Robert Brandau
Das theologische Problem der Judenmission

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat das Thema Mission erst angesichts der dramatischen Mitgliederentwicklung und der so genannten "Säkularisierungskrise" wiederentdeckt. Volkskirchen sind tendenziell wenig "missionarisch".

Das hat zum einen mit einer theologischen Fehleinschätzung zu tun. Man war und ist noch weithin, bis in die Theologen/innenschaft hinein der Meinung, die christliche Religion werde, wie die jüdische, durch die Geburt weitergegeben. Die Praxis der Säuglingstaufe befördert dieses Verständnis. Die biblische Erkenntnis, dass das Christ/in-Sein nicht qua Geburt vererbt, sondern erworben werden will, wird innerhalb der Volkskirchen fast ausschließlich von den pietistisch geprägten freien Werken wach gehalten. Mit schwerwiegenden Folgen für Form und Inhalt der "Mission".

Ein zweites kommt hinzu: Auch wenn es ein geläufiges Missverständnis und Vorurteil ist, Mission sei ausschließlich die mehr oder weniger gewaltsame Überredung eines zum "Missionsobjekt" degradierten Mitmenschen, so ist eine unheilvolle Verquickung von Mission und Gewalt (Taufe oder Tod), Mission in Form von Zwangspredigten und die Verquickung von Mission und Kolonialismus durchaus festzustellen. Es hat also auch mit der Geschichte der christlichen Mission zu tun, wenn dieser eine gehörige Portion Misstrauen entgegengebracht und aktuell der "interreligiöse Dialog" als Alternative zur "Mission" auf der Tagesordnung der Welt und der Kirche steht. Mission ist "out", Dialog ist "in".

Darüber ist in Vergessenheit geraten, dass die urchristliche Mission, die sich auf den Sendungsauftrag des auferstandenen Christus bezieht (Johannes 20,21; Matthäus 28,18-20; Apostelgeschichte 1,6 ff.), an der Friedensbotschaft Jesu orientiert und somit ein gewaltfreier Dialog war (ein schönes Beispiel dafür ist der Auftritt des Paulus auf dem Areopag in Athen, Apostelgeschichte 17,16 ff.).

Zu einer dialogischen Mission

Die ökumenische Missions- und Dialogtheologie knüpft an diese biblische Tradition insofern an, als sie betont: Die Kirche ist missionarische Kirche, oder sie ist nicht Kirche. Und sie ist nur so missionarische Kirche, dass kein Mensch, weder Jude noch Nichtjude, durch Christinnen und Christen zum "Objekt" irgendeiner Form von "Mission" gemacht werden darf. Die allen Menschen von Gott verliehene Würde, Integrität oder Selbstbestimmung darf nicht angetastet oder verletzt werden. Christliche Mission ist entweder dialogisch oder eben keine christliche Mission. Dies bedeutet einerseits eine Abgrenzung gegenüber manchen evangelikalen "Missionsformen", die eher an das Wirken von Sekten erinnern, und andererseits die Erkenntnis, dass die von vielen vertretene Alternative "Dialog" oder "Mission" ein künstlicher Gegensatz ist.

Wenn das stimmt, dass die Kirche immer eine missionarische Kirche ist, wie steht es dann um die so genannte "Judenmission"? Können wir dann theologisch und nicht nur historisch mit Verweis auf den Holocaust (Auschwitz!) oder emotional und affektiv begründet die "Judenmission" ablehnen? Oder steht mit der Verneinung der Judenmission die missionarische Identität der Kirche und damit die Kirche insgesamt zur Disposition? Nicht nur die evangelikale "Mission" und weite Kreise der akademischen Theologie sehen das so, sondern auch und gerade die ökumenische Missions- und Dialogtheologie.

Sie entwickelt das Modell eines "missionarischen Dialogs" bzw. der "dialogischen Mission". Die beiden oft als Gegensatz verstandenen Pole kirchlichen Handelns, Mission und Dialog, werden dabei streng aufeinander bezogen, ohne einfach identisch zu sein. Grundlage ist die gewonnene Erkenntnis, dass nicht die Kirche Anfang und Ziel der Mission ist, sondern es sich um die "missio Dei", Gottes eigene Mission, handelt, die auf das Reich Gottes abzielt. "Mission" wurde im ökumenischen Diskurs zu einem politischen Begriff der Befreiung aus ungerechten Strukturen. Eine Gefahr dieser an sich wertvollen Erkenntnis sei zumindest genannt: Darüber können die zentralen biblischen Kategorien wie "Volk Gottes", "Erwählung" und "Bund" Gottes mit Israel und die Bedeutung von Gestalt und Ordnung der Kirche als "Leib Christi" vernachlässigt oder gar gleichgültig werden. Ebenso der Aspekt der Mission, als Einladung zum Glauben in Vergessenheit zu geraten. Nicht ganz zu Unrecht nannte W. Huber, der Ratsvorsitzende der EKD, diesen Ansatz das Programm einer "Selbstsäkularisierung" der Kirche. Nach langen und kontroversen Diskussionen in der Ökumene und in Überwindung eines rein politischen Verständnisses der Mission (ohne dass diese dadurch unpolitisch würde) gilt der Entwurf des deutschen Missionstheologen T. Sundermeier als Paradigmenwechsel:

Mission ist das "Geschenk der Freiheit", sie bringt die Menschen mit dem Evangelium der Freiheit in Verbindung und ist Ausdruck des universalen Menschenrechtes auf Religionsfreiheit. Mission ist vergleichbar einem gleichschenkligen Dreieck, das aus den drei Seiten a) Dialog, b) Konvivenz (Zusammenleben mit den religiös und weltanschaulich Fremden und der gemeinsame Einsatz für mehr Gerechtigkeit) und c) dem "Zeugnis des Evangeliums", der Einladung zum Glauben an Jesus Christus, besteht. Sie ist "Mitteilung von Leben". Das Zeugnis des Evangeliums beinhaltet danach eine dialogische Einladung, die eben nichts mehr gemein hat mit Zwangsmaßnahmen oder zudringlichen, den anderen vergewaltigenden Überredungskünsten ("Proselytenmacherei").

Und die Juden?

Dieses Konzept ist in der Tat befreiend. Dabei denkt es streng universalistisch, d. h., es gilt Juden wie allen anderen Menschen. Juden und Jüdinnen von dieser dialogischen Mission in Konvivenz auszuschließen, käme "einer neuen, subtilen Form des Anti-Judaismus" (so der Missionstheologe A. Feldtkeller) gleich. Eine besondere Beziehung der Kirche zu Israel, die schon genannten biblischen Größen "Volk Gottes", "Bund" und "Erwählung" spielen dabei keine erkennbare Rolle mehr. Auch nicht die Erkenntnis, dass es christliche Theologie, will sie nicht einem abstrakten philosophischen Gottesbegriff folgen, immer in Jesus Christus mit dem Gott Israels zu tun hat. Und noch eines gebe ich zu bedenken, dass nämlich die Begriffe "Freiheit" und "Leben", die als "christliche" Kernmerkmale der Mission eingeführt werden, zentrale Glaubenserkenntnisse der jüdischen Bibel und jüdischen Glaubens charakterisieren. (Immerhin sei erwähnt, dass damit klassische Argumentationsmuster der organisierten Judenmission des 18. und 19. Jahrhunderts erneut aufgenommen werden.) Auch die ökumenische dialogische Mission teilt somit faktisch die Grundüberzeugung aller heidenchristlichen Mission seit der konstantinischen Wende: Juden haben ihr Judentum zu verlassen, um Christen zu werden. Eine biblisch hoch problematische Auffassung, ist das Neue Testament doch ein urjüdisches und zugleich christliches Buch. Das Judesein Jesu, sein Wirken in und für Israel, droht zu einer theologischen Nebensächlichkeit zu werden. Nur mühsam und unter Schmerzen hat uns der christlich-jüdische Dialog zu der Erkenntnis verholfen, dass die Bedeutung und Funktion Jesu Christi Juden und Jüdinnen etwas anderes bedeutet als den Menschen aus der so genannten Völkerwelt (Römer 15,8 ff.).

So wird in der ökumenischen Theologie auch der Dialog mit dem Judentum notwendigerweise zum missionarischen Dialog in Konvivenz. Im Bild ausgedrückt: Die christliche Kirche steht in gleicher Weise dem Judentum wie allen anderen Religionen und Weltanschauungen gegenüber. Gegen diese theologisch problematische Zuordnung des christlich-jüdischen Dialogs zum allgemeinen missionarischen Dialog mit den Religionen und Weltanschauungen plädiere ich für eine vierfache Differenzierung des Dialogbegriffes und damit eingeschlossen auch für eine Präzisierung dessen, was "Mission" genannt werden kann. Ich halte dies für notwendig, um der besonderen, theologisch grundlegenden Beziehung der Kirche zu Israel gerecht zu werden.

Angesichts des vieldeutigen und schillernden Dialogbegriffes lautet die zu erläuternde These: Die Mission der ökumenischen Völkerkirche ist immer auch Dialog - aber nicht jeder Dialog ist Mission. Der Dialogbegriff ist wie folgt zu differenzieren:

Ein "innerjüdischer Dialog" innerhalb Israels

Das Neue Testament würde seine Bedeutung für das Leben und die Lehre der Kirche verlieren, wenn geleugnet würde, dass Jesus nicht nur der "Messias aus Israel für die Völker", sondern auch und zuallererst der "Messias aus und für Israel" war und ist. Auch seine jüdische Jünger/innengemeinde sendet er zu Israel (Matthäus 10,6), genauer: zu den "Verlorenen des Hauses Israel". Dieser Auftrag besteht nach dem Matthäusevangelium auch nach seiner Kreuzigung und Auferstehung weiter und ist auch als solcher in biblischer Zeit wahrgenommen worden. Bis in die theologischen Fachpublikationen hinein wird dieser Sachverhalt jedoch als "Judenmission", als "judenchristliche Mission" oder als Beispiel für einen "missionarischen Dialog" angeführt, wie er dann auch mit den Religionen und Weltanschauungen zu führen ist. Die messianische Sendung Jesu und der jüdischen JüngerInnengemeinde in und zu Israel ist jedoch als ein - durchaus kritischer - prophetischer Umkehrruf (Apostelgeschichte 3,19 ff.) zur Sammlung des endzeitlichen Gottesvolkes in Bestätigung der Väterverheißungen (Römer 15,8), als ein Zeugnis innerjüdischen Ringens um Jesus Christus und sein Evangelium im Horizont der Hoffnung Israels (Apostelgeschichte) sowie als Teilnahme der Diskussion um die Auslegung der Tora (Bergpredigt!) zur Gestaltung jüdischen Lebens zu verstehen (Matthäus 5-7 etc.). Diese "Sendung" zu Israel kann und wird ausschließlich von Juden wahrgenommen. Eine "heidenchristliche" Mission an Israel ist neutestamentlich nicht belegt und von der Sache her nicht im Blick. Etwas völlig anderes stellt die missionarische Sendung in die Völkerwelt dar (Matthäus 28,18-20, Missionsbefehl). Die Begrifflichkeit im Matthäus-Evangelium ("alle Völker") schließt an die biblisch bezeugte Grundunterscheidung von "Israel" und den "Völkern" an und bezieht Israel ausdrücklich in diese "Mission" nicht ein. Die Differenz der Aufträge, einerseits das messianische Wirken in Israel und andererseits die Völkermission, erfordern eine erste grundlegende Differenzierung des Dialogbegriffes: Die messianische Sendung in und zu Israel ist als ein "innerjüdischer Dialog" zu klassifizieren, der von der heidenchristlichen Kirche nicht wahrgenommen werden kann und mit einem "Religionswechsel" nichts zu tun hat. Das bedeutet aber auch, dass ein "messianisches" Zeugnis von christusgläubigen Juden innerhalb des Judentums nicht ausgeschlossen werden darf. Ist das eine unbillige Zumutung an die jüdische Tradition? Viele sehen das so. In der Tat ist damit die Frage gestellt, wer Jude oder Jüdin ist. Ist, zugespitzt ausgedrückt, ein/e "säkularer" Jude/Jüdin in anderer Weise Jude als es eine/ein christusgläubige/r ist? Die auch aktuell immer wieder jüdischerseits vorgetragene Meinung, wer als Jude an Jesus als den Messias glaube, verlasse das Judentum, bedient sich der Argumentation der klassischen "Judenmission", die genau dies gefordert hat.

Ein "innerbiblischer" Dialog zwischen der ökumenischen Völkerkirche und Israel

Wer theologisch die grundlegende biblische Unterscheidung von "Israel" und den "Völkern" ernst nimmt, kann ein im Kontext des Dialogs mit den religiös und weltanschaulich "Fremden", also im Kontext des interreligiösen Dialogs gewonnenes Dialogverständnis nicht auf das besondere Verhältnis der Kirche zum Judentum übertragen. Hier kann es nicht um einen Religionswechsel gehen. Auch die beliebte Konzeption eines "Trialogs" zwischen Juden, Christen und Muslimen wird ist problematisch, wenn Folgendes bedacht wird:

Die Grundlagen des innerbiblischen Dialogs sind (1) die gemeinsame Heilige Schrift des AT. Die besondere Gemeinsamkeit zwischen Juden und Christen bzw. Israel und der Kirche ist die beiden gemeine biblische Erzähltradition. Kein Dokument einer anderen Religion oder Weltanschauung als allein das Neue Testament steht in einem "kanonischen" Dialog mit der Hebräischen Bibel, die dadurch zum "Alten Testament" der christlichen Bibel wird. Dazu gehört (2) die bleibende Erwählung Israels als Volk Gottes, (3) die Einheit von Gerechtigkeit und Liebe und (4) die Identität des Gottes Israels mit dem "Vater" Jesu Christi. Judentum und Christentum leben beide, jenseits ihrer Geschichte der Entfremdung, im Machtbereich des Gottes Israels. Eine Kirche, die Israel durch "Mission" in sich aufnehmen und damit "austilgen" will, vergisst, dass der Gott, an den wir Heidenchristen/ innen durch Jesus Christus glauben, sich mit seinem Namen ("Gott Israels") an dieses Volk und seine Existenz gebunden hat und bindet. Von alles entscheidender Bedeutung in dieser Frage ist jedoch (5) die Christologie. Der Jude Jesus Christus ist die verbindende Klammer zwischen Israel und der Völkerkirche, auch wenn uns der Glaube an Jesus noch trennt.

Alle im NT dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus zugeschriebenen so genannten "Hoheitstitel" (Davidssohn, der "wahre Jakob", Sohn Gottes, Menschensohn, Gottesknecht) mit unter- schiedlichen Schwerpunkten wollen eine doppelte Beziehung ausdrücken: Er steht in herausragender, einmaliger Weise auf der Seite Gottes (daraus ergibt sich das trinitarische Bekenntnis der Kirche) und zugleich auf der Seite seines Volkes Israel. Nicht nur Gott, sondern auch sein Volk Israel ist in Jesu Leben und Sterben immer gegenwärtig. Diese enge Verbundenheit bedeutet für den missionarischen Auftrag der Kirche, dass Israel unaufgebbarer Inhalt der missionarischen Verkündigung ist. Wenn der gekreuzigte und auferstandene Jesus durch die Kirche verkündigt wird, ist Israel gegenwärtig. Es gehört zum Inhalt des Evangeliums und damit in das Bekenntnis der Kirche. In einem kurhessischen "Bekenntnis des Glaubens" (Ev. Gesangbuch, Ausgabe Kurhessen-Waldeck, S. 58) heißt es folgerichtig: "Wir glauben an den einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und uns Menschen zu seinem Bild. Er hat Israel erwählt, ihm die Gebote gegeben und seinen Bund aufgerichtet zum Segen für alle Völker."

Der "interkonfessionelle Dialog" zwischen den christlichen Konfessionen

Er ist zwar selbstverständlich und steht hier nicht zur Diskussion. Wohl aber der noch längst nicht in allen Kirchen der Ökumene ausgefochtene Kampf gegen den Antijudaismus.

Ein "missionarischer interreligiöser Dialog" zwischen der ökumenischen Völkerkirche und den Religionen und Weltanschauungen

Allein dieser Dialog steht in einer unauflösbaren wechselseitigen Beziehung zur Mission. Er gilt den religiös "Fremden" oder den innerhalb der ökumenischen Völkerkirche religiös "Entfremdeten". Dazu zählt auch der missionarische Dialog mit dem Islam. Wer diesen zu einem "Trialog" zwischen Juden, Christen und Muslimen umfunktioniert, stellt leichtfertig die besondere, theologisch begründete Beziehung zum Judentum aufs Spiel und befördert das Anliegen der "Judenmission". Andererseits schärft das Konzept des missionarischen Dialogs das Bewusstsein in der Kirche, dass die Meinung, Mission sei "out" und Dialog "in", zu kurz greift.

Robert Brandau, Pfarrer und Leiter der Arbeitsstelle Migration der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck

Zum Folgenden vgl. R. Brandau: Innerbiblischer Dialog und dialogische Mission. Die Judenmission als theologisches Problem, Neukirchen 2006, sowie die Diskussionsthesen zur "Judenmission" von Prof. Dr. A. Feldtkeller und R. Brandau, in: S. Kreuzer/F. Ueberschaer (Hg.), Gemeinsame Bibel - Gemeinsame Sendung. 25 Jahre Rheinischer Synodalbeschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden, Neukirchen 2006, 118-123.