologisch nicht so ängstlich sein, sondern sollten gucken, dass wir das Eigentliche, das Proprium des Christentums erzählen. Manche sagen, in den Gemeinden wird immer noch antijudaistisch gedacht. Doch deswegen müssen wir nicht an einer Theologie basteln, die alle Möglichkeiten oder alle Gefährlichkeiten ausgrenzt.

Klara: Du hast mir einmal selbst gesagt, dass in meinem Text in der Jungen Kirche über die blutflüssige Frau Antijudaismen enthalten sind. Der Vorwurf des Antijudaismus ist erstmal verletzend und schwierig, gleichzeitig werden wichtige Reflexionsprozesse in Gang gesetzt. Forschung ist in Gang gesetzt worden: Steht in dem Text, dass die Frau wegen ihrer Blutung ausgegrenzt wird? Waren die jüdischen Regelungen, die Frauenblut betreffen, für Frauen diskriminierend? Zugleich dürfen wir uns natürlich durch die Behauptung, dass die Un/reinheitsbestimmungen geschlechterindifferent seien, nicht ein Denkverbot auferlegen und einen Maulkorb verpassen. Bei so schwierigen Fragen ist es wichtig, miteinander zu ringen und im Gespräch zu sein. Deswegen auch meine Anfrage an deine Kritik an der neuen Übersetzung. Ich empfinde eine so totale Ablehnung, dass das Gespräch droht abzureißen.

Elisabeth: Ich bin voller Ärger, Eifer und Zorn, denn die Bibel-Übersetzung verletzt zentrale Anliegen meiner Jesus-Frömmigkeit. En christo oder en kyrio heißt jetzt nicht mehr "in Christus" oder "im Herrn", sondern "die Jesus gehören" oder "die Christus gehören". "Christus gehören" ist ein sozialer Begriff, "in Christus" ist ein mystischer Begriff. Damit geht für mich ein zentraler Punkt des Protestantismus, der auch gerade für die Frauenfrage wichtig war, verloren. Denn wenn man jemandem gehört, gehorcht man demjenigen auch. Es ist ganz etwas anderes, als "in Christus" zu sein. Dieses Sein in Christus ist für die ganze Frauentradition, soweit ich sie übersehe, zentral gewesen. Sie hat Frauen Geborgenheit und Widerstandsfähigkeit gegeben. Sie ist weg, und eine neue Moral, eine neue Religion ist entstanden.

Klara: Auch in der neuen Übersetzung springt einen das Mysterium, dass in Jesus eine neue Welt anfängt, doch auf jeder Seite an.

Elisabeth: Das sehe ich anders. Zum Beispiel wird die Herrschaft des Menschensohns über den Sabbat auf den Menschen übertragen. Jetzt heißt es statt "der Sohn des Menschen ist Herr auch des Sabbats", "die Menschen sind wichtiger als der Sabbat". Zwanzig Jahre lang haben wir uns bemüht, den Menschen Jesus wieder zu entdecken. Er wird müde und schläft irgendwo, hat keine Lust und ärgert sich. Das ist faszinierend. Aber wenn die Gottessohnschaft dabei nicht aufrechterhalten wird, geht die Faszination verloren. Die Vermenschlichung Jesu ist eine nette Sache, aber mir ist das zu wenig.

Klara: Ich verstehe den Begriff Menschensohn vom Buch Daniel her. Daniel sieht, in einer Situation, in der Großreiche wie Bestien auf der Erde herrschen, dass sich Gott mit seiner ganzen Macht und Göttlichkeit für Humanität einsetzt: Gott übergibt einem Kind der Menschen, einem, der Mensch ist, die Regierungsgewalt. Menschensohn ist plötzlich nicht ein obskurer Titel, sondern verweist darauf, dass der Himmel sich für die Menschwerdung des Menschen engagiert. Insofern ist es meines Erach- tens nicht falsch, statt "Menschsohn" "Mensch/ Menschen" zu übersetzen. Und Gott ist damit überhaupt nicht raus aus der Geschichte! Ich finde es einen wichtigen und schwierigen Prozess, wie formuliere ich das Besondere der Berufung Jesu, ohne in alte Muster der Abgrenzung zu verfallen. Dieses Gespräch, an dem uns beiden liegt, müssen wir gemeinsam führen. Es kann doch nicht sein, dass aufgrund einer neuen Übersetzung, die wichtige Themen emanzipatorischer Theologie bündelt, dieses Gespräch abbricht.

Elisabeth: Die neue Bibelübersetzung wird so inszeniert, dass Diskussionen und kritische Fragen nur am Rande Platz haben. Diese Bibel wird zelebriert und nicht diskutiert. Es gibt Veranstaltungen und dann wird hinterher Gottesdienst gefeiert oder eine Lesung mit Musik wird durchgeführt. Ich finde es sehr irritierend, dass eine neue Reformation inszeniert wird. Dadurch geht eine mühselig ausgelotete, aber immerhin vorhandene Balance zwischen verschiedensten Ansätzen in der femi nistischen Theologie verloren, zwischen der Göttinnenbewegung, den postchristlichen, den jüdisch- christlich orientierten Frauen und der christlich-feministischen Theologie. Es ginge darum, die Balance auszuhalten, die Verschiedenheiten auszuhalten und nicht im Grunde zu denken, wir haben die einzig richtige Linie.

Klara: Ich kann deiner Wahrnehmung nicht zustimmen. Ich lebe in Gesprächszusammenhängen, in denen darum gerungen wird, den christlichen Glauben von der Hebräischen Bibel her zu verstehen, und gleichzeitig versucht wird, das Mysterium, dass die neue Welt in Jesus anbricht, in Worte zu fassen. Ich würde mir wünschen, dass wir die Übersetzungsfragen, die die Bibel in gerechter Sprache anstößt, als hilfreiche Bausteine auf diesem Weg des Suchens begreifen. Bevor wir schließen möchte ich dich noch bitten, etwas zum Thema "Entmündigung" zu sagen.

Elisabeth: Diese neue Bibelübersetzung entmündigt Frauen. Das klingt hart, denn sie sollte Frauen mündig machen. Doch Frauen sind darin geschichtslose Wesen. Überall sollen sie schon mitgemeint sein und deshalb werden sie nun in der Übersetzung miterwähnt. Jede Frau weiß aber, dass das nicht so gewesen ist. Man springt aus der Geschichte heraus. Es ist nicht mehr nötig, dass Frauen sich frei gegenüber dem Text verhalten, dass der heilige Geist eingibt, ob ich mich über den Text erhebe, ob ich ihn verurteile oder ob ich ihn weglasse. Eine neue Autorität ist entstanden.

Klara: Eine Übersetzung ist nicht der Urtext und insofern immer eine Entmündigung. Das gilt für jede Übersetzung. Durch Übersetzungsvielfalt wird diese Entmündigung allerdings ein Stück aufgehoben. Und das geschieht! Es wird auf Grund der Bibel in gerechter Sprache in Gemeinden über Übersetzung geredet. Es wird deutlich, dass Luther nicht der Urtext ist. Ich nehme also nicht wahr, dass die neue Übersetzung entmündigt. Im Gegenteil. Wenn ich den politischen Kontext betrachte, in dem sich diese Bibelübersetzung im Moment bewegt - und dazu gehört zum Beispiel auch das Perspektivpapier der EKD "Kirche der Freiheit", in dem die Bibel so gut wie nicht vorkommt -, dann gehen von der Bibel in gerechter Sprache wichtige Impulse aus. Sie rückt die Bibel ins Zentrum der kirchlichen Diskussionen, und das fördert Mündigkeit der Gemeinden.