Luise Schottroff

Das Hohelied der Liebe
1. Korinther 13,1–13
Predigttext am 14. Februar 2010

1 Wenn ich wie ein Mensch rede oder wie ein Engel und bin ohne Liebe, bin ich ein schepperndes Blech und eine gellende Zimbel. 2 Und wenn ich die Gabe habe, die Zeichen der Zeit zu deuten, und alles Verborgene weiß und alle Erkenntnis habe und alles Vertrauen, so dass ich Berge versetzen kann, und bin ohne Liebe, dann bin ich nichts. 3 Und wenn ich alles, was ich kann und habe, für andere aufwende und mein Leben aufs Spiel setze selbst unter der Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu enden, und bin ohne Liebe, hat alles keinen Sinn. 4 Die Liebe hat einen langen Atem und sie ist zuverlässig, sie ist nicht eifersüchtig, sie spielt sich nicht auf, um andere zu beherrschen. 5 Sie handelt nicht respektlos anderen gegenüber und sie ist nicht egoistisch, sie wird nicht jähzornig und nachtragend. 6 Wo Unrecht geschieht, freut sie sich nicht, vielmehr freut sie sich mit anderen an der Wahrheit. 7 Sie ist fähig zu schweigen und zu vertrauen, sie hofft mit Ausdauer und Widerstandskraft. 8 Die Liebe gibt niemals auf. Prophetische Gaben werden aufhören, geistgewirktes Reden wird zu Ende gehen, Erkenntnis wird ein Ende finden. 9 Wir erkennen nur Bruchstücke, und unsere Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, ist begrenzt. 10 Wenn aber die Vollkommenheit kommt, dann hört die Zerrissenheit auf. 11 Als ich ein Kind war, redete und dachte ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind. Als ich erwachsen wurde, ließ ich zurück, was kindlich war. 12 Wir sehen vorläufig nur ein rätselhaftes Spiegelbild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Heute erkenne ich bruchstückhaft, dann aber werde ich erkennen, wie ich von Gott erkannt worden bin. 13 Jetzt aber leben wir mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe, diesen drei Geschenken. Und die größte Kraft von diesen dreien ist die Liebe. (1. Korinther 13,1–13, Bibel in gerechter Sprache)

Sozialgeschichtlicher Zugang

Manchmal wird Paulus poetisch, so auch hier. Darum hat der Text gelegentlich den Verdacht erweckt, er sei ein vorchristlicher Lobpreis des Eros, den Paulus nur überarbeitet habe. Doch dieser Text steckt voller Bezüge auf den literarischen Kontext, den ersten Brief des Paulus nach Korinth, so dass diese Annahme sich als unbegründet erweist. Auch der kirchliche Gebrauch hat oft diese paulinische Wegweisung zur Liebe isoliert. Damit wird er zum zeitlosen Lobpreis einer idealisierten Liebe, die nicht konkret wird. Ich erwähne einige der Bezüge zum literarischen Kontext:

– Das Kapitel 13 ist fest auf den Zusammenhang bezogen und durch die Sätze „Ich kann euch auch noch einen wunderbaren Weg dazu zeigen“ (12,31) und „Setzt alles auf die Liebe“ (14,1) auch literarisch verknüpft.

– In Kapitel 12 und 14 geht es um die Begabungen, die die göttliche Geistkraft wirkt, die Charismen. Die Liebe (agape), will Paulus sagen, ist die notwendige Grundlage für alle diese Fähigkeiten und die durch sie möglichen Taten. In Römer 13,8–10 sagt Paulus sogar, sie sei das Hauptgebot, die Summe der Tora. Das Hauptgebot macht die übrigen Gebote nicht unwichtig, aber es zeigt die Richtung an, in die die Tora führt. Auch in Einzelheiten bezieht Paulus sich in 1. Kor 13,1–13 auf das, was er vorher geschrieben hat:

– Die Gabe des Prophezeiens braucht die Liebe als Grundlage (13,1–2 vgl. 12,10; 14,1–15).

– Selbst wenn ich mein Eigentum nicht als Privatbesitz betrachte (13,3 vgl. 4,11–12; 11,17–34), brauche ich die Liebe, damit das Teilen anderen Menschen Leben ermöglicht. Auch die Rabbinen haben in ihrem Umgang mit dem „Höre Israel“/ Sch’ma Israel (5. Mose 6,4 f.) betont, dass der gerechte Umgang mit Eigentum Teil der Liebe zu Gott ist (z.B. Mischna Ber IX 5).

– Dass Eifersucht durch Liebe beendet wird (13,4), hat seine Konkretion in Problemen innerhalb der korinthischen Gemeinde (1,10-17), die sogar dazu geführt haben, Paulus gegen Apollos, einen anderen Wanderprediger, auszuspielen (3,1–17; 4,6).

– Und Egoismus (13,5) kann sogar bei der Ehrung Gottes im Spiel sein, wie Paulus in 8,10–13 deutlich gemacht hat (s. u.). Durch die Einbettung des Textes in den literarischen Zusammenhang wird greifbar, was Paulus mit agape/Liebe meint. Die Kontextbezüge verhelfen zu sozialgeschichtlichen Konkretionen.

Liebe

Paulus’ Wegweisung zur Liebe reiht sich in nachbiblische Auslegungen des „Höre Israel“/ Sch’ma Israel * ein. Von Rabbi Aquibas Tod (nach 135 n. Chr.) werden Legenden erzählt, die darin gipfeln, er sei beim Rezitieren des Sch’ma Israel durch römische Soldaten gefoltert und getötet worden. Er habe gelacht, als er begann, die Worte des Sch’ma
Israel zu sprechen. Er erklärt den Folterern: Ich habe mir immer Sorgen gemacht, wann ich endlich dahin komme, Gott zu lieben mit meinem ganzen Herzen, meinem ganzen Vermögen und meinem ganzen Leben. Ich habe Adonaj von ganzem Herzen geliebt und meinen Besitz nicht für mich behalten. Aber jetzt endlich kann ich Gott mit meinem ganzen Leben lieben (j.Ber 9,7/8; b.Ber 61b). Wenn Paulus sagt: „wenn ich mein Leben aufs Spiel setze selbst unter der Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu enden“

– so ist das für ihn keine Metapher. Er war immer wieder wegen seiner Arbeit für die Frohe Botschaft von der Befreiung durch den Messias in Lebensgefahr (siehe nur 1. Korinther 15,30– 32) und ist dann auch schließlich als Märtyrer gestorben. Selbst der Schritt in die Kreuzesnachfolge wird leer ohne die Liebe zu Gott und zu den Menschen. Wie die Rabbinen legt Paulus das Sch’ma Israel für den Alltag aus. Solche Gefährdung war zur Zeit des römischen Reiches Alltag, jedenfalls für Menschen, die nicht bereit waren, in einem Unrechtsstaat und Gewaltsystem als Rädchen im Getriebe zu funktionieren. Sie beteten das Sch’ma Israel täglich und verantworteten mit ihm die Handlungen jedes einzelnen Tages. Gottesliebe und Liebe in den alltäglichen Beziehungen des Lebens werden in der biblischen Tradition nicht voneinander getrennt. 1. Korinther 13 redet von der Liebe unter Menschen und damit von der Liebe zu Gott. Da findet die Liebe zu Gott statt, wo ich meine finanziellen Ressourcen in die Gemeinschaft einbringe (13,3) und wo ich mich genau frage, wessen Interessen ich mit meinen Entscheidungen diene. Sind es nur meine eigenen Interessen, oder ist mein Tun lebensfördernd für Menschen und Erde (13,5)? In der christlichen Tradition wurde und wird viel mit Trennungen gearbeitet, Gottesliebe wird von Nächstenliebe unterschieden, Eros von agape. Sexualität wird von Eros unterschieden und selbst noch in legitime Heterosexualität und (immer noch häufig) „illegitime“ Gleichgeschlechtlichkeit aufgeteilt. Diese Abtrennungen sind der biblischen Tradition weitgehend fremd. Gottesliebe und Nächstenliebe gehören untrennbar zusammen und agape und Eros auch.

Hingabe

Die traditionelle Auslegung versteht die Liebe/ agape, von der Paulus in 13,4–7 spricht, als Selbstaufopferung und freiwilliges Mitleiden mit anderen und in diesem Sinne als Hingabe. Das hat feministische Kritik herausgefordert, denn Selbstaufopferung wurde über Jahrhunderte als Frauentugend gepriesen und auch von Frauen gelebt. Frauen sollten das Wohlbefinden ihrer Männer und Kinder pflegen und gestalten. Sie sollten dabei ihre eigenen Interessen, ihre eigene Ausbildung, den eigenen Beruf zur Verfügung stellen, verzichten,
aufgeben. Das Wort Hingabe steht manchmal als Symbol für diese von Frauen erwartete Liebe.

Trotz der Missbrauchsgeschichte und Missverständlichkeit des Wortes Hingabe ist es unverzichtbar, wenn es um Liebe geht. Das Glück, vorbehaltlos allen Verdacht aufgeben zu können, ist in diesem Wort enthalten, das Glück, restlos vertrauen zu können. Und es gibt dem Schmerz einen Namen, der Verwundbarkeit, dem Risiko der Liebe.

Es ist also nötig, genau hinzusehen, welche Hingabe gemeint ist. Paulus ist benutzt worden, um Frauen die selbstlose Liebe aufzuladen. Aber es ist ungerecht, ihm unbesehen die Schuld für alles, was Frauen niederhält, in die Schuhe zu schieben. Er war ein Mensch wie andere auch, in manchen Fragen voller Vorurteile und unbelehrbar, aber vielleicht hat er doch viel von Liebe verstanden. Die Liebe ist nicht egoistisch, sucht nicht das Ihre (13,5). Was Paulus meint, lässt sich z. B. in 8,10 erkennen. In den hellenistisch-römischen Städten wie der Hafenstadt Korinth spielten die Tempel eine große Rolle. Da waren Tempel für römische und griechische Götter und Göttinnen, für Pax und Artemis und viele andere. In Tempeln wurden Festmahlzeiten veranstaltet. Sie waren der Platz, an dem z. B. ein wichtiger Geburtstag mit vielen Gästen gefeiert wurde. Die christliche Gemeinde bestand aus Menschen, die sich vor noch nicht langer Zeit zum Gott Israels und dem jüdischen Messias Jesus bekehrt hatten. Sie fühlten sich besonders vom Monotheismus angezogen. Sie sagten: Wir sind befreit von allen Herren und Göttern, die uns unterdrücken wollen. Weil es nur einen Gott für uns gibt, sind alle anderen Götter und Herren Nichtse, sie existieren nicht (8,1–6, besonders V.4). Wenn ich so innerlich von den Göttern der Stadt und des Staates befreit bin, macht es mir doch nichts aus, im Tempel an einem Familienfest teilzunehmen. Ich muss doch nicht meine Freundschaften aufs Spiel setzen, bloß um nicht den Anschein zu erwecken, ich diene einem anderen Gott als meinem, dem Gott Israels.

Paulus kritisiert diese Entscheidung. Er sagt: Du musst dich am Bewusstsein der christlichen Geschwister orientieren, die die Götter ihrer Jugend und ihrer Freund/innen nicht so vollständig für „Nichtse“ erklären können. Wenn sie dich im Tempel sitzen sehen, kommen sie in Gefahr, ihre Bindung an den Gott Israels zu verlieren, zu verraten, ihre Identität aufzugeben. Denn die Beziehung zum Gott Israels ist ihre Identität und die Kraft, die ihr Leben gestaltet. Sich am Bewusstsein der Anderen orientieren und nicht an der eigenen Stärke, das meint 13,5: Die Liebe ist nicht egoistisch. Über Liebe im Allgemeinen zu reden, hat wenig Sinn. Das Hohelied der Liebe ist von Paulus nicht als zeitloser Gesang aufgeschrieben worden. Er hat aufgeschrieben, was die Geschwister in den Gemeinden erlebt und gebetet haben. Am Ende eines langen Arbeitstages, dessen Ertrag sie mit brotlosen Straßenkindern teilten, die in der Gemeinde Fuß fassen sollten, haben sie gesungen. Sie haben gewusst, wovon sie sprachen: die Liebe gibt niemals auf (13,8). So haben sie sich Mut gemacht für den nächsten Tag.

Gottes Zukunft

In dritten Teil dieses poetischen Prosatextes (13,8– 13) denkt Paulus über die Bedeutung der Liebe für die Zukunft nach. Zukunft ist für ihn die Zukunft, in der Gottes alles in allem sein wird (1. Korinther 15,28). Dann werden alle Herrschaften und Gewalten, die das Leben der Menschen ausbeuten und oft auch zerstören wollen, ihre Macht verloren haben.

Paulus nennt die Zukunft Gottes: das (ersehnte) Ende (15,24) und das Vollkommene (13,8). Das Jetzt – die Gegenwart ist die Zeit des Beginns dieses Endes; jetzt schon werden die Herrschaften und Gewaltstrukturen für die Glaubenden durchschaubar und in der gemeinschaftlichen Arbeit der Gemeinde partiell überwunden. Darum können die Glaubenden immerhin Bruchstücke der Wahrheit erkennen und wenigstens wie in einem Spiegel Gottes Angesicht sehen (13, 9.12). Jetzt leben wir in Zerrissenheit, als Kompliz/innen der Gewalt, die doch immer wieder fähig sind, Liebe zu erfahren und zu geben. So ist das Wunder einer Liebe möglich, die uns jetzt schon die Zukunft Gottes ahnen, schmecken und fühlen lässt. Die Liebe ist die Brücke in die Zukunft Gottes. Deshalb ist sie das größte Geschenk unter den Geschenken Gottes, die jetzt Kraft in unser Leben bringen: Vertrauen, Hoffnung und Liebe (13,13).

Luise Schottroff
emeritierte Professorin für Neues Testament in Mainz, Kassel und Berkeley/USA

Literatur
Lenhardt, Pierre; Osten Sacken, Peter von der, Rabbi Akiva, Berlin 1987.
Schottroff, Luise, Liebe, in: Dietlinde Jessen, Stefanie Müller (Hg.), Entdeckungen.
Ungewöhnliche Texte aus dem Neuen Testament, Stuttgart 2003, 39-47.
Wengst, Klaus, „Freut euch, ihr Völker, mit Gottes Volk!“ Israel und die Völker als Thema des Paulus - ein Gang durch den Römerbrief, Stuttgart 2008
(besonders zu Römer 13, 8-10).